Metal-Grammy für TURNSTILE!? Ein Blick über den Tellerrand auf die Entwicklung des modernen Hardcores

07.02.2026 | 19:36

TURNSTILE erhält den Grammy für die "Best Metal Performance", auch wenn die Gruppe keinen Metal spielt. Trotzdem ist das, was da gerade im Hardcore passiert, einen Blick wert.

Überraschung bei der Grammy-Verleihung
Als Anfang Februar mit den Grammys der wohl bekannteste Musikpreis der Welt verliehen worden ist, war es schon eine Überraschung, dass ausgerechnet TURNSTILE mit 'Birds' den Grammy in der Kategorie "Best Metal Performance" gewonnen hat. Damit setzte sich die Gruppe gegen die anderen Nominierten GHOST, SLEEP TOKEN und SPIRITBOX durch, obwohl TURNSTILE formal gar keinen Metal spielt. Ihre Auslegung des modernen (Post-)Hardcores würde wohl beser in die Kategorien Rock oder Alternative passen.

Ein Blick in die POWERMETAL.de-Redaktion sowie in das POWERMETAL.de-Forum haben beim Jahresrückblick 2025 gezeigt, dass kaum jemand die Band aus Baltimore mit ihrem aktuellen Album "Never Enough" - das mit dem schönen Regenbogen-Cover zusätzlich übrigens den Grammy für das beste Rock-Album erhielt - auf dem Schirm hat. Die Vermutung liegt nahe, dass TURNSTILE in der Metal-Welt bisher noch nicht auf dem Radar ist. Das verwundert nicht. Denn rein genretechnisch ist TURNSTILE weit weg von Metal und die dargebotene Musik lässt sich musikhistorisch eher auf den Hardcore und den Punkrock beziehen. Trotzdem ist das, was derzeit in der Welt des modernen (Post-)Hardcores passiert, wohl eine der spannendsten musikalischen Entwicklungen jenseits des Metals.

TURNSTILE - 'Blackout'

Ein Rückblick in den (TURNSTILE-)Sommer 2025
Vorreiter des neuen Verständnisses von modernem (Post-)Hardcore ist eindeutig TURNSTILE. Die US-Amerikaner haben schon auf ihren ersten Alben den Hardcore anders und weit weg von jenem typischen New-York-Hardcore-Geballer gedacht, das Ottonormalverbraucher in erster Linie mit dem Genrebegriff assoziiert. Mit dem dritten Studialbum "Glow On" hat die Gruppe ihren Ansatz auf die Spitze getrieben. Ihre Musik wurde plötzlich stark mit Elementen aus Funk, Pop und Eletronica angereichert, ohne jedoch an Durchschlagskraft zu verlieren. Die Wurzeln des Hardcores waren immer erkennbar. Ergänzt wurde dies durch einen unfassbaren Groove im Bereich des Gitarrenriffings und Bassspiels. Dazu gehört Schlagzeuger Daniel Fang wohl zu den kreativsten Drummern der Punk- und Hardcore-Szene, während Frontmann Brendan Yates als charismatischer Anführer fast schon akrobatisch auf den Bühnen der Welt tänzelt.

Die neue Ausrichtung auf "Glow On" machte die Band deutlich bekannter, während sie parallel dazu über die Szene hinaus zum Kritikerliebling geworden ist. In Auftreten und Attitüde vertrat sie jedoch weiterhin die klassische Hardcore-Szene und spielte weiterhin gerne auf Szene-Festivals. Dieser zweigleisige Weg wurde 2025 mit "Never Enough" fortgesetzt. Die Platte präsentiert sich noch etwas zugänglicher als der Vorgänger und entwickelte eine überraschende Breitenwirkung.

Auf dem US-amerikanischen "Coachella"-Festival wurde wegen der Kombination aus Musik und glaubhafter Authentizität der Band der "TURNSTILE Summer" ausgerufen. Selbst der Bayerische Rundfunk oder die FAZ begannen plötzlich über die Band zu berichten. Die Welle schwappte im Verlauf des Jahres auch nach Europa herüber. Spätestens im Herbst waren die Social-Media-Kanäle voll von Videos der Tour. Egal ob in Brüssel, Amsterdam, Paris, Berlin oder München: Überall waren durchdrehende Menschen zu sehen, obwohl die Band im Gegensatz zum aktuellen Zeitgeist auf eine große Lichtshow oder Pyrotechnik für den Eventcharakter verzichtete. Die No-Barriers-Politik der Band sorgte zudem dafür, dass Bühnenstürme ausdrücklich erwünscht waren. Nie zuvor hat es eine Band geschafft, den Hardcore-Spirit so mainstreamig zu verpacken und einem solch großen und diversen Publikum zugänglich zu machen wie TURNSTILE im Jahr 2025. Faszinierenderweise gelang dies generationenübergreifend. Auf den Konzerten feierten Gen X, Millennials und sogar verstärkt die Gen Z gemeinsam.

Bühnensturm zum Grammy-Song 'Birds' von TURNSTILE in Paris 2025


Hardcore im Fluss: Von FUGAZI über HOT WATER MUSIC und LA DISPUTE zu TURNSTILE
Etwas nüchtern betrachtet muss jedoch festgehalten werden, dass TURNSTILE den Hardcore nicht neu erfunden hat. Denn es gab schon immer abseits des rauen Geballers des Genres interessante Entwicklungen. Als Ausgangspunkt ist sicherlich FUGAZI zu nennen. Die Band um Mastermind Ian MacKaye, dem ehemaligen MINOR THREAT-Mitglied, nahm um 1988 aus dem klassischen Hardcore das Tempo heraus und versuchte neue, progressivere Songstrukturen einzuführen. Es war so etwas wie die Erfindung des Post-Hardcores. Bis heute gehört 'Waiting Room' zu den einflussreichsten Songs in der Geschichte der Szene. Zum gleichen Zeitpunkt sind sicherlich auch BAD RELIGION, die mit der Platte "Suffer" den Weg zum eingängigen Melodic Hardcore ebneten, oder HÜSKER DÜ, die ausgehend vom Hardcore immer mehr zum Vorreiter des Alternative-Rocks wurden und auf Bands wie NIRVANA großen Einfluss ausübten, zu nennen.

QUICKSAND um Hardcore-Ikone Walter Schreifels knüpfte in den 1990er Jahren hieran an. Die Songs wurden länger und komplexer. Von harten und schnellen Riffs oder aggressiven Gesangstilen war der Hardcore an dieser Stelle weit entfernt. HOT WATER MUSIC führte parallel die Melancholie samt schnellem Finger-Picking-Bassspiel ein. REFUSED legte mit "The Shape Of Punk To Come" Ende der 1990er die Genregrenzen durch den Einsatz von Samples, Keyboard, Drum'n'Bass- und Jazz-Passagen komplett in Schutt und Asche. Aufgrund des kommerziellen Erfolgs des Longplayers gepaart mit dem Selbstverständnis als Hardcore-Truppe löste sich die Band daraufhin erstmals auf. AT THE DRIVE-IN schuf dagegen nahezu gleichzeitig mit dem Album "Relationship Of Command" so etwas wie die Blaupause für den Post-Hardcore im neuen Jahrtausend.

Doch um 2011 machte der Post-Hardcore eine Wandlung durch, als plötzlich mit der als "The Wave" bezeichneten Generation eine weitere Richtung eingeschlagen worden ist. Bands wie LA DISPUTE, TOUCHÉ AMORÉ, DEAFEATER, MAKE DO AND MEND oder TITLE FIGHT setzten noch mehr auf Dynamik und vorallem emotionale Intensität. Technik, Breakdowns und Härte rückten immer weiter in den Hintergrund. Besonders bezeichnend war ebenfalls das lyrische Storytelling, das inhaltlich eine neue Ausrichtung bot. Ein neues intellektuelles Level hielt Einzug.

FUGAZI - 'Waiting Room'


Der neue Post-Hardcore: eine spannende Szene!
Ohne diese genannten Entwicklungen wäre der Sound von TURNSTILE mit all seinen Facetten nicht denkbar. TURNSTILE ist also bei weitem nicht die erste Band, die Genregrenzen im Hardcore sprengt. Sie ist allerdings die erste Band, die so konsequent in Richtung Mainstream denkt. Doch dabei ist das Quartett nicht alleine. Derzeit machen sich viele Bands auf den Weg, den Hardcore neu in der Musiklandschaft zu positionieren.

So orientieren sich die Briten von HIGH VIS stark an Post Punk und New Wave der Achtziger Jahre. Konsequenterweise waren sie Support von TURNSTILE im Sommer 2025. MILITARIE GUN versucht dagegen den modernen Post-Hardcore in Richtung Indie und Alternative zu treiben. Auf der aktuellen Platte "God Save The Gun" könnte glatt von einer WEEZER-isierung gesprochen werden. ANGEL DU$T versucht sich gerne mal am akustischen Hardcore, auch wenn der neue Longplayer "Cold 2 The Touch" wieder härter ausfällt. SCOWL kehrte dem klassischen Hardcore im Jahr 2025 auf "Are We All Angels" den Rücken und sucht die Verbindung zu eingängigen Melodien. Auch auf das bald erscheinende neue Album von DEATH LENS darf man gespannt sein.

All diese Bands eint, dass sie den Spirit des Hardcores und die DIY-Attitüde im Herzen tragen. Dort sind die Wurzeln der Bandmitglieder, auch wenn die Wege vielleicht mittlerweile woanders hinführen. Sie betonen die immer noch vorhandene Szene-Zugehörigkeit und vertreten die ideellen Werte bewusst nach außen. Die musikalische Ausrichtung rückt dagegen in den Hintergrund. Teilweise ist sie sehr weit weg vom klassischen Hardcore oder Post-Hardcore, ohne jedoch an musikalischer Qualität zu verlieren. Stattdessen strotzt das Songwriting vor Innovationskraft und Ideen.

HIGH VIS - 'Drop Me Out' (Live bei KEXP)

Letztlich kann sicherlich darüber nachgedacht werden, ob (Post-)Hardcore sich derzeit in einer Findungsphase oder gar Neudefinition befindet, bei der Attitüde über musikalischer Zugehörigkeit steht. Gerade deswegen glückt der Spagat zwischen Szene und breiterem Publikum. Während früher für viele Menschen zwar vielleicht die Werte, aber nicht die Musik des Hardcores attraktiv waren, schaffen es Bands wie TURNSTILE mit ihrem musikalischen Ansatz eine Brücke zu schlagen und mehr Menschen für beides zu begeistern.

Für Hardcore-Puristen mag dies verständlicherweise ein Graus sein. Derartige Veränderungen sind immer streitbar. Doch für Fans von eher am klassischen Hardcore angelehnte Musik existieren andere spannende junge Bands wie KNOCKED LOOSE oder DRAIN

Was hat dies nun mit Metal zu tun? Ehrlich gesagt, gar nichts. Der Grammy-Gewinn für TURNSTILE in der Kategorie "Best Metal Performance" bleibt ein Rätsel. Doch das ändert nichts daran, dass die Bestrebung den Post-Hardcore neu zu denken, derzeit eine der spannendsten musikalischen Entwicklungen außerhalb der Metal-Szene ist. Mit etwas Open-Mind-Attitüde könnte dies auch etwas für den geneigten Metal-Head sein.



Anmerkung: Der Artikel widmet sich bewusst der Entwicklung des klassischen Post-Hardcores. Die vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten starke Verbindung von Metal und Hardcore zu Metalcore sowie die aufkommende Bezeichnung von Bands dieses Genres als Post-Hardcore (z. B. COUNTERPARTS, FUTURE PALACE) ist aus der subjektiven Sicht des Autors eine ganz andere musikalische Richtung. Mittlerweile scheint "Post-Hardcore" zwei unterschiedliche musikalische Bewegungen zu meinen.

Redakteur:
Dominik Feldmann

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