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TOKYO BLADE: Interview mit Andy Boulton

03.06.2021 | 22:26

Vor ziemlich genau einem Jahr servierte uns das britische Heavy-Metal-Urgestein TOKYO BLADE nach mittlerweile gut 40 Jahren in der Szene mit "Dark Revolution" sein insgesamt zehntes Studioalbum.

Als Überflieger war der Dreher zwar nicht zu bezeichnen, auf jeden Fall aber als ein Werk, mit dem die Formation ihre Fans einigermaßen zufriedenstellen konnte. Etwaige Tournee-Aktivitäten gab es danach logischerweise keine, TOKYO BLADE machte aber in letzter Zeit dennoch wieder von sich reden. Grund dafür sind die aktuelle Neuauflage von "Night Of The Blade" und die nahezu zeitgleiche Veröffentlichung des bis dato noch eher unbekannten "Zwillingsalbums", das den Zusatztitel "The Night Before" trägt.

Andy Boulton, der - mit Ausnahme einer Auszeit von knapp zehn Jahren, die er kurz vor dem Ende des letzten Jahrtausends antrat - seit den Anfängen in den frühen 80er Jahren als Gitarrist und Songwriter maßgeblich für die Geschicke der Band verantwortlich ist, nahm unsere Interview-Anfrage bereitwillig an und versorgte uns mit Informationen zu den beiden Veröffentlichungen (und den hier abgebildeten Fotos aus seinem Privatarchiv, die von Pascal Gaillanne stammen). Aber auch zu diversen anderen Themen zeigte sich der Brite überaus auskunftsfreudig.

Bevor wir über die Musik von "The Night Before" sprechen, würde ich gerne etwas mehr über den Hintergrund der Veröffentlichung wissen. Geht die Scheibe, wie sie jetzt in Umlauf geht, auf eure Kappe, oder lag das Interesse daran eher bei High Roller Records?

Die Initiative ging von High Roller aus, die eine Vinyl-Ausgabe davon veröffentlichen wollten. Wir als Band haben natürlich sofort unsere Unterstützung angeboten und auch Cherry Red Records, die die Rechte an unserem Back-Katalog besitzen, waren auf Anhieb damit einverstanden. Da ich sowohl Thorsten von High Roller als auch die Kollegen von Cherry Red schon lange Zeit kenne und auch schon mehrfach mit beiden gearbeitet habe, war mir schnell klar, dass wir keinerlei Bedenken haben müssen. Uns freut die Veröffentlichung natürlich ganz besonders für unsere Fans. Die können sich nun endlich auch die Original-Version der Scheibe ins Archiv stellen.

Warum wurde denn fast zeitgleich auch die allseits bekannte Version erneut aufgelegt?

Auch das war eine Sache der beiden Labels. Für uns war es allerdings irgendwie naheliegend, deshalb haben wir die Arbeiten auch nicht unterbrechen oder gar stoppen wollen. Für uns als Band war es ohnehin einfach, wir mussten ja nichts machen. Wir haben uns einfach mit ins Boot nehmen lassen. Und das Ergebnis ist doch cool, oder?

Auf jeden Fall! Aber wäre denn ein stattliches Doppel-Album mit beiden Aufnahmen nicht noch viel cooler gewesen?

Oh ja! Darüber hatten wir aber ehrlich gesagt bislang noch nicht einmal nachgedacht. Aber danke für den Tipp. Ich werde das mal im Hinterkopf behalten und bei Gelegenheit zur Sprache bringen. Die Idee ist jedenfalls verdammt gut!

Bitte, gern. Apropos Vinyl: Das Artwork kommt dabei natürlich auch besser zur Geltung. Wem haben wir den Samurai eigentlich zu verdanken?

Brian Shepard hat damals für uns gearbeitet. Er hatte schon das Cover für unser Debüt gestaltet. Wir waren sehr zufrieden mit ihm und seiner Arbeit, und sind es auch heute noch.

Nachvollziehbar. Sieht ja auch wirklich klasse aus. Noch wichtiger aber ist: Das Album hört sich auch so an! Wie geht es dir eigentlich dabei, wenn du "The Night Before" heute hörst?

Ganz ehrlich: Mir wäre heute noch wohler, wenn wir es genauso veröffentlicht hätten und Alan in der Band geblieben wäre. Die Texte stammten schließlich allesamt aus seiner Feder und auch die Gesangsmelodien basierten auf seinen Vorstellungen und Ideen. Eigentlich wäre er der Einzige gewesen, der darüber hätte verfügen dürfen. Ich bedaure es bis heute, dass er nicht auf dem Album zu hören war. Sein Abgang war für mich aber deshalb noch viel schmerzhafter, weil ich einen meiner besten Freunde als Bandmitglied verloren hatte. Mein Freund ist er aber zum Glück bis heute geblieben! Deshalb bin ich umso glücklicher, dass Alan seit bald fünf Jahren wieder zu TOKYO BLADE gehört.

Denkst du, abgesehen vom persönlichen Aspekt, dass sich eure Karriere in eine andere Richtung entwickelt hätte, wenn Alan bei euch geblieben und "The Night Before" schon 1984 veröffentlicht worden wäre?

Das ist zwar wirklich schwer zu beantworten, aber ich glaube schon. Allein deshalb, weil es eben auch auf zwischenmenschlicher und persönlicher Ebene besser gelaufen wäre. Da ich weiß, dass auch alle anderen inzwischen davon überzeugt sind, braucht darüber auch gar nicht mehr diskutiert zu werden. Für uns ist klar: Alan gehört einfach zu uns! Aber damals waren wir eben noch jung, hatten keine Erfahrung und waren viel zu leicht zu beeinflussen. Nur deshalb konnte es passieren, dass wir uns vom damaligen Label und dem Management regelrecht haben überrumpeln lassen, und ihre Entscheidung, einen anderen Sänger zu uns zu holen, hingenommen haben. Wenn wir nur ein klein wenig reifer gewesen wären...

Angenommen, du könntest das Rad der Zeit in jene Wochen zurückdrehen. Wie würdest du aus heutiger Sicht entscheiden?

Zweifelsohne für Alan und seinen Verbleib bei TOKYO BLADE. Ganz sicher!

Vielen Dank für diese ehrlichen Worte. Die nehmen wir dir auch ohne jegliche Zweifel ab. Außerdem macht es klar, weshalb die Band anno 2021 nicht einfach nur noch immer, sondern aus gutem Grund im nahezu gleichen Line-up wie damals existiert. Worin siehst du eigentlich die Stärken der aktuellen Besetzung?

In der Konstanz! Genau die hatte TOKYO BLADE nämlich lange Jahre nicht. Und darin, dass wir alle nicht nur älter, sondern tatsächlich auch reifer geworden sind. Zwar sind einige der alten Fans sauer, weil wir trotzdem nicht klingen, wie auf unserem Erstlingswerk, aber da stehen wir drüber. Warum sollten wir das auch wollen? Wozu?

Musiker und Bands, und wohl auch alle anderen Künstler, sind bestrebt sich fortwährend weiterzuentwickeln. Wenn ich nicht das Verlangen in mir spüren würde, mich tagtäglich an der Gitarre und beim Komponieren verbessern zu können, wäre ich wohl nicht allzu lange Musiker geblieben. Von daher berührt es uns nicht wirklich, wenn derlei Aussagen über TOKYO BLADE getätigt werden. Geld werden wir mit dieser Einstellung zwar auch in Zukunft keines verdienen können, aber auch das können wir verkraften. Es reicht uns, wenn wir zusammen Musik machen und Alben aufnehmen können. Und solange unsere Alben und Gigs auch noch den Fans gefallen, besteht wahrlich kein Grund für Unmut.

Eure ersten Alben stehen ohnehin bis in alle Ewigkeit bei Metal-Heads hoch im Kurs und auch die letzten Veröffentlichungen kamen wieder ganz gut an. In den Jahren dazwischen war das keineswegs immer so. Dabei war auf einigen der Scheiben verdammt starkes Material enthalten. Ich persönlich finde vor allem "Burning Down Paradise" sträflich unterbewertet. Wie geht es dir denn mit diesem Album?

Eigentlich ganz gut. Allerdings bin ich immer noch der Meinung, dass es sich dabei nicht unbedingt um ein typisches TOKYO BLADE-Album handelt. Mit Alan, John [Wiggings, Andys langjähriger Kollege an der Sechssaitigen - der Verf.] und mir waren zwar drei langjährige Band-Mitglieder mit dabei, irgendetwas fehlt aber trotzdem.

An der im Vergleich zu früher und heute veränderten Rhythmus-Fraktion allein wird es wohl nicht liegen, oder?

Nein, sicher nicht. Auch an den Fans lag es nicht, dass aus dieser Scheibe nicht mehr als eine Randnotiz unserer Historie geworden ist. Das Album wurde meiner Meinung nach zum falschen Zeitpunkt für derlei Klänge veröffentlicht. Mit melodiösem Metal und Nummern wie 'Flashpoint Serenade' war Mitte der 90er nun mal nichts zu holen. Dennoch waren wir damals vor allem mit der quasi nicht existierenden Promotion unzufrieden. Versuchen hätte man es zumindest können...

Egal, das ist lange her. Um mit dem Album irgendetwas zu reißen, hätten wir ein anderes Label als Partner gebraucht. Aber wir sind mal wieder an die falschen Leute geraten. Wie sollte sich ein Album verkaufen, von dem kaum jemand etwas gewusst hat? Das Internet war vor 25 Jahren ja auch nicht so weit verbreitet und ausgereift, dass man Musik ohne jegliche Hilfe für sich hätte "erkunden" können, wie man das heute ohne Problem zu jeder Zeit machen kann.

Heutzutage sieht es für TOKYO BLADE - auch ohne das Net - zum Glück wieder viel besser aus. "Dark Revolution" scheint in jenem Ausmaß beworben worden zu sein, wie das für ein Label wie Dissonance Productions möglich ist. Seid ihr selbst denn mit den Reaktionen darauf zufrieden gewesen?

Auf jeden Fall, denn die Rückmeldungen seitens der Fans waren nahezu durchweg positiv. Wir haben das Album zwar ein wenig überhastet aufgenommen, und speziell von mir sind einige Schlampigkeiten darauf verewigt, doch in der Summe sind wir selbst auch damit zufrieden. Uns war es auch viel wichtiger, das Band-Feeling, das heute wieder vorhanden ist, festzuhalten, als ein "perfektes" Album abzuliefern.

Budgets für eine großartige Produktion, wie das früher einmal der Fall war, gibt es längst nicht mehr. Viel Geld hatten wir schon seit Jahren nicht mehr für eine Produktion zur Verfügung. Aber im Gegensatz zu den 80ern, wo wir uns zumindest über finanzielle Angelegenheiten im Vorfeld einer Album-Veröffentlichung keine Sorgen machen mussten, waren wir auf den letzten beiden Scheiben wieder als eingespielte und eingeschworene Einheit am Werk. Das hört man, und darauf kam es uns auch an!

Habt ihr denn dieses Band-Feeling beibehalten können? Sind denn auch schon neue Songs in Arbeit?

Oh ja. Es läuft wirklich prima! Wir haben schon einige Songs für ein weiteres Album geschrieben und sind auch mit den Aufnahmen schon soweit fertig, dass wir in den nächsten Monaten den Titel und das Veröffentlichungsdatum bekanntgeben können.

Seid ihr mit irgendeiner speziellen Intention an das Komponieren der Songs herangegangen?

Nicht wirklich. Alan und ich sind aber längst wieder ein eingespieltes Team, da braucht es nicht viel mehr als uns selbst. Wir wissen, wie der andere tickt und lassen unseren Ideen freien Lauf. Dass typisches TOKYO BLADE-Material dabei herauskommt, ist logisch, Experimente dürfen gerne die anderen machen. Wir sind mittlerweile auch wieder davon überzeugt, dass wir unser Songmaterial auf jeden Fall veröffentlichen können, sobald es uns selbst gefällt. Wenn es den Fans dann ebenso gefällt, umso besser.

Wie darf man sich das Schreiben der Songs bei euch generell vorstellen? Old-School-mäßig im Proberaum? Oder doch eher neuzeitlich, indem ihr euch über technische Einrichtungen alles zuspielt, was ihr im Home-Studio ersponnen habt?

Da ich in den letzten Jahren wirklich hart dafür gearbeitet habe, um mir ein eigenes Studio einzurichten, war es fast so wie früher im Proberaum. Da Alan obendrein ganz in meiner Nähe wohnt, war es auch einfach, Termine für die Aufnahmen zu arrangieren. Alan und ich hätten uns im Prinzip täglich in meinem Studio treffen können, haben uns aber auf einmal wöchentlich geeinigt. Den Ablauf an sich kann man sich so vorstellen, dass ich die Musik vorbereite und Alan dann nahezu direkt mit den Gesangsmelodien einsteigen kann. Seine Texte hat er zumeist auch recht bald beisammen, denn er hat seit jeher eine Menge davon auf Vorrat. Er hat ja auch immer sein Notizbuch dabei, um Gedanken festzuhalten. Im Laufe der Zeit hat sich bei ihm eine stattliche Fülle an Texten angesammelt. Manchmal ergibt sich spontan das Gerüst für einen kompletten Liedtext, ebenso oft wird aber schon mit ersten Änderungen begonnen, ehe irgendetwas fertig werden konnte.

Irgendwie ist es cool, der Spontaneität den Vortritt zu lassen, und genau das zu nehmen, was ihm als erstes in den Sinn gekommen ist. Da wir zu politischen Themen auch nahezu dieselbe Meinung haben, besteht für mich auch kein Grund, mir Gedanken zu den Texten zu machen. Alan bezieht zwar die Inspirationen für seine Texte ohnehin nicht unbedingt aus der weltpolitischen Lage des Planeten, sollte jedoch etwas davon einfließen, vertraue ich ihm vollends. Kurz gesagt, die Musik ist meine Angelegenheit und er kümmert sich um den Text.

Zur Glückseligkeit fehlen euch dann wohl nur Gigs, richtig? Auf die werden wir zwar noch ein Weilchen warten müssen, laufen aber denn bereits etwaige Vorbereitungen?

Das ist korrekt. Wir würden liebend gerne wieder live spielen und zu Euch kommen um Konzerte zu geben. Doch nicht nur die Covid-Situation hat uns da einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch der Brexit und die idiotische Entscheidung, die EU zu verlassen, machen es Bands wie uns in Zukunft viel schwieriger, in Mitteleuropa unterwegs zu sein. Wir hoffen aber, es zumindest noch bis zu Euch zu schaffen und live spielen zu können, bevor wir es dann körperlich nicht mehr schaffen.

Nana, so alt seid ihr ja auch noch nicht. Aktiv dafür aber auf jeden Fall, denn du hast ja nicht nur bei TOKYO BLADE die Gitarre umgeschnallt, sondern auch bei THE LAST RENEGADES. Wie sieht es denn da aus?

Die Band gibt es noch, auch wenn man bei Euch wohl nicht viel davon mitbekommt. Wir, das heißt mein Kumpel AIO und ich, haben auch schon ausreichend Songs für ein zweites Album fertig. Wir hoffen, dieses sogar noch vor Jahresende veröffentlichen zu können.

Klingt nach einem Plan. Was dürfen wir sonst noch so von dir erwarten?

So wirklich konkret kann ich nichts sagen zum Thema "Zukunftsplanung" bei TOKYO BLADE. Außer, dass wir kontinuierlich an Material arbeiten und sogar einige Songs schon aufnahmebereit haben. Für Termine oder dergleichen ist es aber noch zu früh. Auch zum Thema Tourneeplanung gibt es noch nichts zu berichten. Zumindest bei uns ist diesbezüglich immer noch Abwarten angesagt. Ich bin mir aber ganz sicher, dass es noch weitere Alben von uns geben wird. Ans Aufhören denken wir nämlich noch lange nicht!

Redakteur:
Walter Scheurer

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