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Perlen der Redaktion: Stefan Rosenthals Highlights 2021

09.02.2022 | 22:02

Das erste prägende Jahr.

Das vergangene Jahr stand für mich vollkommen im Zeichen von tierischem Nachwuchs und den ersten Schritten in der Welt des Musikjournalismus. Während unsere kleine Hexe Wanda (Ähnlichkeiten mit einer bekannten Marvel-Figur sind rein zufällig) mich tagsüber und über den Feierabend hinaus auf Trab gehalten hat, gehörten die Abendstunden vermehrt der Welt von POWERMETAL.de.

Stefan & Wanda

Von daher möchte ich mich zuallererst bei meinen ganzen neuen Kollegen für das angenehme Arbeitsklima bedanken und das Vertrauen, welches sie in mich und meine Arbeit gelegt haben. Es geht halt auch ohne Germanistikstudium und/oder journalistische Erfahrungen, wenn man mit Leidenschaft am Werke ist. Vielleicht baut das die ein oder andere Hemmschwelle bei unseren Lesern ab, selbst Teil dieser wunderbaren Welt zu werden. Frag mich ruhig per Mail, wenn ihr hierzu mehr erfahren möchtet. Unsere Lektoren sind sehr geduldig. ;-)

Neben einer Punktlandung meines selbstgesteckten Ziels von 50 Rezensionen konnte ich im Laufe des Jahres an diversen Gruppentherapien und Diskografie-Checks teilnehmen und meine, durchaus mal etwas abweichende, Meinung mit in die Waagschale werfen. Insbesondere der Saxon-Diskographie-Check war sicherlich ein Highlight, da ich mich bis dato nur sehr beiläufig mit den Briten beschäftigt hatte.

Ebenfalls ungemein spannend war die Auseinandersetzung mit "Senjutsu" von IRON MAIDEN und "Helloween" von HELLOWEEN, bei welchen ich ausführen durfte, warum man von beiden Alben nicht zwingend total begeistert sein muss, wenngleich die Auswertung eures Jahrespolls und des Jahrespolls der Redaktion mir vor Ohren geführt hat, dass ich alles bin, aber sicherlich kein Konsens-Redakteur.

Somit finden sich im Redaktionspoll auch nur vier Alben wieder, welche in meinen Top20 des Jahres eine Rolle gespielt hatten. Auch ich bin von den neuen Werken von RAGE, DREAM THEATER und THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA schwer begeistert, wobei sie bei mir nicht ganz in die Champions-League-Plätze vorstoßen konnten. Diese Plätze blieben anderen Geniestreichen vorbehalten.

Reflection ClubUnbestrittenes Jahreshighlight war für mich REFLECTION CLUB mit "Still Thick As A Brick", welches zwar objektiv ein herausragendes Folk- und Progressive-Rockalbum ist, jedoch per se kein Kandidat für das Treppchen. Warum ist es aber meine Nummer 1 und warum stand das zum Release Anfang März schon fest? Das Team hinter REFLECTION CLUB hat sich den JETHRO TULL-Meilenstein "Thick As A Brick" (übrigens mein absolutes Lieblingslied) zu Gemüte geführt, die DNA aufgesogen und den Gedanken weitergesponnen, was wäre, wenn 1973 nicht "Passion Play" veröffentlicht wurde wäre, sondern eine direkte thematische und klangliche Fortsetzung. Soweit - so legitim. Jetzt stelle man sich vor, dass es genau wie JETHRO TULL klingt. Und ich meine nicht zu 75 Prozent, sondern zu 95 Prozent. Und damit meine ich nicht nur das Songwriting, die Arrangements und vielfältige Instrumentierung, sondern auch die Signature-Flöte und vor allem den Gesang. Das klingt so dermaßen nach dem jungen Ian Anderson, dass ich Ganzkörpergänsehaut bekomme. Da das Original aufgrund fortgeschrittenen Alters und einer frustrierenden Krankenakte diese Art von Gesang gar nicht mehr umsetzen kann, ist es ein Geschenk des Himmels, sowas jetzt zu hören. Was für ein wahrgewordener Fan-Traum und deutlich besser als "Thick As A Brick 2".

SKEUnd die Silbermedaille geht nach Italien. Bei "Insolubilia" handelt es sich um nichts weiter als den Nachfolger meines absoluten Lieblings-Instrumentalwerks "1000 Autunni" von 2011. Tastenvirtuose Paolo "SKE" Botta hat sich endlich wieder Zeit für ein "Solo"-Album genommen. Wobei Solo-Album nicht ganz den Kern trifft, da über 24 Gäste ihren Beitrag zum Gesamtergebnis beisteuern. Und Botta hat nur die Creme de la Creme des italienischen Retro-Prog eingeladen.  Das hat schon was von BandAid für Klangfetischisten. Das ist instrumentaler, leicht symphonischer Retro-Prog mit Avantgarde/Canterbury/RIO-Ausflügen. Kammerjazz trifft auf moderne Klassik mit einer ordentlichen Prise Folk. Besser war Musik unter dem Kopfhörer 2021 nicht.

ToriDer dritte Platz geht an meine Lieblingskünstlerin TORI AMOS, welche mit ihrem neuesten Langdreher "Ocean To Ocean" den inoffiziellen Nachfolger von "Under The Pink" ins Regal hievte. So kompakt und fast schon unverschämt eingängig war Tori seit diesem Jahrhundertalbum nicht mehr unterwegs gewesen. Und das alles aber ohne ihren künstlerischen Ansatz vollkommen über Bord zu werfen. Verdienter Platz auf dem Treppchen und unabhängig von der Gesamtqualität des Albums ist 'Speaking With Trees' einer der besten Popsongs des Jahres.

Color

Zwischen Platz 4 und 5 passt kein Blatt und es obliegt der Tagesstimmung welches Album gerade vorne liegt. Aktuell schlägt das Pendel in Richtung "Colors II" aus, einfach weil die Stimmung eher in Richtung Prog-Metal tendiert als Prog-Rock. Somit darf BETWEEN THE BURIED AND ME die höchste Metal-relevante Platzierung in meinen Jahrescharts verbuchen. Besonders freue ich mich, dass nicht nur unser Chefredakteur Peter die Truppe in seinen Top20 bedacht hat, sondern Kollege Jakob ihnen sogar den Titel "Album des Jahres" gönnt. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands in meinen Jahrescharts gibt es hier noch richtig auf die Mütze - also inklusive Geballer und Growls. Die Punkte holen die Jungs allerdings durch ihre wahnsinnige Spielfreude, unbändige Kreativität und atemberaubende technische Möglichkeiten, welche gepaart mit dem unglaublich intelligenten Songwriting völlig zurecht Spitzenklasse darstellen. 'Fix The Error' sind auf jeden Fall die geilsten fünf Minuten des Jahres - das könnt ihr mir glauben. Holy Shit. Ein weiter Pluspunkt ist, dass auf "Colors II" jeder Song zu 100% allein funktioniert, jedoch im Albumkontext nochmal deutlich dazugewinnt. Das geht schon sehr nahe in Richtung Suite und würde auch als One-Track großartig funktionieren.

NealDen Reigen der Top5 schließt in diesem Jahr THE NEAL MORSE BAND mit "Innocence & Danger". Der Prog-Gott haut mal wieder ein Doppelalbum raus und begeistert mich restlos. So sehr, dass es mir ein Anliegen war ihm und seiner kongenialen Band ein fast schon übertrieben positives Review auf POWERMETAL.de zu schenken. Dieses Meisterwerk ist mein persönliches Wohlfühlalbum 2021. Besser und vor allem im positiven Sinne eingängiger kann man Retro-Prog nicht spielen. Hätte es die leichte "Delle" auf CD1 nicht gegeben und hätte man sich für ein weniger kitschiges Artwork entschieden, dann wäre auch die Höchstnote möglich gewesen. Davon ab sind 'Not Afraid Pt 2' und 'Beyond The Years' die für mich genreübergreifend stärksten Songs des Jahres und werden noch weit über 2021 wirken.

Im Bereich der besten Livebands des Jahres war auch bei mir weitestgehend Ebbe, so dass ich nur zwei Konzerte besuchen durfte. Somit konnten sich CHAOSBAY mit der Aufführung des kompletten "Asylum"-Werks und GGGOLDDD formely known as GOLD in Leipzig ins Langzeitgedächtnis rocken. Komplettiert wird das Treppchen von der Livepremiere des neuen SOULSPLITTER-Albums "Connection". Da kommt 2022 ein klasse Teil auf uns zu. Im Streaming-Konzert-Sektor wussten mich ENSLAVED und NIGHTWISH nachhaltig zu überzeugen, wobei diese Art von Entertainment für mich langfristig nur eine Ergänzung zu Vor-Ort-Besuchen darstellen kann. Vielleicht sehe ich das nach den ersten Ronnie James Dio-Hologramm-Shows anders, aber bis dahin ist hoffentlich noch etwas Zeit.

BeatlesAber auch echte Festivals und Konzerte hätten sich dieses Jahr einem Event bei Disney+ unterordnen müssen, welcher in dieser Form absolut Mind-Blowing war. So muss sich ein Sex-Süchtiger fühlen, wenn er zum Pornodreh eingeladen wird und dort stille Maus spielen darf. "Get Back" war/ist das TV-Erlebnis des Jahres und zeigt die größte Band aller Zeiten bei den Vorbereitungen zu ihrem letzten Auftritt. Ungefiltert und von Peter Jackson in einer beeindruckenden Art und Weise aufgearbeitet.

Diese Dokumentation über die Vorbereitung zur legendären Rooftop-Performance (inklusive des kompletten finalen Auftritts) bietet so viele fantastische Momente, dass die brutale Laufzeit von 468 Minuten wie im Fluge vergeht. Besser und transparenter hat man bisher keinen Einblick in den kreativen Prozess einer solchen musikalischen Instanz bekommen. Eigentlich Pflichtprogramm für jeden, der sich mit Musikhistorie beschäftigt.

Blind Guardian

Abschließend kann man festhalten, dass ich mit dem Musikjahr 2021 in Summe sehr zufrieden bin. Dennoch bin ich felsenfest davon überzeugt, dass wir 2022 nochmal eine Schippe drauflegen. Bei den Hochkarätern, welche sich noch in der Pipeline befinden, steigt die Vorfreude ins Unermessliche. Mit JETHRO TULL, dem SKYCLAD-Ableger THEIGNS & THRALLS und BLIND GUARDIAN stehen meine All-Time-Favoriten in den Startlöchern. Und als würde das nicht ausreichen, gibts es Neues von GHOST, SOILWORK und die THE HELLACOPTERS-Reunion. Fantastisch - aber wahrscheinlich werden am Ende des Jahres dann doch wieder ganz andere Alben vorne stehen. Wobei die blinden Jungs aus Krefeld mit "Deliver Us From Evil" schon mehr als eine beeindruckende Duftmarke gesetzt haben. Ich bin gehypt.

Der Vollständigkeit halber nochmal meine kompletten Top 20-Alben mit der entsprechenden Verlinkung auf das Review, wenn vorhanden:

1. Reflection Club Still Thick As A Brick
2. Ske Insolubilia
3. Tori Amos Ocean To Ocean
4. Between The Buried And Me Colors II
5. The Neal Morse Band Innocence & Danger
6. White Void Anti
7. Lana Del Rey Chemtrails Over the Country Club
8. Bent Knee Frosting
9. Tusmørke Nordisk Krim
10. The Dropkick Murphys Turn Up That Dial
11. Robert Plant & Alison Krauss Raise The Roof
12. Gnoss The Light Of The Moon
13. Rage Resurrection Day
14. Ciccada Harvest
15. Billie Eilish Happier Than Ever
16. Dream Theater A View From The Top Of The World
17. Mànran Ùrar
18. The Night Flight Orchestra Aeromantic II
19. King Gizzard & The Lizzard Wizard Butterfly 3000
20. Dee Snider Leave A Scar

Redakteur:
Stefan Rosenthal

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