HEAVENS GATE - In Control
Mehr über Heavens Gate
- Genre:
- Heavy Metal
- ∅-Note:
- 10.00
- Label:
- No Remorse Records
- Release:
- 16.01.1989
- The Gate
- In Control
- Turn It Down
- Surrender
- Hot Fever
- Tyrants
- Path Of Glory
- Shadows
- This Flight Tonight
Als der deutsche Heavy Metal in den US-Power Metal-Jungbrunnen fiel.
Ich bezeichne 1989 immer gerne als mein persönliches Erweckungsjahr in Sachen Heavy Metal. Klar, viele der großen Klassiker erschienen in den fünf, sechs Jahren davor, aber erst mit meinen fünfzehn Jahren war ich wirklich in der Lage zu erfassen, was für eine atemberaubende musikalische Galaxie voller Wunder und Paradiese ich mir da eigentlich erschlossen hatte. Viele meiner ganz persönlichen Lieblingsalben stammen daher aus den Jahren 1988 bis 1990. So hat jeder seine eigene persönliche Rezeptionsgeschichte zu erzählen, vermute ich. Zu meiner gehörte auch, dass ich mit deutschem Heavy Metal ziemlich lange gefremdelt habe. HELLOWEEN liebte ich heiß und innig, sowohl "Walls Of Jericho" als auch die "Keeper..."-Alben. Aber danach herrschte erstmal Ödnis und Leere in meiner eingeschränkten Wahrnehmung, auch wenn mich einige meiner Comrades aus der alten Garde hier dafür steinigen werden. ACCEPT, GRAVE DIGGER, WARLOCK, RUNNING WILD, STORMWITCH, SINNER, TYRANT - alles nicht so meine Welt, irgendwie fade, hüftsteif, immer etwas unbeholfen gegenüber der amerikanischen Konkurrenz. Doch dann stolperte ich eher durch Zufall über eine Platte, die all meine Vorbehalte innerhalb weniger Minuten pulverisierte, und für mich den gleichen Stellenwert wie die Kürbis-Heiligtümer erreichen sollte: "In Control" von HEAVENS GATE.
Ein guter Freund drückte mir die "In Control"-LP in die Hand mit der Bemerkung: "Ich weiß, du magst keinen deutschen Metal, aber das hier ist anders. Das musst du gehört haben!" Erst nach ein paar Wochen habe ich das Ding dann mal aus dem eher hässlichen Cover Sleeve gefischt, auf den Plattenteller gelegt und: Es hat sofort Zooom! gemacht, wie Klaus Lage es wohl ausgedrückt hätte. Was war denn das für ein perfekt austarierter, megageiler Sound? Das klang zwar irgendwie immer noch erkennbar teutonisch aber um Lichtjahre frischer, lebendiger und aufregender. Es war als hätte jemand diesen Musikstil in einen Jungbrunnen aus US Power Metal gesteckt und damit in eine andere Dimension katapultiert. Als Vergleich kam mir damals sofort eine einheimische Version von RIOTs "Thundersteel" in den Sinn. Was habe ich "In Control" im Frühling / Sommer 1989 abgefeiert, stilecht mit geballter Faust und Badmintonschläger-Luftgitarre im Kinderzimmer. Kein Tag verging, ohne dass ich das Album mindestens drei, vier Mal gehört hatte, manchmal habe ich schon morgens vor der Schule meine Eltern damit in den Wahnsinn getrieben.
Gerne lasse ich "In Control" noch einmal Revue passieren und schwelge in alten Erinnerungen. Dabei kommt mir der Einstieg in die A-Seite mit dem eher überflüssigen 08/15-Intro heute ziemlich lahm vor. Die Zeit hat man früher halt zum Stimmen des Badmintonschlägers genutzt. Wenn dann der Titelsong erklingt, bin ich sofort wieder jung, kann vor Zappeligkeit nicht sitzen bleiben. Ein im Grunde eher unscheinbares, aber eben zu 100% sitzendes Melodic-Metal-Riff, das eine herrlich epische Strophe trägt, gottgleiche Melodie in der Bridge und dann ein unschlagbarer Shout-Refrain. Das hymnische Break im Mittelteil mit den Trommelwirbeln bereitet den Boden für eine blitzsaubere Gitarren-Soloeinlage und dann noch mal rein in diese überirdische Bridge/Chorus-Kombination, selten in solcher Schönheit und Vollkommenheit gehört.
Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass Kai Hansen beim Basteln an "Heading For Tomorrow" ganz genau hingehört hat, was dieser junge Gitarrist aus Wolfsburg namens Sascha Paeth, und sein kongenialer Partner am Mikro, Thomas Rettke, hier aufs Band gezaubert hatten. Ein gewisser Tobias Sammet war damals gerade zwölf Jahre alt und ahnte vermutlich noch nicht, dass er mit Paeth später als Musiker und Produzent mal intensiv zusammenarbeiten würde für AVANTASIA. Der Signature-Sound von Sascha Paeth und die grandiose Metal-Sirene von Tobi Rettke machen HEAVENS GATE neben dem fantastischen Gespür der beiden für Komposition und Arrangement zu einem einmaligen Erlebnis. Noch viele nationale und internationale Bands und Alben sollten von den Fähigkeiten der beiden profitieren, aber das könnt ihr ja alles in den einschlägigen Enzyklopädien nachlesen.
Auf "In Control" folgt auf den Opener die stampfenden Midtempo-Nummer "Turn It Down", die in all ihrer Einfachheit und Gradlinigkeit wiederum klangliche und dynamische Maßstäbe setzt für diesen... nennen wir es mal Song-Typ. Mit "Surrender" wird dann zum ersten Mal das Tempo angezogen, und wer diesen Song hört wird hoffentlich verstehen, was ich mit dem "Thundersteel"-Vergleich meine. Im Nachhinein denke ich, dass man diesen Song so, wie er ist, auf den RIOT-Nachfolger "The Privilege Of Power" aus dem folgenden Jahr hätte packen können. Wenn es überhaupt ein Lied auf "In Control" gibt, an dem ich einen kleinen Schimmer eines schwachen Schattens finden könnte, dann ist das 'Hot Fever'. Das liegt aber wohl vor allem daran, dass mich solche Vokuhila-Party-Hardrock-Nummern in der Regel noch um ein Vielfaches kälter lassen als hier.
Das eigentliche Hochamt liegt allerdings noch vor uns, und zwar exakt am Beginn der B-Seite. Der ultimative Melodic-Speed-Metal-Oberhammer vor dem Allmächtigen, einer der tollsten Metal-Songs aller Zeiten, meine Damen und Herren, machen sie sich bereit, Dr. Thunderlaan proudly presents: 'Tyrants'. Eben der läuft gerade, und ich singe ihn Wort für Wort mit, mit demselben Enthusiasmus wie damals und genauso schlecht. So wunderbar kann das Leben sein! Und die Glückshormone fließen ungehemmt weiter, denn nun folgt mit 'Path Of Glory' eine gigantische Epic Metal-Power Ballade, man könnte sagen die freundliche Version von 'Heart Of Steel' ohne Gedöns und Testosteron-Überdosis. Mit 'Shadows' geht es schließlich noch mal rüber nach Amerika, dieser Track hätte auch wunderbar auf das im selben Jahr erschienene TITAN FORCE-Debüt gepasst; die Performance von Rettke kommt hier qualitativ tatsächlich an den unsterblichen Harry 'The Tyrant' Conklin heran. Abgerundet wird das Freudenfest durch eine sehr schöne Cover-Version; der Song 'This Flight Tonight' stammt von Joni Mitchell, auch wenn NAZARETH ihn später erst berühmt gemacht haben.
Der eine oder andere wird mich jetzt für bekloppt erklären, weil ich ein stinknormales Heavy-Metal-Album als das Größte seit der Erfindung des Sekundenklebers verkaufen will. Ist mir aber vollkommen egal. Musik-Empfinden ist etwas sehr Persönliches und stark lebensphasenabhängig. "In Control" und ich, das war Liebe auf den ersten Blick, das Album kam für mich zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hat mein Leben geprägt. Vielleicht gefällt es ja dem einen oder anderen von euch da draußen auch. Mit dem klassischen deutschen Heavy Metal insgesamt habe ich übrigens längst meinen Frieden gemacht. Mit etwas Verspätung habe ich dann RAGE entdeckt und unsere einheimische Thrash- und Prog Metal-Szene zu schätzen und zu lieben gelernt. Immer wieder kamen so wunderbare Kleinode wie das CHROMING ROSE-Debüt dazu. Aber HEAVENS GATE war mein Dosenöffner! Jetzt bin ich auch endlich fertig. Ich muss jetzt unbedingt noch mal "In Control" hören und danach "Days Of Rising Doom", beinharte Paeth-Fans wissen Bescheid...
- Note:
- 10.00
- Redakteur:
- Martin van der Laan


