AT THE GATES - The Ghost Of A Future Dead
Mehr über At The Gates
- Genre:
- Melodic Death Metal
- ∅-Note:
- 10.00
- Label:
- Century Media Records
- Release:
- 24.04.2026
- The Fever Mask
- The Dissonant Void
- Det Oerhörda
- A Ritual Of Waste
- In Dark Distortion
- Of Interstellar Death
- Tomb Of Heaven
- Parasitical Hive
- The Unfathomable
- The Phantom Gospel
- Forgangligheten
- Black Hole Emission
Ein Mammutwerk zum Abschied!
Ich habe in meinem Leben schon viele emotional mitnehmende Alben gehört, doch eine Scheibe, deren Titel mir schon einen eiskalten Schauer über den Rücken jagt, hatte ich bisher auch noch nicht vor mir auf dem Schreibtisch liegen. Dabei standen die Vorzeichen für "The Ghost Of A Future Dead" eigentlich so gut, denn nach einigen Jahren Pause kehrte mit Anders Björler ein Gründungsmitglied und Songwriter zurück zu AT THE GATES, und in ersten Interviews ließ die Band durchblicken, das in Arbeit befindliche neue Material klinge nach einem Mix aus "At War With Reality" und dem legendären Klassiker "Slaughter Of The Soul". Doch ab hier nimmt die Geschichte eine tragische Wendung, denn im Dezember 2023 wird bei Frontmann Tomas Lindberg ein Tumor in der Mundhöhle gefunden und der legendäre Sänger muss sich einer Krebstherapie unterziehen. Diese umfasst auch eine Operation, bei der Teile des Kiefers entfernt werden müssen und die es im Unklaren lässt, ob Lindberg jemals wieder singen wird können. Am Tag vor der Operation begibt sich der Schwede daher ins Studio, um in einem Tag die fehlenden Vocals für das hier nun vorliegende Album einzusingen und so sicherzustellen, dass "The Ghost Of A Future Dead" das Licht der Welt erblicken kann. Lindberg selbst verliert im September 2025 tragischerweise im Alter von 52 Jahren den Kampf mit dem Krebs, doch dank seinen Einsatzes in letzter Minute können wir nun dem Geiste eines zukünftig toten Mannes lauschen, der uns durch insgesamt zwölf neue Kompositionen führt.
Ein leichter Ritt wird das für Fans der Schweden aber nicht, denn schon die eröffnende Single 'The Fever Mask' machte mir bei Veröffentlichung klar, dass das nunmehr achte Album ein Wechselbad der Gefühle zwischen Trauer und Begeisterung wird. Der Track selbst ist dabei ein wunderbarer Callback zum "At War With Reality"-Opener 'Death And The Labyrinth' und macht musikalisch und lyrisch keine Gefangenen, sondern konzentriert sich darauf, mit den typischen melodischen Riffs und Tomas' herrlich herben Screams einfach kompakt auf die Zwölf zu hauen. Eine feines Gitarrensolo rundet die Sache ab und macht den Track zu einem perfekten Einstand für das wohl finale AT THE GATES-Album. Mit 'The Dissonant Void' wird es dann aber an zweiter Stelle der Trackliste schon etwas abenteuerlicher, denn mit atmosphärischeren Passagen klingt phasenweise das Black-Metal-Erbe des Frühwerks durch, während der unheimlich melodische Übergang zum Refrain hin die jüngere Bandgeschichte heraufbeschwört. Der treibende Beat des Tracks bringt gleichzeitig "Slaughter Of The Soul" mit auf den Plan, sodass hier in unter drei Minuten sehr unterhaltsam ein kompletter Ritt durch die eigene Diskografie abgefrühstückt wird, der noch einmal deutlich macht, warum AT THE GATES eine so besondere Band ist.
Doch keine Sorge, "The Ghost Of A Future Dead" beschränkt sich nich nur auf reine Nostalgie, sondern fügt etwa mit 'Det Oerhörda' sogar noch neue Aspekte zum Bandsound hinzu. Mit seinen hymnischen Melodien und einem leicht nordisch-folkigen Flair ist der Track nämlich ein früher Höhepunkt der Platte, der trotz bekannter Zutaten einen Blick über den Tellerrand wagt, ohne zu weit von bekannten Pfaden abzuschweifen. Selbige werden auch in der Folge nie gänzlich verlassen, während der Fünfer von einem Höhepunkt zum nächsten jagt, was das Herausgreifen einzelner Highlights für den Verfasser dieser Zeilen zu einem schwierigen Unterfangen macht, denn jeder Song des Albums hat seine ganz besonderen Momente. 'A Ritual Of Waste' etwa ist eine wilde Riff-Attacke, die sogar entfernt an DEATH erinnert und vielleicht noch am dichtesten an die Riff-Gewitter von "Slaughter Of The Soul" herankommt, während 'In Dark Distortion' mit seinen cleanen Gitarren fast schon melancholisch klingt und immer von einem eingewobenen Melodiefaden gehalten wird, nur um im Refrain in eisige, schwarzmetallisch angehauchte Landschaften zu entfliehen. Ähnlich wie 'The Night Eternal' ist der Song damit nicht unbedingt ein klassischer AT THE GATES-Track, gleichzeitig aber ein heimlicher Höhepunkt auf diesem Langdreher.
Heimlich ist dagegen am massiven Dreierpack, das aus 'Of Interstellar Death', 'Tomb Of Heaven' und 'Parasitical Hive' besteht, absolut überhaupt nichts, denn hier werden wir mit drei wuchtigen Tracks verwöhnt, die den perfekten Grenzgang zwischen Riff-Gewalt und Melodie ausspielen, der AT THE GATES zu einer solch stilprägenden Band gemacht hat. 'The Unfathomable' legt dagegen ein besonderes Augenmerk auf einen tonnenschweren Groove und ist vielleicht der todesmetallischste Track der gesamten Platte, der entsprechend die Melodien auch einmal in den Hintergrund wandern lässt. Selbige übernehmen beim hymnischen 'The Phantom Gospel' dann allerdings wieder gänzlich das Zepter, wobei gerade der mit herrlichen Gitarrenharmonien gesegnete Mittelteil eine absolute Ohrenweide ist. Ebenfalls wirkt Tomas' Gesangsleistung hier besonders inspiriert, wobei ich generell zu Protokoll geben möchte, dass man angesichts seiner fantastischen Leistung zu keiner Zeit das Gefühl hat, hier einem Mann zu lauschen, der mit dem Krebs kämpft und nur Stunden vor einer lebensverändernden Operation steht. 'Forgangligheten' gibt Lindberg dann mit akustischen Tönen auch eine kleine Verschnaufpause und wirkt wie ein kurzes Luftholen, bevor AT THE GATES mit 'Black Hole Emission' noch einmal zum finalen hymnischen Schlag ausholt, der "The Ghost Of A Future Dead" mit einem weiteren monumentalen Höhepunkt beendet.
Und genau in diesem Moment erwischt einen dann die Trauer wieder ganz tief in der Magengrube, denn mit dem Verklingen des letzten Tons wird klar, dass man hier gerade dem letzten Album dieser einmaligen Band gelauscht hat. Umso schlimmer wird dieses Gefühl, weil sich AT THE GATES hier keinesfalls mit einem schwachen Werk verabschiedet, sondern einen Monolithen von einem Langspieler erschaffen hat, der weit mehr liefert als den versprochenen Mix aus "Slaughter Of The Soul" und "At War With Reality". Nein, die zwölf Songs beschränken sich nicht nur auf einen Blick auf diese beiden Referenzwerke, sondern wandern nochmal in alle Ecken der langen Karriere und finden obendrein sogar noch frische folkige Ansätze etwa in 'Det Oerhörda', sodass sich "The Ghost Of A Future Dead" am Ende wohlig vertraut und trotzdem frisch anfühlt.
Rein musikalisch betrachtet verabschiedet sich AT THE GATES dann auch mit einem absoluten Monster von einem Album, das in der Diskografie nur vom überragenden "Slaughter Of The Soul" geschlagen wird und sogar knapp vor dem von mir so geliebten "At War With Reality" landet. Bis man die Klasse der Scheibe allerdings vollends genießen kann, müssen sicher noch ein paar Monate vergehen, denn zumindest für mich ist der eisige Griff der Trauer um Herz und Kehle in vielen Momenten noch zu deutlich spürbar. Gelingt es einem aber, die Tragik des Albums für ein paar Momente zu verdrängen, kommt man nicht umhin, sich vor diesem grandiosen Werk zu verneigen. Einen besseren Schlusspunkt hätte Tomas Lindberg gemeinsam mit seinen langjährigen Kollegen wohl nicht unter seine eigene einmalige und stilprägende Karriere setzen können.
- Note:
- 10.00
- Redakteur:
- Tobias Dahs


