Diese britische Band, war mir lange Zeit nur ein Begriff und ich hatte immer beabsichtigt mich mit dieser Band zu beschäftigen. Ja, und dann kommt das Forum und die Idee ein altes Spiel wieder aufleben zu lassen. Da nominiert irgendjemand „No Rest For The Wicked“ und da ist es um mich geschehen…
New Model Army – Eine Band, die mich in ihrer Intensität absolut in den Bann zieht. Und das wirklich jedes Mal, wenn man eine CD einlegt. Als würde man durch die Boxen in einen Raum gesogen werden. Die Band ist sowas wie ein Türöffner für eine komplette Szene, für eine gesamtes politisches Statement, eine Bewegung die Mitten in den 80er im Vereinigten Königreich herzt.
Es fällt mir unwahrscheinlich schwer diese grundtiefe Atmosphäre dieses einzigartigen Post Punks, den diese Band in den 80ern spielte zu beschreiben. Es klingt nass kalt, dreckig, nach Wut und schmerz. Nach verrauchten Pubs und politischer Unzufriedenheit der Bevölkerung. Wie ein Sprachrohr für eine ganze Bewegung. Ironisch, dass Justin (der Sänger) irgendwann sagt, dass er es bedaure Punk erst nur musikalisch gefühlt zu haben.
Das Gesicht dieser Truppe: Justin Sullivan. Ein Mann, der so viel Charisma versprüht, der mit seiner Zahnlücke saugefährlich aussah, aber den man bei näherer Betrachtung und Beschäftigung merkt wie er schon damals ein unbegreiflich reflektierter und kluger Mann war und das am besten in seinen Texten verarbeiten konnte. Ein ausdrucksstarker Sänger, der gekonnt mit Betonung und Gewichtung seines Gesangs die richtige Stimmung findet und immer weiß, wie man etwas richtig zu sagen hat. Wenn man ihm zuhört, möchte man, dass er nicht mehr aufhört. Aktuell wirkt er nochmals erwachsener, ein Mann, der mit der Zeit gegangen ist, seiner Persönlichkeit treugeblieben ist aber irgendwie auch noch „weiser“ klingt als eh schon. Für mich ein ganz faszinierender Musiker.
Wie drückt sich das am besten aus?
Ja – natürlich in der Musik. Die ersten vier Alben sind in Nuancen abweichenden Meinungen, die Alben, die heutzutage immer aufgezählt werden, wenn man fragt mit was man anfangen sollte.
Vengeance (1984)
No Rest For The Wicked (1985)
The Ghost Of Cain (1986)
Thunder And Consolation (1989)
Das erste Album wirkt noch ein wenig zerfahren in ihrer musikalischen Auslegung auch noch wirklich rau.
Aber spätestens ab der „No Rest For The Wicked“ hört man „New Model Army“ in ihrer reinsten und pursten Form. Post-Punk, Bassdominiert mit der unverwechselbaren Stimme von Sullivan und den ehrlichen Texten.
Die Band agiert in frühen Jahren schon so derbe druckvoll und nach vorne preschend immer mit dem richtigen Gefühl für die richtige Akzentuierung. Egal ob das der Gesang übernimmt, der Bass oder die Gitarre. Immer wieder findet eines der Instrumente immer wieder den richtigen Groove…spielt die Hauptrolle eines Songs. Und es wird einfach nie langweilig. Die Musik vor allem der ersten Alben wirkt sehr bedrohlich, manchmal wie eine Podiumsvortrag einer Protestbewegung, die auf die Straße geht. Es hat etwas Ermahnendes, etwas Aufwühlendes, etwas Wachrüttelndes an sich.
Die Entwicklung, die die Band zwischen 1984 und 1989 durchgemacht hat, war aber schon immens groß. Die Band hatte vor allem musikalisch immer mehr zu sagen. „Thunder And Consolation“ ist sowas wie der musikalische Höhepunkt der Band. Mit Einflüssen aus dem Folk Rock und den typischen Sullivan Texten packt die Band das Album mit 15 Titeln und 65 Minuten voll und werden dabei in keiner einzigen Weise langweilig. Ganz im Gegenteil. Die Band wirkt hier kompositorisch etwas erwachsener, kompakter, immer noch verspielt, aber auf eine durchdachtere Art und Weise. Hier passt einfach alles zusammen. Selbst das stimmige Artwork, das schon andeutet welchen musikalischen Input die Band auf diesem Album zulässt.
In den 90ern entstehen dann weitere drei Alben:
Impurity (1990)
The Love Of Hopeless Causes (1993)
Strange Brotherhood (1998)
Davon kenne ich selbst nur die ersten beiden, von denen mir die „Impurity“ wirklich sehr gut gefällt, weil sie wieder etwas die Schiene der ersten Alben fährt, wieder etwas kompakter wirkt und auch wirklich Songs enthält, die einfach klasse sind. Mit der „The Love Of Hopeless Causes“ kann ich sehr wenig anfangen, weil sie sich mir bis heute nicht erschließt. Ich finde keine Zugang zu diesem Album. Hier fehlt mir auch irgendwie das Typische. Da steckt mir zu wenig „New Model Army“ drin. Es klingt einfach „normaler“. Mit Sicherheit das von mir am wenigsten gehörte Album der Band.
Eight (2000)
Mit „Eight“ eröffnet die Band ihren Weg durch die 2000er. „Eight“ ist wirklich ein wunderbar ruhiges Album. Ein sehr reifes, zurückhaltendes Album. Und obwohl das Album so zurückhaltend in seiner Art ist, so wirkt es am Ende doch sehr aufgeschlossen. Wie Luft, die man mit einem doppelten Trichter einfangen will, der an den beiden engsten Stellen zusammengeklebt wurde. Es bündelt sich an der engen Stelle ganz konzentriert etwas zusammen und verbreitet sich dann in Form des Trichters den Weg breiter und stärker in die Freiheit. Ein faszinierendes Album. Das auch eine andere Seite der Band aufzeigt.
Ab da habe ich dann die größte Lücke und bis zum nächsten Album, welches ich habe, vergehen weitere 5 Alben.
Carnival (2005)
High (2007)
Today Is A Good Day (2009)
Between Dog And Wolf (2013)
Winter (2016)
From Here (2019)
Erst mit dem 2016er Werk „Winter“ habe ich dann weitergemacht. „Winter“ ist ebenfalls ein sehr intensives Album mit einer sehr direkten Produktion bei dem dir die Stimme von Sullivan direkt ins Ohr hüpft. Das mag ich total an der Scheibe. Der erste Song ist ein tonnenschwerer Brocken, der mich auch wieder sprachlos zurückgelassen hat. Die Band hat sich im Laufe der Jahre musikalisch wirklich verändert. Gut, wenn ich von verändert rede, dann mit großen Sprüngen. Immerhin fehlen mir ja auch noch ein paar Alben. Aber ich finde „New Model Army“ ist einer der Bands von der es sich lohnt wirklich alles mal angehört zu haben. Auch da könnte man jetzt meinen, dass das jetzt der Alles-Sammler sagt. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass das für viel mehr Menschen eine wirklich intensive Langzeitbeschäftigung sein kann.
Zum absoluten Pflichtprogramm gehören im Übrigen auch die zwei Compilationalben:
B-Sides & Abandoned Tracks (1994)
Lost Songs (2002)
Ersteres besitze ich erst seit kurzem. Und da ist unheimlich gutes Material drauf. Es deckt vor allem die B-Seiten diverser Singles aus den Jahren 1985 bis 1993 ab. Absolut tolles Material, dass man jedem empfehlen kann, der auch nur die alten Alben mag und zu schätzen weiß, aber eben die B-Seiten nicht kennt. Damit kann man einige echt zufriedenstellen.
Wie ich halt auch so bin, habe ich mir, nachdem ich den ersten Schwung der Alben gehört habe und dann auch das Livealbum „Raw Melody Men“ aus dem Jahr 1991 rauf und runtergehört habe, die nächstbeste Gelegenheit genutzt und mir dieses Jahr die Band live angesehen. Und das war wirklich…mit das Beste, was ich sehen durfte. Superintensiv. Menschen um mich rum die lächelnd mitgesungen haben. Ich als Beobachter spürte da so eine positive Spannung zwischen Publikum und Band, die über 2 Stunden lang nicht abgerochen ist. Im Gegenteil. Man spürte förmlich bei den Fans die wirklich jedes Lied mitgesungen haben, wie eine Glückseligkeit sich über das großartige Ambiente legte. Aber wer das nachlesen möchte, darf gerne hier draufklicken.
Im Dezember spielte die Band in Köln an zwei Tagen hintereinander und feierten ihr 40-jähriges Bestehen. Und wer durch mein Geschreibsel angefixt ist, darf gerne, wirklich gerne sich von der Aufzeichnung selbst überzeugen. Ihr werdet es nicht bereuen!
Da der link dazu:
https://www1.wdr.de/fernsehen/rockpalast/new-model-army-einundzwanzig-medien-100.html
Diese Ausdruckstärke von Sullivan, verleiht den Songs live nochmal eine Schippe Magie obendrauf. Er spürt seine Texte förmlich und versteht, wie er das Publikum in seinen Bann zieht. Es hat was ganz Eigenes.
Wer etwas mehr von dieser Band erfahren möchte, dem lege ich diese Doku vom WDR Rockpalast sehr nahe, bei dem Sullivan sehr viel zu Wort kommt:
From Here – 40 Jahre New Model Army
Meine kleine Auswahl an Songs die man unbedingt mal gehört haben muss und die einem die Band auch näherberingen findet ihr direkt drunter. Ich verlinke einen Song, dann schlängelt ihr euch durch die Empfehlungen durch und ihr werdet sicherlich fündig bei den Rest der Songs die ich aufgezählt habe.
Bittersweet
Vengeance
Frightened
No Rest
51st State
Poison Street
I Love The World
Vagabonds
Lust For Power
Whirlwind
Someone Like Jesus
Flying Through The Smoke
Beginning
Winter

