New Model Army

New Model Army

Beitragvon Pillamyd » Dienstag 3. Januar 2023, 00:03

Diese britische Band, war mir lange Zeit nur ein Begriff und ich hatte immer beabsichtigt mich mit dieser Band zu beschäftigen. Ja, und dann kommt das Forum und die Idee ein altes Spiel wieder aufleben zu lassen. Da nominiert irgendjemand „No Rest For The Wicked“ und da ist es um mich geschehen…

New Model Army – Eine Band, die mich in ihrer Intensität absolut in den Bann zieht. Und das wirklich jedes Mal, wenn man eine CD einlegt. Als würde man durch die Boxen in einen Raum gesogen werden. Die Band ist sowas wie ein Türöffner für eine komplette Szene, für eine gesamtes politisches Statement, eine Bewegung die Mitten in den 80er im Vereinigten Königreich herzt.

Es fällt mir unwahrscheinlich schwer diese grundtiefe Atmosphäre dieses einzigartigen Post Punks, den diese Band in den 80ern spielte zu beschreiben. Es klingt nass kalt, dreckig, nach Wut und schmerz. Nach verrauchten Pubs und politischer Unzufriedenheit der Bevölkerung. Wie ein Sprachrohr für eine ganze Bewegung. Ironisch, dass Justin (der Sänger) irgendwann sagt, dass er es bedaure Punk erst nur musikalisch gefühlt zu haben.

Das Gesicht dieser Truppe: Justin Sullivan. Ein Mann, der so viel Charisma versprüht, der mit seiner Zahnlücke saugefährlich aussah, aber den man bei näherer Betrachtung und Beschäftigung merkt wie er schon damals ein unbegreiflich reflektierter und kluger Mann war und das am besten in seinen Texten verarbeiten konnte. Ein ausdrucksstarker Sänger, der gekonnt mit Betonung und Gewichtung seines Gesangs die richtige Stimmung findet und immer weiß, wie man etwas richtig zu sagen hat. Wenn man ihm zuhört, möchte man, dass er nicht mehr aufhört. Aktuell wirkt er nochmals erwachsener, ein Mann, der mit der Zeit gegangen ist, seiner Persönlichkeit treugeblieben ist aber irgendwie auch noch „weiser“ klingt als eh schon. Für mich ein ganz faszinierender Musiker.

Wie drückt sich das am besten aus?

Ja – natürlich in der Musik. Die ersten vier Alben sind in Nuancen abweichenden Meinungen, die Alben, die heutzutage immer aufgezählt werden, wenn man fragt mit was man anfangen sollte.

Vengeance (1984)
No Rest For The Wicked (1985)
The Ghost Of Cain (1986)
Thunder And Consolation (1989)


Das erste Album wirkt noch ein wenig zerfahren in ihrer musikalischen Auslegung auch noch wirklich rau.
Aber spätestens ab der „No Rest For The Wicked“ hört man „New Model Army“ in ihrer reinsten und pursten Form. Post-Punk, Bassdominiert mit der unverwechselbaren Stimme von Sullivan und den ehrlichen Texten.
Die Band agiert in frühen Jahren schon so derbe druckvoll und nach vorne preschend immer mit dem richtigen Gefühl für die richtige Akzentuierung. Egal ob das der Gesang übernimmt, der Bass oder die Gitarre. Immer wieder findet eines der Instrumente immer wieder den richtigen Groove…spielt die Hauptrolle eines Songs. Und es wird einfach nie langweilig. Die Musik vor allem der ersten Alben wirkt sehr bedrohlich, manchmal wie eine Podiumsvortrag einer Protestbewegung, die auf die Straße geht. Es hat etwas Ermahnendes, etwas Aufwühlendes, etwas Wachrüttelndes an sich.

Die Entwicklung, die die Band zwischen 1984 und 1989 durchgemacht hat, war aber schon immens groß. Die Band hatte vor allem musikalisch immer mehr zu sagen. „Thunder And Consolation“ ist sowas wie der musikalische Höhepunkt der Band. Mit Einflüssen aus dem Folk Rock und den typischen Sullivan Texten packt die Band das Album mit 15 Titeln und 65 Minuten voll und werden dabei in keiner einzigen Weise langweilig. Ganz im Gegenteil. Die Band wirkt hier kompositorisch etwas erwachsener, kompakter, immer noch verspielt, aber auf eine durchdachtere Art und Weise. Hier passt einfach alles zusammen. Selbst das stimmige Artwork, das schon andeutet welchen musikalischen Input die Band auf diesem Album zulässt.

In den 90ern entstehen dann weitere drei Alben:

Impurity (1990)
The Love Of Hopeless Causes (1993)
Strange Brotherhood (1998)


Davon kenne ich selbst nur die ersten beiden, von denen mir die „Impurity“ wirklich sehr gut gefällt, weil sie wieder etwas die Schiene der ersten Alben fährt, wieder etwas kompakter wirkt und auch wirklich Songs enthält, die einfach klasse sind. Mit der „The Love Of Hopeless Causes“ kann ich sehr wenig anfangen, weil sie sich mir bis heute nicht erschließt. Ich finde keine Zugang zu diesem Album. Hier fehlt mir auch irgendwie das Typische. Da steckt mir zu wenig „New Model Army“ drin. Es klingt einfach „normaler“. Mit Sicherheit das von mir am wenigsten gehörte Album der Band.

Eight (2000)

Mit „Eight“ eröffnet die Band ihren Weg durch die 2000er. „Eight“ ist wirklich ein wunderbar ruhiges Album. Ein sehr reifes, zurückhaltendes Album. Und obwohl das Album so zurückhaltend in seiner Art ist, so wirkt es am Ende doch sehr aufgeschlossen. Wie Luft, die man mit einem doppelten Trichter einfangen will, der an den beiden engsten Stellen zusammengeklebt wurde. Es bündelt sich an der engen Stelle ganz konzentriert etwas zusammen und verbreitet sich dann in Form des Trichters den Weg breiter und stärker in die Freiheit. Ein faszinierendes Album. Das auch eine andere Seite der Band aufzeigt.

Ab da habe ich dann die größte Lücke und bis zum nächsten Album, welches ich habe, vergehen weitere 5 Alben.

Carnival (2005)
High (2007)
Today Is A Good Day (2009)
Between Dog And Wolf (2013)


Winter (2016)
From Here (2019)


Erst mit dem 2016er Werk „Winter“ habe ich dann weitergemacht. „Winter“ ist ebenfalls ein sehr intensives Album mit einer sehr direkten Produktion bei dem dir die Stimme von Sullivan direkt ins Ohr hüpft. Das mag ich total an der Scheibe. Der erste Song ist ein tonnenschwerer Brocken, der mich auch wieder sprachlos zurückgelassen hat. Die Band hat sich im Laufe der Jahre musikalisch wirklich verändert. Gut, wenn ich von verändert rede, dann mit großen Sprüngen. Immerhin fehlen mir ja auch noch ein paar Alben. Aber ich finde „New Model Army“ ist einer der Bands von der es sich lohnt wirklich alles mal angehört zu haben. Auch da könnte man jetzt meinen, dass das jetzt der Alles-Sammler sagt. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass das für viel mehr Menschen eine wirklich intensive Langzeitbeschäftigung sein kann.

Zum absoluten Pflichtprogramm gehören im Übrigen auch die zwei Compilationalben:

B-Sides & Abandoned Tracks (1994)
Lost Songs (2002)


Ersteres besitze ich erst seit kurzem. Und da ist unheimlich gutes Material drauf. Es deckt vor allem die B-Seiten diverser Singles aus den Jahren 1985 bis 1993 ab. Absolut tolles Material, dass man jedem empfehlen kann, der auch nur die alten Alben mag und zu schätzen weiß, aber eben die B-Seiten nicht kennt. Damit kann man einige echt zufriedenstellen.

Wie ich halt auch so bin, habe ich mir, nachdem ich den ersten Schwung der Alben gehört habe und dann auch das Livealbum „Raw Melody Men“ aus dem Jahr 1991 rauf und runtergehört habe, die nächstbeste Gelegenheit genutzt und mir dieses Jahr die Band live angesehen. Und das war wirklich…mit das Beste, was ich sehen durfte. Superintensiv. Menschen um mich rum die lächelnd mitgesungen haben. Ich als Beobachter spürte da so eine positive Spannung zwischen Publikum und Band, die über 2 Stunden lang nicht abgerochen ist. Im Gegenteil. Man spürte förmlich bei den Fans die wirklich jedes Lied mitgesungen haben, wie eine Glückseligkeit sich über das großartige Ambiente legte. Aber wer das nachlesen möchte, darf gerne hier draufklicken.

Im Dezember spielte die Band in Köln an zwei Tagen hintereinander und feierten ihr 40-jähriges Bestehen. Und wer durch mein Geschreibsel angefixt ist, darf gerne, wirklich gerne sich von der Aufzeichnung selbst überzeugen. Ihr werdet es nicht bereuen!

Da der link dazu:
https://www1.wdr.de/fernsehen/rockpalast/new-model-army-einundzwanzig-medien-100.html

Diese Ausdruckstärke von Sullivan, verleiht den Songs live nochmal eine Schippe Magie obendrauf. Er spürt seine Texte förmlich und versteht, wie er das Publikum in seinen Bann zieht. Es hat was ganz Eigenes.

Wer etwas mehr von dieser Band erfahren möchte, dem lege ich diese Doku vom WDR Rockpalast sehr nahe, bei dem Sullivan sehr viel zu Wort kommt:
From Here – 40 Jahre New Model Army


Meine kleine Auswahl an Songs die man unbedingt mal gehört haben muss und die einem die Band auch näherberingen findet ihr direkt drunter. Ich verlinke einen Song, dann schlängelt ihr euch durch die Empfehlungen durch und ihr werdet sicherlich fündig bei den Rest der Songs die ich aufgezählt habe.

Bittersweet
Vengeance
Frightened
No Rest
51st State
Poison Street
I Love The World
Vagabonds
Lust For Power
Whirlwind
Someone Like Jesus
Flying Through The Smoke
Beginning
Winter
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Re: New Model Army

Beitragvon Holger Andrae » Dienstag 3. Januar 2023, 00:17

Ich gestehe, ich war der Übeltäter aus dem Spiel.

Sehr schön, wenn so etwas Früchte trägt. Ich bin da auch immer noch sehr unvollständig, aber da wird in absehbarer Zukunft noch aufgerüstet. Zuletzt kam die zweite Solo-Scheibe von Sullivan in die Sammlung, die auch wunderbar intensiv ist.
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Re: New Model Army

Beitragvon Pillamyd » Dienstag 3. Januar 2023, 00:25

Die Soloscheiben stehen auch noch auf der Liste.

Als letztes habe ich sehr viel spaß mit der "B-Sides & Abandoned Tracks" gehabt. Weil die halt jetzt auch noch Material drauf hat, die ich noch nicht kenne, aber aus der für mich spannendsten Phase der Band kommt. Eben die 80er.

Ganz klar die Entdeckung der letzten Jahre und da muss ich auch einfach Danke sagen! :)
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Re: New Model Army

Beitragvon Holger Andrae » Dienstag 3. Januar 2023, 00:28

Pillamyd hat geschrieben:Die Soloscheiben stehen auch noch auf der Liste.

Als letztes habe ich sehr viel spaß mit der "B-Sides & Abandoned Tracks" gehabt. Weil die halt jetzt auch noch Material drauf hat, die ich noch nicht kenne, aber aus der für mich spannendsten Phase der Band kommt. Eben die 80er.

Ganz klar die Entdeckung der letzten Jahre und da muss ich auch einfach Danke sagen! :)


Ja, bis jetzt wären auch die 80er meine Lieblings-Phase. Da mag ich unter anderem auch 'Better Than Them' so unglaublich gerne, weil ich den Text zu 100% nachvollziehen kann.
Falls noch nicht im Visier: Raw Meldoy Men Livescheibe. Grandios!
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Re: New Model Army

Beitragvon Pillamyd » Dienstag 3. Januar 2023, 00:31

Pillamyd hat geschrieben:Wie ich halt auch so bin, habe ich mir, nachdem ich den ersten Schwung der Alben gehört habe und dann auch das Livealbum „Raw Melody Men“ aus dem Jahr 1991 rauf und runtergehört habe, die nächstbeste Gelegenheit genutzt und mir dieses Jahr die Band live angesehen.


;-)

Ja, stimmt! "Better Than Them" habe ich unterschlagen. Darf man sich gern anhören. Ganz wunderbares Stück Musik!
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Re: New Model Army

Beitragvon Eike » Montag 16. Januar 2023, 18:47

Vielen lieben Dank für diese tolle Bandvorstellung nebst Albumführer.

Ich kenne bislang nur "Eight" näher, aber das ist wohl zu wenig.

"Thunder And Consolation" ist so ein Album, dessen Titel mir immer mal wieder über den Weg läuft. Das scheint wohl besonders beliebt zu sein.
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Re: New Model Army

Beitragvon Pillamyd » Montag 16. Januar 2023, 23:05

Danke Eike :)
Dann hat er sich ja gelohnt und ich freue mich darüber. Du wolltest ja auch einen ;-)

Ich dachte jetzt tatsächlich du kennst da etwas mehr von der Band. Da bin ich jetzt etwas überrascht oO

Ja, ich glaube schon, dass man sagen kann, dass die "Thunder And Consolation" etwas besonderes ist. Aber wie gesagt, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass du mit den Alben davor (und zwar mit jedem) eine großartige Zeit hättest.
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Re: New Model Army

Beitragvon Eike » Montag 16. Januar 2023, 23:29

Einzelne Songs sind mir schon mal untergekommen über "Eight" hinaus, aber das war dann quer durch YouTube.
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Re: New Model Army

Beitragvon Pillamyd » Montag 16. Januar 2023, 23:37

Dann am besten den Laden von vorne aufrollen :)
Es lohnt sich!

"Thunder And Consolation" ist meiner Meinung nach einfach deswegen so besonders, weil es wie oben beschrieben den typischen Post-Punk Sound durch Folk Einschübe erweitert. Sie klingen erwachsener und das ganz zwanglos. Aber immer noch typisch "New Model Army".

Wenn du nochmal reinhören möchtest, nutz einfach die Liste im Eröffnungspost ganz unten. Wie gesagt, es lohnt sich!
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Re: New Model Army

Beitragvon Pillamyd » Dienstag 12. September 2023, 13:28

https://powermetal.de/review/review-New_Model_Army/Sinfonia,40751.html

Schönes Review zu diesem Live Album. Ich schätze das wird in die Sammlung wandern. Auch wenn mich der Vergleich zu "S&M" etwas stutzig macht. Ich hätte der Band zugetraut, die Arrangements so zu gestalten, dass ein Song auch ganz anders klingen mag. Ich werde sehen...denn eigentlich darf ich mir das nicht entgehen lassen.
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