Zeitreise 02/1996: SEPULTURA - "Roots"
19.02.2026 | 16:30"ROOOOOOTS BLOOOOOODDDYYYY ROOOOOOTS" ist bis heute ein Urschrei, der durch die Metal-Szene schallt. 30 Jahre später nehmen wir das dazugehörige Album "Roots" im Langzeittest genauer unter die Lupe.
Nur wenige Alben sind im kollektiven Gedächtnis der Metal-Welt so stark mit den neunziger Jahren verknüpft wie "Roots" von SEPULTURA. Der Titeltrack brachte einen Urschrei mit sich, der noch heute auf den Campingplätzen der Festivals in aller Welt zu hören ist. Sein brutaler Groove steht sinnbildlich für den Groove Metal dieses Jahrzehnts.
Dabei markiert die Platte in vielerlei Hinsicht einen Wendepunkt in der Geschichte von SEPULTURA. Die Gruppe um die Brüder Max und Igor Cavalera sowie Gitarrist Andreas Kisser brach mit diesem Longplayer endgültig mit ihrem Sound als reine Thrash-Metal-Band. Plötzlich besannen sie sich auf den Sound ihrer brasilianischen Heimat und kombinierten diesen mit ihrer Musik. Die Mischung aus Thrash, Tribal und Groove war eine absolute Neuerung im Metal, die damals gleichzeitig geliebt und skeptisch beäugt wurde. Neue Fans wurden gewonnen, manch alte Thrasher wandten sich abwinkend ab. Es ist diese Divergenz, die das Album bis heute interessant macht.
Nicht nur musikalisch, sondern ebenfalls bandhistorisch markiert "Roots" einen Bruch. Denn es ist das letzte Album, das SEPULTURA in seiner klassischen Besetzung aufgenommen hat. Im selben Jahr verließ Frontmann Max Cavalera die Band. Die Hintergründe sind bis heute nicht ganz geklärt. Ging es darum, dass der Manager-Vertrag von seiner Frau Gloria nicht verlängert werden sollte? Waren es Eifersüchteleien zwischen den Frauen der Bandmitglieder? Oder gab es einen Streit um die Beerdigung des Sohnes von Gloria?
Auch wenn die Gründe der Trennung für die Öffentlichkeit nebulös sind, ging die Geschichte der Protagonisten weiter. SEPULTURA holte als neuen Sänger Derrick Green an Bord und veröffentlichte bereits 1998 das Nachfolgealbum "Against". Max Cavalera gründete 1997 die Band SOULFLY und legte 1998 das selbstbetitelte Debütalbum vor. Bis zum heutigen Tage gehen die Band und ihr ehemaliger Frontmann ihre eigenen Wege.
Doch während SEPULTURA derzeit auf mehrjähriger Abschiedstour um die Welt reist und die letzten Konzerte spielt, gehen wir mit unserer Zeitreise 30 Jahre zurück und werfen einen Blick in das Jahr, in dem sich für die Band vieles veränderte.

Als Teen und Twen gab es für mich in den Discos kein Halten mehr, wenn 'Ratamahatta' lief. Dem Groove dieses Songs konnte ich mich nicht entziehen. Bis heute geht er mir viel besser rein als der legendäre Klassiker 'Roots Bloody Roots'. Dafür sorgen besonders die Tribal-Einflüsse, die ich einfach großartig finde (übrigens nicht nur bei SEPULTURA, sondern ebenso bei SOULFLY-Songs). Diese machen "Roots" sicherlich zu etwas Besonderem und waren 1996 etwas ganz Neues und Aufregendes, obwohl diese Klänge streng genommen natürlich bereits auf dem Vorgänger "Chaos A.D." zu hören waren. Das Konzept wird auf "Roots" konsequenter zu Ende gedacht und mehr in den Mittelpunkt gestellt. Dabei sind ein paar absolute Hits wie die beiden bereits genannten Songs oder 'Cut-Throat' und 'Attitude' entstanden, die den Longplayer tragen und ihn wohl im kollektiven Metal-Gedächtnis verankert haben.
Doch jenseits der Hits ist meines Erachtens leider ebenso viel Durchschnitt vorhanden. Das hat damit zu tun, dass SEPULTURA auf der einen Seite zwar durch die Einflüsse der traditionellen brasilianischen Musik viel wagt, auf der anderen Seite jedoch sehr konservativ agiert. Die Lieder sind allesamt irgendwo im Midtempo angesiedelt. Ausbrüche in der Dynamik oder im Tempo werden vergeblich gesucht. Das hat auf dem Vorgänger noch deutlich besser geklappt. Generell sind sämtliche klassischen Thrash-Anteile verschwunden. Als jemand, dessen Lieblingsalben von SEPULTURA "Arise", "Beneath The Remains" und "Schizophrenia" sind, schmerzt das natürlich. So bleiben für mich am Ende von "Roots" ein paar Mega-Hits, jedoch kein Über-Album übrig, das ich in Gänze hören oder nach 30 Jahren regelmäßig auflegen mag.
Note: 7,5/10
[Dominik Feldmann]
"Roots"...ich möchte mich davon distanzieren zu sagen, dass ich das Album nicht mag. Aber sind wir doch mal ehrlich: Was SEPULTURA fünf Jahre zuvor vom Stapel gelassen hat, ist an Perfektion nicht zu übertreffen! "Arise" ist für mich DAS Thrash-Metal-Album. Klar, "Chaos A.D." und vor allem "Beneath The Remains" lösen in mir nach wie vor innerliche Freudensprünge sowie wütende Ein-Mann-Moshpits aus – doch "Arise" ist eben das Maß aller Dinge! Punkt!
Doch heute sprechen wir über "Roots", das letzte SEPULTURA-Album der goldenen Zeit mit 2x Cavalera, 1x Kisser und 1x Pinto Jr. Die Songs sind etwas simpler, stärker vom Hardcore geprägt, haben mächtige Grooves und reizen das Genre in seinen Facetten noch mehr aus als das 1993er Chaos. In jeder einzelnen Note merkt man die südamerikanische Herkunft des Vierers, keine Frage, doch "Roots" schafft es von den Songs, dem Vibe, dem Feeling und dieser puren Rohheit einfach nicht, den vorangegangenen drei Meisterstücken das Wasser zu reichen.
Chöre, Rhythmen und Grooves passen, auch die ersten vier, fünf Songs sind mächtig as fuck...doch wenn die Griffigkeit einfach fehlt, meinem metallischen Herzen dieses Album in Gänze zugänglich zu machen, und ich auch nicht über die doch unüberbrückbaren Füller-Songs hinwegsehen kann, dann ist "Roots" eben ein gutes, aber kein sehr gutes Album.
Note: 7,5/10
[Marcel Rapp]
SEPULTURA - Ratamahatta
Eine retrospektive Gruppentherapie zum 30. Geburtstag von "Roots" finde ich persönlich eine tolle Sache, weil ich endlich einmal die Gelegenheit bekomme, meine ganz eigene Rezeptionsgeschichte zu dieser Platte zu erzählen. Ich habe das Album am Tag des Erscheinens im Plattenladen meines Vertrauens in Osnabrück gekauft, wo ich damals Biologie studierte. Zwei Tage später musste mich eine gute Freundin mit sanfter Gewalt davon abhalten, die CD samt Hülle und Booklet aus dem Fenster zu schmeißen. Ich war stinksauer und fühlte mich amtlich verarscht. Was hatten wir damals noch in der Schule unsterbliche Klassiker wie "Beneath The Remains" (1989) und "Arise" (1991) abgefeiert, von wegen beste Thrash-Platten seit "Ride The Lightning" und so. Gut, da mag jugendlicher Überschwang mit dabei gewesen sein, aber es war eine großartige Zeit, Punkt.
Dann kam das Hardcore-lastige "Chaos A.D." mit den ersten prägnanten Tribal-Elementen, und ich kann Euch sagen, es gibt kaum eine Metal-Scheibe, mit der ich mich länger beschäftigt habe. Ich habe mir dieses Album wirklich Stück für Stück erarbeitet und erschlossen und ich meine nicht schönhören oder so, sondern eindringen in die Musik, eintauchen in die anthropologischen Hintergründe und so weiter; keine Ahnung, ob man so etwas heute noch macht als junger Mensch. Ich habe "Chaos A.D." tatsächlich im Laufe eines Jahres lieben gelernt – im Zivildienst hatte ich ja auch genug Zeit für solche Eskapaden.
Was dann aber folgte, war diese beschissene Collage aus fragmentarischem Urwaldgetrommel, komischen Geräuschen und verzerrtem Gebrüll namens "Roots". Ich habe das Album gehasst, für eine ziemlich lange Zeit. Später, mit vielleicht 15 Jahren Abstand, habe ich dann zum ersten Mal eine SOULFLY-Platte gehört. Ich sollte wohl dazu sagen, dass ich mich in der Zwischenzeit aus ganz anderen Gründen intensiv mit Weltmusik im weiteren und Tribal Music im engeren Sinne beschäftigt hatte, weil mich das Aufeinandertreffen von Körperlichkeit und Spiritualität in dieser Musik sehr interessierte. Und tatsächlich hatte ich auf einmal das Gefühl, ich verstünde "Roots", das eigentlich kein SEPULTURA-Album mehr ist, sondern eher das Debüt von SOULFLY.
Es ist ein faszinierendes Experiment mit all den zwingend dazu gehörenden Ecken und Kanten, das später in den programmatischen Ausruf 'Back to the primitive, fuck all your politics" mündete. Ich höre "Roots" seither natürlich mit ganz anderen Ohren: nicht mehr mit denen eines gekränkten Jünglings, dessen geliebtes Spielzeug nicht mehr so funktionieren wollte, wie er das gerne gehabt hätte, sondern mit dem respektvollen und kundigen Blick eines Erwachsenen, der inzwischen glaubt verstanden zu haben, wie unsagbar großartig und spannend die verzweigten Wege des musikalischen Ausdrucks tatsächlich sein können.
Diese wechselhafte Geschichte ist natürlich schlecht in eine Note zu fassen. Ich werde es trotzdem versuchen, erstens, weil ich kein Spielverderber sein will und zweitens, weil Zahlen eh Schall und Rauch sind beim Anblick eines so wichtigen und spannenden Stücks Musikgeschichte. Wer gerne mal wieder über den Tellerrand des zeitgemäßen Metals hinweg gucken möchte, dem sei die intensive Beschäftigung mit "Roots" ans Herz gelegt. Es kann allerdings ein bisschen dauern, bis es "klick" macht...
Note: 9,0/10
[Martin van der Laan]
Also auch Chefredakteure haben offensichtlich nicht immer Recht, denn das mit Abstand stärkste SEPULTURA-Album ist mit Sicherheit nicht "Arise" sondern das wunderbare "Chaos A.D.", lieber Marcel, das für mich bis heute Maßstäbe dafür setzt, wie man Thrash, Groove und Weltmusik-Elemente perfekt miteinander verbinden kann. Nur kurz dahinter kommt für mich "Roots" über die Ziellinie, wobei ich im Gegensatz zu Martin das Glück eines anderen Blickwinkels habe. Mein Einstieg in die Cavalera-Welt war nämlich "Prophecy" von SOULFLY, sodass "Roots" dann bei der Ahnenforschung im Werdegang von Max Cavalera nicht wie eine Fehlfunktion des zuvor geliebten Thrash-Spielzeugs wirkte, sondern als Brückenschlag zwischen Vergangenheit und SOULFLY-Gegenwart komplett Sinn machte.
Und Martin hat eigentlich auch schon angedeutet, worin die Stärke und Kraft von "Roots" im Kern liegt. Das hier ist kein Album, das man als Connoisseur auf der heimischen Couch nach musikalischen Winkelzügen durchsucht, sondern es ist eine Sammlung von Songs, die man erleben und vor allem fühlen muss. Nirgendwo wurde mir das so klar, wie auf der "Roots"-Tour der Cavalera-Brüder, die das Album passend zum damaligen 20. Geburtstag nochmals in Gänze auf die Bühne brachten.
Ich habe viele wilde Konzerte erlebt, aber gut eine Stunde voller Mosphits, fliegender Körper, Schweiß und Crowdsurfer, bei der sich auch Mitdreißiger wieder benahmen wie Teenager, machte deutlich klar, dass "Roots" unentdeckte Fähigkeiten hat. Was SEPULTURA hier 1996 gezaubert hat, war nämlich nicht nur seiner Zeit voraus, sondern ist auch weniger Musik als ein musikalischer Draht in die ursprünglichen Kernregionen unseres Gehirns, wo sich Emotionen tummeln, zu denen wir sonst selten den Zugang finden. "Roots" zerrt diese kompetent und unaufhaltsam aus den tiefsten Hirnwindungen und schert sich dabei zumeist nicht darum, dass die Songs gerade im hinteren Drittel in sich betrachtet nicht zwingend die großen Hits sind. Nein, "Roots" ist ein Werk, das man vielleicht auch in der richtigen Stimmung oder gar im richtigen Alter (bei mir war es die ungestüme Teenager-Zeit) erleben muss, um es komplett zu verstehen und lieben zu lernen.
Doch keine Sorge, auch in Sachen Songs gibt es natürlich die bekannten Highlights, die auch Marcel oder Dominik schon erwähnt haben. Doch auch wenn 'Roots Bloody Roots' sich praktisch als alles überstrahlender Hit aufdrängt, ist "Roots" im Kern eigentlich ein Gesamterlebnis, das auch nur so genossen wirklich seine komplette Wirkung entfaltet. Für mich ist die Scheibe dann auch ähnlich wie für Martin ein spannendes und unheimlich wichtiges Stück Metal- oder gar Musikgeschichte, das man kennen muss!
Note: 9,5/10
[Tobias Dahs]
Vielleicht haben Martin und Tobias Recht und man muss "Roots" als Konzeptstudie für SOULFLY betrachten. Ganz bestimmt hat Tobias auch damit Recht, dass "Roots" live total reinschlägt. Wenn ich mir aber ins Gedächtnis rufe, dass dies weder ein Konzertbericht, noch eine Analyse über Max Cavaleras gesamtmusikalisches Schaffen, sondern eine Gruppentherapie rein zum Album ist, bin ich ganz bei Dominik und Marcel.
"Roots" war Bestandteil der ersten Schwünge meiner damals schnell wachsenden Sammlung gitarrenlastiger Musik, beim erneuten Durchhören wurde mir aber wieder einmal klar, warum das Album, anders als einige Zeitgenossen, es nie in die Dauerrotation geschafft hat. Klar, 'Roots Bloody Roots' ist absolut verdient ein legendärer Song. Generell ist der Beginn des Albums bockstark, danach fällt es aber sehr schnell ab und die Skip-Taste kommt in den Dauerbetrieb. Dabei hat SEPULTURA hier eigentlich eine großartige Platte produziert – man müsste nur die Hälfte der Songs rausschneiden.
Gib mir die ersten vier Songs, dazu noch 'Straighthate', 'Dusted', 'Born Stubborn' und 'Ambush' oder 'Endangered Species' und ich gebe dir mindestens neun Punkte für ein hammergeiles Album mit acht oder neun Songs. Aber leider hat man das Album unnötigerweise mit derart viel Beiwerk aufgebläht, dass ich zukünftig wieder sehr bewusst darauf verzichten werde, mir "Roots" als Ganzes anzuhören.
Trotzdem hat natürlich auch Tobias am Ende wieder Recht damit, dass "Roots" berechtigterweise einen Platz in der Musikgeschichte für sich reklamiert – und sei es nur als Abschlusswerk von der ersten und wahren Inkarnation von SEPULTURA.
Note: 7,0/10
[Chris Schantzen]
SEPULTURA - Roots Bloody Roots (Live vom Pinkpop Festival 1996)
Spannend!
Gesamterlebnis und ein Stück Musikgeschichte versus mit unnötig viel Beiwerk aufgebläht und nicht in Gänze hörbar. Ich darf mich bei ersterer Position mit einsortieren und würde nun nicht auf die Idee kommen zu skippen – wobei, zugegeben, die finalen 13 Minuten 'Canyon Jam' sind mir dann doch "too much".
Was ich jedoch manchmal mache, das ist bei Song 2 (oder 3) anzufangen, wenn ich "Roots" auflege. Denn neben den Evergreens, derer man vielleicht wirklich ein bisschen überdrüssig sein kann (außer in der Live-Situation selbstverständlich), haben mich immer auch zweite-Reihe-Songs wie 'Cut-Throat', 'Breed Apart', 'Born Stubborn' und 'Endangered Species' begeistert, weil da einerseits unbändig Gift und Galle gespuckt wird, andererseits aber nicht lediglich stumpfe Riffs aneinandergeklatscht werden, sondern musikalisch so viel passiert. Die akustischen Zwischenspiele und Tribal-Elemente haben für mich zudem die Spannung immer noch erhöht vor dem nächsten Riffkoloss und gehören im Albumkontext untrennbar dazu.
Ich fand SEPULTURA für eine Band dieses Härtegrades immer extrem wandlungsfähig und habe das stets begrüßt beziehungsweise war da meistens mit an Bord, wenn die Band mal wieder neue Wege beschritt. Und "Roots" ist nun mal das Album in der Bandgeschichte, bei dem das am deutlichsten zu Tage trat, gerade nach dem Erfolgswerk "Chaos A.D.", wobei das rückblickend betrachtet den Weg sicherlich schon vorgezeichnet hat, wie hier bereits richtig erwähnt wurde.
"Roots" ist ein Orkan, der seinesgleich sucht! Und natürlich ein wegweisendes Album, das mir nach 1992 und dem Debüt von RAGE AGAINST THE MACHINE ein zweites Mal innerhalb weniger Jahre zeigte, was in harter Musik so alles möglich war, wenn man mal ein Stück weiterdachte und die ausgelatschten Pfade verließ.
Marcel hat trotzdem Recht – nicht, weil er das als Chef ohnehin hat und auch nicht mit seiner Conclusio zur "Roots"-Scheibe, sondern weil ich ebenfalls "Arise" als die unumstrittene Krone der brasilianischen Schöpfung ansehe – aber direkt dahinter kommt "Roots" für mich. Vielleicht ein extremer Ausreißer auch für SEPULTURA-Verhältnisse und Vorbote von Max' Soloeskapaden mit SOULFLY, aber langweilig wurde es jedenfalls nicht im SEPULTURA-Camp in den Mittneunzigern.
Ganz besonders toll war es zudem, dass ich mir das Ding damals als "The Roots Of Sepultura" zugelegt habe – inklusive einer zweiten Bonus-CD mit unveröffentlichten, rohen Demo- und einigen Coversongs sowie etlichen Livetracks. Auch diese Scheibe wurde damals rauf- und runtergenudelt und lief sich ebenso wie die "Roots" einfach nicht tot. Einmaliger, exzellenter Stoff. Those were the days...
Note: 9,5/10
[Stephan Voigtländer]
Voll im Sinne des Vorworts stimme ich zu: Wenn Du einem Alien beibringen sollst, wie Metal in der 90ern klang, spiele ihm 'Roots Bloody Roots' vor. Ein ikonischer Song, der sich mit allergrößter Wucht ins Gedächtnis groovt, zum dem – wie es Dominik schon beschreiben hat – massenweise Jugendliche auf den Tanzflächen dieser Welt abgegangen sind. Meine war das Jugendhaus Herrenberg. Zehn von Zehn für diesen Kracher, auf den später auch noch 'Ratamahatta' folgte.
Der Rest?
Sorry, da muss ich leider mehr oder weniger passen. Ich habe diese Musik weder live erlebt wie Tobi, noch habe ich mich wie Martin intellektuell damit tiefer auseinandergesetzt. Ich erlaube mir, ganz simpel und schnöde zu sagen: Es gefällt mir nicht. Und obwohl ich "Arise und "Chaos A.D." sehr mag, war die Band für mich nie so sehr "god's gift to metal" wie für einige meiner Vorredner.
Das Album ist mir zu lang und bei der Länge zu gleichförmig, manchmal kommen Noiseorgien, die eher an den Nerven zerren als sie positiv zu stimulieren und die Tribal-Passagen finde ich oft, ähem, langweilig. Aber so ist das mit Kunst. Manche fühlen sie, lassen sich von ihr bewegen, für andere kann sie weg. So weit möchte ich aber nicht gehen. Die beiden Hits sind für mich essentiell und hieven das Album in die obere Notenhälfte.
Note: 6,0/10
[Thomas Becker]

Es geht ja hier um "Roots", aber ich muss wohl erst einmal einen kurzen Exkurs machen: SEPULTURA war mit mit den ersten Alben zu hart. Ja, ich habe DEATH gehört und POSSESSED, aber das fand ich immer origineller, SEPULTURA traf meinen Nerv nicht. Irgendwann habe ich dann "Arise" gekauft und konnte da durchaus mal ein, zwei Lieder hören. Klassiker? Alt sind sie, okay, für mich aber auch nicht mehr. Richtig an die Band kam ich erst mit "Chaos A.D." heran.
So gesehen ist "Roots" für mich also ein frühes Seppel-Album, bei dem ich sofort den künstlerischen Tribal-Ansatz liebte. Das war neu, ungewöhnlich, das musste intensiv angehört werden. Nach einer Weile allerdings entpuppten sich einige der Perkussionssequenzen eher als hinderlich für die einzelnen Songs, "Roots" funktioniert am besten am Stück. Als ich das ganze Album dann von der CAVALERA CONSPIRACY live erlebt habe, hat sich das wieder bewahrheitet, die Zwischenspiele stören in einem anderen Zusammenhang als einer Stunde "Roots" am Stück mehr, als sie faszinieren.
So bleibt am Ende ein ambitioniertes Album mit einigen sehr guten Stücken, das als Gesamtkunstwerk und als Statement kaum hoch genug gelobt werden kann, aber auch weit davon entfernt ist, regelmäßig in den Player zu hüpfen. Trotzdem gehört es zu den Metal-Hausaufgaben, das Album zumindest zu kennen.
Note: 7,0/10
[Frank Jaeger]
Also, der Quasi-Titelsong ist natürlich ein absoluter, unstrittiger Klassiker. Ansonsten gelingt SEPULTURA mit "Roots" ein Album, das deutlich besser ist als sein Ruf. Während die meisten Tribal-Versuche im Metal wirklich desaströs endeten, ist hier ein Scheibchen entstanden, das Max später mit SOULFLY mehrfach versucht hat zu kopieren. Mit "Prophecy" ist der Stil vielleicht sogar noch besser gelungen. Thrash Metal sucht man hier vergeblich. Der war auf "Chaos A.D." ja schon weitestgehend aussortiert worden, aber das Album ist so überragend, dass man darüber gerne hinwegsehen kann. Dass zwischen "Roots" und dem Überalbum "Arise" (eines der besten Thrash-Alben aller Zeiten) nur wenige Jahre liegen, ist rückblickend nur schwer zu verstehen. Wie konnte die Band diesen Weg nehmen? Ich glaube, als Fan der frühen Klassiker wäre ich entsetzt gewesen. Aber als Spätgeborener gehörte SEPULTURA irgendwie zu den härteren Bands, die man als Shirt auf dem Schulhof rumlaufen sah – zwischen SLIPKNOT, AMON AMARTH, CHILDREN OF BODOM oder IMMORTAL. Ich kann mir "Roots" heute problemlos anhören, gestehe aber auch: Wenn ich Bock auf SEPULTURA habe, dann wird es meist "Arise", "Chaos A.D." oder meinetwegen "Beneath The Remains" – und auch manche Post-Max-Alben laufen häufiger als die Wurzeln. Trotzdem, im Sinne unseres Notensystems lande ich wohl konsequent bei der unten zu findenden Note. Denn die Hits sind ja nicht zu bestreiten.
Note: 8,5/10
[Jonathan Walzer]
Fotocredits:
Dominik Feldmann (Cover und Backcover)
Jan Heesch (Andreas Kisser live in Offenbach bei der Abschiedstour von SEPULTURA)
Stephan Voigtländer (SEPULTURA live in Leipzig bei der Abschiedstour, Poster)
- Redakteur:
- Dominik Feldmann





