Zeitreise 01/1996: DIE TOTEN HOSEN - "Opium fürs Volk"
26.01.2026 | 16:54Meisterwerk des deutschen Punkrocks oder doch eher miefiger Deutschrock?
Neben unseren "Oasen der Nostalgie" haben wir uns für dieses Jahr ein zweites Gruppentherapie-Format ausgedacht, das sich auch mit historischen Alben beschäftigt. Doch wärend die "Oasen" auf der Zeitachse weiter zurückgehen und eher weniger bekannte und beachtete Perlen aus dem (proto-)metallischen Untergrund beleuchten (z.B. HEIR APPARENTs "Graceful Inheritance"), wenden wir in der Rubrik "Zeitreise" eher einen Blick auf einflussreiche, allgemein bekannte, also eher "große" Werke der Metal- und Rockmusik. Das ist stilistisch breiter angelegt und wir picken hier Alben aus den letzten 20-50 Jahren heraus.
Unsere erste "Zeitreise" führt uns in die nordrhein-westfälische Hauptstadt Düsseldorf. Die bekanntesten Kinder dieser Stadt sind wohl DIE TOTEN HOSEN, die vor 30 Jahren, am 26. Januar 1996, ihr Album "Opium fürs Volk" veröffentlicht haben. Zur allgemeinen Überraschung hat sich herausgestellt, dass sich in der POWERMETAL.de-Redaktion doch etliche HOSEN-Fans befinden. Andere verbinden wiederum eher Jugenderinnerungen mit ihnen oder stehen ihnen in wohlwollender Abneigung gegenüber. So werfen wir anlässlich des Jubiläums einen kontroversen Blick auf eines ihrer bekanntesten Alben.
Für DIE TOTEN HOSEN selbst ist die "Opium fürs Volk" ein besonderes Album. Denn es ist der erste Longplayer, der bei der eigenen Plattenfirma "Jochens kleine Plattenfirma (JKP)" erschienen ist. In kommerzieller Hinsicht wurde es ein absoluter Erfolg. Nicht nur landete die Scheibe genau wie die beiden Vorgänger "Kauf mich" und "Auf dem Kreuzzug ins Glück" auf Platz 1 der deutschen Albumcharts, sondern mit '10 kleine Jägermeister' erzielten die Düsseldorfer ihre erste Nummer-1-Single. Mit der "Ewig währt am längsten"-Tour spielten sie ihre bis dahin erfolgreichste Konzertphase. Diese wurde auf ihrer zweiten Live-Platte "Im Auftrag des Herrn" verewigt.
Das große Finale der "Opium fürs Volk"-Zeit sollte 1997 das 1000. Konzert im ausverkauften Düsseldorfer Rheinstadion werden, welches vom Pay-TV-Sender Premiere live übertragen wurde. Doch dann wurde der Abend zur Katastrophe. Als DIE TOTEN HOSEN auf der Bühne waren, drückte die Menge zu stark nach vorne. Es kam zur Panik. Mehrere Schwerverletzte mussten aus der Menge gezogen werden. Ein 16-jähriges Mädchen überlebte dabei nicht. Aufgrund dieser Ereignisse zogen sich DIE TOTEN HOSEN zunächst zurück, um sich neu zu orientieren.
Anlässlich des Jubiläums widmen sich die Punkrocker auch wieder der "Opium fürs Volk", indem sie am 30. Januar 2026 einen ausgiebigen Re-Release auf Vinyl samt etlicher Bonustracks herausbringen. Passend zu dieser Veröffentlichung beginnen wir unsere Zeitreise mit dieser Platte.
Zu Beginn vielleicht ein Outing: Keine Band hat mich in meinem Leben so sehr beeinflusst wie DIE TOTEN HOSEN. Von keiner Gruppe besitze ich mehr physische Tonträger, bei keiner anderen Band war ich öfter auf einem Konzert. Dabei habe ich zur "Opiums fürs Volk" eine der engsten Verbindungen. Das Erscheinen der Platte war damals mein erster bewusster Kontakt mit den Düsseldorfern. Rückblickend betrachtet empfinde ich die Platte als noch viel spannender als bei meinen ersten Hördurchgängen.
Auf keinem anderen Album haben DIE TOTEN HOSEN so viel Zeitgeist in die Musik gelassen wie hier. Die Spuren von der Crossover- und Alternative-Welle der 1990er Jahre sind in Liedern wie 'Mensch', 'Die zehn Gebote', 'Nichts bleibt für die Ewigkeit' (im Zusammenhang mit der folgenden Reggae-Dub-Version 'Ewig währt am längsten') oder dem brachialen 'Seelentherapie' deutlich herauszuhören. DIE TOTEN HOSEN sprengen ihre eigenen Genregrenzen. So wagt 'XTC' sogar den Schritt in den Techno dieses Jahrzehnts.
Verantwortlich für diese Neuausrichtung ist sicherlich auch der Einfluss von FAITH NO MORE, die den deutschen Punkrockern damals als Vorbild dienten. Trotzdem sind die musikalischen Wurzeln nach wie vor zu erkennen. 'Und wir leben', 'Und so weiter' oder das eher mainstreamig gehaltene 'Bonnie & Clyde' zeugen davon.
Dazu geht das Konzept der Platte, für das sich Campino mehrere Wochen ins Kloster zurückgezogen hat, für mich voll auf. Die großen Fragen der Menschheit und der Religion werden auf anspruchsvolle Weise behandelt. Das geschieht in einer von Anfang bis Ende erzeugten düsteren und drückenden Atmosphäre. Auch das war etwas Neues. Bis dahin waren bei den TOTEN HOSEN immer noch die Reste der lustigen, chaotischen und bunten Truppe aus den Achtzigern zu erkennen. Das alles flog mit der "Opium fürs Volk" endgültig über Bord. Ich mag diese ernsthafte, nachdenkliche Seite.
Natürlich probiert 'Zehn kleine Jägermeister' zum Ende als erster Nummer-1-Hit der Band einen ulkigen Abschluss. Und ja, ich hasse das Lied. Es nervt mich. Im Kontext dieses Longplayers kann ich es mir allerdings tatsächlich anhören. Das klingt skurril, ist aber so. Es entlässt mich irgendwie entspannt.
Kurzum: Die "Opium fürs Volk" ist für mich eines der besten deutschsprachigen Alben aller Zeiten. Die Scheibe bildet das Ende der unantastbaren Meisterwerk-Quadrologie aus "Ein kleines bisschen Horrorschau", "Auf dem Kreuzzug ins Glück", "Kauf mich" und eben "Opium fürs Volk".
Note: 10/10
[Dominik Feldmann]
Ich kann mich kurzfassen und stimme Dominik zu: "Opium fürs Volk" ist zusammen mit "Die Bestie in Menschengestalt" von Doktoren aus Berlin das beste Album einer deutschsprachigen Punk-Rock-Band. Ein Album gespickt mit Bandklassikern und Liedern, die mir, obwohl ich die Scheibe seit Jahren nicht mehr gehört habe, zu verschiedensten Zeitpunkten in Erinnerung kommen und zum Ohrwurm werden. Sei es 'Mensch', 'Und so weiter' oder 'Und wir leben' - mir kommen die Refrains regelmäßig in Erinnerung. Und auf diesem Album haben die Düsseldorfer einen Beitrag zur Bildung geleistet, denn es gab sicherlich nicht wenige Jugendliche, die mit Hilfe des Songs 'Die zehn Gebote' eben jene für den Religions- und/oder Konfirmationsunterricht auswendig gelernt haben.
Note: 10/10
[Mario Dahl]

"Opium fürs Volk" ein prägendes Album für meine musikalische und menschliche Entwicklung zu nennen, wäre schlichtweg eine Untertreibung. Es gibt in meinem Leben eine Zeit vor "Opium fürs Volk" - diese war gefüllt mit den musikalischen Werken von Tschaikowski, Bach, Schubert und Mozart - und eine Zeit danach. In dieser rissen von einem Tag auf den anderen Campino, Kuddel, Andi, Wölli und Breiti das Zepter an sich, und legten das Fundament, auf dem dann später DIE ÄRZTE, MEGADETH, MACHINE HEAD und SLIPKNOT ihre Monumente errichteten.
Dabei bin ich eigentlich nur bei den HOSEN gelandet, weil meine Klassenkameradinnen und -kameraden zu der Zeit alle 'Zehn kleine Jägermeister' gesungen haben, welches mir vollkommen fremd war - Kräuterschnäpse waren "meinen" klassischen Komponisten wahrscheinlich nicht vollkommen fremd, musikalisch behandelt wurden sie jedoch nur sehr selten. So bin ich dann mit elf Jahren mit meinem Opa ins Musikgeschäft gegangen und hab mir "diese CD mit diesem Jägermeister-Lied" gekauft. Eine Woche später hatte ich meine ersten fünf Alben gekauft und alle fünf kamen aus Düsseldorf.
Sich nach all diesen Jahren nun kritisch mit "Opium fürs Volk" auseinanderzusetzen, birgt daher für mich auch emotionale Sprengkraft. Die musik-stilistischen Exkurse hat Dominik ja bereits erörtert. Und auch wenn die musikalische Öffnung zu den Charts und dem Zeitgeist hin für DIE TOTEN HOSEN die absolut richtige Entscheidung war, komm ich nicht umhin festzustellen, dass ein Song wie 'XTC' gerne auch dem Schnitt zum Opfer hätte fallen dürfen. Auch ein paar weitere Lieder werden heute selbst bei den treusten Fans nicht mehr täglich durch die Playlisten laufen. Dem gegenüber stehen dann natürlich zeitlose Klassiker wie 'Bonnie & Clyde' oder 'Paradies', welche ich auch heute noch im Schlaf mitgrölen kann.
Ein Sonderlob gibt es für die Punk-Rocker auf der Textseite. Neben der Religionskritik als Hauptthema des Albums, welche Zeloten den Spiegel vorhält, schaffen sie es eine Vielzahl an Themen zu behandeln, welche auch heute noch nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Bei 'Und so weiter...' und 'Er denkt, sie denkt' nimmt man sich der Stumpfheit des Alltags und der Alexithymie vom klischeehaften "alten weißen Mann" an, während bei 'Bonnie & Clyde', 'Der Froschkönig', 'Lügen' und 'Seelentherapie' die rohen und echten Emotionen von Liebe und Freundschaft auf den Tisch geknallt werden. Bei 'Böser Wolf' zeigt der Schrecken von sexuellem Missbrauch an Kindern seine hässliche Fratze und mit 'XTC' setzt man sich erfrischend ehrlich mit Drogenkonsum auseinander, ohne diesen zu beschönigen oder zu verteufeln. Dazwischen widmet man sich dann noch ganz beiläufig der Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Neben der erwähnten musikalischen Öffnung schaffen DIE TOTEN HOSEN auch thematisch mehrmals den beeindruckenden Spagat zwischen Höhen und Abgründen des Menschen.
Notentechnisch stehe ich vor dem Dilemma, dass das Album natürlich emotional alle Boxen bei mir tickt und mein Leben in sehr vielen Belangen entscheidend geprägt hat - das würde jetzt nach der 10 schreien. Musikalisch muss ich allerdings ein paar Abzüge eingestehen, welche die Platte eher in den 7,5-8er Bereich ziehen würden. Zum Glück erlaubt mir die POWERMETAL.de-Notenskala da einen eleganten Ausweg, denn den Klassikerstatus kann niemand "Opium fürs Volk" ernsthaft absprechen wollen. Davon wird die Welt nicht untergehen, Mensch ärger dich nicht!
Note: 9,5/10
[Chris Schantzen]
So, bei all dem Jubel hier und den sehr subjektiv gefärbten Blickwinkeln braucht es mal etwas nüchterne Realität von jemandem, für den die Punker aus Düsseldorf nicht so ein prägender Einfluss waren. Meine Punk-Erstberührungen fanden nämlich im amerikanischen Raum statt und bezogen sich auf Bands wie BAD RELIGION oder RISE AGAINST, die in dieser Hinsicht natürlich auch die Messlatte für Gesellschaftskritik recht hoch angelegt haben. Selbige überspringen DIE TOTEN HOSEN dann mit ihrem Kommentar auf "Opium fürs Volk" nicht immer, sondern pendeln wie in der Bandgeschichte gewohnt zwischen abgedroschenen Platitüden und Texten, die einem wirklich durch Mark und Bein gehen. Positiv sind dabei mit Sicherheit Nummern wie 'Böser Wolf', 'Nichts bleibt für die Ewigkeit' oder 'Mensch' zu erwähnen, die gemeinsam mit 'Bonnie & Clyde' auch heute noch Klassikerstatus genießen. Andererseits empfinde ich etwa Songs wie 'Und wir leben' oder 'XTC' lyrisch als reichlich platt und abgedroschen, was für mich gemeinsam mit ein paar zu weit gehenden musikalischen Experimenten - was bitte soll diese maßlos sinnlose Dub-Version von 'Ewig währt am längsten'? - die Platte im Gesamterlebnis und auch im Notenschnitt nach unten drücken. Die von Chris angesprochenen 7,5 bis 8 Zähler sind da schon die richtige Region, auch wenn der kulturelle Einfluss der Scheibe natürlich davon unberührt unbestritten bleibt. Und so lande ich am Ende bei guten acht Zählern, auch wenn ich mich wirklich zusammenreißen muss, für das maßlos dämliche Sauflied 'Zehn kleine Jägermeister' nicht alleine zwei Zähler obendrauf abzuziehen. Ja, "Opium fürs Volk" ist ein wichtiges Album für den Deutschpunk und DIE TOTEN HOSEN, ohne rosarote Brille betrachtet, erreicht es aber nicht den Klassikerstatus in unserer Notenskala.
Note: 8,0/10
[Tobias Dahs]
Meine Beziehung zu DIE TOTEN HOSEN ist wohl am ehesten mit einer oberflächlichen Urlaubsliebe zu vergleichen. Man ist für einen flüchtigen Zeitraum glücklich miteinander und dann geht man auseinander, jeder macht weiter sein Ding, man vergisst sich und findet eine neue Liebe. Genauso war es, als damals der Verfasser dieser Zeilen, mit 14 Jahren, auf dieses Album traf und für ein paar Wochen sehr glücklich damit war. Wenn man nun nach 30 Jahren besagte Urlaubsliebe wieder trifft, fragt man sich aber auch, was man damals so gut an ihr fand? Nun habe ich "Opium fürs Volk" knapp 30 Jahre nicht gehört und muss für mich festhalten: Es gefällt mir zwar immer noch gut, aber der Lack ist schon ein wenig ab. Klar, die Klassiker wie 'Nichts bleibt für die Ewigkeit', 'Böser Wolf' und das damals skandalträchtige 'Bonnie & Clyde' sind auch heute noch relevant, gut gealtert und machen Spaß beim Hören. Allerdings sind auf dem Album auch einige Ausfälle wie 'XTC', 'Er denkt, sie denkt' und 'Der Froschkönig' vertreten, die meinen Eindruck doch trüben. So bleibt am Ende für mich nur das Fazit: Es war damals ganz nett zusammen, aber man ist auch nicht betrübt darüber, dass aus diesem Flirt nicht die große Liebe geworden ist.
Note: 7,5/10
[René Juffernholz]
DIE TOTEN HOSEN - 'Seelentherapie' (Live während der "Ewig währt am längsten"-Tour 1996 von der Livescheibe "Im Auftrag des Herrn")
HOSEN oder ÄRZTE? Da war ich nie dogmatisch unterwegs, aber meine Tendenz ging immer mehr Richtung Berlin statt Düsseldorf, sowohl musikalisch wie auch textlich. Natürlich kenne ich die Hits von Campino und Co., aber so richtig eingetaucht in die Welt der Burschen war ich nur zu "Alex"-Zeiten und selbst das blieb ein kurzes Intermezzo. Der Grund dafür manifestiert sich sofort auch auf "Opium fürs Volk". Grundsätzlich finde ich die Punklieder musikalisch gut, 'Mensch', 'Nichts bleibt für die Ewigkeit', 'Und so weiter', 'Und wir leben', 'Seelentherapie', aber die andere Hälfte der Platte sind seichte, deutschsprachige Rocksongs ohne Widerhaken wie 'Böser Wolf' oder das schreckliche 'Ewig währt am längsten'. Dazu hat Campino gute Ideen, was seine Themen angeht, die lyrische Umsetzung allerdings lässt mich meistens kalt. Ja, sogar in 'Lügen', 'Die Fliege' oder dem potentiellen Knaller 'Böser Wolf', dessen Lyrik ich wohlwollend als ungelenk, weniger wohlwollend als platt bezeichnen würde, sodass außer einem leisen "Puff" nichts passiert. Oft berührt es mich einfach nicht. Das beste Beispiel ist 'Viva la Revolution', wo jeder Vers starke Ansätze bietet, die Zeilen aber oft knapp aneinander vorbeireimen, dazu die Musik so stromlinienförmig klingt, als würde Campino nicht die eigene Anpassung anprangern, sondern nostalgisch der guten, alten Zeit nachtrauern. Zudem stört mich der unnötige Dreisprachen-Mischmasch. Und selbst wenn es mal eher albern zugeht wie in 'Zehn kleine Jägermeister', fehlt mir da entweder der Biss oder die Anarchie.
Natürlich ist das ganze Album handwerklich gut und weit davon entfernt, ein schlechtes deutsches Rockalbum zu sein. Nur habe ich absolut keinen Drang, diese CD jemals wieder in den Schacht zu werfen. Daher ist die Bewertung klar, einen halben Punkt unter der persönlichen Kaufgrenze.
Note: 6,5/10
[Frank Jaeger]
Da kann ich Frank nur teilweise beipflichten, was aber vor allem an den ganz anderen persönlichen Hintergründen liegt. Denn ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich anno 1996 zusammen mit meinem Bruder das Taschengeld zusammengekratzt und eine meiner ersten CDs überhaupt gekauft habe: DIE TOTEN HOSEN mit "Opium fürs Volk". Warum die Wahl ausgerechnet auf das Album gefallen ist, vermag ich gar nicht mehr genau zu sagen, wahrscheinlich hatte es mit dem ersten Nummer-Eins-Song 'Zehn kleine Jägermeister' und dem dazugehörigen eindrucksvollem Video zu tun. Auf jeden Fall wiegen nostalgische Begebenheiten, wie eben jenes und andere Videos auf MTV (wo mittlerweile vieles, aber keine Musikvideos mehr gespielt werden), das Blättern im Booklet und auch der Ausbruch aus "kindlichen" Hörgewohnheiten latent mit, wenn ich an "Opium fürs Volk" denke. Irgendwie ging das Album im Laufe der Jahrzehnte jedoch verloren, bis ich es vor Kurzem in einem Second-Hand-Laden in Jena wiedergefunden habe - der erste Hördurchgang war sofort sehr vertraut, ich wusste sofort, welches damals meine Lieblingslieder waren.
Es sind nicht nur die vermeintlichen "Hits" wie 'Nichts bleibt für die Ewigkeit', 'Bonnie & Clyde' oder einer meiner Alltime-Favorites der Band 'Paradies' mit ihren bissigen Texten, die der Soundtrack einer Generation waren, sondern auch Songs wie 'Mensch', 'Böser Wolf' und das für HOSEN-Verhältnisse relativ harte 'Die zehn Gebote', deren lyrische Tiefe ich als Jungspund noch gar nicht verstehen konnte, die das Album aber zu einem Stück zeitloser Musik machen. Meine weitere musikalische Sozialisation neigte jedoch deutlicher zum Metal, insbesondere Progressive Metal, von daher ist "Opium fürs Volk" tatsächlich das einzige Album von DIE TOTEN HOSEN, das in meiner Sammlung steht - und nun einen festen Platz hat!
Note: 9,0/10
[Jakob Ehmke]

Punk Rock im Allgemeinen und DIE TOTEN HOSEN im Besonderen haben bei mir noch nie eine große Rolle gespielt. So hätte ich hier auch viel lieber einen dreißigjährigen Metal-Klassiker therapiert. Doch seht mich überrascht, wie viele Kollegen mit "Opium fürs Volk" dann doch eine Liebschaft eingegangen sind, sei es flüchtig wie Rene oder für die Ewigkeit wie Dominik, Mario, Chris oder - für mich am erstaunlichsten - unser Djent-Jakob.
Machen wir es kurz hier: Nach den zwei ersten und wohl einzigen Durchgängen stelle ich erwartetermaßen fest, dass ich die meiste Musik, die mir "Opium fürs Volk" bietet, nicht mag. Zwar ist man stilistisch relativ breit aufgestellt, aber die Art und Weise, wie die Musik vorgetragen und interpretiert wird - mache nennen das wohl die Attitüde - passt mir nicht, nervt, vor allem der Gesang. Doch ist Campino nicht ein maximal angepasster Talkshow-Promi mit etwas wirren Haaren?
Ich lese, dass sich die HOSEN-Liebe bei vielen Kollegen auch über die Texte entwickelt hat. Dazu wurde schon viel geschrieben und ich möchte dies nicht bewerten. Mir geht es hier am ehesten wie Frank. Es wabert immer irgendwie eine Proll-Aura um die Musik und so auch die Lyrics, deswegen mag ich das einfach auch nicht allzu nah am mich heran lassen. Dann lieber - viel lieber - völlig wertneutrale SABATONsche "Noch ein Bier"-Chöre!
Note: 5,5/10
[Thomas Becker]
"Opium fürs Volk" - mein erster Gedanke: "Ach ja, die hast du damals gekauft, ins Regal gestellt und vergessen." Was für ein Trugschluss. Denn kaum rotiert die Scheibe, merke ich: Ich kenne fast jede Zeile. 'Bonnie & Clyde', 'Paradies', 'Böser Wolf' - das Album ist vollgestopft mit Hits, die sich tief ins Unterbewusstsein gebrannt haben.
Dabei muss ich gestehen: Musikalisch und inhaltlich überrascht mich heute die Ernsthaftigkeit der Platte, auch wenn sie qualitativ deutlich über der (von mir weniger geliebten) "Kauf MICH!" steht. Aber tatsächlich wurde meine HOSEN-DNA zu Zeiten von "Opelgang", "Damenwahl" und vor allem der "Unter falscher Flagge" codiert. Als eben auch die GOLDENEN ZITRONEN aus Hamburg, die ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN aus Hannover und eine Reiher weiterer Funpunk-Bands einen Hit nach dem anderen nach bewährter C-Em-F-G-Folge rausballerten.
Wenn ich an meine persönliche Bestzeit mit Campino & Co. denke, bin ich nicht im Jahr 1996, sondern Anfang der 90er in der Stuttgarter Schleyerhalle: "Kreuzzug ins Glück"-Tour - Campino hängt kopfüber am oberen Teil der Bühne. Oder ich denke an die rohe Energie der orangenen "Bis zum bitteren Ende"-Liveplatte.
"Opium fürs Volk" ist objektiv ein starkes, reifes Album, das den HOSEN den Weg in die ganz großen Stadien endgültig geebnet hat. Aber für den Old-School-Fan in mir fehlt dieser letzte Funken des frühen, ungestümen (Fun-)Punkrocks. Weil die Songs aber handwerklich top sind und der Nostalgie-Faktor beim Hören doch unerwartet hoch war, zücke ich eine solide Note.
Note: 7,0/10
[Marc Eggert]
Endlich einmal raus aus der eigenen Komfortzone und dann gleich im Rahmen einer GT mit einem Album der TOTEN HOSEN. Und was soll ich sagen? Meine musikalische Sozialisation lässt sich eigentlich ziemlich treffend mit folgendem Zitat zusammenfassen:
„Opium fürs Volk, Scheiße für die Massen
Ja, ihr habt es geschafft, ich beginne euch zu hassen
Wenn ich so etwas sage, ist es nicht gelogen
Ihr sollt den Tag nicht vor dem Abend loben.“
Meine gesamte Jugend bis hinein ins junge Erwachsenenalter war nicht von Gleichgültigkeit oder alternativen musikalischen Vorlieben geprägt, sondern fußte auf einer ausgeprägten Antipathie (man könnte fast schon von Hass sprechen) gegenüber den Düsseldorfer Punkrockern. Der Einfluss der BÖHSEN ONKELZ und anderer Deutschrock-Bands war in meiner musikalischen Bubble schlicht zu stark, sodass ich jeden Schritt von Campino & Co. reflexartig verteufelte.
Dabei spielte es letztlich keine Rolle, ob mir dieses Mindset von Kevin eingetrichtert wurde, ob es im sozialen Umfeld schlicht Konsens war, Punkrock per se scheiße zu finden, oder ob vor allem die kommerzielleren Vertreter dieses Genres generell als persona non grata galten. Fakt ist: Dank MTV kannte ich ohnehin nur die gängigen Singles und empfand sowohl 'Bonnie & Clyde' als auch die Jägermeister-Nummer tatsächlich als schrecklich. Dass ich mir damit eine felsenfeste Meinung über eine Band bildete, von der ich rund 80% des Materials nie gehört hatte, machte die Sache objektiv nicht besser. Aber so war es nun mal.
Gerade "Opium fürs Volk" ist im Nachhinein ein gutes Beispiel dafür, wie wenig ein Song wie 'Bonnie & Clyde' über das tatsächliche Songwriting dieses Albums aussagt. Die Band agiert deutlich abwechslungsreicher, experimenteller und vor allem weit weniger punkig, als ich es jemals erwartet hätte. In vielerlei Hinsicht sind die HOSEN hier näher an Alben von HEINZ RUDOLF KUNZE als an der übrigen Punklandschaft oder dem Frankfurter Prollrock. Natürlich nicht annähernd so verspielt und lyrisch auf einem ganz anderen Niveau, aber dennoch näher an jener Art von Musik, zu der ich mich über die Jahre selbst hinentwickelt habe.
Anno 2026 verbinde ich mit den BÖHSEN ONKELZ letztlich nur noch eine nostalgische Verbundenheit; ihr aktuelles oder späteres Schaffen interessiert mich höchstens noch am Rande. Und auch die frühere Aversion gegenüber den TOTEN HOSEN (ebenso wie gegenüber der in der Gruppentherapie erwähnten Berliner Truppe) ist inzwischen eher einem wertfreien Desinteresse gewichen. Freiwillig hätte ich mich also nie mit "Opium fürs Volk" beschäftigt. Umso froher bin ich, diese offene Flanke zumindest für ein Album geschlossen zu haben. Während der 16-jährige Stefan hier ohne zu zögern 1/10 Punkte vergeben hätte (auch wenn ihm 'Nichts bleibt für die Ewigkeit' und besonders 'Paradies' eigentlich gefallen hätten – zugegeben hätte er das damals nie), lande ich heute bei soliden 5,5 Punkten.
Die Songs sind größtenteils in Ordnung, aber weder musikalisch besonders ambitioniert oder innovativ. Lyrisch bleibt vieles schwach, und trotz der noch immer spürbaren Punk-Attitüde wirkt das Album durchweg handzahm und lässt echte Aggression vermissen. So komme ich, trotz eines deutlich versöhnlicheren Blickwinkels, letztlich zum gleichen Ergebnis wie schon Ende der 1990er: "E.I.N.S." ist in allen Belangen stärker. Somit lande ich selbst ohne Nostalgiebrille am Ende doch wieder eher in Frankfurt. Anno 2026 sind jedoch beide Bands mit ihren jeweiligen Diskografien nur noch Randnotizen auf meiner musikalischen Landkarte. Draußen gibt es schlicht zu viel spannendere Musik, auch wenn es spannend war, sich damit wieder intensiver auseinanderzusetzen.
Note: 5,5/10
[Stefan Rosenthal]
Fotocredit: Dominik Feldmann (Das Poster wurde ursprünglich für die Verwendung beim DTH-Tourdatenarchiv www.dth-dta.de aufgenommen.)
- Redakteur:
- Dominik Feldmann





