ROME - "The Hierophant" / "The Tower"

27.02.2026 | 21:50

Packende und geistig fordernde Zwillings-Geburt. Der aktuelle Doppel-Release von ROME.

Eigentlich ist ja unser lieber Kollege Swen bei uns der Mann für alles, was musikalisch grob so eher Richtung Neo Folk und Konsorten geht. Im Zuge des ROME-Konzertes Ende letzten Jahres hatte man mir allerdings netterweise die beiden aktuellen Veröffentlichungen auf CD zukommen lassen, die es hier nun zu besprechen gilt.

Das Ein Mann-Kollektiv um den äußerst umtriebigen luxemburgischen Mastermind und künstlerischen Lifetime-Workaholic Jerome Reuter hat zudem gerade 20-jähriges Bandjubiläum feiern dürfen und nimmt das besondere Ereignis zum Anlass, uns gleich mit zwei abendfüllenden Alben zu beglücken. Diese beiden am selben Tag erschienenen Werke ähneln sich zwar nicht nur in Sachen graphischem Artwork und musikalischem Charakter, funktionieren aber dennoch auch durchaus für sich gesehen als eigenständige Werke. Die Rede ist von den neuen Zwillings-Releases "The Hierophant" und "The Tower".

Ich habe im Zuge der Rauhnächte wieder einmal mein mittlerweile gut verstaubtes Tarotkarten-Deck hervorgeholt und dabei zufällig überrascht festgestellt, dass "The Hierophant" (zu deutsch: Hohepriester oder Papst) meine persönliche Lebenskarte darstellt. Diese Karte stellt in meinem Crowley-Tarot die Verbindung zu tiefen Mysterien und der universellen Wahrheit dar, aber auch die Verantwortung, jenes Wissen mit Demut und Respekt weiterzugeben. Als Teil der ersten sieben Karten symbolisiert er eine wichtige Station auf dem Weg zur Selbstfindung und spirituellen Reife, die durch die Auseinandersetzung mit Regeln und Traditionen geschieht (Quelle: tarot-guide.de). Auch in der Kunst von Reuter spielen einige dieser Themen, wenn auch oft in gänzlich anderen Kontexten, eine nicht unbeträchtliche Rolle. Das lyrische Konzept all seiner Arbeiten ist und war dabei nie nur Mittel zum Selbstzweck, sondern immer auch Triebfeder und eine Aufforderung an die Hörer, basierend auf den Texten eigene Gedanken und Denkmuster zu entwickeln. Die sehr introspektiven und symbolisch angehauchten Texte auf "The Hierophant" widmen sich in besonderem Maße der Erkundung von Mythologie, Symbolik und spirituellen Konzepten, wobei sie diese Themen in einen tiefgründigen Kontext von kulturellem Gedächtnis und kollektiven Erzählungen einbetten. Sie greifen die Bedeutung und das Zusammenspiel dieser Elemente auf, um deren Einfluss auf das Verständnis von Geschichte, Identität und Kultur zu beleuchten. Feingeist Reuter, den ich mir bildlich immer wie einen klassischen Bohème sitzend in einer typischen Mansarden-Wohnung vorstelle, verlangt seinen Hörern also wie eh und je einiges an Mitarbeit ab.

 

01. Secret Harbour
02. The Harvest Is Not Here
03. Days Of Assembly
04. On Sorrow's Embankment
05. The Chalice And The Blade
06. When Light Be Gone
07. The Great White Hopeless
08. My Frail Ambassador
09. The Gods Are Slow To Forgive
10. Apollo Of Hyperborea

Label: Trisol

Release: 19.12.2025

 

In musikalischer Hinsicht lässt es der Songbarde hingegen äußerst gemächlich und ruhig angehen. Schwelgerische Synthies, ein wenig Glockengeläut, Jeromes sonore Baritonstimme und die typische ROME-Harmonik eröffnen 'Secret Harbour'. Auch die restlichen neun Songs, verteilt auf kompakte 41 Minuten, bleiben musikalisch weitgehend reduziert. Eine akustische Gitarre, ein wenig dezente Unterstützung aus der Dose sowie Reuters einzigartiges und markantes Stimm- und Sprechorgan, viel mehr hat der Künstler auch auf einigen seiner unzähligen anderen Werke nicht gebraucht, um hier größtmögliche Intensität zu entfachen. 'The Harvest Is Not Here' präsentiert sich als Hoffnung spendende Ballade, auf die sich auch der ein oder andere Dur-Akkord verirrt hat und die nicht nur aufgrund des eingesetzten Akkordeons ein wenig an des Meisters Dark Chanson Noir-Phase denken lässt. Der musikalische Rahmen bleibt auch im weiteren Verlauf melancholisch-akustisch und Neo-Folk-balladesk. "Weniger ist mehr" ist hier eindeutig Trumpf, wenn man denn wie Reuter weiß, wie man mit nur wenigen Stilmitteln maximale musikalische Sogwirkung entfesseln kann.

Mit 'The Chalice And The Blade' und 'The Great White Hopeless' finden sich auch zwei kleine Ohrwürmer auf der Platte, so denn man im ROME-Kosmos überhaupt von so etwas wie "Hits" sprechen kann. 'When Light Be Gone' wartet gar mit deutlich schnellerem Tempo auf und 'My Frail Ambassador' beinhaltet ein paar schöne dissonante und nonkonforme Gitarrenakkorde, die auch aufgrund des kleinen Flüsterstimmenorchesters ein wenig mysteriöse Atmosphäre freisetzen.

Wie gehabt legt Reuter hier ein sehr meditatives, tiefgründiges und rituell beschlagenes Werk vor, welches Zeit und Muße erfordert und keine Musik für mal zum nebenher Hören ist, sondern eher Stoff für einen ausladenden Abend bei gutem Wein und Kerzenlicht bereithält.

 

01. The Twine And The Twist
02. To The Great Work Only
03. Twilight Leaves
04. The Lighthouse And The Catacombs
05. This Slaughter Behold
06. Remember To Dare
07. Mine Were Of Marble
08. The Baron (Ordeal By Fire)
09. Ire And Troth
10. This Hour Her Vigil

Label: Trisol

Release: 19.12.2025

 

Das gilt freilich ebenso für das Zwillingswerk "The Tower", welches sich in ähnlichem musikalischem Fahrwasser bewegt, sich auf Strecke allerdings nicht ganz so düster und mystisch offenbart wie "The Hierophant" und instrumental noch reduzierter daherkommt, ohne dabei aber an musikalischer Strahlkraft einzubüßen. Auch hier bilden zehn Songs in knapp 40 Minuten den musikalischen Rahmen. Und auch hier dienen akustische Klampfe, dezentes Trommelwerk und sparsame Harmoniewechsel als kompositorische Hauptelemente. Klassische Neo-Folk-Anleihen stehen hier allerdings deutlich prominenter im Vordergrund. Die Texte indes fungieren eher als kleine Fragmente und innere Monologe. Der Turm ist hier aber wohl nicht als romantisches Symbol zu verstehen, sondern vielmehr als ein Konzept, das Struktur verleiht. Die Texte befassen sich mit Themen wie Haltung, Widerstand, Zweifel und Selbstreflexion, allerdings weniger im politischen, sondern vielmehr im existenziellen Sinne. Typische ROME-Motive eben, die in der lyrischen Welt von Jerome Reuter während seiner gesamten Werkschau immer wieder eine große und tragende Rolle spielen.

'Twilight Leaves' mit seinem packenden Refrain stellt hierbei meinen Lieblingssong des Albums dar, aber auch das durch seine rätselhafte Atmosphäre bestechende 'Mine Were Of Marble' und 'This Slaughter Behold' mit seinen modulierenden Gitarrenleads sind herausragende Nummern auf einem ohnehin schon sehr starken Album, das auf jegliche Effekthascherei und überflüssige Verzierungen bewusst verzichtet.

Wo sich die beiden Platten letzten Endes in der mittlerweile reich geschmückten Diskographie einreihen, wird ganz allein die Zeit zeigen. Liebhaber der Band, die das meiste ohnehin im Schrank stehen haben, werden auch hier wieder nicht ins Leere investieren und können sich auf eine musikalisch wunderbar untermalte Erkenntnisreise begeben. Wie immer halt, wenn eine neue Platte von ROME ansteht. Und all jene, die von ROME bisher noch immer nichts gehört haben, Künstler wie NICK CAVE, JOHNNY CASH, JACQUES BREL, ME & THAT MAN oder auch DEATH IN JUNE aber zu schätzen wissen, sollten hier nun wirklich mal ein oder auch gleich zwei Ohren riskieren.

Note: 9/10 für das ganze "Paket"

Fotocredits: Christian Wittig

Redakteur:
Stephan Lenze

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