KARNIVOOL: Interview mit Ian und Drew

20.03.2026 | 22:11

"Es war einfach so, dass ein Teil von uns tatsächlich gestorben ist" - Ian Kenny und Drew Goddard sprechen offen über die schwierige Zeit der Band seit dem 2013er-Werk "Asymmetry".

Fast dreizehn Jahre mussten Fans auf ein neues Album von KARNIVOOL warten. Mittlerweile dürfte sich herumgesprochen haben, dass sich das Warten gelohnt hat. Wir nutzten die Gelegenheit mit Sänger Ian Kenny und Gitarrist und Hauptsongwriter Drew Goddard zu sprechen.

Meine lange, einleitende Eloge auf "In Verses" endet mit dem Statement, dass mich am meisten überrascht, wie rund und kohäsiv das Album wirkt. "Erst einmal danke, dass du dir so viel Zeit für "In Verses" genommen hast und es dir so gut gefällt", steigt Drew in das Gespräch ein und ergänzt: "Tatsächlich hat mich genau das auch am meisten selbst überrascht. Ich meine, wir haben schon vor mehr als zehn Jahren erste Songs geschrieben, die sich im Laufe der Zeit immer wieder etwas verändert haben und doch klingt "In Verses" auch für mich, als wäre es wie ein bestimmter Moment in unserer Geschichte. Das hat uns wirklich auch überrascht. Bei den meisten Songs stand das Gerüst schon 2017 und dann sind wir damit schwanger gegangen und das hat dieses Mal sehr lang gedauert. Wir haben viel probiert, es war eine sehr frustrierende Zeit und diese Gefühle wurden dem Album irgendwie eingeflößt. Für uns waren die letzten Songs dann wie eine Erlösung, wo sich all diese Frustration aufgelöst hat." Und Ian ergänzt: "Du hast auch erwähnt, dass du das Niveau der Songs als sehr gleichbleibend hoch empfindest, was ich als großes Kompliment sehe. Es war jetzt nicht so, dass wir in den vielen Jahren viel mehr Songs aufgenommen haben, sondern wir haben mit dem gearbeitet, was wir hatten, haben die Songs immer mal wieder neu arrangiert, aber nur ein Song hat es nicht auf das Album geschafft, der uns irgendwie nie zufriedengestellt hat."

karnivool in verses cover

Der Opener und quasi-Titeltrack 'Ghost' mit der Textzeile "Sacrifices sung - in verses that roll off the tongue" scheint ein Blick aus einer gesunden Entfernung auf den Zustand der Welt, der Gesellschaft zu sein. Ein australischer Blickpunkt? "Ich mag deine Interpretation", eröffnet Ian. "Gerade, dass es ein Blick aus einer gesunden Entfernung ist, werde ich benutzen. Es ist einfacher Dinge etwas objektiver aus einer gewissen Entfernung zu betrachten und 'Ghost' ist ein Schnappschuss, wo wir sind und wie wir uns dabei fühlen. Ein Blick aus der Distanz darauf, wie verrückt Dinge gerade sind, wie verrückt sie vielleicht immer waren. Wobei das mit der Distanz gar nicht so viel mit Australien zu tun hat, denn auch hier sind verrückte Leute an der Macht, gibt es Korruption und Skandale. Es mag nicht so schlimm sein, wie woanders in der Welt, aber hier ist eben auch nicht alles super. Aber am Ende sind wir alle froh hier in Australien zu leben."

Ein weiterer Song, über den gesprochen werden muss, ist das abschießende 'Salva', das sehr emotional ist und mit Textzeilen wie 'Don't wait when I'm gone - I'm not coming home - say a few words at my funeral' als beinahe suizidal missinterpretiert werden könnte, aber doch eher von einer verlorenen Beziehung zu handeln scheint, wie Sätze wie "There’s somebody else in those eyes - Someone who’s scaring me - I’m already dead to you - So put down the knife - I think you made enough scars - Your words are barbed wire" zeigen. "Ganz falsch liegst du auch dieses Mal nicht", startet Ian lächelnd und ergänzt: "Es war einfach so, dass ein Teil von uns tatsächlich gestorben ist, als wir das Album gemacht haben. Das klingt jetzt natürlich sehr hart, aber wir mussten uns neu erfinden, um zu erreichen, was wir erreichen wollten. Es gab also einen Abschied, ja, sogar ein Begräbnis der Menschen, die wir waren. Diese Versionen von uns, die nicht zusammenarbeiten konnten, mussten sterben, so dass wir neue Menschen werden konnten, die zusammen kreativ werden konnten. Und dann ist da noch ein bisschen Selbstreflektion über Zeiten in diesen zwölf Jahren, die nicht so gut waren. Am Schluss kommt dann die Erlösung mit den Dudelsäcken, wo wir auch Erleichterung spüren, dass wir das Album zu dem Ende, dem Ziel geführt haben, wo wir es haben wollten. Und wo wir dann auch glücklich und zufrieden sein können mit dem Album. Es ist genau das, was wir wollten und es fühlt sich genau so an, wie wir es wollten."

karnivool

(ganz links Drew Goddard, in der Mitte Ian Kenny)

Das legt nahe, dass die Gründe für die lange Pause nicht nur an Covid und anderen externen Faktoren lagen, sondern sehr ursächlich in der Band zu finden sind. "Ja, natürlich", beginnt Ian. "Wir sind auch nur Menschen und wir hatten natürlich unsere ganz eigenen Schwierigkeiten. Manchmal treten diese Schwierigkeiten dann an die Oberfläche und man muss sich fragen, wie man damit umgeht. Wir hatten Bandmitglieder mit psychischen Problemen und da haben wir dann alles gestoppt, so wie man es tun sollte, und uns auf die Gesundheit konzentriert. Die Gesundheit, mental und körperlich, muss immer an erster Stelle kommen. Wir mussten lernen, damit umzugehen, neu und anders zu kommunizieren, eine neue Sprache für sich zu finden. Klar, man kann sagen, so ist das Leben und das stimmt, aber dreizehn Jahre sind eine lange Zeit und es kann sich so viel ändern in dieser Zeit. Von daher ist es schon unglaublich, dass wir es bis hierhin geschafft haben." Auf einem um so stärkeren Fundament? "Ja, absolut und wir sind alle auch sehr dankbar dafür", antwortet Drew und fährt fort: "Ich denke, wir haben alle eine Menge gelernt über und von einander. Hoffentlich hilft uns es für die Zukunft, dass wir durch diesen Prozess mussten." Ian übernimmt wieder: "Ich glaube, es ist immer so ein bisschen im Hintergrund bei Künstlern. Es kommt eben mit Licht und Schatten, es gibt immer beide Seiten. Wenn du in einem Tief steckst, dann kommen all die negativen Erscheinungen aus ihren Ecken und du musst die Kraft und die Unterstützung haben, um daran zu arbeiten. In einem Hoch bist du dafür sehr kreativ. Es ist immer ein Tanz zwischen diesen Extremen."

Ein Tanz, den das Album wunderbar reflektiert. Es gibt schöne und dunkle Momente, oftmals innerhalb eines Songs, die zeigen, wo die Band innerhalb der letzten Jahre war. "Ja, das ist so", gibt Drew zu und ergänzt: "Das Album beinhaltet eine ganze Menge von diesen Gefühlen, wie die Essenz der ganzen Jahre. Vieles davon mag sehr dramatisch klingen, aber wenn du in dieser Situation bist und fühlst dich alleine in einem überfüllten Raum ("Feeling alone in a crowded room" ist eine Zeile aus 'Reanimation' - PK) und hast dann eine Angstattacke, dann ist es für einen selbst einfach dramatisch, auch wenn man eigentlich weiß, dass es viel gibt, das gut ist und wofür man dankbar sein sollte. Ich denke, man muss das akzeptieren und damit umgehen, sonst nehmen dich diese Zustände vollständig gefangen", gibt Drew Einblicke in sein Inneres.

Stellt sich die Frage, ob Tourneen dadurch schwieriger werden? "Ich liebe es zu touren", platzt es aus Drew heraus. "Für meine mentale Gesundheit ist das super. Genau die richtige Mischung aus Struktur und Freiheit. Ich habe genug Zeit, um rumzuspielen, mit Freunden abzuhängen oder kreativ zu sein, aber gleichzeitig gibt es klare Vorgaben, wann ich wo sein muss, wo ich dann meinen Job zu erledigen habe. Und diesen Job, auf der Bühne zu stehen und für die Fans zu spielen, liebe ich über alle Maßen. Von daher liefen gerade die letzten Tourneen wirklich super für mich. Die anderen Jungs haben alle Kinder, da ist es vielleicht schwieriger, aber ich liebe es."

Die Tour beginnt in einigen Wochen und es ist klar, dass 'New Day' mit 'Salva' einen Konkurrenten für den Platz als letzten Song der Show bekommen hat. "Ja, das stimmt wohl", lacht Ian. "Erst einmal müssen wir schauen, wie genau wir das mit den Dudelsäcken in 'Salva' hinbekommen, die ein Freund von uns eingespielt hat, aber dafür werden wir eine gute Lösung finden. Mal sehen, wohin 'New Day' dann rutscht." Mein Vorschlag, das gesamte neue Album zu spielen, findet durchaus Anklang. "Wir haben darüber nachgedacht", gibt Drew zu. "Zu welchem Ergebnis wir gekommen sind, verraten wir dir hier aber heute noch nicht", lacht er und ergänzt: "Es gibt eben neben 'New Day' schon noch ein paar Songs, die unsere Fans von uns erwarten oder die wir mal wieder spielen wollen. Du wirst es im Mai dann sehen, wie wir uns entschieden haben."

Fotocredit: Courtney McAllister

Redakteur:
Peter Kubaschk

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