HEAVEN & HELL: Wir blicken auf "Breaking Out Of Heaven (2007 - 2009)"

28.03.2026 | 16:32

Als am 16. Mai 2010 Ronnie James Dio von uns ging, schien die Welt für einen Moment stillzustehen. Pure Schockstarre, ungläubiges Entsetzen und Trauer, hatten wir doch einen der größten und legendärsten Sänger der Geschichte verloren. Ob nun mit ELF, RAINBOW oder BLACK SABBATH und direkt im Anschluss solo - DIO hinterließ ein immens großes Vermächtnis und eine Lücke, die definitiv nicht zu schließen ist. Er war und ist DIE Inspiration für gesamte Generationen an Musikern und Alben wie "Heaven And Hell", "Rising" oder "Holy Diver" gehören zum Standard-Einmaleins des Metals. Daran gibt es nichts zu rütteln. Der kleine Mann mit der großen Stimme. Erstgenanntes Klassikeralbum diente auch als Namensgeber seiner dritten Amtszeit bei BLACK SABBATH: HEAVEN & HELL wurde 2007 (wieder)geboren. Mit der vorliegenden "Breaking Out Of Heaven (2007 - 2009)"-Box widmet sich BMG dem Schaffen der Gruppe unter jenem Banner, das wir nun einmal im Folgenden unter die Lupe nehmen.

Zunächst gehen wir aber kurz auf die Geschichte unserer vier Protagonisten ein: Als Bill Ward, Tony Iommi und Geezer Butler nach einem Ersatz für Ozzy Osbourne suchten, wurden die drei BLACK SABBATH-Musiker in Ronnie James Dio fündig, der Ende 1978 Ritchie Blackmore und RAINBOW verlassen hatte. Binnen der folgenden drei Jahre wurden mit "Heaven And Hell" und "Mob Rules" - diesmal mit Vinny Appice für Bill Ward - zwei der bedeutendsten Heavy-Metal-Alben der Geschichte aufgenommen, ehe Ronnie die Band während des Mischens von "Live Evil" wieder verließ, auch um seine Solo-Karriere zu starten. Und wir wissen alle, in welchen Großtaten diese mündete. 1991 schloss er sich erneut BLACK SABBATH an und nahm mit Iommi, Butler und Appice "Dehumanizer" auf, ehe auch diese Konstellation wieder verworfen wurde. Doch aller guten Dinge sind bekanntlich drei: 2007 kamen die vier Musiker wieder zusammen, nahmen unter dem Banner BLACK SABBATH drei neue Lieder auf und haben Blut geleckt: HEAVEN & HELL war geboren. Es folgten eine mehr als erfolgreiche Welttournee, die Veröffentlichung des dazu passenden Live-Albums "Live From Radio City Music Hall", der legendäre Auftritt auf dem Wacken Open Air, an den ich mich noch sehr gut erinnere und der als "Neon Nights: 30 Years Of Heaven & Hell – Live At Wacken" für die Nachwelt festgehalten wurde, sowie natürlich das Herzstück dieser Phase, das letzte Studioalbum, an dem Ronnie James Dio mitwirkte: "The Devil You Know" von 2009. Um dieser kurzen, aber sehr prägenden und glanzvollen Zeit von 2007 - 2009 Tribut zu zollen, enthält dieses Deluxe-CD- und LP-Boxset die komplette Diskografie von HEAVEN & HELL und die letzten Aufnahmen von Ronnie James Dio vor seinem Tod.

Das Auge isst bekanntlich mit. Konzentrieren wir uns vorliegend auf die CD-Version, fällt bei der robusten Box gleich das markante Bandlogo auf der Front auf. Im Inneren lächelt uns ein "The Devil You Know"-Poster ähnlich breitgrinsend an wie ein Konzertbuch-Replikat der 2007er Tour, in dem die Geschichte des Quartetts Dio, Iommi, Butler und Appice beschrieben und mit vielen kleineren wie größeren Fotos sehr authentisch bebildert wird. Ein paar Fun-Facts hier, einige Insights dort und dank zahlreicher Fotos wird das legendäre Geschehen von 2007 wieder lebendig. Herzstück des nicht-musikalischen Inhalts dieser üppigen Veröffentlichungen ist aber das 60-seitige Buch mit weiteren Fotos, Artworks und Liner-Notes, die uns einen sehr detaillierten Einblick geben. Zahlreiche Referenzen, Abbildungen einstiger Konzerttickets und Plakate sowie Zitate unserer Helden sorgen für das i-Tüpfelchen an Authentizität dieser Box. Hier wurde mit viel Liebe zum Detail gearbeitet und nichts Wissenswertes über HEAVEN & HELL ausgelassen - ein Blick lohnt sich!

Doch kommen wir nun zu den Rundlingen und auch diese lassen keinen Winkel aus: Den Anfang macht der Live-Doppeldecker "Live From Radio City Music Hall", der nicht nur sämtliche Herzen aller BLACK SABBATH-Fans der Ära Dios höher schlagen ließ, sondern auch den Beginn dieser weitreichenden Reunion markierte. Ein klarer, druckvoller Sound, eine Setliste zum Niederknien und vier Musiker, die so hervorragend wie spielfreudig aufeinander eingestimmt sind, bilden die Grundpfeiler dieser tadellosen Live-Veröffentlichung. Knappe zwei Stunden werden nicht nur die "Heaven And Hell"- und "Mob Rules"-Klassiker wie 'Children Of The Sea', 'Neon Knights' oder auch 'The Sign Of The Southern Cross' sowie die beiden Titelstücke zum Besten gegeben, sondern mit 'The Devil Cried' und 'Shadow Of The Wind' auch jene Songs präsentiert, die 2007 noch unter dem Deckmantel BLACK SABBATH aufgenommen wurden und anschließend auf der "The Dio Years"-Compilation landeten. Doch auch die "Dehumanizer"-Phase wird dank 'Computer God' zwar kurz, aber äußerst geschmackvoll inszeniert, wobei das Hauptaugenmerk natürlich auf den Alben von 1980 und 1981 liegt. Doch ob nun Evergreens oder die Neuankömmlinge - Fans kamen damals und kommen heute vollends auf ihre Kosten, wenn in vollster Klangpracht die vier Herrschaften all dem jungen Gemüse zeigen, wie viel Heavy Metal noch in ihnen steckt.

Was dann am 24. April 2009 veröffentlicht wurde, ließ auch den letzten Kritiker ob dieser Reunion verstummen: Basierend auf den drei bereits aufgenommenen Stücken gefiel dem Quartett die Vorstellung, gänzlich neue Songs aufzunehmen, die Idee zu "The Devil You Know" war geboren. Und wie man es sich bei der Konstellation dieser Musiker vorstellen kann, ist die Grundatmosphäre schwer und düster und dennoch liegt aufgrund Dios Stimme eine ungemeine Magie und ein Hauch von Mystik in der Luft. Mal knackig und rockig, doch überwiegend finster und doomig wird die Größe und Klasse der neuen Songs nicht direkt nach dem ersten Durchgang sichtbar, aber erheben sie sich spätestens nach dem dritten, vierten Durchlauf monumental und breiten ihre gesamte, mächtige Aura aus. Fast schon teuflisch zeigen 'Fear', 'Double The Pain' oder 'The Turn Of The Screw' ihre wahre Fratze, während mit 'Bible Black' eine Single ausgekoppelt wurde, die aufgrund ihrer dezenten Geradlinigkeit schnell in die Irre führen konnte. Denn: "The Devil You Know" war und ist definitiv kein Easy-Listening-Album! Was es aber ist: ein Must-Listening-Album, das aufgrund seines düsteren Tenors und der unterschwelligen Meisterklasse, die, wie gesagt, sich nach zwei, drei Durchgängen in Gänze wie pechschwarze, zähflüssige Lava ausbreitet, zum Besten gehört, was das Jahr 2009 für uns alle bereithielt.

Quasi im Anschluss hatte ich die große Ehre und Freude aus der dritten Reihe HEAVEN & HELL auf dem Wacken Open Air 2009 sehen zu dürfen. Und was soll ich sagen, die Magie hat mich ab der ersten Sekunde gepackt! Zwar sind die Erinnerungen noch nicht in Gänze verblasst, weshalb ich in der Rückschau noch immer eine wohlige Gänsehaut bekomme, wenn ich mich an Iommi, Butler, Appice und natürlich Dio auf der Wacken-Bühne erinnere, doch war die Vorfreude definitiv nicht klein, als ich "Neon Nights – Live In Wacken" das erste Mal in den Händen hielt und lauschte. Die Zuschauerreaktionen sind prächtig, die immense Spielfreude HEAVEN & HELLs wird in jeder Sekunde spürbar. Knapp 75 Minuten lang stand die Heavy-Metal-Welt im kleinen Örtchen Kopf, als der Gig mit 'The Mob Rules' von Beginn an Feuer fing und weitere 80er-Jahre-Klassiker wie 'Children Of The Sea', 'Falling Off The Edge Of The World' oder 'Die Young' zum Besten gegeben wurden. Selbst 'Time Machine' sorgte für pure Euphorie - ebenso wie die neuen Songs 'Bible Black' und 'Fear'. Natürlich wartete jeder auf die mächtige Bandhymne, die sich über stolze 18 Minuten erstreckte, ehe 'Neon Knights' das Ende dieses legendären Gigs - leider Gottes auch des letzten Auftritts von Dio auf deutschem Boden - markierte. Er selbst präsentiert sich unheimlich stimmgewaltig und auch wenn ich mir weitere "Mob Rules" - welch fantastisches Album! - gewünscht hätte, wäre dieser Auftritt womöglich kaum zu toppen gewesen.

Natürlich wurden von den beiden Live-Alben "Live From Radio City Music Hall" sowie "Neon Nights – Live In Wacken" auch DVDs veröffentlicht, die anlässlich dieser Box eine sehr schmucke Blu-ray-Generalüberholung bekommen haben und somit nicht nur akustisch, sondern auch optisch unsere Helden aufleben lassen. Auch hier sieht und vor allem spürt man den Charme, das Charisma und den Esprit des kleinen Mannes mit der großen Aura und stellt sich vollkommen zu Recht die Frage "Was wäre, wenn...". Doch ohne unnötigerweise in Wunschdenken zu verfallen, klammern wir uns an die Dinge, die wir haben. Und das ist in Form von "Breaking Out Of Heaven (2007 - 2009)" eine sehr hochwertige Veröffentlichung, die nicht nur die Geschichte HEAVEN & HELLs genüsslich und umfänglich abdeckt, sondern uns auch ins Schwärmen ob der damaligen musikalischen Pracht dieser Combo bringt. Ob nun Neuankömmlinge im Heavy-Metal-Universum, Geschichtsinteressierte oder Liebhaber legendärer Klassiker - hier kommt nun wahrlich jeder auf seine Kosten.

Redakteur:
Marcel Rapp

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