Gruppentherapie: KREATOR - "Krushers Of The World"
27.01.2026 | 11:25Nächste Evolutionsphase oder Tiefpunkt einer traurigen Entwicklung?
Wir starten das neue Gruppentherapie-Jahr gleich mal mit einer Bombe! Eine solche ist nämlich das neue KREATOR-Album "Krushers Of The World". Trotz der Bronzemedaille in einem extrem stark besetzten Soundcheck kann man an den Einzelnoten schon sehen, dass hier extremer Therapiebedarf besteht. Denn ein Vorwurf, der so alt ist wie Metalmagazine, begleitet Milles neustes Heiligtum. Mainstream-Anbiederung, zu eingängige Songs, zu glatter Sound. Das ist ein Thema, das hier keinen kalt lässt und so erheben gleich zwölf Redakteure ihre Stimme. Die kritischen Punkte, die Frank Jäger in seinem Hauptreview schon anspricht, werden hier weiter vertieft und noch deutlicher angesprochen. Doch es erhebt sich auch eine sehr starke Pro-Fraktion, die hier eines der besten KREATOR-Alben hören will. Auf in die verbale Schlacht, Krushers!

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass unser lieber Mille mit seinem neusten KREATOR-Werk durchaus polarisieren könnte. So habe ich in Kommentarsektionen und auch von Redaktionskollegen bereits Vergleiche zu Unterhaltungs-Kostüm-Metallern wie HAMMER KING oder ALL FOR METAL gelesen, was ich an dieser Stelle kategorisch ablehnen und verurteilen möchte. Richtig ist mit Sicherheit, dass man Mille und Co. wahrscheinlich noch nie so melodisch, hymnisch und mainstreamtauglich gehört hat wie auf "Krushers Of The World". Aber ist das unbedingt ein Kritikpunkt?
Für mich überhaupt nicht, denn ich habe es schon immer sehr gemocht, wenn KREATOR melodische Pfade beschritten hat. Und was unsere liebsten Ruhrpott-Metaller hier in den ersten vier Tracks abfeuern, ist einfach sensationell. So sind 'Seven Serpents' und 'Satanic Anarchy' einfach mächtige Kracher mit tollen Refrains, Melodien und Riffs, während der folgende Titeltrack mit wuchtigem Groove besticht und nach einem Durchlauf schon zum Mitsingen einlädt. Und keine Sorge, auch "Krushers Of The World" hat nicht nur große Refrains zu bieten, die sich schnell ins Gedächtnis graben, sondern hat nach dem sehr modernen 'Tränenpalast' mit 'Barbarian' oder 'Psychotic Imperator' auch Thrash-Granaten im Gepäck, die den Nacken angenehm strapazieren und trotzdem ihre Widerhaken im Gedächtnis auswerfen.
Eigentlich bleibt somit nur 'Loyal To The Grave' als Abschluss das einzige kleine Haar in der Suppe, denn hier geht der Blick in Richtung Power Metal dann sogar für meine Ohren etwas zu weit. Trotzdem bin ich ehrlich: Ich mag diese groovige und mit prägnanten Hooklines und tollen Melodien auftrumpfende Version von KREATOR und damit auch "Krushers Of The World" extrem gerne, auch wenn ich durchaus verstehen kann, dass der Die-Hard-Thrasher die Platte verteufeln wird. Von mir gibt es entsprechend 9,5 Zähler und schon fast einen garantierten Platz in den Jahrescharts. Stark!
Note: 9,5/10
[Tobias Dahs]
Stadiontauglichkeit ist bei KREATOR seit einigen Alben das Ding. Wir sind loyal, eine Horde, recken Fäuste und sind damit echt Metal. Mit "Violent Revolution", längeren Tracks mit Flitzesoli, Härte, vertrackten Melodien und Speed hat es nicht mehr viel zu tun. "Krushers Of The World" ist eher eine Retrospektive auf verschiedene Phasen der Band, wobei der Mitgrölfaktor über das Opus verteilt recht hoch gehandelt wird, sozusagen immer präsent ist.
Ich erinnere mich, wie vor 25 Jahren eine Verkäuferin in einer Plattenabteilung einst meinte: "Wie, die haben bei uns ein eigenes Fach?" Ja, hatten sie, und das bewundere ich auch, denn die Ruhrpottthrasher haben das Fach behalten, sie sind tatsächlich recht bekannt geworden. Inzwischen sind sie jedoch weit zahmer als früher, sie möchten auf Festivals abräumen, was man dem Songmaterial anmerkt. So hagelt es eher gespielte Wut als echte Aggression.
Klar, das ganze ist Bogren-produziert und klingt nicht schlecht. Für mich ist Disneyland da näher, verkleidete Tick, Trick und Track und Phantomias im Schattenland von Entenhausen. Mir ist das alles zu steril, zu kalkuliert. Die Unterschiede zu den letzten Alben sind homöopathisch zu nennen, minimal. Der grimmige Nachhall der Vocals hinter nahezu jeder Zeile ist wiedererkennbar, aber auch absehbar. Die melodischen Refrains nehmen fast immer Fahrt aus den Songs. Etwas erinnert diese Performance an ARCH ENEMY oder IN FLAMES.
Das heißt nicht, dass die neue Scheibe schwach wäre, sie ist nur nicht sonderlich kreativ ausgefallen. Ich bekomme, was ich erwarte, ohne jede Überraschung. Ich wünschte mir ja einen Ausbruch, Speed, Evil, voll auf die Schlachtenglocke. Mit 'Psychotic Imperator' (Riffing wie früher, harter Chorus, Break, schräges Solo) und dem folgenden 'Deathscream' (fieser Chorus) liefert man auch Tracks, die auffallen. Hier zeigt KREATOR, wo der echte Hammer hängt, nicht das kleine Ding zum Aufhauen der U-Bahnscheibe. Das Finale ist dann wieder Mitgrölmetal: Melopowermetal mit Trve-Garantie, den muss ich skippen, da bin ich raus.
Note: 6,5/10
[Matthias" Stendahl" Ehlert]
Ich bin ja der Meinung, dass wir derzeit mitten in der nächsten Evolutionsphase von KREATOR sind. Nachdem man ab der "Violent Revolution" 2001 über vier Alben ein herrliches Thrash-Comeback gefeiert hat, erfolgte mit "Gods Of Violence" der nächste Schritt: mehr Melodie, mehr Anleihen an den klassischen Heavy Metal und immer mal wieder das ein oder andere Experiment. Diese Ausrichtung ist ebenfalls auf "Krushers Of The World" zu hören. Das ändert allerdings nichts daran, dass Lieder wie 'Seven Serpents', 'Satanic Anarchy' oder 'Barbarian' echte Thrash-Hammer sind und KREATOR das volle, großartige Riffing-Potential ausschöpft. Vor allem bei den Gitarren in 'Seven Serpents' gehe ich in die Knie. Ich liebe diesen Sound!
Natürlich sorgt die perfekte und glatte Produktion dafür, dass alles etwas zugänglicher und eingängiger wirkt als früher. Das ist allerdings nun wirklich keine Neuigkeit. Besonders spannend wird die Platte immer dann, wenn die Essener etwas wagen und über den Tellerrand schauen. Diesmal ist dies für mich in 'Tränenpalast' oder 'Deathscream' der Fall. Das gesamte musikalische Können des Quartetts wird hier deutlich. Die Abwechslung frischt den Hörgenuss merklich auf.
Mir gefällt der Weg sehr gut, den KREATOR ab 2017 eingeschlagen hat. Es bringt die Gruppe auf eine neue Stufe und sorgt zurecht dafür, dass nicht nur alte Fans zu den Konzerten kommen, sondern auch jüngere Metaller die Relevanz dieser Legende anerkennen und ihren Zugang finden. Den Vorwurf der Stadiontauglichkeit von Matthias kann ich dabei so nicht stehen lassen. Es ist kein Stilbruch mit kurzen, eingängigen und langsameren Songs vorhanden, wie es METALLICA seinerzeit mit dem "Black Album" vollzogen hat. KREATOR entwickelt einfach den eigenen Stil weiter, bleibt dem Thrash Metal mit all seinen Eigenschaften treu. Die Fäuste recken konnte man übrigens bereits zu Songs wie 'Flag Of Hate', 'Riot Of Violence' oder 'Coma Of Souls' in den 1980er Jahren.
Note: 9,0/10
[Dominik Feldmann]
Für mich war KREATOR immer schon eine der wichtigsten Bands im gesamten Metal-Zirkus; ich habe Mille und Co. auch in schwierigen Zeiten die Stange gehalten und bereits frühzeitig akzeptiert, dass Monsieur Petrozza gerne auch mal gegen den Strich arbeitet und nicht immer das macht, was man von ihm und seiner Band erwartet - folgerichtig konnte ich mich seinerzeit auch prima mit Platten wie "Outcast" und "Endorama" arrangieren, mag sogar beide bis heute. Der Frontmann der Truppe aus Altenessen war insofern immer revolutionär unterwegs, dass er seine Rebellion nicht nur in den frühen Tagen des Ruhrpott-Thrashs gelebt und geatmet hat, sondern auch in Zeiten, in denen es nicht ausschließlich darum ging, mit punkiger Energie möglichst extrem zu klingen. Und egal was Mille und seine wechselnden, musikalisch inzwischen hochveranlagten Mitstreiter angepackt haben, bis zu einem gewissen Punkt war es immer geil, weil es einfach authentisch geblieben ist.
Irgendwann jedoch ist KREATOR mal zu scharf Richtung Mainstream abgebogen und hat den eigentlichen Geist, der dieser Truppe jederzeit innewohnte, auf einer der großen Bühnen verloren. Die Prioritäten wurden anders gelegt, das Stadion war wichtiger als der versiffte Club, moderne Produktionstechniken lösten diesen urwüchsigen, eigenwilligen Ursound ab und die Authentizität ging stetig weiter flöten - und leider hält dieser Prozess bis heute an.
Während die Band auf der Bühne immer größere Flammensäulen empor schießen lässt und sich ständig herausgefordert sieht, die alten Klassiker zwischen das polierte neue Material zu mischen, wird KREATOR im Studio immer belangloser, ja inzwischen sogar erschreckend langweilig. Und der traurige Tiefpunkt dieser Entwicklung hört auf den Namen "Krushers Of The World". Das ist die wohl mit Abstand unspektakulärste, konventionellste und müdeste Platte, die Mille und Co. bis dato in die Regale gestellt haben. Die Refrains klingen völlig abgenutzt, die Energie ist eher "low level", die Produktion ist dermaßen gebügelt, dass man Begriffe wie Thrash besser komplett ausspart, und auch das eigentliche Handwerk wird aufs Wesentliche reduziert und ist den vorhandenen Qualitäten der Mitmischenden überhaupt nicht würdig - und da kann man leider keinen einzigen Song ausnehmen.
Ich hätte nicht gedacht, dass man mir meine Liebe zu KREATOR eines Tages mal nehmen könnte beziehungsweise dass mich die Legende irgendwann mal so heftig enttäuschen würde. Doch nachdem ich bei den letzten Platten schon leichte Bauchschmerzen hatte, ist es jetzt schon fast ein Geschwür. Lieber Tobi, ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wo Du die Argumente für 9,5 Punkte findest, denn auf diesem Niveau ist die Band schon längst nicht mehr anzutreffen. Ich empfehle daher einmal mehr die neue CEA SERIN-Scheibe, die hat nämlich alles, was "Krushers Of The World" gerne sein möchte. Vor allem aber Qualität, die weit über "jetzt klatschen wir mal alle zum neuesten Charterfolg" hinausgeht. Denn dass KREATOR mit dieser Platte hoch einsteigen wird, ist gesetzt - womöglich weil eine gewisse Verpflichtung vorgibt, dass man das alles gut finden muss.
Note: 6,0/10
[Björn Backes]
So sehr ich Tobi auch schätze, bei der Bewertung von Musik liegen wir doch weit auseinander. Nicht bei KREATOR. Hier treffen Tobis Worte meine persönliche Einschätzung am besten. Nachdem mich Franks Rezension neugierig gemacht und ich mir zwei Singles im Vorfeld angehört hatte, habe ich das Album direkt vorbestellt. Hätte man mir das vor einer Woche gesagt, hätte ich meinem Gegenüber breit grinsend einen reinkreatort, würde ich meinen. Wenn Stendahl und Björn dem guten Mille attestieren – stark zusammengefasst – dass er keinen Thrash mehr spielt, sage ich: "Endlich!" Jede Band klingt besser, wenn sie keinen Thrash spielt. Deswegen ist "The Ritual" die beste TESTAMENT-Platte und METALLICA im Allgemeinen eine Zumutung.
"Krushers Of The World" klingt genau so, wie moderner Heavy Metal klingen sollte. Und daran sind schon viele Bands gescheitert. Hier schallen uns weder verrückte Techno-Synthies entgegen – die ich im richtigen Kontext durchaus hörenswert finde –, noch braucht die Band wilde Masken oder irgendein Gimmick, um im Mainstream durchzudringen. Das ist ehrliche Stromgitarren-Musik, die richtig Freude macht. Und deswegen gehe ich nach den augenzwinkernden Zeilen weiter oben ganz ernsthaft nicht in der Bewertung mit, das hier sei belanglos. Ganz im Gegenteil: Ich empfinde das Album als sehr belebend für das durch den übermäßigen Konsum von fast-Metal-Fast-Food wie SABATON sedierte Metal-Heart in diesen Zeiten. KREATOR schafft etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte: Ich höre Metal-Mainstream und genieße es.
Note: 9,0/10
[Julian Rohrer]
KREATOR gehörte neben METALLICA zu einer der wichtigsten Bands in meiner musikalischen Sozialisation, mein erstes KREATOR-Album "Pleasure To Kill" habe ich auf einer Metalbörse erworben, wenige Alben habe ich so oft gehört wie "Enemy Of God". Dennoch: Die letzten Veröffentlichungen habe ich zwar zur Kenntnis genommen, richtig überzeugen konnte mich KREATOR jedoch zuletzt nur mit "Hordes Of Chaos" (2009). Das soll sich mit "Krushers Of The World" nun ändern, die vorab veröffentlichten Singles, allen voran 'Tränenpalast' im grandiosen Duett mit Britta Görtz, zeigten mir eine Band, die sowohl nach vorne schaut, als auch die Vergangenheit in den Sound mit einbezieht.
So hören wir tiefer gestimmte Gitarren im groovenden (!) Titeltrack, KREATOR-typisches Thrash-Gewitter in 'Seven Serpents' und 'Barbarian' sowie in den famosen 'Psychotic Imperator' und 'Deathscream', einen stampfenden Refrain in 'Satanic Anarchy' und 'Blood Of Our Blood', dazu fantastische Soli und Leads, stets mit einer feinen Melodie garniert, die auch eine gewisse Eingängigkeit begrüßt. Apropos: Die geschmackvolle und detailreiche Gitarrenarbeit ist zusammen mit Ventors unverkennbarem Drumming sowieso das Highlight von "Krushers Of The World".
Von daher kann ich den Kollegen Dominik, Tobias und Julian in ihrer Wahrnehmung nur beipflichten (wenn auch nicht ganz so euphorisch) und kann hingegen die Einschätzung der geschätzten Kollegen Matthias und Björn so gar nicht nachvollziehen, denn "Krushers Of The World" tönt in meinen Ohren sehr kreativ und überraschend, eben nicht wie ein "Violent Revolution 2.0". Klar, wer aber genau das oder ein weiteres "Pleasure To Kill" möchte, muss eben jene Alben anhören. Um Mille in unserem Interview mit Kollege Görner selbst zu zitieren: "Alles ist erlaubt. So sollte es in jeder Musik sein."
Note: 8,0/10
[Jakob Ehmke]
Da hat uns der gute Mille mit "Krushers Of The World" ja eine schön kontroverse Platte vorgesetzt. Auf der einen Seite stehen Tobias, Dominik, Julian und Jakob, denen das Album anscheinend sehr gut gefällt und auf der anderen Seite die Kollegen Björn und Matthias, bei denen das Werk eher auf wenig Gegenliebe stößt. Wie für letztere wirkt das Album auch auf mich erschreckend mittelmäßig, uninspiriert und austauschbar. Dass man vom Herrn Petrozza schon lange kein klassisches Thrash-Album mehr erwarten kann, dürfte wohl auch dem Letzten klar gewesen sein, aber dass sich KREATOR jetzt dem Publikum von AMON AMARTH, ARCH ENEMY und irgendwie auch SABATON anbiedert, damit habe ich nicht gerechnet.
Das Ganze geschieht auch nicht mit dezent angepasstem Sound, sondern direkt und ohne Anlauf ins Gesicht. Viele der Songs von "Krushers Of The World" könnten, mit anderem Sänger natürlich, von den oben genannten Bands stammen. Mal ehrlich, was haben denn Chöre in gleich mehreren Songs zu suchen? Was sollen solche hohlen Refrains zum Mitgrölen, wie im unsäglichen 'Loyal To The Grave' oder dem Titeltrack? Das haben die Herren doch gar nicht nötig.
Wenn dann einmal gute Riffs oder eine gute Strophe kommen, werden diese durch die Bombastproduktion so glattgebügelt, dass jegliche Kante, jegliche musikalische Eigenständigkeit verloren geht. Eingängigkeit wird mit musikalischer Qualität und Aggressivität mit Bombast und Lautstärke gleichgesetzt. Dynamik? Kann man vergessen, denn alle Regler sind durchgehend auf Elf.
Für die Charts wird es reichen, sicherlich auch für eine gut besuchte Tour und einige Festivals. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass gerade KREATOR eine Band ist, die in der Lage wäre, diese Erfolge auch ohne komplett massentaugliche Musik zu erreichen.
Note: 6,5/10
[Rene Juffernholz]
Ein neues Album von KREATOR löst immer viel Wirbel aus. Auch ich habe noch immer einen Funken Interesse an den einstmaligen Helden und habe natürlich ein paar Ohren in "Krushers Of The World" investiert. Völlig spannungsarm kann ich gleich vorweg schreiben, dass ich das alles ganz nett finde. Ein paar Highlights, aber auch ein paar absolute Lowlights. Nichts Besonderes eigentlich. Weshalb ich jetzt aber doch ein paar Zeilen zu dieser Gruppentherapie niederschreibe, hat den banalen Grund, dass ich in den Beiträgen meiner geschätzten Kollegen so einige Kommentare lese, die nach meiner Meinung wunderbar die komplett unterschiedliche Beohrungsweise solcher Alben zeigt.
Es beginnt mit einem vermeintlich "perfekten" Klang. Gut, Dominik addiert auch noch das Attribut "glatt" hinzu, aber mit dem Begriff perfekt habe ich mein Problem, denn wer definiert denn diesen vermeintlichen Perfektionismus? Für mich ist das viel zu glattgebügelt für eine (einstmalige) Thrash-Band. Dazu kommt ein Übermaß an Bombast, welches mir sogar einige der guten Titel vermiest. Was zum Henker sollen diese Chöre im amtlichen Birnenabreißer 'Seven Serpents'? Da wäre weniger deutlich mehr gewesen. Auch verstehe ich weder mainstreamig, noch melodisch als negative Attribute. Ich denke nämlich, dass die Herrschaften sehr wohl authentisch agieren, denn sie wollen genau das, was wir hier zu hören bekommen. Dass dies jetzt nicht das ist, was mancher hören möchte, ist ja nicht ihr Problem.
Die ulkigen Gothic-Chöre in 'Psychotic Imperator' ziehen mir die Schuhe aus, aber den Massen wird das gefallen. Wie auch diese ganzen plakativen Breitwand-Refrains, die jeder auch mit fünf Tuben Alk noch unfallfrei mitgrölen kann. Das sind eben keine "tollen Refrains", da sie sich bei mir schon jetzt, beim vierten Durchlauf, komplett abnutzen. Ein Langzeitwert von minus Zehn. In 'Deathscream' zeigt man, wie es eigentlich gehen könnte, denkt man sich einen organischen Sound dazu.
Ob es jetzt schlüssig ist, hier eine musikalisch auf allen Ebenen anders tickende Formation wie CEA SERIN ins Rennen zu schicken, weiß ich bei aller Begeisterung für das Album nicht. Wenn Julian "Krushers Of The World" töfte findet und dann schreibt, dass jede Band besser klingt, wenn sie keinen Thrash spielt, ergibt das aber durchaus Sinn. Für mich ist diese Aussage inhaltlich natürlich Blödsinn, aber es geht mir bei KREATOR gar nicht um Thrash oder Nicht-Thrash. Nein, ich zitiere mal Mille: "Some have eyes, and still can't see. Their plastic noise is anything but music to me. Mechanized and computerized, switch off your brain and make sounds that dehumanize". Diese Meister-Proper-Soundwall mit unnötigem Gothic-Firlefanz ist es, die mich komplett kalt lässt. Emotionen werden einfach zugekleistert. All men play on ten? Macho, Macho!
Note: 6,0/10
[Holger Andrae]
Holger sagt's schon, "Krushers Of The World" scheint wohl ein weiteres faszinierendes Beispiel zu sein, wie unterschiedlich metallische Musik in verschiedenen Ohren ankommt. Im Gegensatz zu seinen hören meine hier allerdings wieder Musik, wie sie der Titel verspricht und wie sie Mille mit großer Sicherheit auch so haben wollte. Also keine ausschweifenden Prog-Metal-Epen, sondern voll auf den Punkt gespielten, knochenbrechenden Heavy Metal. Ich erkenne auch schon nach zehn Sekunden, dass es sich hier um KREATOR und nur KREATOR handeln kann. Wo hier Authentizität verloren gegangen sein soll, ist also auch mir ein Rätsel. Und klar ist das noch Thrash wie eh und je, aber wie so oft im Falle von KREATOR eben guter Thrash.
Beim "Macho, Macho"-Punkt bin ich im Prinzip aber wieder bei Holger, lege ihn aber komplett anders aus. Ja, ich habe tatsächlich auch das Gefühl, dass Mille und seine Burschen vor Selbstbewusstsein nur so strotzen. Fast alle Songs dieses neuen Albums strahlen ein gnadenloses "Mia San Mia"-Gefühl – wie ein Fußballfan aus München es formulieren würde – aus. Die Band pflügt – getragen von einem unglaublich transparenten und voluminösen Sound und mit ihrer vierzigjährigen Erfolgsgeschichte im Rücken – mit einer solchen Souveränität, Selbstverständlichkeit und Freude am Spiel durch das Album wie der FC Bayern mal wieder durch die Bundesliga. Klar, das mag nicht jeder. Aber ich wüsste auch nicht, wie man als Band noch "authentischer" sein könnte.
Man kritisiert, dass KREATOR jetzt Musik für die großen Bühnen bei den Festivals mache? Aber warum? Ich würde hier den Spieß doch gerne umdrehen, denn in der Regel wählen Bands genau dort ihre besten Songs aus. Bei KREATOR quer durch die Karriere sind das unter anderem 'Violent Revolution', 'Phobia', 'People Of The Lie' oder 'Hordes Of Chaos'. Und jetzt kommt ein Album, auf dem fast nur Songs dieses Kalibers sind. Zumindest bei den ersten vier gehe ich mit Tobi komplett d'accord, ohne die wird KREATOR in Zukunft gefälligst nicht mehr nach Hause gehen. Die 'Flag Of Hate' darf man dafür gerne mal stecken lassen, hehe.
Bleibt am Ende noch zu klären, in welchem Live-Kontext das geschehen soll. Frank bringt in seiner Hauptrezi SABATON ins Spiel. Absurd? Nun, anstatt automatisch den Bashing-Button mit allen gängigen SABATON-Klischees zu drücken, frage ich: "Warum denn nicht mit einer der erfolgreichsten zeitgemäßen Heavy-Metal-Bands?" Ich fände das in der Tat spannend, würde aber Milles Mannen gerne als Headliner sehen. Weil sie dann genug Zeit hätten, die ganzen Hits zu spielen. Aber das ist nur persönliche Präferenz.
Letzter Punkt, dann habe ich fertig: 'Loyal To The Grave'. Auch für mich der schwächste Song und dennoch spannend und wagemutig. Als Musiker möchte man doch immer mal wieder die imaginäre Genre-Schranke durchbrechen. Vielleicht gibt es ja auf dem nächsten Album mehr in der Art und dann vielleicht noch besser. Ich würde einen solchen Schritt durchaus begrüßen.
Note: 9,0/10
[Thomas Becker]
Was für ein Bohei um eine ziemlich unspektakuläre Platte! Letztlich passieren auf "Krushers Of The World" doch nur Dinge, die eines Tages genau so kommen mussten. Mille geht auf die Sechzig zu und genau so klingt diese Platte auch. Da gibt es ein bisschen Altbewährtes wie 'Seven Serpents' oder 'Barbarian', ein bisschen neues Mitgröl-Material für die Festival-Bühnen im Sommer wie 'Satanic Anarchy' oder 'Blood Of Our Blood', ein bisschen Anbiederung an das jüngere Publikum, wie 'Tränenpalast' oder 'Combatants' und ein bisschen Selbstbeweihräucherung und Legendenpflege wie 'Krushers Of The World' und 'Loyal To The Grave'. Tatsächlich finde ich das im Großen und Ganzen sogar ziemlich gut, die eine oder andere Hookline geht prima ins Ohr und die meisten Trademarks sind ja noch vorhanden.
Nur werden die Songs jetzt gerne mal mit aufgebauschtem Schnickschnack gestreckt, weil die Kreativität und Inspiration über all die Jahre doch ein bisschen auf der Strecke geblieben ist. Das kann ich beim besten Willen nicht so brillant finden wie die Pro-Fraktion hier, aber auch nicht so dramatisch wie Team Contra. Nehmt es doch einfach als das, was es ist: ein unterm Strich durchaus gelungenes Alterswerk einer lebenden Legende. Wer allerdings das Songmaterial dieser Scheibe auf eine qualitative Ebene mit Göttlichkeiten wie 'Phobia' oder 'People Of The Lie' stellen will, der sollte sich mal gründlich die Ohren waschen gehen und danach besser weniger SABATON hören. Enuff said - ich lege jetzt "Dissonance Theory" von CORONER auf, weil ich Bock auf richtig geilen Thrash bekommen habe.
Note: 8,0/10
[Martin van der Laan]
Mein holpriger Einstieg war seinerzeit die Platte "Terrible Certainty", die ich ziemlich schrecklich fand und die einen Zugang in die Welt von KREATOR zunächst auf lange Zeit verwehrte. Mit "Hordes Of Chaos" gelang dann aber genau das, Mille hatte mich doch erwischt. "Phantom Antichrist" war ein Jahrzehnte-Album, "Hate Über Alles" hingegen konnte und wollte mich aber gar nicht so wirklich überzeugen. War es das schon mit der entfachten Liebe zu KREATOR? Der berühmte Knick in der Diskografie?
Zum Glück nicht, denn "Krushers Of The World" biegt alles irgendwie wieder gerade. Die ersten drei Songs laufen astrein durch, ganz besonders der Titeltrack. Gerade die Gitarrenarbeit ist absolut grandios, die gute alte Luftgitarre wird wieder entstaubt. Mit dem vierten Titel 'Tränenpalast' wird es dann episch. Da steigt nämlich Britta von HIRAES in den Song ein und hievt ihn auf das nächste Level. Wohl eines meiner absoluten Highlights in der Jahreswertung 2026, da möchte ich drauf wetten.
Insgesamt bekommen wir durch die Bank das, was KREATOR eben heutzutage so macht. Ob das nun alles vorschriftsmäßiger Thrash Metal ist oder nicht, mag dahingestellt sein. Auf jeden Fall punktet KREATOR mit wesentlich mehr Feingefühl als noch zu oben erwähnten "Terrible Certainty"-Zeiten. Das mag manchem Fan nicht gefallen, mir geht jedenfalls das metallische Herz auf. Im Prinzip ist es mir nämlich egal, ob es hier und dort etwas melodischer zugeht. Solange die Songs auf einem ausgesprochen guten Niveau stehen, ist alles in Butter. Und das ist hier meiner Meinung nach der Fall, daher die verdienten neun Punkte. Da ist der Extrapunkt für den coolen Albumtitel schon mit drin. Wenn "Krushers Of The World" Mainstream ist, dann ist es eben so. Tut mir nicht weh und macht definitiv mehr Spaß als ein möglicher x-ter "Pleasure To Kill"-Aufguss.
Note: 9,0/10
[Frank Wilkens]
Bestes Album seit "Enemy Of God"! Warum?
- die letzten Alben waren unheimlich gut und druckvoll, aber mit der Zeit empfand ich sie als etwas zu überladen
- "Krushers Of The World" hat einen homogenen Sound und Songs, die eben auch die melodischere Seite auspacken
- Symbiose aus Melodie und Härte ist hier nahezu perfekt
- das Album ist exakt das, was ich aktuell an Über-den-Tellerrand-hinaus-Thrash hören möchte
- kein zweites "Enemy Of God" oder "Hate Über Alles", sondern selbst im 45. Bandjahr noch eine Weiterentwicklung!
Darum bestes Album seit "Enemy Of God".
Was, liebe Lektoren, Beiträge einer Gruppentherapie sollten ein anderes Format haben?
Ich bin Chef, ich darf das. Mille darf schließlich auch ein Album wie "Krushers Of The World" veröffentlichen. Mille und ich haben jedes Recht dazu!
Note: 9,5/10
[Marcel Rapp]
Fotocredits: Frank Hameister (Konzert in Frankfurt, Dezember 2024, Jahrhunderthalle) und André Schnittker (vom Metalfest Pilsen 2025)
- Redakteur:
- Thomas Becker





