ENTWINE: Interview mit Jaani

16.11.2006 | 17:46

ENTWINE haben mit "Fatal Design" eine völlig neue Seite von sich gezeigt. Und so präsentieren sich die Finnen, die bis jetzt immer in die Goth-Rock-Ecke gesteckt wurden, in einem überraschend frischen musikalischen Licht.

Caroline:
Ich gratuliere zum neuen Album, ich finde, es ist bis jetzt euer unabhängigstes Werk, es klingt sehr modern und einfach anders. Ja, weniger von den typischen Finnen-Goth-Rock-Bands beeinflusst. Wie kam es zu dieser Entwicklung in eurer Musik? Woher kam die neue Inspiration?

Jaani:
Danke für das Kompliment! Wir hören alle sehr verschiedene Künstler, es gibt daher natürlich viele Einflüsse für uns. Aber METALLICAs "St. Anger" war auf jeden Fall einer der Haupteinflüsse für Tom (Gitarre) als er mit neuen Riffs ankam. Natürlich gibt es auch auf "DIEversity" harte Riffs, aber dieses Mal gingen wir mit der Härte noch ein Stück weiter und ich finde, es hört sich wirklich gut an. Wir haben uns eigentlich nie auf die reinen Gothic-Einflüsse beschränken wollen und haben nur das getan, was uns gut und natürlich vorkam. "Fatal Design" ist ein Resultat dieser Entwicklung. Für mich ist die finnische Gothic-Metal-Szene sowieso sehr langweilig zur Zeit und da die meisten ENTWINE-Mitglieder das genauso sehen, war es klar, dass wir etwas Neues machen wollten!

Caroline:
Ich mag vor allem den Song 'Chameleon Halo' mit seiner mitreißenden Melodie. Der Titel ist auch sehr interessant, kannst du mir was dazu sagen? Gibt es denn generell ein lyrisches Konzept auf eurem neuen Album oder geht es mehr um spontane Gefühle? Und was bedeutet für euch "Fatal Design"?

Jaani:
In 'Chameleon Halo' geht es um eine Person mit zwei Gesichtern, die ein Netz aus Lügen spinnt, um ihren Arsch zu retten. Es geht generell um eine ziemlich miese Persönlichkeit. Ich habe mit Mika über seine Lyrics geredet, aber er erklärt nicht so gerne, um was es in seinen Texten geht. Es sollte jeder Hörer für sich selber herausfinden und seine eigene Interpretation in die Texte legen. "Fatal Design" ist eher eine Andeutung zur Weltlage im Moment. Es geschehen so viele fürchterliche Dinge wie Seuchen, Kriege, Naturkatastrophen, Terrorismus usw. Das ist einfach so absurd...

Caroline:
Ich hab mir vor ein paar Wochen mal euer Forum angesehen und die Reaktionen auf "Fatal Design" waren da sehr widersprüchlich. Auf der einen Seite wurde das Album sehr gelobt, andere haben wiederum das düstere Goth-Rock-Feeling vermisst. Spiegelt das in etwa die generelle Reaktion der Fans wider?

Jaani:
Ja, ich denke schon. Es ist doch immer so, dass ein Künstler mit sehr widersprüchlicher Kritik konfrontiert wird, wenn er etwas anderes macht als das, was die Fans von ihm erwarten. Und genauso ist es mit "Fatal Design" passiert, da wir hier einfach unseren Sound verfeinert haben und neue Elemente neben dem Goth-Rock-Stil gefunden haben. Wir sind eben eine Band, die sich auf keinen Fall auf bestimmte Genres versteifen will, im Gegenteil, wir wollen eher raus aus diesem Schubladendenken. Und als ENTWINE-Fan muss man eben auf jedem Album mit Veränderungen rechnen.

Caroline:
Passend zur Musik finde ich auch das neue Coverartwork und die neue Homepage sehr gelungen. Kannst du mir zu dem Konzept etwas sagen?

Jaani:
Wir haben mit der Konzeption begonnen, als uns klar wurde, dass das Album eher dreckig und rau klingen würde. Da wollten wir natürlich ein passendes Artwork zu diesem Feeling gestalten. Wir haben mit unserem Fotografen Jani Mahkonen über diese Ideen diskutiert und dass wir aussehen wollten wie Typen aus der Ölgrube und ich finde das Resultat sehr gelungen. Die Homepage wurde dann von unserem Webmaster Jani Saajanaho angepasst und dieser hat auch noch eigene, sehr gute Ideen dazu gebracht, sodass der Webauftritt am Ende genauso cool wie das Artwork wurde.

Caroline:
Ist es schwerer im restlichen Europa erfolgreich zu sein im Rock- und Metal-Business, verglichen mit Finnland? Vielleicht ist das nur ein Klischee, das wir hier haben, aber es scheint oft so, dass finnische Bands sehr viel mehr Beachtung in ihrem Land bekommen, im Radio gespielt werden und Rockstar-Status haben. Wie ist dieser Weg für ENTWINE?

Jaani:
Ich glaube, Metal wird heute viel mehr akzeptiert, vor allem weil alle Bands, die auch außerhalb von Finnland erfolgreich sind (wie HIM, NIGHTWISH oder LORDI) aus diesem Bereich kommen. Aber es ist nie einfach, berühmt zu werden und viele Alben zu verkaufen und man muss hart dafür arbeiten. Ich verstehe aber schon, dass finnische Bands außerhalb des Landes auch immer mehr Bekanntheit erlangen, da wir in Finnland eine lange Tradition in Sachen Metal haben.

Caroline:
Ja, und LORDI haben es sogar bis zum Song Contest geschafft und dort gewonnen. Wie findest du das? Würdet ihr auf so einem Event spielen, wenn ihr die Chance hättet?

Jaani:
Ich glaube nicht, dass wir jemals an einem Song Contest teilnehmen werden, zumindest nicht an diesem Eurovision Song Contest. Aber es war schon sehr gut, dass LORDI gewonnen haben! Es war gut für die finnische Musikindustrie, für den finnischen Metal und für Rock- und Metal-Musik im allgemeinen. Aber ich habe Musik nie als einen Bereich gesehen, wo es Konkurrenz und Wettbewerbe geben sollte. Deshalb schätze ich auch diese Popstar-Castings im Fernsehen nicht besonders. Sie sind zwar unterhaltsam, aber haben eigentlich nichts mehr mit Musik als Kunst zu tun.

Caroline:
Was war der erfolgreichste und beeindruckendste Gig von ENTWINE bis jetzt und warum? Und mit welcher Band würdet ihr gerne mal auf Tour gehen?

Jaani:
Das größte Publikum hatten wir wohl auf dem Summer Breeze 2002, das war wirklich sehr beeindruckend! Aber es gab so viele gute Konzerte in der Geschichte von ENTWINE, da ist es echt schwer ein paar hervorzuheben. Ich denke, der Gig auf dem letzten Spinefeast im Oktober 2006 war sehr genial, da es eine ausverkaufte Show voller finnischer Metalheads war. Mit wem ich gerne touren würde? Mit KISS! Ich habe diese Band immer geliebt, es wäre großartig mit ihnen zu touren, ein Traum der wahr würde... Aber ich denke, das wird nicht in der nahen Zukunft geschehen.

Caroline:
Wenn ihr einen Song mit einer anderen Band oder Gastmusikern machen könntet, wen würdet ihr da fragen, wenn ihr die freie Wahl hättet?

Jaani:
Das wäre sicher eine erfrischende Erfahrung mal was mit anderen Künstlern zu machen. Die Liste ist aber endlos: Peter Steele, Paul Stanley, Corey Taylor, Jerry Cantrell...

Caroline:
Was sind eure besten und schlimmsten Tour-Erinnerungen?

Jaani:
Es gibt so viele gute und schlechte Momente auf Tour, aber ich kann da nicht wirklich einen hervorheben. Touren macht uns wirklich viel Spaß, aber wenn elementare Dinge nicht funktionieren, kann es ziemlich hart werden (zum Beispiel wenn es kein gutes Catering gibt, keine Duschen, kein Publikum, technische Probleme usw.). Aber natürlich hatten wir auch genug tolle Erinnerung an unsere Touren, einige davon sind auf unserer Website vermerkt für alle, die mehr wissen wollen!

Caroline:
Und was war das lustigste, das euch jemals auf der Bühne passiert ist?

Jaani:
Einmal ist mir meine enge Hose im Schritt gerissen. Zum Glück hatte ich meine Gitarre davor, sodass es hoffentlich keiner mitbekommen hat, aber ich musste schon ziemlich lachen. Es ist aber generell ein Spaß auf der Bühne zu sein, vor allem vor einem enthusiastischen Publikum!

Caroline:
Ich habe ein paar generelle Fragen zum aktuellen Geschehen, ich würde gerne wissen, wie Musiker zu diesen Dingen stehen:

Was denkst du über Bands, die sich auflösen und dann ein paar Jahre später wieder kommen, wie IMMORTAL zum Beispiel?

Jaani:
Ich denke, es ist okay. Ich bin seit 15 Jahren in verschiedenen Bands und seit 6 Jahren bei ENTWINE und wenn man eben das Gefühl hat, dass es nicht mehr klappt in der Band, dann sollte man etwas daran ändern. Es ist also besser aufzuhören, als weiterzumachen und sich schlecht dabei zu fühlen. Nach einer Pause kann man auch realisieren, dass das Rock'n'Roll Leben das einzig wahre ist und ruft die Band wieder ins Leben. Aber wenn eine Band sich wieder zusammentut, dann sollte sie auch ein neues Album herausbringen.

Caroline:
Was hältst du vom SENTENCED-Split und glaubst du (bzw. wünschst du dir), dass sie jemals wieder zurück kommen?

Jaani:
Ich finde das wirklich traurig, sie waren so gut! Wir haben eine großartige finnische Rockband verloren. Aber ich respektiere ihre Entscheidung aufzuhören, wenn es sich nicht mehr richtig angefühlt hat, weiter zu machen. SENTENCED haben gemeint, dass sie niemals "auf ihr Grab pinkeln" würden mit einer Reunion und ich glaube auch, dass sie das so durchziehen. Aber Ville hat ja noch eine andere Band, POISONBLACK, die sehr gute Alben herausbringt.

Caroline:
Was sind deine drei Underground-Tipps für uns?

Jaani:
Diese Bands sind aus Lahti und sind noch sehr jung, aber sie rocken: PROFANE OMEN, KAMEL und KILL THE ROMANCE.

Caroline:
Und auf der anderen Seite, welche Bands findest du überbewertet?

Jaani:
BOB DYLAN, NIRVANA, MÖTLEY CRUE... Und noch einige andere.

Caroline:
Wie sieht es aus mit Tourplänen? Habt ihr eigentlich eine Lieblingslocation oder ein Land, in dem ihr sehr gerne spielt?

Jaani:
Es kommen jetzt einige Konzerte, auch außerhalb von Finnland! Ich liebe es im Ausland zu spielen, weil man dann auch die Möglichkeit hat zu reisen und neue Orte zu entdecken. Wir spielen aber eigentlich jeden Gig, den man uns anbietet, egal wo. Ich würde am liebsten mal in London spielen, ich hoffe das klappt bald mal!

Caroline:
Und jetzt noch unsere berühmte Pizza-Frage: Wenn ENTWINE eine Pizza wären, was wäre drauf?

Jaani:
Als erstes müsste es natürlich Jaloviina (finnischer Likör) oder Rum in der Tomatensauce geben. Und es müsste Gemüse für Riita drauf sein und ganz viel Fleisch für den Rest der Band. Der Schweizer Käse darf auch nicht fehlen... Weil es manchmal in unserem Bus so riecht. ;-)

Caroline:
Noch etwas, das du sagen willst?

Jaani:
Wenn ihr noch nicht unser neues Album "Fatal Design" gehört oder gekauft habt, checkt es mal im Plattenladen eures Vertrauens, ich bin mir sicher, ihr werdet nicht enttäuscht sein! Wir sehen uns auf einem Konzert!

Redakteur:
Caroline Traitler

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