CYBER BAND: "KI ist Faulheit” – das Album beweist es

19.03.2026 | 22:09

Sie sind blutjung und klingen wie die Großen: CYBER BAND (Philippinen) hat mich im Sturm erobert - nun sprechen wir über ihren Prog Rock mit unerhörter Energie, das neue Album und lernen etwas über die dortige Rockszene.

Euer Debütalbum "Through The Passages Of Time" (hier geht's zur Rezension: "Überraschung des Jahres: Ein Prog-Meisterwerk von den Philippinen") hat mich im Sturm erobert – und, wie ich wahrgenommen habe, viele andere Progressive-Rock-Fans über die ganze Welt verteilt ebenfalls. Daher habe ich mir Sänger, Gitarrist und Songwriter Andrew Patuasic zum Interview geschnappt.

Hey Andrew, kannst du dir den Erfolg eures Albums erklären? Warum hat das - zumindest in der Prog-Bubble - Wellen geschlagen?

Es ist wirklich großartig und ziemlich überwältigend, internationale Anerkennung zu erhalten, einfach nur, indem wir wir selbst waren. Ich erinnere mich noch daran, wie wir früher Kompromisse eingegangen sind und es nicht so erfüllend war wie bei unseren Alben "The Light" und "Through The Passages Of Time". Diese Kunst zu schaffen, die wir wirklich von ganzem Herzen lieben, und sie vor Publikum spielen zu können, ist eines der besten Gefühle der Welt.

Sprechen wir über die Konzerte: Ich kann mir vorstellen, dass ihr einen echten Bekanntheitsschub erlebt habt. Welche Anekdote hat dich am meisten beeindruckt?

Ein weiblicher Fan ist den ganzen Weg von den Visayas zu unserem Konzert in Manila gereist (Anm.: eine Reise, für die man ein Flugzeug nutzen muss), ich sah, wie sie weinte, während wir spielen. Sie sagte mir später, dass unser Auftritt perfekt war und wir eine Verbindung zu ihr hergestellt hätten. Das hat mich wirklich beeindruckt, da habe ich die Kraft unserer Musik gespürt. Ich bin wirklich dankbar, dass die Menschen die Geschichten hinter den Songs verstehen, die wir geschrieben haben, und uns auf unserer Reise begleiten.

Euer Album ist eine wilde Mischung aus verschiedenen Stilen – von Jazz über Klassik bis hin zu Proto-Metal. Wenn ihr einen Song aus eurem Album als Soundtrack für einen Film über euer Leben auswählen müsstet, welcher wäre das – und welche Szene würde er begleiten?

Es wäre definitiv 'Through The Passages Of Time'. Er umfasst irgendwie meine Lebensreise, meine Kämpfe und den Weg meiner Heilung. Mein Leben ist eine Achterbahnfahrt. Ich glaube, er würde dort beginnen, als ich zum ersten Mal bei einer TV-Show auf den Philippinen mitmachte, nämlich bei "The Voice Kids", Staffel 2.

Der erwähnte Titelsong ist ein 23-minütiges Epos. Wenn du diesen Song in nur drei Minuten zusammenfassen müsstest – sei es musikalisch oder in Worten – wie würdest du das machen? Was sind die wesentlichen Elemente dieses Stücks?

Der Song ist die Reise eines Mannes im Fegefeuer. Dort hat er den König der Zeit gefunden, während er um eine weitere Chance im Leben bittet. Von dort wurde er ins Tal des Todes geschickt. Der Mann hörte nie auf zu gehen, bis er eine wunderbare Stimme hört. Am Ende seiner Reise hat er das Licht gefunden. Er erwacht aus dem Koma und sieht die Welt aus einer neuen Perspektive.

Hörtipp: Live-Version von 'Through The Passages Of Time' auf Youtube

Ich vergleiche euer Album mit einem Hundertwasser-Haus – chaotisch, experimentell, aber harmonisch. Wenn ihr eure Musik als Gebäude beschreiben müsstet, wie würde es aussehen? Wäre es ein futuristischer Wolkenkratzer, eine gotische Burg oder vielleicht etwas ganz anderes?

Hmmm, das klingt knifflig… Ich glaube, es wäre eine futuristische Burg. Wegen der Mischung aus Altem und Neuem.

In meiner Rezension vergleiche ich dich mit Freddie Mercury (QUEEN) – eine große Ehre, aber auch ein großes Erbe. Wie geht ihr mit solchen Vergleichen um, wenn sie aufkommen? Und gibt es Momente, in denen ihr bewusst versucht, euch von solchen Assoziationen zu distanzieren?

Ich empfinde es als Ehre. Ich habe kein Problem damit, aber ich gebe trotzdem mein Bestes, um meinen eigenen Klang in meiner Stimme zu finden. Manchmal liebe ich Künstler wie KING CRIMSON oder QUEEN einfach zu sehr, was sich in unserer Musik widerspiegelt. Ich glaube, ich bin einfach sehr inspiriert davon, wie Freddie bei jedem Auftritt alles gibt, und so singe ich auch jedes Mal.

Bitte gebt uns ein paar Hintergrundinformationen über euch: Wer seid ihr und was macht ihr außerhalb der Musik?

Ich bin Andrew P. Patuasic aus Cagayan de Oro City auf den Philippinen, 23 Jahre alt. Außerhalb der Musik bin ich noch Student, mache aber dieses Jahr meinen Bachelor of Arts in Psychologie. Mein Bandkollege Isaac Abogatal am Bass hat bereits seinen Abschluss, nur ich und unser Schlagzeuger CJ Alcantara studieren noch.

Für alle, die auf der anderen Seite des Planeten leben: Erzählt uns bitte ein wenig über die Rockszene auf den Philippinen. Wie aktiv ist sie, welche Bands sollten wir kennen?

Die Rockszene auf den Philippinen ist lebendig und pulsierend. Viele Bands auf den Philippinen sind wirklich leidenschaftlich bei ihrer Kunst, wie zum Beispiel RADIOACTIVE SAGO PROJECT, CAST IN PLACE, GRABSEVEN, OH FLAMINGO und TAOWAYA. Unsere Musik auf den Philippinen ist vielfältig und unsere Rockmusik ist voller Einflüsse und mit verschiedenen Stilen vermischt.

Vielen Dank für die Hörtipps! Wenn ihr die Möglichkeit hättet, in die 70er Jahre zurückzureisen und mit einer Band aus dieser Zeit zusammenzuarbeiten, welche wäre das – und was würdet ihr gemeinsam aufnehmen? Wäre es eher Krautrock, Metal oder Jazz?

Ich hätte sehr gerne mit der besten Rockband der Philippinen, JUAN DELA CRUZ, zusammengearbeitet und mit ihnen Progressive Rock gemacht.

Kommen wir zu eurem Sound zurück: Ich sehe eure bewusste Unvollkommenheit als eine Stärke, die an die 1970er-Jahre erinnert. Glaubt ihr, dass Perfektion in der Musik überbewertet wird? Und wie entscheidet ihr, wann ein Song "fertig" ist – oder ist er eigentlich nie wirklich fertig?

Ich glaube, Perfektion wird definitiv überbewertet. Der Einsatz von elektronischen Drum-Sounds auf Alben hat dazu geführt, dass ich mich bei manchen Alben, die heutzutage erscheinen, emotional weniger verbunden fühle und sie mir weniger Gefühl vermitteln als die älteren Alben mit authentischen Klängen. Unser Ziel ist es, dass die Zuhörer beim Hören das Gefühl haben, wir stünden direkt vor ihnen. Wir produzieren unsere Drum-Sounds so natürlich wie möglich; für mich sind sie das wichtigste Element eines Albums. Meiner Meinung nach spürt man bei echten Drums die Energie und die Seele, im Gegensatz zu getriggerten Drums. Ich glaube, der Grund für Perfektion liegt in der Verwendung von einem Metronom bei den Aufnahmen und programmierten Drums; so fehlt das menschliche Gefühl, und wenn man die Drums nur so programmiert, dass sie perfekt im Takt spielen, werden sie seelenlos.

Euer Album klingt, als hättet ihr die Songs vor der Aufnahme unzählige Male im Proberaum gespielt. Wie wichtig ist euch diese rohe Energie? Und wie unterscheidet sich euer Live-Sound von eurem Studio-Sound?

Für mich ist es eines der wichtigsten Elemente bei der Produktion unseres Albums, die rohe Energie der Band einzufangen. Unser Live-Sound unterscheidet sich ein wenig von unserem Studio-Sound, da der Studio-Sound mit mehr Synthesizern unterlegt ist, aber dennoch kann unser Bassist bei einem Live-Auftritt zwei Aufgaben (Keyboards und Bass) gleichzeitig bewältigen.

Viele Künstler experimentieren heute mit KI-generierten Klängen, wir hören zunehmend Berichte über komplett KI-generierte Kompositionen oder Alben. Könntest du dir vorstellen, KI in deinen kreativen Prozess einzubeziehen? Wenn ja, wie würde das aussehen – und wenn nicht, warum nicht?

Ich würde das als Faulheit bezeichnen. KI führt dazu, dass Menschen ihr Gehirn weniger nutzen, und ich lehne ihren Einsatz in Musik und Kunst entschieden ab.

Ein klares Statement! Prog-Rock hat oft den Ruf, ein Genre für Nostalgiker zu sein. Wie wird sich Prog-Rock deiner Meinung nach in den nächsten zehn Jahren entwickeln? Und welche Rolle möchtest du in dieser Entwicklung spielen?

Ich glaube, dass der Progressive Rock durch die Erforschung neuer Klänge mittels Gitarrenpedalen, den Einsatz neuer Technologien (nicht KI) und den Mut, neue Dimensionen zu erkunden, nach und nach neue Welten erobern wird. Angesichts all dessen, was unsere Generation zu bieten hat, bin ich überzeugt, dass Progressive Rock auch künftig neue musikalische Welten entdecken und sich weiterentwickeln wird. Die Rolle, die ich in dieser Entwicklung spielen möchte, besteht darin, unsere Generation zu ermutigen, keine Angst davor zu haben, sie selbst zu sein, und sich nicht einfach dem anzupassen, was gerade im Trend liegt. Über den Tellerrand hinauszuschauen und sich aus dem Käfig der Normalität zu befreien, ohne sich darum zu kümmern, was andere sagen. Musik zu machen, weil man sie liebt, und nicht, weil andere es einem gesagt haben.

Ihr arbeitet derzeit an einem neuen Album: Wann wird es rauskommen? Was können wir in Bezug auf Thema und Musik erwarten?

Wir zielen derzeit auf Juni, Juli 2026. Beim Musikmachen versuchen wir wirklich unser Bestes, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wir gehen an unsere Grenzen und experimentieren mit mehr Klängen. Thematisch konzentrieren wir uns auf die Gegenwart. Wir denken darüber nach, was heute geschieht: Wie wir Menschen zu Maschinen werden oder bereits geworden sind. Daher: Willkommen im Zeitalter der Maschinen!

 

Wer mehr über die Band erfahren und keine News mehr verpassen möchte, findet hier zum Beispiel eine aktiv gepflegte Facebook-Seite.

Die Fotos wurden mit der freundlichen Genehmigung der Band verwendet.

Redakteur:
Julian Rohrer

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