SOILWORK - The Living Infinite
Mehr über Soilwork
- Genre:
- Melodic Death Metal
- ∅-Note:
- 9.50
- Label:
- Nuclear Blast
- Release:
- 01.03.2013
- Spectrum Of Eternity
- Memories Confined
- This Momentary Bliss
- Tongue
- The Living Infinite I
- Let The First Wave Rise
- Vesta
- Realm Of The Wasted
- The Windswept Mercy
- Whispers And Lights
- Entering Aeons
- Long Live The Misanthrope
- Drowning With Silence
- Antidotes In Passing
- Leech
- The Living Infinite II
- Loyal Shadow
- Rise Above The Sentiment
- Parasite Blues
- Owls Predict, Oracles Stand Guard
Doppelalbum oder eher doppelter Fehlschlag? SOILWORK wagt das Risiko und liefert ab!
Eine kurze Zeitreise: 2012 verlässt Hauptsongwriter Peter Wichers SOILWORK nach 2005 ein zweites und letztes Mal. Nachdem "Sworn To A Great Divide" 2008 ohne seine Beteiligung hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist (für mich auch das zerfahrendste und durchschnittlichste SOILWORK-Album überhaupt), gelingt nach seinem Comeback mit "The Panic Broadcast" eine Rückkehr nach Maß und es war auch ein Stück weit der Startpunkt für den erneuerten Sound der Band um Björn "Speed" Strid. Nun war Peter Wichers erneut raus. Und das ausgerechnet 2012, wo der Mayakalender keine Vertragsverlängerung mehr bekommen hat. Die Sorge unter den Fans war entsprechend groß: Würde nun wieder so ein durchschnittliches Album entstehen?
Ein gewisser David Andersson trat der Band bei, nachdem er seit 2006 immer wieder mal live an der Klampfe ausgeholfen hat. Und schnell machte die Nachricht die Runde, dass das neue Werk "The Living Infinite" direkt mal ein Doppelalbum werden wird. Hat das die Zweifler beruhigt? Ganz im Gegenteil. SOILWORK war sich scheinbar sehr sicher. Was am Erscheinungstag am 01.März 2013 dann allerdings passieren sollte, damit haben nicht viele gerechnet. "The Living Infinite" sollte alle umblasen und ein Meilenstein in der jüngeren Geschichte der Schweden werden.
Ganze 22 Sekunden dauerte es, bis 'Spectrum Of Eternity' sämtliche Zweifel in einem Orkan aus melodischen Riffs und dem Schrei von Speed beseitigt und den Putz von der Wand geschleudert hat. SOILWORK klang gleichzeitig oldschool wie zu "The Chainheart Machine", kombiniert mit dem neuen Ansatz, den "The Panic Broadcast" hervorgebracht hat. "Spectrum Of Eternity" ist derartig irrwitzig, angriffslustig und perfekt auf den Punkt komponiert, einen besseren Einstieg konnte SOILWORK seinen Fans nicht machen. Hier stimmt einfach alles. Nur war das ein Song, eine Facette. Schafft es SOILWORK, dieses Niveau über 20 Songs hinweg zu halten?
In den rund 85 Minuten gibt es wenig zu kritisieren. Das Niveau wird durchgängig hochgehalten und wirklich Routine oder Langeweile kommt auf beiden Seiten des Doppelalbums nicht auf. 'Memories Confined' kontert das Dauerfeuer des Openers mit deutlich reduzierter Geschwindigkeit und einer fast mahnenden Stimmung. Doch das ist nur die Vorspeise, von dem, was als nächstes folgen sollte. Nämlich nichts anderes als das beste SOILWORK-Songdoppel der Neuzeit: Der Hit 'This Mometary Bliss', der einfach jede liebgewonnene und perfektionierte Trademark der Mannen aus Helsingborg in sich vereint. Das melodisch-komplexe Riffing, der eingängige Chorus mit dem markanten Klargesang von Speed, hier stimmt einfach alles.
Klar, ist das auch ein Stück weit poppig und die Formel "Harte Strophen und klargesungener Refrain" ist heuer durchaus ausgelutscht und vorhersehbar. SOILWORK hatte und hat seit jeher ein Händchen, Melodien für Millionen hier zu verbauen. Getoppt wird das dann nur von dem im Anschluss folgenden 'Tongue' mit seinen einleitenden Talkshow-Gitarren, dem erneut durchgetretenen Gaspedal und dem absolut unfassbarsten Refrain der doppelten, lebenden Unendlichkeit. Hatte man Anno 2013 schon mal Klargesang über Blastbeats gehört?
Weiter geht es mit dem treibenden ersten Teil des Titelsongs 'The Living Infinite I', der ein subtiles maritimes Flair verströmt, hat sich SOILWORK beim Albumtitel doch von Schriftsteller Jules Verne inspirieren lassen, hat dieser den Ozean als "The Living Infinite" bezeichnet. Und als wäre die See wieder zu still geworden, wirbelt 'Let The First Wave Rise' im Anschluss ordentlich - naja, Staub würde jetzt bisschen absurd klingen – Salzwasser auf und wütet in nicht mal drei Minuten dennoch eingängig vor sich hin und versenkt so einige schutzlose Schaluppen auf der weiten See.
'Vesta' nimmt im Anschluss erneut das Gas ein wenig raus und erinnert im Ansatz und den Melodien sehr an "Figure Number Five", nur eben wie es 2013 klingen würde. Die Riffwalze 'Realm Of The Wasted' bietet unterdessen den ersten Beitrag des französischen Gitarristen Sylvain Coudret auf "The Living Infinite". Der Mann hat eine ganz eigene Art, Riffs zu schreiben und wird das später erneut unter Beweis stellen. Dabei hat SOILWORK die Songwriting-Credits auf vier Schultern verteilt. Während David Andersson und Björn "Speed" Strid den Löwenanteil schultern, brachte sich Keyboarder Sven Karlsson bei insgesamt zwei Nummern ein, die stilistisch am deutlichsten abweichen. Gleiches gilt für Sylvain Coudret, der ebenfalls mit zwei Songs jeweils ordentlich Salz ins Meer kippt.
Den einzigen Gastauftritt findet sich beim herrlich verträumten 'The Windswept Mercy', was ein Duett mit Justin Sullivan, seines Zeichens Kopf der Legende NEW MODEL ARMY, beinhaltet und mit seinen göttlichen Harmonien im Chorus ein weiteres Highlight von Scheibe Nummer Eins ist. Das ausladende und erneut hervorragende 'Whispers And Lights' beschließt dabei den ersten Teil von "The Living Infinite".
Im Westen nichts Neues bei Album Zwei? Nicht ganz. Wie der endlos fließende Ozean bleibt auch Seite Zwei in den mittlerweile bekannten Gewässern und knüpft da nahtlos an. Dabei gibt es hier allerdings die einzigen, kleinen Kritikpunkte an "The Living Infinite". Mit 'Entering Aeons' und 'Loyal Shadow' finden sich zwei exakt gleich lange Instrumentale, die ein wenig den eben heraufbeschworenen Fluss unterbrechen und sortieren sich am ehesten in der Kategorie "Verzichtbar" ein. Wieder zurück auf Kurs gibt 'Long Live The Misanthrope' direkt wieder auf die Glocke und liefert wieder alles, was ich mir von SOILWORK wünsche. Der – schon wieder – wunderbare Refrain lässt dabei an das Vorgängerwerk "The Panic Broadcast" denken. Peter Wichers konnte sich spätestens hier selig zurücklehnen und den Ex-Kollegen nur gratulieren.
Jetzt gab es Highspeed-Granaten, Hymnen zum Mitsingen, Riff-geprägte Songs, eine eher düstere Nummer... was fehlt da noch? Die obligatorische Ballade durfte natürlich nicht fehlen. Mit 'Antidotes In Passing' ist SOILWORK allerdings ein so herrliches Kleinod gelungen, das absolut für sich stehen könnte. Komplett von Speeds Klargesang getragen, versprüht dieser Song eine wohlig-melancholische wie auch hoffnungsvolle Aura. Ein ganz großes Highlight, nicht nur von Album Zwei, sondern von der gesamten Doppelscheibe! 'Leech' drückt im Anschluss wieder gewaltig auf die Tube und überschlägt sich in seinem Irrwitz in einem erhabenen Chorus, der erneut keinerlei Wünsche offen lässt. Nach einer zurückhaltenden Nummer immer wieder geschmeidig die Visage poliert zu bekommen, ist dabei eine willkommene Nebenwirkung.
Der zweite Teil des Titelsongs 'The Living Infinite II' ist unmittelbar danach nochmal ein emotionales Highlight mit seinen einleitenden, wunderschönen Akustikgitarren, das dann langsam in einen eher drückenden Midtempo-Stampfer mündet, der an Teil Eins anknüpft. Dabei geht er ein wenig sanfter zu Werke und legt dadurch mehr Aufmerksamkeit auf den Text, der mehr Zuversicht verstrahlt und da den ersten Teil spannend konterkariert.
'Rise Above The Sentiment' leitet langsam das Ende ein und präsentiert sich dann nochmal als ein großer, typischer SOILWORK-Hit, der wieder alle Trademarks bietet und sich herrlich leicht um die Ohren schmeichelt. Einfach ein Hit. Beim vorletzten Song, dem unverschämt groovigen 'Parasite Blues', könnte ich jetzt auch wieder von einem Hit sprechen. Mit seinen tänzelnden Gitarren und fetten Riffs gibt es nochmal eine Vollbedienung, wobei auch Speed äußerst herausfordernde Gesangslinien zu bewältigen hat.
Zum Schluss hat sich SOILWORK mit dem düsteren, fast schon im Death-Doom beheimateten 'Owls Predict, Oracles Stand Guard' einen Song aufgehoben, der dann noch einmal komplett aus dem üblichen Schema fällt und herrlich bedrohlich voranschreitet. Mt gesprochenen Vocals bewerkstelligt er es abschließend, noch eine andere eine Facette der Schweden zu zeigen, die man davor und auch danach so nicht wieder zu hören bekommen hat. Ein mutiger Abschluss, der das gesamte Doppelalbum auf einer anderen Note enden lässt, als es zum Beispiel noch 'Whispers And Lights' getan hat.
"The Living Infinite" ist seinerzeit nichts anderes als ein gewaltiges Statement von SOILWORK gewesen. Angriffslustig mit der "Jetzt erst recht!"-Attitüde hat die Band nicht nur einen Befreiungsschlag landen können, sondern direkt auch die Blaupause für die folgenden Alben gelegt, die dann qualitativ genau so hervorragend geraten sind. Mal noch verspielter und stellenweise vertrackter und progressiver ("The Ride Majestic"), dann mal offener für Genre-fremde Einflüsse ("Verkligheten"). Doch bei aller Qualität reichten diese Platten nicht ganz an "The Living Infinite" heran. Nur die Emotionalität und Brillanz sollte Jahre später von "Övergivenheten" wieder erreicht und stellenweise getoppt werden.
Ist dieses Doppelalbum nötig gewesen? Ohne jeden Zweifel. SOILWORK spielt hier so befreit, so gekonnt seine Stärken aus und erneuert den Sound in eine Richtung, von der die Band bis heute zehrt. Trotz minimaler Längen handelt es sich um einen der stärksten Outputs der Band. Die besten Songs, auf ein Album gebündelt, würden hier dann auch eine glatte Zehn bedeuten. So nämlich.
- Note:
- 9.50
- Redakteur:
- Kevin Hunger


