MARILLION - Script For A Jester's Tear
Mehr über Marillion
- Genre:
- Progressive Rock
- ∅-Note:
- 10.00
- Label:
- EMI
- Release:
- 14.03.1983
- Script For A Jester's Tear
- He Knows You Know
- The Web
- Garden Party
- Chelsea Monday
- Forgotten Sons
Der grandiose Beginn einer einzigartigen Karriere.
Zweifellos hat die britische Band MARILLION eine Sonderstellung im Musikgeschäft inne, vor allem weil sie bereits um die Jahrtausendwende den Schritt ins Crowdfunding gegangen und den direkten Kontakt zur Fanbasis aufgenommen hat. Davon sind wir aber im Jahr 1983 noch weit entfernt. Nach dem kleinen Hit 'Market Square Heroes' von der ersten Veröffentlichung, einer 12" mit drei Stücken, darunter das über siebzehnminütige 'Grendel', war es Zeit für einen ersten Longplayer. Dabei eilte der Band ein Ruf voraus, nämlich unverschämt GENESIS zu kopieren. Das kam für mich allerdings einem Ritterschlag gleich!
Dabei muss man tatsächlich zugeben, dass der Sound ähnlich ist, die Live-Auftritte genauso zelebriert wurden, wie GENESIS es zu Peter-Gabriel-Zeiten taten, aber dass doch mindestens Fish als Frontmann einen völlig anderen Stil und Ansatz hat als der Prog-Peter bis 1975 bei seiner Band offenbarte. Fish ist politischer, mit seinen damals 25 Lebensjahren erstaunlich reif in seiner Lyrik, aber ein genauso intensiver Frontmann. Der Albumbeginn mit dem Titelsong könnte gar nicht tiefsinniger sein, 'Script For A Jester's Tear' ist vielleicht das lyrisch anspruchsvollste Liebeslied aller Zeiten: "So here I am once more, in the playground of the broken hearts, one more experience, one more entry, in the diary selfpenned." Dazu ein Füllhorn an Metaphern, Doppeldeutigkeiten, Gedankensprüngen, die jedem der Lieder, auch dem eher unscheinbaren 'Chelsea Monday' große Bedeutung einhauchen.
Die sechs Lieder sind allesamt heute Klassiker und damals großartige Monumente des beginnenden Neoprogs der Insel. Besagtes, melancholisches Liebeslied als Opener ist ein Statement, wer davon nicht gleich verschreckt wird, kommt auch mit den schrägen Tonfolgen der anderen Lieder klar, gefolgt von der ersten Single 'He Knows You Know', die bis in die Top 40 der Singlecharts stieg. Ein solcher Progsong mit einem so unheilvollen Text? Das ist heute wohl undenkbar. Hier mal ein Ausschnitt: "He knows... slash wrist, scarlet fever, crawled under your bathroom door, Pumping arteries ooze their problems through the gap that the razor tore". Nicht direkt Chartfutter.
Mit 'The Web', nachdem damals dann auch ihr Fanclub benannt wurde, geht es genauso proggig weiter. Der Song benötigt in paar Durchgänge, um im Ohr zu bleiben, das folgende 'Garden Party' dagegen ist ein direkter Treffer in die Hörgänge. Auch wenn der Takt ein wenig ungewohnt klingt, schaffte es das Lied sogar in die Top 20 der Charts, und das, obwohl das Lied beißend Kritik an der oberen britischen Gesellschaft übt, speziell gemünzt auf die Gesellschaft in Cambridge, mit netten, kleinen Phrasen wie "social leeches quoting Chaucer" oder "Smiles polluted with false charm" und zahlreichen sexuellen Anspielungen. Auch auf den ersten Blick kein echtes Chartfutter, was die Briten aber nicht vom Kauf abhielt. Übrigens gibt es dazu ein lustiges Video, das die Band trotz diverser Fremdschäm-Szenen mit aufrechtem Blick anerkennt, immerhin haben sie es erst 2024 neu auf ihrem Youtube-Account hochgeladen:
https://www.youtube.com/watch?v=-ywkEjJIqYc
'Chelsea Monday' wurde bereits wegen der Lyrik erwähnt, muss aber auch für seine Musik genannt werden, ist es doch einfach schön und über acht Minuten lang makellos. Das abschließende 'Forgotten Sons' handelt vom Nordirland-Konflikt, den sogenannten "Troubles", ist aber wieder voll von mehrdeutigen Phrasen, Anspielungen und Namen, die man nur mit einem tiefen Verständnis der britischen Gesellschaft und der Vorgänge in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern verstehen kann. Das Lied ist zornig und aggressiv, transportiert die Wut genauso wie die Verzweiflung, wenn Fish über die stationierten Soldaten, "For a long forgotten cause, on not so foreign shores", singt "Your girl has married your best friend, loves end" oder den Nachhall der Einsätze beschreibt "Your flesh will always creep, tossing turning sleep" und auch vor der britischen Gesellschaft nicht Halt macht mit "Your father drains another beer, he's one of the few that cares", aber bitter hinzufügt "Crawling behind a Saracen's hull from the safety of his living room chair", bis endlich "You're just another coffin on its way down the emerald aisle". Starker Tobak, keine Frage, glücklicherweise mittlerweile, hoffentlich für immer, bereinigt, auch wenn die religiösen Animositäten in Nordirland keines beigelegt sind.
"Script For A Jester's Tear" ist das einzige Album mit Schlagzeuger Mick Pointer, der recht schnell von allen Protagonisten, Fans und Kritikern als der musikalische Schwachpunkt im Line-up identifiziert wurde. Deswegen musste er seinen Hut nehmen, brachte uns aber zwölf Jahre später immerhin mit ARENA eine ähnlich großartige Band.
"Script For A Jester's Tear" ist ein Monument, sicher nicht fehlerlos, aber ehrlich, erdig und intelligent. MARILLION sollte danach mit Fish noch drei weitere Alben veröffentlichen, die sicher reifer, musikalisch noch weiter entwickelt und auch lyrisch noch etwas feinsinniger sein mögen, aber jedes für sich ist auf seine Art einfach perfekt. So wie "Script For A Jester's Tear", deswegen gibt es nur eine mögliche Note für dieses Album.
- Note:
- 10.00
- Redakteur:
- Frank Jaeger


