GILBERT, PAUL - WROC
Mehr über Gilbert, Paul
- Genre:
- Rock
- ∅-Note:
- 7.00
- Label:
- Music Theories Recordings
- Release:
- 27.02.2026
- Keep Your Feet Firm And Even
- Show Not Yourself Glad (At The Misfortune Of Another)
- Maintain A Sweet And Cheerful Countenance
- Go Not Thither
- Orderly And Distinctly
- If You Soak Bread In The Sauce
- Let Thy Carriage
- Speak Not Evil Of The Absent
- Turn Not Your Back (To Others)
- Conscience Is The Most Certain Judge
- Every Action Done In Company
- Spark Of Celestial Fire
- George Washington Rules
Washingtons Benimmregeln im Rock-Gewand?
Gitarrenlegende PAUL GILBERT ist immer für eine Überraschung gut, wobei die Bearbeitung seiner Gitarre mit einem mit Plektren aufgemotzten Akkuschrauber wohl weiterhin der abgedrehteste Trick im Arsenal des Amerikaners bleibt. Auch für sein neuesten Werk "WROC" hat sich Mr. Gilbert wieder etwas Abgedrehtes vorgenommen, wobei es diesmal allerdings nicht um die Umwandlung von Handwerkszeug zum musikalischen Hilfsmittel geht. Nein, diesmal ist das lyrische Konzept der insgesamt dreizehn neuen Tracks die Überraschung, denn "WROC" steht als Abkürzung für die "Washington Rules of Civility“ (Washingtons Regeln der Höflichkeit), die US-Präsident George Washington aus dem franzöischen übersetzte und ergänzte. Nicht unbedingt der Stoff, aus dem Rock'n'Roll-Lyrik gemacht ist, doch wie immer wollen wir uns von Mr. Gilbert überraschen lassen.
Nun, musikalisch scheinen Washingtons Benimmregeln zumindest eine Inspiration für musikalische Zurückhaltung gewesen zu sein, denn so rockig und handzahm hat man Gilbert außerhalb seiner Hauptband MR. BIG eher selten gehört. Dabei profitiert "WROC" vor allem auch von dem organsischen Live-Setting, in dem die Tracks an vier Tagen mit Hilfe von Nick D'Virgilio am Schlagzeug, Doug Rappoport an der Gitarre und Timmer Blakely am Bass aufgenommen wurden. So wirkt die Platte teilweise wie ein lebhaftes Live-Dokument, das die Stimmung einer inspirierten Jam-Session hervorragend transportiert. Der Fokus liegt dabei im instrumentalen Bereich auf coolen Riffs, feiner Melodik und entspanntem Groove, wobei Referenzen von ZZ TOP bis MR. BIG als Inspirationsquellen in den Sinn kommen. Natürlich lockern ein paar gewohnt tolle Gitarrensoli das Gesamtbild auf, während Paul mit seinem Gesang dafür sorgt, dass "WROC" vornehmlich auf für Mainstream-Ohren deutlich zugänglicher bleibt als beispielsweise instrumentale Ausflüge wie sein großartiges Soloalbum "Silence Followed By A Deafening Roar".
Also alles parat für ein richtig schmissiges Rockalbum, das überall auf offene Ohren stoßen wird? Nun, hier kommt leider die lyrische Vorlage ins Spiel, deren Umsetzung Paul sehr ernst nimmt. Das führt nicht nur dazu, dass wir holprige Songtitel wie 'Show Not Yourself Glad (At the Misfortune Of Another)' oder 'Conscience Is The Most Certain Judge' serviert bekommen, sondern eben auch die Gesangslinien immer mal wieder versuchen, zu viele formelle und schwer singbare Passagen in Hooklines umzuwandeln. Klar, das führt dazu, dass sich "WROC" stark vom Rock-Mainstream abhebt, resultiert aber eben auch nicht immer in wirklich prägnanten Hooklines, die man bei der nächsten Show mitsingen möchte. Als bestes Beispiel kann hier wohl das gerade erwähnte 'Show Not Yourself Glad (At the Misfortune Of Another)' herhalten, das instrumental zwar richtig tolle Passagen im Angebot hat, beim Gesang aber eher wie ein Experiment wirkt, das zeigen möchte, dass man selbst aus den verkopftesten Textpassagen irgendwie einen Songtext bauen kann. 'Let Thy Carriage' is ein weiterer Fall, der gerade in Sachen Gitarrenarbeit wunderbar funktioniert, aber irgendwie einfach einen runderen Text verdient hätte.
Natürlich misslingen aber auch nicht alle Experimente, denn mit 'Speak Not Evil Of The Absent' oder dem herrlich Hard-Rock-Dampfhammer 'Go Not Thither' hat die Platte auch Songs mit waschechtem Hit-Potential im Gepäck. Ebenso macht das beschwingte 'Maintain A Sweet And Cheerful Countenance' jede Menge Spaß und bringt mächtig viel ZZ TOP-DNA mit ins Spiel. Auch das abschließende 'George Washington Rules', das als beschwingter Blues-Rocker daherkommt, darf man nicht verachten, beendet es die Platte doch nochmal mehr als würdig und mit einem echten Ohrwurm.
Trotzdem ist die Endabrechnung eine zwiespältige Angelegenheit, denn auch wenn "WROC" auf instrumentaler Ebene toll ist und ein paar tolle Songs im Gepäck hat, stolpert die Platte gerade gesanglich doch immer wieder über das eigene lyrische Konzept und gestaltet viele Hooklines einfach zu verkopft, um am Ende wirklich Klassikerpotential zu haben. Weniger als sieben Zähler kann man trotz dieser Probleme aber alleine schon wegen der hier versammelten musikalischen Klasse nicht vergeben, sodass ich schlussendlich auch zu genau diesem Ergebnis komme.
- Note:
- 7.00
- Redakteur:
- Tobias Dahs


