|
|
von Rüdiger Stehle » Montag 29. August 2011, 23:30
Nachdem ich ja nicht so schmerzbefreit bin, dass ich nicht merken würde, dass man mir meine bisweilen etwas bissige Art, mit den Exponaten dieses Genres umzugehen, ein wenig übel nimmt, wollte ich diesen Thread jetzt einfach mal starten, um die Faszination dieser Genres besser nachvollziehen zu können. Ehrlich jetzt... das ist kein weiterer Provokationsversuch! Zum einen ist die für mich essentielle Frage, wie man eine Rockscheibe ohne Gesang auf Albumlänge fesselnd finden kann. Das ist ein Punkt, der sich mir bisher nicht erschlossen hat. Ich kann ja soweit mitgehen, dass Musik auch ohne Gesang schön sein kann. Kein Thema, das kann sie. Ich finde auch die Musik von MAYBESHEWILL zunächst mal schön und ästhetisch. Wenn sie kurz läuft, gefällt mir das sogar ein Stück weit. Aber spätestens nach fünf oder sechs Minuten Spielzeit, steige ich komplett aus und es geht an mir vorbei, als wäre es nur Gedudel auf Dauerschleife, ein Werbejingle, der sich der Aufdringlichkeit und Eingängigkeit begab. Fahrstuhlmusik eben. Etwas das nicht weh tut, aber etwas, das auch nichts mitteilt und nicht hängen bleibt. Ich könnte eine Scheibe wie MAYBESHEWILL oder auch LONG DISTANCE CALLING (abgesehen von den Songs mit Gesang) vermutlich tausendmal hören, und es würde nichts, aber auch gar nichts hängen bleiben. Die Band würde ich vielleicht am Klangbild und der Ästhetik erkennen, aber nie im Leben an Hooks oder Melodielinien, die sich eingegraben hätten. Das andere, was mich irritiert, ist, dass zum Beispiel Kubi seinerseits oft bei ähnlich orientiertem Black Metal, wie etwa im kommenden Soundcheck bei FYRNASK oder früher schon bei Sachen wie LANTLOS und dergleichen, von "das verstehe ich nicht" redet, obwohl hier die stilistische Parallele zu Bands wie den im vorigen Absatz genannten, gar nicht so unscheinbar ist. Für mich sind hier aber die Elemente vorhanden, die den Sound zur Musik machen. Nicht nur, aber natürlich vor allem, weil ein Sänger da ist. Aber auch, weil Aggressionsausbrücke und kantige Einschübe dafür sorgen, dass das Gesamtwerk Widerhaken bekommt, und eben nicht nur flutscht. Glaubt mir, ich bin da echt im Zwiespalt. Gerade weil ich das atmosphärische Schaffen der Post-Rocker schätze und mir die Stimmungen gefallen, die sie erzeugen, ist es mir ein Anliegen, darüber hinaus auch die Faszinantion dafür zu verstehen. Bisher gelingt mir das nicht, weil sich mir das Element, das euch bewegt, nicht erschließt. Das Element, das aus schönen, aber auf Dauer beschaulichen bis langweiligen Klanglandschaften richtige Songs machen würde. Eben das Element, das aus Berieselung ohne Zielrichtung einen künstlerischen Ausdruck katalysiert. Das finde ich bei FYRNASK, aber nicht bei MAYBESHEWILL. Ich würde es aber gerne finden. Schreibt bitte was dazu, vielleicht klickt es ja auch bei mir noch irgendwann. Danke!
alias Hugin der Rabe. Ravnen fra steinfjellet. Háv. 38
-

Rüdiger Stehle
- Musikredaktion
-
- Beiträge: 35286
- Registriert: Samstag 6. Februar 2010, 22:52
- Wohnort: Schwabenland
-
von Peter Kubaschk » Montag 29. August 2011, 23:59
Rüdiger Stehle hat geschrieben:Zum einen ist die für mich essentielle Frage, wie man eine Rockscheibe ohne Gesang auf Albumlänge fesselnd finden kann. Das ist ein Punkt, der sich mir bisher nicht erschlossen hat. Ich kann ja soweit mitgehen, dass Musik auch ohne Gesang schön sein kann. Kein Thema, das kann sie. Ich finde auch die Musik von MAYBESHEWILL zunächst mal schön und ästhetisch. Wenn sie kurz läuft, gefällt mir das sogar ein Stück weit. Aber spätestens nach fünf oder sechs Minuten Spielzeit, steige ich komplett aus und es geht an mir vorbei, als wäre es nur Gedudel auf Dauerschleife, ein Werbejingle, der sich der Aufdringlichkeit und Eingängigkeit begab. Fahrstuhlmusik eben. Etwas das nicht weh tut, aber etwas, das auch nichts mitteilt und nicht hängen bleibt. Ich könnte eine Scheibe wie MAYBESHEWILL oder auch LONG DISTANCE CALLING (abgesehen von den Songs mit Gesang) vermutlich tausendmal hören, und es würde nichts, aber auch gar nichts hängen bleiben. Die Band würde ich vielleicht am Klangbild und der Ästhetik erkennen, aber nie im Leben an Hooks oder Melodielinien, die sich eingegraben hätten.
Die neue MAYBESHEWILL habe ich jetzt vielleicht ein Dutzend mal gehört und kann fast jeden Song mitsummen. Auch nachdem die Scheibe durchgelaufen ist. Es gibt für mich auf dem Album zig Hooks und Melodielinien, die sich tief eingraben. Wie schon an anderer Stelle gesagt, könnte ich alles, was du zu MSW geschrieben hast, bei einer Band wie EXPLOSIONS IN THE SKY 100% nachvollziehen. Da habe ich heute die Scheibe nach zwei Songs ausgemacht, weil sie komplett vorbeigerauscht ist. Und der Unterschied liegt ja auch auf der Hand: MSW schreiben kurze, knackige Songs mit Riffs, Hooks & Melodien, während EXPLOSIONS IN THE SKY "Post Rock-typisch" über 10 MInuten ewig langsam (und vielleicht auch langatmig) etwas aufbauen bis hin zum Klimax. Letzteres kann ich mir auch nicht immer geben, sondern muss schon ein wenig in "Berieselungsstimmung" sein, während ersteres quasi rund um die Uhr bei mir laufen kann. Diesen Unterschied nicht zu hören, finde ich merkwürdig. Ebenso merkwürdig finde ich ja, dass das Attribut "schön" bei dir negativ besetzt zu sein scheint. Ich mag es, wenn Musik "nur" schön ist. Das ist rundherum positiv. Gerade, wenn es eine unaufdringliche Schönheit ist, wie man sie von FRAMES oder MSW serviert bekommt. Rüdiger Stehle hat geschrieben:Das andere, was mich irritiert, ist, dass zum Beispiel Kubi seinerseits oft bei ähnlich orientiertem Black Metal, wie etwa im kommenden Soundcheck bei FYRNASK oder früher schon bei Sachen wie LANTLOS und dergleichen, von "das verstehe ich nicht" redet, obwohl hier die stilistische Parallele zu Bands wie den im vorigen Absatz genannten, gar nicht so unscheinbar ist. Für mich sind hier aber die Elemente vorhanden, die den Sound zur Musik machen. Nicht nur, aber natürlich vor allem, weil ein Sänger da ist. Aber auch, weil Aggressionsausbrücke und kantige Einschübe dafür sorgen, dass das Gesamtwerk Widerhaken bekommt, und eben nicht nur flutscht.
Hmm, LANTLOS habe ich nicht mehr wirklich im Ohr. TODTGELICHTER haben das in der Tat sehr, sehr gut gemacht, während ich mich bei FYRNASK andauernd frage, was die Scheibe denn jetzt soll. Gerade der "Gesang" und die "Aggressionsausbrüche" machen alles kaputt, was die Band auf dem dünn produzierten Scheibchen zuvor aufgebaut hat. Für mich sind hier Elemente vorhanden, die aus Musik zusammenhanglosen Lärm machen. Vor allem, weil da ein Sänger ist. Rüdiger Stehle hat geschrieben:Glaubt mir, ich bin da echt im Zwiespalt. Gerade weil ich das atmosphärische Schaffen der Post-Rocker schätze und mir die Stimmungen gefallen, die sie erzeugen, ist es mir ein Anliegen, darüber hinaus auch die Faszinantion dafür zu verstehen. Bisher gelingt mir das nicht, weil sich mir das Element, das euch bewegt, nicht erschließt. Das Element, das aus schönen, aber auf Dauer beschaulichen bis langweiligen Klanglandschaften richtige Songs machen würde. Eben das Element, das aus Berieselung ohne Zielrichtung einen künstlerischen Ausdruck katalysiert. Das finde ich bei FYRNASK, aber nicht bei MAYBESHEWILL. Ich würde es aber gerne finden.
Für mich ist das ja ganz einfach. Etwas schönes ist eigentlich nie langweilig (zumindest in der Musik nicht). Davon abgesehen, schaffen es einige Bands halt - zumindest bei mir und sicher auch bei Schafi, Quaki & anderen beschaulichen Blautieren - dass die Musik Bilder, ja ganze Geschichten erzeugt. Vielleicht mangelt es dir da an Phantasie oder der Muße, sich entspannt in Musik fallenlassen zu können. Stets unstet zu sein, ist sicher nicht die allerbeste Voraussetzung, um Post Rock zu hören. (Auch wenn wir ein Gegenbeispiel kennen  )
-

Peter Kubaschk
- Metaller mit zu viel Zeit
-
- Beiträge: 21958
- Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 10:16
von salisbury » Dienstag 30. August 2011, 00:10
Hey Rabe, ich werde dazu noch was schreiben, allerdings muss ich erst Worte finden und dazu bin ich jetzt erstmal ne Weile weg. Also nicht denken, ich will nicht antworten.
Nur ganz kurz:
Bei unserem 80er-Treffen und beim Top100 erstellen hab ich viel versucht, nachzuvollziehen, was woher kommt und wie sich der Geschmack entwickelt. Ich denke, der Ursprung meiner Liebe für Instrumentalrock liegt bei den METALLICA-Instrumentals. Vor allem 'Orion' (hatte ich nicht grundlos weit vorne in meiner Liste der besten Songs der 80iger) und 'To live is to die' haben mich schon damals extrem fasziniert, weil sie irgendwie einen anderen Ausdruck haben als die Stücke mit Gesang. Dieses "irgendwie einen anderen Ausdruck" werde ich versuchen, die nächsten Tage in Worte zu fassen. Ich finde Bands ohne Gesang irgendwie...freier, grenzenloser, entfesselter...hmm, schwierig...
Realer Name: Thomas Becker
-

salisbury
- Musikredaktion
-
- Beiträge: 22800
- Registriert: Samstag 10. April 2010, 15:52
- Wohnort: München
von Jhonny » Dienstag 30. August 2011, 00:16
Ich weiß, ich bin in dem Thread hier deplaziert... nur ein kurzer Einschub, weil mich das bei Sally gerade fasziniert hat... nicht nur, aber auch bei Metallica sind Instrumentals auf 90% der Rock und Metal CDs die langweiligsten Füller... oft mit der Skip-Taste bedacht. Klar ist die Overture zu Hall Of The Mountain King bei Savatage passend, und auch YYZ oder Erotomania reißen mich mit, aber in aller Regel ist Instrumentalmusik, wenn sie länger als 5 Minuten geht für mich ein Graus. Faszinierend, wie das bei dir so anders gelaufen ist... Als ich 16 oder 17 war wollte mich eine Mitschülerin für Godspeed You! Black Emperor begeistern und hat mir ein Album (2 CDs mit 4 Songs oder so) ausgeliehen... nach 10 Minuten war ich eingeschlafen, und die restlichen Versuche waren ähnlich erfolglos, obwohl ichs echt versucht habe. Dagegen kann ich mir 10 Satriani-Songs ohne Gesang locker anhören - da wird dann mindestens amtlich abgerockt. Das ist für mich instrumental das einzige, was wirklich Spannung erzeugt. So und bevor ich weiter hier nerve lese ich wieder nur noch in Ruhe mit 
-

Jhonny
- Musikredaktion
-
- Beiträge: 36888
- Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 16:48
- Wohnort: Landshut
von salisbury » Dienstag 30. August 2011, 00:18
Jhonny hat geschrieben:Ich weiß, ich bin in dem Thread hier deplaziert... nur ein kurzer Einschub, weil mich das bei Sally gerade fasziniert hat... nicht nur, aber auch bei Metallica sind Instrumentals auf 90% der Rock und Metal CDs die langweiligsten Füller... oft mit der Skip-Taste bedacht. Klar ist die Overture zu Hall Of The Mountain King bei Savatage passend, und auch YYZ oder Erotomania reißen mich mit, aber in aller Regel ist Instrumentalmusik, wenn sie länger als 5 Minuten geht für mich ein Graus. Faszinierend, wie das bei dir so anders gelaufen ist... Als ich 16 oder 17 war wollte mich eine Mitschülerin für Godspeed You! Black Emperor begeistern und hat mir ein Album (2 CDs mit 4 Songs oder so) ausgeliehen... nach 10 Minuten war ich eingeschlafen, und die restlichen Versuche waren ähnlich erfolglos, obwohl ichs echt versucht habe. Dagegen kann ich mir 10 Satriani-Songs ohne Gesang locker anhören - da wird dann mindestens amtlich abgerockt. Das ist für mich instrumental das einzige, was wirklich Spannung erzeugt. So und bevor ich weiter hier nerve lese ich wieder nur noch in Ruhe mit 
Du nervst nicht und es wäre schön, wenn Du mitdiskutierst!
Realer Name: Thomas Becker
-

salisbury
- Musikredaktion
-
- Beiträge: 22800
- Registriert: Samstag 10. April 2010, 15:52
- Wohnort: München
von Rüdiger Stehle » Dienstag 30. August 2011, 00:32
Peter Kubaschk hat geschrieben:Die neue MAYBESHEWILL habe ich jetzt vielleicht ein Dutzend mal gehört und kann fast jeden Song mitsummen. Auch nachdem die Scheibe durchgelaufen ist. Es gibt für mich auf dem Album zig Hooks und Melodielinien, die sich tief eingraben.
Vermutlich habe ich durch eine massive Gesangsfixierung tatsächlich ein Problem damit ein Musikstück ohne Gesang als "Song" zu begreifen. Instrumentale Passagen, die ihren Zweck im Kontext eines Konzeptes erfüllen, sind für mich in Ordnung. Auch einzelne Instrumentalstücke zur Abrundung oder Auflockerung eines Albums können mich begeistern (z.B. "Maybe That's Why" am Ende des Cirith-Ungol-Debüts oder "Into The Unfathomed Tower" als absoluter Riff-Brecher bei Candlemass), aber ich habe bisher keine einzige Band erlebt, die es geschafft hätte, ein vollständiges Album ohne Gesang für mich spannend zu halten. Nicht einmal die Nebenprojekte mancher meiner Lieblingsmusiker. Selbst bei einer atmosphärisch massiv beeindruckenden Scheibe wie A COSMIC TRAIL könnte ich dir jetzt kein einziges Lied vorsummen oder mich auch nur an dessen Hooklines erinnern. Wenn ich das Ding höre, dann wird es mir wieder gefallen, aber hängen bleiben? Nö... Wie schon an anderer Stelle gesagt, könnte ich alles, was du zu MSW geschrieben hast, bei einer Band wie EXPLOSIONS IN THE SKY 100% nachvollziehen. Da habe ich heute die Scheibe nach zwei Songs ausgemacht, weil sie komplett vorbeigerauscht ist. Und der Unterschied liegt ja auch auf der Hand: MSW schreiben kurze, knackige Songs mit Riffs, Hooks & Melodien, während EXPLOSIONS IN THE SKY "Post Rock-typisch" über 10 MInuten ewig langsam (und vielleicht auch langatmig) etwas aufbauen bis hin zum Klimax. Letzteres kann ich mir auch nicht immer geben, sondern muss schon ein wenig in "Berieselungsstimmung" sein, während ersteres quasi rund um die Uhr bei mir laufen kann. Diesen Unterschied nicht zu hören, finde ich merkwürdig.
Da ich EXPLOSIONS IN THE SKY nicht kenne, kann ich den Unterschied auch nicht gehört haben. Ich habe ja nicht gesagt, dass es nicht noch schlimmer ginge als bei MAYBESHEWILL. Ebenso merkwürdig finde ich ja, dass das Attribut "schön" bei dir negativ besetzt zu sein scheint. Ich mag es, wenn Musik "nur" schön ist. Das ist rundherum positiv. Gerade, wenn es eine unaufdringliche Schönheit ist, wie man sie von FRAMES oder MSW serviert bekommt.
Nein, das Attribut "schön" ist bei mir in keiner Weise negativ besetzt. Nur schließen sich "schön" und "langweilig" bei mir nicht aus. Als "schön" empfinde ich Musik immer dann, wenn sie mich beim Hören nicht stört und keine Gefühle des Unwohlseins auslöst. Wenn sie nicht nervt. Das kann MAYBESHEWILL sein, oder eben Ernst Mosch und die Original Oberkrainer. Wenn das läuft, dann ist das für mich okay, weil es harmonisch ist und durch die Ohren flutscht, ohne Stressgefühle auszulösen. Aber allein vom "schön sein" zum "gefallen" ist der Weg sehr weit. Dass mir Musik gefällt und mir etwas bedeutet, muss sie weit mehr sein als "nur schön". Sie muss kicken, treten, kriechen, erdrücken, erheben, fesseln, zerstören, aufbauen, mich anschreien, mir zuflüstern, mich umhauen oder wieder aufrichten. Zum Schmunzeln, zum Kopfschütteln, zur Zustimmung oder zum Widerspruch anregen; Geschichten erzählen. Sie muss einen Ausdruck haben, der meine Emotionen anspricht oder widerspiegelt, provoziert oder bestärkt. Nichts, aber auch gar nichts davon tut (instrumentaler) Post Rock für mich. Er ist einfach nur da und stört nicht weiter. Hmm, LANTLOS habe ich nicht mehr wirklich im Ohr. TODTGELICHTER haben das in der Tat sehr, sehr gut gemacht, während ich mich bei FYRNASK andauernd frage, was die Scheibe denn jetzt soll. Gerade der "Gesang" und die "Aggressionsausbrüche" machen alles kaputt, was die Band auf dem dünn produzierten Scheibchen zuvor aufgebaut hat. Für mich sind hier Elemente vorhanden, die aus Musik zusammenhanglosen Lärm machen. Vor allem, weil da ein Sänger ist.
Ach, die ist dünn produziert? War mir entgangen. Ich liebe die Kontraste, das Schroffe und Abweisende, das auf das Atmosphärische und Schöne trifft. Den Widerspruch. Die Stimme ist der Geist, der verneint. Für mich ist das ja ganz einfach. Etwas schönes ist eigentlich nie langweilig (zumindest in der Musik nicht). Davon abgesehen, schaffen es einige Bands halt - zumindest bei mir und sicher auch bei Schafi, Quaki & anderen beschaulichen Blautieren - dass die Musik Bilder, ja ganze Geschichten erzeugt. Vielleicht mangelt es dir da an Phantasie oder der Muße, sich entspannt in Musik fallenlassen zu können. Stets unstet zu sein, ist sicher nicht die allerbeste Voraussetzung, um Post Rock zu hören. (Auch wenn wir ein Gegenbeispiel kennen  )
Mir fehlt es mit Sicherheit an der Zeit und der Muse, mich aktiv in Musik fallen zu lassen. Die Musik muss mich abholen, dann geht das. Aber das schafft Musik fast ausschließlich über Sänger. Quer durch alle Genres können mich Bands fast ausschließlich dann begeistern, wenn ich den Sänger toll finde. Dann aber oft sogar Sachen, die mir musikalisch an sich eher fremd sind. Zum Beispiel eben Rose Kemp, Björk, Johnny Cash, Enya, Mayhems "Ordo Ad Chao". Bei Mayhem funktioniert das Konzept für mich, bei Deathspell Omega oder Blut Aus Nord nicht - allein, weil mir bei letzteren beiden der Sänger fehlt, der mich in die kranke Welt der Protagonisten einführt.
alias Hugin der Rabe. Ravnen fra steinfjellet. Háv. 38
-

Rüdiger Stehle
- Musikredaktion
-
- Beiträge: 35286
- Registriert: Samstag 6. Februar 2010, 22:52
- Wohnort: Schwabenland
-
von Rüdiger Stehle » Dienstag 30. August 2011, 00:42
salisbury hat geschrieben:Hey Rabe, ich werde dazu noch was schreiben, allerdings muss ich erst Worte finden und dazu bin ich jetzt erstmal ne Weile weg. Also nicht denken, ich will nicht antworten.
Nur ganz kurz:
Bei unserem 80er-Treffen und beim Top100 erstellen hab ich viel versucht, nachzuvollziehen, was woher kommt und wie sich der Geschmack entwickelt. Ich denke, der Ursprung meiner Liebe für Instrumentalrock liegt bei den METALLICA-Instrumentals. Vor allem 'Orion' (hatte ich nicht grundlos weit vorne in meiner Liste der besten Songs der 80iger) und 'To live is to die' haben mich schon damals extrem fasziniert, weil sie irgendwie einen anderen Ausdruck haben als die Stücke mit Gesang. Dieses "irgendwie einen anderen Ausdruck" werde ich versuchen, die nächsten Tage in Worte zu fassen. Ich finde Bands ohne Gesang irgendwie...freier, grenzenloser, entfesselter...hmm, schwierig...
Gutes Beispiel für unsere Ungleichtaktung insoweit. Das 80er-Treffen hat mir das auch eindringlich vor Augen geführt, weil "Orion" ein weiteres Beispiel für mein Ticken ist, das hier wohl zu 100% mit Jhonny übereinstimmt. Ich habe die Instrumentale von Metallica bis dato noch nicht einmal wahrgenommen. Beim Treffen habe ich das am Gitarrensound und an der Rhythmik erkannt und nach ein bis zwei Minuten zuordnen können. Aber das war's dann auch schon. Unabhängig davon, dass ich kein allzu großer Metallica-Fan bin, wären mir für die 80er-Charts so grob geschätzt 40 andere Metallica-Songs vorher eingefallen. 
alias Hugin der Rabe. Ravnen fra steinfjellet. Háv. 38
-

Rüdiger Stehle
- Musikredaktion
-
- Beiträge: 35286
- Registriert: Samstag 6. Februar 2010, 22:52
- Wohnort: Schwabenland
-
von Peter Kubaschk » Dienstag 30. August 2011, 06:56
Rüdiger Stehle hat geschrieben:Da ich EXPLOSIONS IN THE SKY nicht kenne, kann ich den Unterschied auch nicht gehört haben. Ich habe ja nicht gesagt, dass es nicht noch schlimmer ginge als bei MAYBESHEWILL.
Okay, da habe ich mich schlecht ausgedrückt. Ich finde, den Unterschied kann man sogar hören, ohne die andere Band zu kennen. Ich habe MSW in den SC gepackt, eben weil es kompakt, dynamisch, mit Riffs, mit Hooks, mit Melodien ist und nicht so klingt, wie so viele Post-Rock-Bands, die Minuten lang fast das gleiche spielen und durch geringefügige Variationen so etwas wie Spannung aufbauen wollen. Rüdiger Stehle hat geschrieben:Nein, das Attribut "schön" ist bei mir in keiner Weise negativ besetzt. Nur schließen sich "schön" und "langweilig" bei mir nicht aus. Als "schön" empfinde ich Musik immer dann, wenn sie mich beim Hören nicht stört und keine Gefühle des Unwohlseins auslöst. Wenn sie nicht nervt. Das kann MAYBESHEWILL sein, oder eben Ernst Mosch und die Original Oberkrainer. Wenn das läuft, dann ist das für mich okay, weil es harmonisch ist und durch die Ohren flutscht, ohne Stressgefühle auszulösen. Aber allein vom "schön sein" zum "gefallen" ist der Weg sehr weit.
Du machst aber den Eindruck, dass es dir nicht gefällt und du die Musik schlecht findest. Und das irritiert mich. Gerade auch wenn ich den obigen Absatz lese. Wenn etwas schön ist, nicht nervt, für einen selbst okay ist und kein Unwohlsein auslöst, ist sie doch von schlecht schon weit weg. So geht es mir bei 80% von Melodic, Black & Death Metal (gut, die sind nicht schön, aber davon abgesehen...). Rüdiger Stehle hat geschrieben: Dass mir Musik gefällt und mir etwas bedeutet, muss sie weit mehr sein als "nur schön". Sie muss kicken, treten, kriechen, erdrücken, erheben, fesseln, zerstören, aufbauen, mich anschreien, mir zuflüstern, mich umhauen oder wieder aufrichten. Zum Schmunzeln, zum Kopfschütteln, zur Zustimmung oder zum Widerspruch anregen; Geschichten erzählen. Sie muss einen Ausdruck haben, der meine Emotionen anspricht oder widerspiegelt, provoziert oder bestärkt. Nichts, aber auch gar nichts davon tut (instrumentaler) Post Rock für mich. Er ist einfach nur da und stört nicht weiter.
Mir fehlt ja die Faust in der Aufzählung. Davon abgesehen verstehe ich das alles durchaus. Klar, mich kickt und fesselt die ein oder andere Band und aufbauen & zerstören haben viele extrem gut drauf, Geschichten werden auch ohne Worte wunderbar erzählt. Aber das muss man nicht so empfinden und das muss einem auch nicht Gefallen. Deine zum Teil sehr massiv dargestellte Ablehnung werde ich dennoch nicht verstehen. Du sprichst über MSW fast so schlecht wie ich über SABATON, obwohl... siehe den Absatz darüber.  Rüdiger Stehle hat geschrieben:Ach, die ist dünn produziert? War mir entgangen. Ich liebe die Kontraste, das Schroffe und Abweisende, das auf das Atmosphärische und Schöne trifft. Den Widerspruch. Die Stimme ist der Geist, der verneint.
Schroff & abweisend ist doof. Musik, die ich als abweisend empfinde, will ich nicht hören. Will offensichtlich auch nicht gehört werden. Klappt bei mir ausgezeichnet. Rüdiger Stehle hat geschrieben:Mir fehlt es mit Sicherheit an der Zeit und der Muse, mich aktiv in Musik fallen zu lassen. Die Musik muss mich abholen, dann geht das. Aber das schafft Musik fast ausschließlich über Sänger. Quer durch alle Genres können mich Bands fast ausschließlich dann begeistern, wenn ich den Sänger toll finde. Dann aber oft sogar Sachen, die mir musikalisch an sich eher fremd sind. Zum Beispiel eben Rose Kemp, Björk, Johnny Cash, Enya, Mayhems "Ordo Ad Chao". Bei Mayhem funktioniert das Konzept für mich, bei Deathspell Omega oder Blut Aus Nord nicht - allein, weil mir bei letzteren beiden der Sänger fehlt, der mich in die kranke Welt der Protagonisten einführt.
Daran wird sich wohl so schnell auch nix ändern.
-

Peter Kubaschk
- Metaller mit zu viel Zeit
-
- Beiträge: 21958
- Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 10:16
von Jesus » Dienstag 30. August 2011, 07:20
Drumtier hört jetzt Gay Metal und Rüdiger eröffnet einen Thread zu Post-Rock. Ich muss eindeutig in Bizarro-Welt gelandet sein. Rüdiger Stehle hat geschrieben:Zum einen ist die für mich essentielle Frage, wie man eine Rockscheibe ohne Gesang auf Albumlänge fesselnd finden kann.
Aus dem gleichen Grund, warum eine Scheibe mit Gesang fesselnd sein kann: Die Musik ist gut und mitreißend. Ich höre doch Musik nicht wegen dem Gesang. Dann müsste ich ja A Capella hören. Hört hier irgendjemand SLAYER wegen Toms Gequäke? Hört irgendjemand Black Metal wegen der Vocals? Wozu? Die versteht man nicht, sie sind monoton und fast alle BM-Sänger klingen eh gleich. Trotzdem hören ich und ein gewisser Rabe gerne Black Metal. Warum? Weil uns die Musik gefällt. Der Gesang ist da nebensächlich und die Art und Weise, wie Black Metal seine Klanglandschaften malt, die mehr als die Summe ihrer Teile sind, ähnelt der Herangehensweise des Post-Rock. Im Prinzip mag ich beide Genres aus den gleichen Gründen. Rüdiger Stehle hat geschrieben:Das ist ein Punkt, der sich mir bisher nicht erschlossen hat. Ich kann ja soweit mitgehen, dass Musik auch ohne Gesang schön sein kann. Kein Thema, das kann sie. Ich finde auch die Musik von MAYBESHEWILL zunächst mal schön und ästhetisch. Wenn sie kurz läuft, gefällt mir das sogar ein Stück weit. Aber spätestens nach fünf oder sechs Minuten Spielzeit, steige ich komplett aus und es geht an mir vorbei, als wäre es nur Gedudel auf Dauerschleife, ein Werbejingle, der sich der Aufdringlichkeit und Eingängigkeit begab.
Tja, das nennt man Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, dagegen kann man leider nicht viel machen. Rüdiger Stehle hat geschrieben:Fahrstuhlmusik eben. Etwas das nicht weh tut, aber etwas, das auch nichts mitteilt und nicht hängen bleibt. Ich könnte eine Scheibe wie MAYBESHEWILL oder auch LONG DISTANCE CALLING (abgesehen von den Songs mit Gesang) vermutlich tausendmal hören, und es würde nichts, aber auch gar nichts hängen bleiben. Die Band würde ich vielleicht am Klangbild und der Ästhetik erkennen, aber nie im Leben an Hooks oder Melodielinien, die sich eingegraben hätten.
Ich kann Alben von EXPLOSIONS IN THE SKY und MONO auswendig mitsummen, also müssen sich ja die Melodielinien eingraben. Rüdiger Stehle hat geschrieben:Bisher gelingt mir das nicht, weil sich mir das Element, das euch bewegt, nicht erschließt.
Das Element heißt "schöne, spannende Musik zum Schwelgen und Wohlfühlen, Aufwühlen und Erhabenfühlen, Verkriechen und Explodieren - fernab von Pop-Mustern und altgedienten Rock-Klischees". Wer damit nichts anfangen kann, braucht sich nicht dazu zwingen. Rüdiger Stehle hat geschrieben:Vermutlich habe ich durch eine massive Gesangsfixierung tatsächlich ein Problem damit ein Musikstück ohne Gesang als "Song" zu begreifen.
Musikstücke ohne Gesang sind per definitionem keine Songs  Rüdiger Stehle hat geschrieben:[Musik] muss kicken, treten, kriechen, erdrücken, erheben, fesseln, zerstören, aufbauen, mich anschreien, mir zuflüstern, mich umhauen oder wieder aufrichten. Zum Schmunzeln, zum Kopfschütteln, zur Zustimmung oder zum Widerspruch anregen; Geschichten erzählen. Sie muss einen Ausdruck haben, der meine Emotionen anspricht oder widerspiegelt, provoziert oder bestärkt.
Genau deswegen mag ich Post-Rock. Der kann all diese Dinge. Du hast das Genre perfekt beschrieben. Rüdiger Stehle hat geschrieben:Die Musik muss mich abholen, dann geht das. Aber das schafft Musik fast ausschließlich über Sänger.
Da können wir uns ja die Diskussion sparen. Musik holt mich immer mit der Musik ab, deswegen höre ich Musik und nicht Sänger 
-

Jesus
- Super-Duper-Mega-Ober Metaller
-
- Beiträge: 10890
- Registriert: Dienstag 9. Februar 2010, 13:20
- Wohnort: Das Herz Preußens
von Jhonny » Dienstag 30. August 2011, 08:22
Jesus hat geschrieben:Tja, das nennt man Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, dagegen kann man leider nicht viel machen.
bei mir dürfte das tatsächlich der Grund sein, warum ich mit Postrock überfordert bin.
-

Jhonny
- Musikredaktion
-
- Beiträge: 36888
- Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 16:48
- Wohnort: Landshut
Zurück zu Prog / Rock / Hard Rock
Wer ist online?
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 14 Gäste
Powered by phpBB © 2000, 2002, 2005, 2007 phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.deTime : 0.116s | 11 Queries | GZIP : Off
|
|