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von Rüdiger Stehle » Mittwoch 4. Februar 2026, 13:29
Ich lande da immer wieder bei Schopenhauer, am Ende, wonach der Umstand, dass mit einer Kunst Geld zu verdienen sei, dem Künstler dabei im Wege stehe, allein der Sache wegen zu schaffen und zu schöpfen. Danach wäre es ein Wünschenswertes, wenn in jedem Fache nur das existierte, was der Sache selbst wegen geschaffen worden sei, und nicht des Geldes wegen. Dahin könne es aber, dem alten Arthur zufolge, niemals kommen, so lange Honorar zu verdienen sei.
Ich bin etwas weniger strikt in Ansehung des Umstandes des Geldverdienens als Koinzidenz des Kreativprozesses. Wer im Dienste der Sache schafft, und dem Zufalle geschuldet damit Geld verdient, weil andere sein der Sache dienendes Schaffen gleichermaßen genießen, dem sei es wohl vergönnet. Das Schaffen indes alleine mit dem Telos der Kommerzialisierung des Werkes, ist auch aus meiner Warte ein, wenn nicht zu missbilligendes, dann doch zumindest allzu profanes Tun.
Daher - und hier schließet sich der Kreis - höre ich Werke an sich immer so wie sie ersonnen wurden, und teile auch niemals in Hits und Füllmaterial. Auch nicht in einem nicht diskriminierenden, rein deskriptiven Sinne, denn ich gehe im Wertschätzung des Künstlers davon aus, dass er uns ein Werk so präsentiert, wie er es gewollt und ersonnen, und dass darin ein jeder Teil seine Rolle zu spielen habe, die dem Ganzen diene.
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von Holger Andrae » Mittwoch 4. Februar 2026, 23:23
Sicher, es ist eine Altersfrage, aber auch eine Frage der Hör"erziehung" und des gewünschten Hörerlebnisses. Ich höre ja schon nicht gern Compilations,weil ich in der Regel Lust auf eine Band oder ein Album habe, weil so etwas ja auch stimmungsabhängig ist. Sampler waren damals cool, um neue Bands zu entdecken und manchmal mache ich einen Sampler-Abend mit Vinyls und entdecke Bands neu. Aber das muss ich mir vornehmen. Aber, so wie sich mein Hörverhalten gewandelt hat und ich auch viel Musik am Rechner höre und auch Sachen mehrfach anhöre, die ich nicht haptisch besitze, könnten ja auch die jungen Menschen einen Weg zum Album zurückfinden. Der Vinyl-Boom war so Mini-Schritt in diese Richtung bis es zum Hype-Unsinn wurde. Wobei ich aber grundsätzlich schon denke, dass gerade Hörer der älteren Hard-Rock/HM-Schule noch immer Alben-Hörer sind. Ganz egal, wie alt sie sind. Da spielen schon auch diese ganzen neuen Subgenres eine Rolle, in denen man einfach den Hörer rein digital versorgt und erzieht, wie man hört.
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von Chris Schantzen » Mittwoch 4. Februar 2026, 23:54
Glaub mir Rüdiger; nichts würde ich mir als Künstler sehnlichster wünschen, als nur der Kunst wegen schaffen zu können und nicht vom Gedanken getrieben zu sein, ob ich mir im letzten Monatsdrittel zumindest noch Milch und Reis leisten kann. Und natürlich bleibt immer zu hoffen, dass zuforderst der künstleriche Anspruch zu neuen (musikalischen) Werken führt und nicht finanzielle Zwänge und Gedanken. Aber diese Freiheit muss man sich erstmal leisten können - und das tun die wenigsten. Alleine die Tatsache, dass die Vielzahl der Songs, die veröffentlicht werden unter der magischen 4-Minutenmarke liegen, zeigt doch, dass das Korsett des Kommerzes allzu präsent ist. Nun kann man die Einteilung von Songs in Hits und Füllmaterial (wenn ihr den Begriff für euch strigent negativ auslegen wollt, könnt ihr das machen, das juckt mich nicht - ich hab ja klar kommuniziert, wie ich es meine) zynisch finden, dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass das die Realität des Musikgeschäftes ist. Es ist ein leichtes rauszufinden, wie viel Künster*innen pro gestreamten Song verdienen, und die Aufrufzahlen sind ja auch offen einsehbar. Wenn ich jetzt mal, da wir im Megadeth-Thread sind, die Aufrufe für das 2022er Album anschaue, dann sehe ich, dass die Mehrzahl der Songs dort jeweils nur wenige 10.000 € eingespielt haben. Das mag zwar erstmal nach viel klingen, aber man muss auch berücksichtigen, wie viele Menschen davon über 4 Jahre von bezahlt werden müssen. Nun haben Musiker*innen natürlich noch andere Einnahmequellen, aber auch eine Vielzahl an Ausgaben - und nach dem Versiegen von Albumverkäufen als verlässliche Einnahmequelle, sind selbst Touren deutlich unergiebiger als man sich das manchmal denken mag. Oft sind Musikveröffentlichung und Tour sogar glatte Minusgeschäfte. Viele (auch mittelgroße) Bands sind froh, wenn sie am Ende des Tages bei einer schwarzen Null ankommen, und da kann ein Hit, der richtig einschlägt schon mal den Unterschied machen, ob eine Band weiterhin Bestand haben kann oder nicht. Die sequenzielle Veröffentlichung von einzelnen Songs erhöht in diesem Sinne natürlich exponentiell die Chance auf solch einen Hit gegenüber der Veröffentlichung eines kompletten Albums auf einmal. Im Umkehrschluss führt dies aber auch dazu, dass die Songs, welche keine Hits werden - das Füllmaterial - im besten Fall einen Teil der Unkosten tragen können. Im schlimmsten - und weitaus häufigsten - Fall werden diese Songs aber nicht mal die Kosten der Aufnahme, Mischung und Produktion vom Song selbst tragen. Die Vermutung, dass diese Songs in einer wirtschaftlichen Betrachtung als "Abfall" angesehen werden könnten, liegt also nicht so weit im Bereich des Unmöglichen. Als Beispiel würde ich mal diesen Interviewausschnitt von Halsey reinschmeißen, welche weit mehr Alben verkauft hat, als es die überwiegende Mehrzahl aller Metalbands jemals tun wird, und aktuell vom Label nicht mal die Erlaubnis bekommt, ein neues Album zu machen; https://www.reddit.com/r/popculturechat ... ont_allow/Ich würde mehr hochklassige Konzeptalben absolut feiern, aber die Realität ist nunmal, dass das Musikgeschäft aktuell einzelne Hits haben will und sich nicht ums Füllmaterial schert.
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von Holger Andrae » Donnerstag 5. Februar 2026, 00:08
Das ist ja aus kommerzieller Sicht alles nachvollziehbar und es ist mir auch klar, dass große Bands in der Regel INCs sind, aber das hat doch nichts mit meiner Bewertung zu tun. Ich bewerte die Musik doch nach meinem subjektiven Gefallen. Da ist es für mich doch erstmal völlig zweitrangig, ob der Künstler mit der Musik sein Lebensunterhalten bestreiten kann oder nicht. Die meisten Bands, die ich toll finde, machen ihre Musik als Hobby. Ich bewerte Musik nicht in den Kategorien "Singles", "Füllmaterial" und ganz bestimmt nicht nach Klick- oder Aufrifzahlen auf irgendwelchen Ausbeuter-Plattformen. Gibt es demnächst die Mona Lisa als Print-On-Demand und ihr Wert wird in DLs gemessen?
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von Rüdiger Stehle » Donnerstag 5. Februar 2026, 00:26
Halsey musste ich zwar tatsächlich nachschlagen, da niemals zuvor gehört, aber dass sie mehr verkauft als die weit überwiegende Mehrzahl aller Metalbands überrascht mich jetzt nicht. Metal Archives listet aktuell 195.023 Metalbands (bei einer eher engen Auslegung des Begriffs Metal), und es würde mich sehr überraschen, wenn davon mehr als eine mittlere bis höhere vierstellige Anzahl wirklich das Musizieren als Hauptberuf betrachteten und ohne einen "Dayjob" auskämen. Damit wären wir dann am Ende immer noch bei ca. 95%+x "Amateuren".
Daher denke ich tatsächlich, dass es im Underground eigentlich nicht ernsthaft relevant sein sollte, was der Markt will, da man darauf ja gerade nicht angewiesen ist und nie sein wird, da es für die weit überwiegende Mehrzahl der Metalbands ohnehin völlig utopisch ist, von der Musik leben zu können. Und das finde ich auch völlig okay so, weil eben das, was man allein aus Leidenschaft tut, und nicht aus Notdurft, halt am Ende doch immer das Reinere und Freiere ist.
Aber ich bin da im Zweifel einfach ein Romantiker. Mir geht's ja selber so, dass die Dinge, die mir emotional wichtig sind, und in die ich die meiste Zeit und Energie investiere, grundsätzlich Dinge sind, mit denen ich noch nie auch nur einen Pfennig verdient habe, noch es auch nur versucht hätte, das zu tun. Im Gegenteil, sie kosten stets viel Geld, ohne jegliches pekuniäres Payback. Und das ist für mich auch richtig. Dies, weil ich das Gefühl habe, dass das Geldverdienen das Edle an der Hingabe an eine Sache stets entweiht, und Potential für Frustration mitbringt. Ehrenamt im Verein, Schreiben, Musik... würde ich das tun, um Geld zu verdienen, verlöre ich im Zweifel stante pede die Lust darauf, es zu tun.
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von Chris Schantzen » Donnerstag 5. Februar 2026, 00:31
Mein Post war auch in keinster Weise darauf bezogen, wie wir die Musik bewerten - das machen wir hoffentlich alle rein nach subjektivem Gefallen und nicht nach anderen Faktoren.
Davon abgesehen würde es mich aber nicht wundern, wenn es die Mona Lisa irgendwann als NFT geben würde ^^
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von Holger Andrae » Donnerstag 5. Februar 2026, 00:48
Chris Schantzen hat geschrieben:Mein Post war auch in keinster Weise darauf bezogen, wie wir die Musik bewerten - das machen wir hoffentlich alle rein nach subjektivem Gefallen und nicht nach anderen Faktoren.
Davon abgesehen würde es mich aber nicht wundern, wenn es die Mona Lisa irgendwann als NFT geben würde ^^
Naja, in Deiner Bewertung schreibst Du von "Füllmaterial" und erklärst Deine Sichtweise auf diesen Begriff eben mit diesen Maßstäben. Von daher fließen diese Gedanken ja offenbar auch in Deine Bewertung ein.
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von Chris Schantzen » Donnerstag 5. Februar 2026, 03:55
Nö.
Bei meiner Bewertung fließen die Gedanken ein, die mir sagen, ob ich die Musik mag oder nicht. Dadurch, dass ich "Füllmaterial" nicht als wertenden, sondern als deskriptiven Begriff sehe, kann das per Definition nicht in die Bewertung einfließen.
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von Holger Andrae » Donnerstag 5. Februar 2026, 12:43
Haha, ja, aber nur Du siehst bzw. liest das so. Warum? Weil Du diese komplett anderen Bewertungs (!)gedanken hast.
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von Chris Schantzen » Donnerstag 5. Februar 2026, 15:35
Also erstmal vielen lieben Dank, dass du dir die Mühe machst, mir zu erklären, wie ich denke und Musik bewerte - das hab ich tatsächlich über 40 Jahre lang falsch gemacht, aber zum Glück ist mir jetzt ein Licht aufgegangen. Da mich diese lebensverändernde Erkenntnis wohl noch eine ganze Weile beschäftigen wird, ziehe ich mich dann mal aus dieser Diskussion zurück, ich werde aber natürlich zurückkommen, wenn ich weitere tiefenpsychologische Fragen habe. 
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