Kreator

Re: Kreator

Beitragvon Rüdiger Stehle » Sonntag 25. Januar 2026, 23:02

Pillamyd hat geschrieben:Und das kann ich wiederum gut verstehen. Meine Frustrationstoleranz ist grundsätzlich sehr hoch, vor allem wenn es um Beschäftigung, Kontext und Entwicklung innerhalb einer Diskographie geht.

Ich habe große Freude daran, mich intensiv mit Alben auseinanderzusetzen, sie mehrfach zu hören, einzuordnen und mir darüber eine gefestigte Meinung zu bilden. Genau deshalb sammle ich gern komplette Diskographien – auch dann, wenn es darin Alben gibt, die mir persönlich wenig oder gar nicht gefallen. Diese Auseinandersetzung macht mir Spaß.

Ein gutes Beispiel dafür ist JUDAS PRIEST: Ich kann das letzte Album genießen und mich ebenso mit „Nostradamus“ beschäftigen – allerdings in völlig unterschiedlichen Kontexten. Nicht, weil ich sie gleich bewerte, sondern weil mir genau diese Beschäftigung mit Entwicklung, Brüchen und Ansätzen Freude macht.

Was ich bei KREATOR gerade erlebe, ist für mich tatsächlich neu – nicht weil meine Frustrationstoleranz geringer geworden wäre, sondern weil sich hier erstmals eine musikalische Entwicklung über Jahre hinweg für mich nicht mehr relativieren lässt. Ich habe Bands schon oft kritisch begleitet und auch längere Abwärtstendenzen ausgehalten. Aber diese Klarheit, dieses innere „Das trägt für mich nicht mehr“, stellt sich bei mir gerade zum ersten Mal so deutlich ein.
Genau deshalb fühlt sich das weniger wie eine bewusste Entscheidung an, sondern eher wie eine nüchterne Erkenntnis. Nicht wütend, nicht enttäuscht im klassischen Sinn – sondern ruhig, fast sachlich. Und gerade das macht es für mich so endgültig.

Deine Einschätzung zu den Teutonen teile ich im Übrigen zu 100 %. Mir stehen SODOM, TANKARD, NECRONOMICON, DESTRUCTION deutlich näher als KREATOR – vielleicht auch, weil ich dort dieses Gefühl des inneren Abstands nie in dieser Form erlebt habe.

Ich möchte mich an der Stelle auch bedanken. Ich schätze unseren Austausch hier sehr.

Den letzten Absatz gebe ich so gerne zurück, und den vorletzten, sowie die ersten drei Absätze kann ich für mich bestätigen.

Den Kreator-Absatz habe ich so glücklicherweise noch nicht erlebt, bei keiner Band, aber du ja auch zum ersten Mal, und so kann ich es umso besser nachvollziehen. Vielleicht bin ich gerade dabei, das auch erstmals zu erleben. Bei Burzum. Bei den letzten beiden "Alben" oder Konglomeraten von Synth- und AI-Kreationen, bedauere ich es tatsächlich erstmals im Leben nicht, etwas nicht physisch kaufen zu können.
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Re: Kreator

Beitragvon Eike » Sonntag 25. Januar 2026, 23:25

Rüdiger Stehle hat geschrieben:
Eike hat geschrieben:
Rüdiger Stehle hat geschrieben: klare Abwärtstendenz [...] JUDAS PRIEST.
Error: Does not compute. :?


Ich liebe alle Priest-Alben, auch die nach der Reunion ("Nostradamus" wohl am wenigsten) und würde wohl keinem einzigen weniger als 8 - 8,5 Punkte geben. Trotzdem kann ich halt doch nicht umhin zuzugeben, dass eine "Redeemer of Souls" oder eine "Invincible Shield" nicht so ganz dort ist, wo Klassiker wie "Sad Wings" oder "Stained Class" sind. Das ist kein bisschen negativ gemeint, aber das ist bei aller Liebe halt doch der winzige Schatten, den ich bei nahezu allen "alten" Bands sehe.
Ja okay, dann ist das so (verständlich). Für mich ist "Invincible Shield" tatsächlich eines ihrer besten Alben.
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Re: Kreator

Beitragvon salisbury » Sonntag 25. Januar 2026, 23:42

Sorry to hear, dass die Mucke dir ein so schlechtes Gefühl gibt, Pilly.

Ich find es nach wie vor super mit Luft nach noch weiter oben und habe den Drang, die Band endlich mal wieder live zu sehen. Detailliertere Ausführung sehr bald in der Gruppentherapie 8-)
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Re: Kreator

Beitragvon Havoc » Montag 26. Januar 2026, 00:42

Die Neue habe ich ja noch nicht gehört. Keinen einzigen Ton. Das vorweg.

Bei mir ist es vielleicht noch mal etwas anders. Mein erstes Album der Band war 2005 "Enemy Of God". Die fand ich cool und die hat bei mir auch noch immer einen Stein im Brett. Ich lernte die Band also kennen, als diese Entwicklung hin zum immer melodischeren Stil gerade erst angefangen hat. Zudem besitze ich die alten Alben immer noch nicht. Und beim Thrash war mir ja eh schon immer der eher melodischere näher. Man könnte also sagen, dass ich Kreator gar nicht anders kenne bzw. dieser neurere Stil für mich irgendwie normal oder halt typisch Kreator ist. ;-)
Die Ausgangslage ist also eine völlig andere als von jemandem der die Band beinhart seit den Anfangstagen verfolgt.
Im Übrigen sehe ich es auch so, dass die "Hordes Of Chaos" ein wenig anders bzw. back to the Roots war. Bei "Hate Über Alles" empfinde ich das allerdings kaum so. Die fährt den typischen Stil für mich bereits normal weiter. Ich mag im Übrigen auch "Phantom Antichrist" und "Gods Of Violence" sehr gerne. Vielleicht sogar noch mehr als "Hate Über Alles". Bin nach den ganzen Erzählungen hier nun echt immer gespannter auf die Neue. Britta Görtz musste ich im Übrigen googlen. Die war mir überhaupt kein Begriff. Sängerin der Band Hiraes also. Ok. Kenne ich nur knapp vom Namen her. Mhh.
Was ich allerdings echt krass finde ist, dass du Pilly nun gefühlt so extrem mit der Band "brichst". Bisher hatte ich nicht den Eindruck, dass dich diese Entwicklung so stört. Aber anscheinend empfindest du es bei der Neuen ja noch sehr viel extremer. Da muss ich mich ja aktuell noch ausklinken. Kann ja noch nix dazu sagen. Mhh.
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Re: Kreator

Beitragvon salisbury » Montag 26. Januar 2026, 01:21

Ich verfolge KREATOR schon seit Ewigkeiten, aber ich mochte das ganz alte Zeug nie, also kann ich da auch nix hinterhertrauern. Mich hat es mit "Renewal" gepackt. Damals waren die Reaktionen ähnlich wie heute, die alten Thrasher winseln, schreien "Mainstream", was mein Interesse weckt und zack, Blautier ist an Bord.

Vielleicht find ich das Review im alten Rock Hard Heft noch, die liegen in Mamas Keller, aber ich glaub das fand man damals ned soo dolle...
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Re: Kreator

Beitragvon Pillamyd » Montag 26. Januar 2026, 10:06

salisbury hat geschrieben:Sorry to hear, dass die Mucke dir ein so schlechtes Gefühl gibt, Pilly.


Havoc hat geschrieben:Was ich allerdings echt krass finde ist, dass du Pilly nun gefühlt so extrem mit der Band "brichst". Bisher hatte ich nicht den Eindruck, dass dich diese Entwicklung so stört. Aber anscheinend empfindest du es bei der Neuen ja noch sehr viel extremer. Da muss ich mich ja aktuell noch ausklinken. Kann ja noch nix dazu sagen. Mhh.


Na ja, der Deckel des Topfes mit heißem Wasser brodelte eigentlich schon lange. Die Hitze wurde über Jahre langsam hochgedreht, nicht plötzlich. Dieses Album war für mich nicht der Moment, in dem jemand auf einmal die Flamme auf Maximum gestellt hat, sondern eher der Punkt, an dem man nicht mehr so tun konnte, als würde das Wasser noch nicht kochen.

Von außen wirkt das vielleicht so, als hätte ich jetzt abrupt mit der Band gebrochen. Von innen fühlt es sich aber eher so an, als hätte ich über längere Zeit gemerkt, dass es immer heißer wird – und ich mir jetzt einfach eingestanden habe, dass mir diese Temperatur musikalisch nicht mehr guttut. Das ist weniger dramatisch, als es vielleicht klingt, und auch kein wütender Affekt.

Und trotzdem ist es auch für mich neu, dass der Bruch ausgerechnet mit diesem Album stattfindet. Ich hätte selbst nicht gedacht, dass genau diese Veröffentlichung der Punkt ist, an dem es kippt. Der Topf stand zwar schon lange auf dem Herd, aber ich hätte nicht sagen können, wann oder wobei es so weit sein würde. Vielleicht ist es genau das: nicht ein einzelnes Element, nicht ein bestimmter Song oder eine konkrete Entscheidung, sondern das Gefühl, dass hier vieles zusammenkommt, was sich über Jahre aufgebaut hat.

Die alten Alben bleiben mir ja erhalten, da ändert sich nichts dran. Ich verliere nichts von dem, was mir früher viel bedeutet hat. Ich ziehe für mich nur die Konsequenz, dass ich der aktuellen Richtung emotional nicht mehr folgen kann. Das neue Album hat das nicht ausgelöst, sondern es für mich nur sichtbar gemacht.
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Re: Kreator

Beitragvon Pillamyd » Montag 26. Januar 2026, 10:41

salisbury hat geschrieben:Ich verfolge KREATOR schon seit Ewigkeiten, aber ich mochte das ganz alte Zeug nie, also kann ich da auch nix hinterhertrauern. Mich hat es mit "Renewal" gepackt. Damals waren die Reaktionen ähnlich wie heute, die alten Thrasher winseln, schreien "Mainstream", was mein Interesse weckt und zack, Blautier ist an Bord.

Vielleicht find ich das Review im alten Rock Hard Heft noch, die liegen in Mamas Keller, aber ich glaub das fand man damals ned soo dolle...


Das allerdings finde ich sehr interessant. Ich war damals gerade 584 Tage alt, haha – da kann ich natürlich nicht wirklich mitreden und muss nur rückblickend auf die Gegebenheiten schauen. Aber was du schreibst, lässt mich tatsächlich nachdenken.

Ich finde zunächst die Unkenrufe in Richtung Mainstream etwas überzogen. Ich erkenne da weder Radiotauglichkeit noch Trend-Anbiederung in Richtung Mainstream, keine Gefälligkeit. Klar, cleane Vocals, aber kein Singsang. Kein "Black Album", kein "Countdown To Extinction", kein "The Ritual", nicht einmal "I Hear Black"". Um nur mal ein paar Beispiele großer Bands und deren plötzliche Stilwechsel zu nennen, die damals ebenso Aufsehen erregt haben.

Was ich allerdings erkenne, nach reichlich Gedankenwirrwarr: Die Umbruchstimmung, die diese Bands eingeleitet haben, hat offenbar zu Frustration und zur Pauschalisierung des Begriffs „Mainstream“ geführt – viele wollten gar nicht mehr differenzieren, sondern trauerten einfach ihrem geliebten Thrash hinterher. Die etwas bequemen „Sellout“-Rufe scheinen mir deshalb kurz gedacht und übereifrig ausgesprochen. Für mich bedeutet eine Drosselung der Geschwindigkeit, mehr Atmosphäre oder ein kontrollierteres Songwriting eben nicht automatisch Mainstream.

Gleichzeitig finde ich es spannend, den Mut der Band damals zu feiern. "Renewal" war experimentell, riskant, in keiner Weise gefällig oder radiotauglich – ein Schritt, den ich heute noch anerkenne und respektiere. Dass ich heute die aktuelle Phase der Band emotional ablehne, widerspricht dem nicht. Es ist einfach eine andere Situation, andere Musik, andere Reaktionen.

Und ein paar Fragen dazu lassen mich noch nachhaken, einfach aus Neugier:

- Waren die Metal-Fans damals vielleicht nicht bereit, tief genug zu graben?

- War die Bindung zu den alten Helden so stark, dass eine Abgrenzung schwer fiel?

- Oder waren die Mittel schlicht nicht da, um selbst aktiv neue Wege zu entdecken?

So betrachtet finde ich die Diskussion über Mainstream damals spannend – aber ich würde sie heute eher differenziert sehen, statt einfach als „Sellout“ abzuhaken.
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Re: Kreator

Beitragvon Martin van der Laan » Montag 26. Januar 2026, 13:14

Pillamyd hat geschrieben:Gleichzeitig finde ich es spannend, den Mut der Band damals zu feiern. "Renewal" war experimentell, riskant, in keiner Weise gefällig oder radiotauglich – ein Schritt, den ich heute noch anerkenne und respektiere. Dass ich heute die aktuelle Phase der Band emotional ablehne, widerspricht dem nicht. Es ist einfach eine andere Situation, andere Musik, andere Reaktionen.

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Re: Kreator

Beitragvon Havoc » Montag 26. Januar 2026, 21:41

Pillamyd hat geschrieben:Na ja, der Deckel des Topfes mit heißem Wasser brodelte eigentlich schon lange. Die Hitze wurde über Jahre langsam hochgedreht, nicht plötzlich. Dieses Album war für mich nicht der Moment, in dem jemand auf einmal die Flamme auf Maximum gestellt hat, sondern eher der Punkt, an dem man nicht mehr so tun konnte, als würde das Wasser noch nicht kochen.

Von außen wirkt das vielleicht so, als hätte ich jetzt abrupt mit der Band gebrochen. Von innen fühlt es sich aber eher so an, als hätte ich über längere Zeit gemerkt, dass es immer heißer wird – und ich mir jetzt einfach eingestanden habe, dass mir diese Temperatur musikalisch nicht mehr guttut. Das ist weniger dramatisch, als es vielleicht klingt, und auch kein wütender Affekt.

Und trotzdem ist es auch für mich neu, dass der Bruch ausgerechnet mit diesem Album stattfindet. Ich hätte selbst nicht gedacht, dass genau diese Veröffentlichung der Punkt ist, an dem es kippt. Der Topf stand zwar schon lange auf dem Herd, aber ich hätte nicht sagen können, wann oder wobei es so weit sein würde. Vielleicht ist es genau das: nicht ein einzelnes Element, nicht ein bestimmter Song oder eine konkrete Entscheidung, sondern das Gefühl, dass hier vieles zusammenkommt, was sich über Jahre aufgebaut hat.

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Das erklärt es wirklich sehr gut. Klingt schlüssig. Hatte das nur irgendwie so gar nicht auf dem Schirm, da du vor Wochen eher noch so berichtet hast, als wenn du dich voll auf das Album freuen würdest. Man hörte da nicht so wirklich heraus, dass du schon länger mit der Ausrichtung haderst. Von daher kam das jetzt echt unerwartet. ;-)
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Re: Kreator

Beitragvon Pillamyd » Montag 26. Januar 2026, 22:19

Euphorisch war ich eigentlich nie. Die Mille Biographie fand ich gut, das Album habe ich aus Gewohnheit in den Vorfreude-Thread gepackt.

Beim ersten Song, der veröffentlicht wurde, war ich bereits zurückhaltend. Mir gefiel ja nur ein Teil des Songs, was ganz gut zu meinem Eindruck der letzten Jahre passt. Artwork fand ich gut. Ich erwähnte wohl auch, dass das letzte Album keinen großen Eindruck hinterlassen hat. Das stimmt grundsätzlich. Ansätze, die Hoffnung schürten. Aber einfach unterm Strich zu wenig. Ergo, der "Bruch" kommt also nicht aus dem Nichts.
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