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von Pillamyd » Sonntag 25. Januar 2026, 12:26
Nein. Nein. Und nochmal nein.
Nach einmaligem Hören bleibt bei mir vor allem ein Gefühl: Dieses Album wirkt wie ein weiteres Puzzlestück auf dem Weg zur maximalen Zugänglichkeit – und damit ist es ehrlich gesagt nichts mehr, was ich von KREATOR hören möchte. Was hier als Haltung verkauft wird, empfinde ich für mich persönlich nicht als Kante, sondern eher als eine merkwürdige Form der Anbiederung.
Gerade wenn ich sehe, welche Alben Mille Petrozza in Interviews und Videos als Einflüsse oder Empfehlungen nennt, frage ich mich, wie die Band zu dieser Musik kommt. Für mich klingt das fast ausschließlich nach dem Effekt der Anbiederung. Die viel beschworene Offenheit gegenüber anderen Genres höre ich hier kaum. Die Wahl von Britta Görtz als Gastsängerin passt für mich eher in die Richtung „massentauglich“ – maximal kompatibel, minimal riskant. Ich hätte mir gewünscht, dass eine Stimme gewählt wird, die die Offenheit wirklich stützt. So bleibt für mich vor allem der Eindruck eines weiteren Hineinkriechens in den Mainstream.
Außerdem habe ich den Eindruck, dass das vorherige Album nicht so richtig funktioniert hat. Dieses Werk wirkt für mich daher wie eine Rückkehr zu den bewährten Formeln von „Phantom Antichrist“ oder „Gods Of Violence“. „Hate Über Alles“ hat zumindest für mich Ansätze gezeigt, aber die Skepsis überwiegt.
Für mich klingt alles hier aufgeplustert, überproduziert und bombastisch – irgendwo zwischen AMON AMARTH, MANOWAR und NIGHTWISH. Diese Mischung brauche ich nicht; die Bands gibt es schon. Und wenn Milles Stimme nicht wäre, würde ich das kaum als KREATOR erkennen. Den Altersmilde-Eindruck habe ich schon länger gespürt, hier tritt er für mich besonders hervor. Das seit langem praktizierte, stark refrainszentrierte Songwriting funktioniert für mich nicht. Songs um Refrains herumzubauen, fühlt sich für mich an wie: erst eine Küche planen, sie komplett einrichten und sich dann überlegen, ob und wie man noch ein Haus darum baut. Für mich entsteht so weder ein stimmiges Haus noch ein stimmiger Song.
„Barbarian“ ist dafür ein Beispiel: kein Thrash-Brocken, sondern eher eine selbstaufgezogene Wurst, bei der die Pelle für mich die Spannung nicht hält.
Kurz gesagt: Mich hat die Band damit nach einmaligem Hören für mich persönlich verloren – zumindest als Hörer. Für die Vollständigkeit werde ich das Album vermutlich irgendwann ins Regal stellen, aber emotional ist es meilenweit entfernt von dem, was ich einmal an KREATOR geliebt habe.
Eine mögliche Fortsetzung von Milles Biografie würde ich hingegen sehr gerne lesen. Das war das Beste, was er seit „Hordes Of Chaos“ veröffentlicht hat.
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von Rüdiger Stehle » Sonntag 25. Januar 2026, 13:01
Wow.
Deutliche Worte.
Finde ich gut, auch wenn ich sie nicht zur Gänze teile. Ich kann aber schon verstehen, wo das herkommt, und es ist für mich durchaus nachvollziehbar. Dass bei mir Kritik fast immer eher zurückgenommen ist, ist ja bekannt. Aber ich hab jetzt mit dem Ding... achter Durchlauf oder so... echt keine größeren Probleme. Wobei ich all die von dir erwähnten Kritikpunkte schon auch für substantiiert dargelegt und für valide halte.
Vielleicht ist es tatsächlich so, dass ich den Moment der empfundenen Erkenntnis, den du beschreibst, schon mit "Enemy of God" hatte, das mir nach dem von mir geliebten "Violent Revolution" genau jene Vibes bescherte, die du beschreibst. Nach diesem Effekt hab ich mich dem Ganzen dann wieder mehr angenähert, und mich mit dem modernen Kreator-Sound arrangiert, so dass ich eben zu dem Ergebnis komme, das ich beschrieben habe. Allerdings eben, wie gesagt, bei aller Nachvollziehbarkeit der Kritik.
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von Eike » Sonntag 25. Januar 2026, 13:08
Feamorn hat geschrieben:Das Suspiria-Sountrack-Intro bzw. die generell Thematik zieht bei mir halt gewaltig.
"Suspiria" ist der beste mir bekannte Gruselfilm. Älter als ich selbst, immer noch grandios. Bis auf den "Stacheldraht" extrem gut gealtert. Danach kommt für mich "mother!", der ist filmisch auch top notch, insbesondere in der massiv und crescendoartig eskalierenden Invasions/Opferungs-Szene. In einem früheren Album hatte die Band im Artwork bereits deutliche Bezüge auf "Zardoz" genommen. Mindestens eines der Bandmitglieder scheint mir Siebzigerjahrekultfilmfan zu sein.
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von Eike » Sonntag 25. Januar 2026, 13:27
Ich habe nochmal kurz recherchiert: Das Album war "Hordes of Chaos", und laut Interview mit Mille stammte die Idee mit "Zardoz" nicht von der Band sondern vom Artwork-Designer Joachim Luetke.
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von Pillamyd » Sonntag 25. Januar 2026, 20:19
Mir ist bewusst, dass meine Haltung hart ist. Aber sie kommt nicht aus einer Laune heraus, sondern aus einem langen Prozess. Rückblickend hätte ich vieles davon schon früher so formulieren müssen – bei KREATOR wie auch bei anderen Bands. Das habe ich mir lange nicht erlaubt.
Die Alben bis „Cause For Conflict“ sind für mich elementar, weil sie zeigen, wie individuell, mutig und eigenständig Thrash sein kann, ohne sein Gesicht zu verlieren. „Coma Of Souls“, „Renewal“ oder auch der Hardcore- und Industrial-Einschlag von „Cause For Conflict“ stehen für eine Band, die Risiken eingegangen ist und dabei trotzdem unverkennbar KREATOR geblieben ist. Gerade „Renewal“ ist für mich der Beweis, wie weit Offenheit gehen kann, ohne zur Verwässerung zu werden.
Genau das fehlt mir heute vollständig. Für mich ist von den einstigen Trademarks kaum noch etwas übrig – außer Milles Stimme. Und selbst die trägt diesen Sound für mich nicht mehr. Die Musik wirkt austauschbar, aufgebläht und formelhaft, als wäre sie auf maximale Kompatibilität hin gebaut. „Hordes Of Chaos“ war für mich noch einmal ein Ausreißer nach oben: sperrig, eigenwillig, mutig – in der Haltung eher verwandt mit der Band aus den frühen 90ern. Aber spätestens mit „Phantom Antichrist“ hat sich ein Ansatz etabliert, der zwar offensichtlich funktioniert, für mich musikalisch aber auf sehr wackeligen Ästen steht.
Das Bittere daran ist: Ich sage das nicht aus Nostalgie, sondern aus Enttäuschung. Weil ich weiß, wozu KREATOR einmal fähig waren – und weil ich das Gefühl habe, dass genau dieser Anspruch heute keine Rolle mehr spielt.
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von Rüdiger Stehle » Sonntag 25. Januar 2026, 21:06
Ich kann das alles tatsächlich sehr gut verstehen, und teile deine Ansicht in nahezu allen Punkten. Ich habe nur recht offensichtlich eine sehr hohe Frustrationstoleranz. Sprich, ich bin extrem lange fähig, mich an den positiven Elementen zu erfreuen, auch wenn die negativen Aspekte eine klare Abwärtstendenz abbilden. Das geht mir eigentlich bei nahezu allen alten Helden so, von denen ich kaum einen noch wirklich voll auf Augenhöhe mit den eigenen Klassikern sehe, aber trotzdem noch viel Freude mit ihren neuen Scheiben haben kann, ganz gleich ob sie wie AC/DC und RUNNING WILD eher traditionalistisch vorgehen, oder ob sie sich immer mal wieder neu definieren wie METALLICA oder JUDAS PRIEST.
Ich finde die Entwicklung der Band seit "Enemy of God" auch eher so semi-gut, wie bereits gesagt, mit Ausnahme von "Hordes Of Chaos" und mit Abstrichen "Hate über alles", aber so 7 bis 8 Punkte war es mir dann doch immer wieder und immer noch wert. Auch wenn ich in Sachen Teutonen-Thrash Kreator beim persönlichen Geschmack letztlich inzwischen doch am Ende sehe, hinter Sodom, Tankard, Necronomicon, Darkness und Destruction.
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von Rüdiger Stehle » Sonntag 25. Januar 2026, 21:10
All dessen eingedenk möchte ich noch hinzufügen, dass ich die neue Megadeth viel, viel cooler finde, als die neue Kreator.
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von Pillamyd » Sonntag 25. Januar 2026, 22:21
Und das kann ich wiederum gut verstehen. Meine Frustrationstoleranz ist grundsätzlich sehr hoch, vor allem wenn es um Beschäftigung, Kontext und Entwicklung innerhalb einer Diskographie geht.
Ich habe große Freude daran, mich intensiv mit Alben auseinanderzusetzen, sie mehrfach zu hören, einzuordnen und mir darüber eine gefestigte Meinung zu bilden. Genau deshalb sammle ich gern komplette Diskographien – auch dann, wenn es darin Alben gibt, die mir persönlich wenig oder gar nicht gefallen. Diese Auseinandersetzung macht mir Spaß.
Ein gutes Beispiel dafür ist JUDAS PRIEST: Ich kann das letzte Album genießen und mich ebenso mit „Nostradamus“ beschäftigen – allerdings in völlig unterschiedlichen Kontexten. Nicht, weil ich sie gleich bewerte, sondern weil mir genau diese Beschäftigung mit Entwicklung, Brüchen und Ansätzen Freude macht.
Was ich bei KREATOR gerade erlebe, ist für mich tatsächlich neu – nicht weil meine Frustrationstoleranz geringer geworden wäre, sondern weil sich hier erstmals eine musikalische Entwicklung über Jahre hinweg für mich nicht mehr relativieren lässt. Ich habe Bands schon oft kritisch begleitet und auch längere Abwärtstendenzen ausgehalten. Aber diese Klarheit, dieses innere „Das trägt für mich nicht mehr“, stellt sich bei mir gerade zum ersten Mal so deutlich ein. Genau deshalb fühlt sich das weniger wie eine bewusste Entscheidung an, sondern eher wie eine nüchterne Erkenntnis. Nicht wütend, nicht enttäuscht im klassischen Sinn – sondern ruhig, fast sachlich. Und gerade das macht es für mich so endgültig.
Deine Einschätzung zu den Teutonen teile ich im Übrigen zu 100 %. Mir stehen SODOM, TANKARD, NECRONOMICON, DESTRUCTION deutlich näher als KREATOR – vielleicht auch, weil ich dort dieses Gefühl des inneren Abstands nie in dieser Form erlebt habe.
Ich möchte mich an der Stelle auch bedanken. Ich schätze unseren Austausch hier sehr.
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von Eike » Sonntag 25. Januar 2026, 22:43
Rüdiger Stehle hat geschrieben: klare Abwärtstendenz [...] JUDAS PRIEST.
Error: Does not compute. 
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von Rüdiger Stehle » Sonntag 25. Januar 2026, 22:56
Eike hat geschrieben:Rüdiger Stehle hat geschrieben: klare Abwärtstendenz [...] JUDAS PRIEST.
Error: Does not compute. 
Ich liebe alle Priest-Alben, auch die nach der Reunion ("Nostradamus" wohl am wenigsten) und würde wohl keinem einzigen weniger als 8 - 8,5 Punkte geben. Trotzdem kann ich halt doch nicht umhin zuzugeben, dass eine "Redeemer of Souls" oder eine "Invincible Shield" nicht so ganz dort ist, wo Klassiker wie "Sad Wings" oder "Stained Class" sind. Das ist kein bisschen negativ gemeint, aber das ist bei aller Liebe halt doch der winzige Schatten, den ich bei nahezu allen "alten" Bands sehe.
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