Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.

Re: Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Beitragvon Rüdiger Stehle » Freitag 16. Januar 2026, 00:54

That said:

Ich muss zugeben, dass ich an der MC von Mustafa Koçak einen Mordsspaß habe, die ich von meinem Plattenhändler geschenkt bekam. Klingt tatsächlich auch gut, über mein Tapedeck.
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Re: Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Beitragvon Pillamyd » Freitag 16. Januar 2026, 02:21

Mein eigener Bezug zur Kassette hat weniger mit einer verklärten 80er-Rückschau zu tun. In meiner Kindheit und Jugend ging es jeden Sommer zur Familie in die Türkei, Musik war dabei immer präsent. Kassetten waren dort lange günstig und weit verbreitet, entsprechend waren sie über Jahre ein fester Bestandteil meines Musikkonsums – auf langen Busfahrten oder auf der Anlage meines Großvaters.

Letztes Jahr habe ich auf dem Dachboden meine alte türkische Pressung von "Kill ’Em All" wiedergefunden. Technisch am Ende, verzogen, stark am Leiern – und trotzdem war es eines der schönsten musikalischen Erlebnisse 2025. Nicht wegen ihres Zustands, sondern wegen dessen, was sie für mich bedeutet.

Vor diesem Hintergrund frage ich mich bei Aussagen wie „Kassetten waren noch nie cool“, was damit eigentlich bewertet wird. Geht es um Technik, um Komfort oder um eine rückblickende Einordnung mit heutigen Maßstäben? Viele dieser Argumente ließen sich genauso auf andere nostalgische Rückgriffe in Musik und Kultur anwenden.

Gleichzeitig frage ich mich, wie weit man rückblickend überhaupt urteilen darf. Wer kann einem jungen Hörer wirklich vorschreiben, was damals „cool“ war, ohne selbst belehrend zu wirken? Jede Aussage vom Typ „MCs waren damals nicht cool“ ist genau das: eine rückblickende Belehrung. Und wenn man jungen Hörern diese Perspektive abspricht, stellt sich die Frage: Darf man dann überhaupt Alben bewerten, die vor der eigenen Geburt erschienen sind? Darf man sie kritisieren, loben oder einfach eine andere Meinung haben als die Zeitzeugen, die sie damals mitbekommen haben? Bewertungen aus der eigenen Perspektive sind völlig legitim – subjektiv, aus der eigenen Sicht.

„Unhandlich“ erscheint mir dabei vor allem als eine Frage der Gewöhnung. Mit Auto-Reverse ist Kassettenhören kein großes Thema. Vielleicht ist der spannendere Aspekt ohnehin ein anderer: dass die Kassette ein anderes Hörverhalten nahelegt – weniger Skippen, mehr Albumdenken. Ob das wirklich so überholt oder irrelevant ist, wie oft behauptet wird, ist zumindest eine offene Frage. Vielleicht sogar also, sagt das weniger über die Kassette, als über unser heutiges Hörverhalten aus. Und dabei stellt sich gleich die nächste Frage: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir über Kassetten sprechen – geht es um Tape Trading, um Aufnehmen und Überspielen, oder einfach nur ums Hören?
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Re: Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Beitragvon Rüdiger Stehle » Freitag 16. Januar 2026, 03:02

Pillamyd hat geschrieben:Vor diesem Hintergrund frage ich mich bei Aussagen wie „Kassetten waren noch nie cool“, was damit eigentlich bewertet wird. Geht es um Technik, um Komfort oder um eine rückblickende Einordnung mit heutigen Maßstäben? Viele dieser Argumente ließen sich genauso auf andere nostalgische Rückgriffe in Musik und Kultur anwenden.

Es geht um die Technik (Spulen, Umdrehen, Ausleihern, Reißen), es geht - mir - vor allem aber auch um die Aufmachung. Das Coverartwork ist nochmal kleiner als bei der CD, oft hochformatbedingt entweder nur ein Ausschnitt, oder nochmal auf ein kleineres Quadrat verkleinert, sehr oft keine Texte im Booklet bzw. kein Booklet sondern nur ein Falteinleger usw...
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Re: Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Beitragvon Holger Andrae » Freitag 16. Januar 2026, 12:44

Was Rüdiger schreibt.

Aus der Belehrung wird ja leider anders herum ein Schuh. Die jungen Menschen wollen mich ollen Sach aufklären, was damals cool war. Daher meine Aversion gegen diesen elitären Snobismus von modernen Kutten-Freaks.
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Re: Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Beitragvon Eike » Freitag 16. Januar 2026, 16:12

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Es geht um die Technik (Spulen, Umdrehen, Ausleihern, Reißen), es geht - mir - vor allem aber auch um die Aufmachung. Das Coverartwork ist nochmal kleiner [...] kein Booklet sondern nur ein Falteinleger usw...
Reißen lasse ich gelten; Spulen wurde durch neue, bessere Technik zu einem marginalen "Problem" für mein Empfinden, zumal ich eher der Albumtyp bin. Ausleihern war ab 100 min. ein echtes Problem, bei manchen 90ern auch, aber ab 60er und abwärts NUR bei schlechter Behandlung/Lagerung oder minder guten/defekten Abspielgeräten. CD war ein Fortschritt in punkto Skippen, Programmieren, noch präziserer Wiedergabe, aber die MC war schon robuster, und CDs stellen einen Platzraub gegenüber MC dar, sind schlechter verleihbar (so viele Leute gaben/geben beschissen/keine Acht, fleckig, speckig, zerkratzt...), und während das Artwork natürlich großartiger ist, ließen die Faltbooklets durchaus Texte und Produktionsnotizen, Artwork/Bandfotos im Hintergrund zu. Es gab auch Kassetten im Schuber oder mit beigelegter zweiter Kassette mit eigenem Minibuch dazu/darin, durchaus cool, und noch dazu eben im gleichen Format (im Gegensatz zu CD-Special-Editions/Books, die jegliches Regalformat sprengen). Anti-Schock war bei Walkmen irgendwann ausgereift, bei Discman bis zum Schluss nicht. Ich will die Kassette gar nicht in den Himmel loben, aber es war nicht alles schlecht. Der mechanische Kopierschutz und sein Override war primitiv aber genial auf seine Art, und bei dem kann ich durchaus nachvollziehen, dass jüngere Generationen diese Designfindigkeit aus vor-digitalem/vor-vollelektronischem Zeitalter aus historischen und persönlichen, technikästhetischen und -historischen Gründen verdammt cool finden, so wie manche eben gerne alte Motorräder fahren; gleiches gilt für die haptische Erfahrung, die heute im "Icon"-/Tipp-/Stream-Zeitalter kaum noch gegeben ist im Handling. Wenn ich ehrlich bin, spielt das für mich beim Bookletlesen (CD/LP) auch eine Rolle, PC-/YouTube-Playlist is not the same. Dass es für junge Leute "One more" ist (alle REGLER AUF ELF!!!111elf), eine MC zu "bedienen" kann ich aus ästhetischen Gründen nachvollziehen. Auf einem gewissen Level kann ich "Dosentelefon" auch würdigen, ohne deshalb auf ein Handy verzichten zu wollen. Die Festnetz-Kultur (wo Anrufe nicht als "intrusiv" galten UND man sich Zeit dafür nahm) vermisse ich oft auch, wenn jemand wieder eine komplizierte Text-Chat- oder Sprachnachrichten-Kaskade beginnt, die ich als scheinbar letzter Dinosaurier als missverständnissaffin, unpersönlich und unkomfortabel empfinde, zumal sich sowas durch Kürzt-Gepiepe und Nichtrichtiglesen ewig hinziehen kann, während man es live in 1/10 der Zeit ausgeräumt hätte. Da mag die "veraltete" Technik einen Impuls oder eine "Hilfestellung" geben, bewusst an die Sache heranzuziehen und "dranbleiben". Zurück auf Musik bezogen, KOTZT ES MICH AN, wenn Leute ständig mitten im Song skippen. Da könnte ich schreien, würde manchmal am liebsten sofort aufstehen und nach Hause gehen, aber bin leider zu höflich dafür. Gut Ding will Weile haben, und dass jüngere Menschen, die sich von der modernen Welt entfremdet fühlen, diesen slow approach und die bewusst ritualisierte Wertschätzung für sich wiederentdecken, und sei es auch "nur" in einer "Musikoase" im stressigen Alltag, das begrüße und bewundere ich, denn das ist heutzutage quasi eine Emanzipationsleistung. Dass das auch mal schräge bis dogmatische Formen annehmen KANN, das will ich damit nicht in Abrede stellen.
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Re: Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Beitragvon Eike » Freitag 16. Januar 2026, 16:23

Holger Andrae hat geschrieben: Die jungen Menschen wollen mich ollen Sach aufklären, was damals cool war. Daher meine Aversion gegen diesen elitären Snobismus von modernen Kutten-Freaks.
Das ist natürlich grotesk. Es aus ihrer Perspektive beschreiben, was für sie persönlich Vorteile sind, das ist legitim und kann zum Nachdenken anregen darüber, wie unterschiedlich man sozialisiert wurde und welche Aspekte man ganz persönlich (vielleicht auch deshalb) priorisiert. Da verstehe ich auch ein gewisses Mitteilungsbedürfnis. Aber wenn es mit Arroganz und Dogmatismus und fehlendem Respekt für andere Perspektiven daherkommt, dann ist das natürlich ärgerlich und traurig.
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Re: Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Beitragvon Julian Rohrer » Freitag 16. Januar 2026, 18:04

Sorry, ich unterbreche einmal die angeregte Diskussion über (veraltete :P) Abspielmedien für eine dringende Durchsage:

Platz 10:
Species | Changelings
Ich hatte vieles erwartet, aber nicht diesen sehr interessanten Gesang. Faktisch wartete ich (trotz deiner Beschreibung) auf VEKTOR-Vibes, aber das ist ja wirklich eher klassischer Metal. Da wir in den Charts gerade durch die Neunziger surfen, hätte ich das Album beim Hören ohne Zweifel dort verortet. Tatsächlich finde ich Havocs CIRITH UNGOL sehr passend, einerseits vom Gesang (weniger), andererseits vom erzählerischen Songwriting her (mehr). Ich bin ja erklärterweise kein großer Thrash-Fan, weshalb mich diese Parts eher abschrecken. Insgesamt aber ein spannender und cooler Einstieg in die Top 10.

Platz 09:
Zig Zags | Deadbeat At Dawn
Hier schallt sofort eine gewisse Brit-Punk-Attitüde aus den Boxen, schon reingeschwenkt mit hellflüssigen Gitarren - und einem sehr schön präsenten Bass. Dass die Band dich live im Sturm erobern konnte, wundert mich überhaupt nicht, wenn ich nur einen Bruchteil der Live-Energie unterstelle, die ich vom Studioalbum her unterstelle. Anders als dir stößt mir die Produktion etwas sauer auf. Ich finde, dass die Gitarren noch mehr schreien könnten, nein, MÜSSTEN. Das wirkt auf meine Ohren etwas dumpfer als nötig. Aber ja, trotzdem, als ich gerade im Lexikon unter Energie und Druck nachblätterte, „lächelte“ mich ZIG ZAG an ;)

Platz 08:
AFI | Silver Bleeds The Black Sun...
Sehr cooler Sound, ich bin hier irgendwo zwischen Post-Punk und NeoFolk (für mich kein negatives Attribut!). Landet auf jeden Fall auf meiner Playlist, vor allem, weil der Sound durchaus im positivsten Sinne poppig ist. Ich weiß auch gar nicht, welches deiner beiden Songbeispiele mir besser gefällt. Ich mag den Dark Western Approach des ersten, aber das trippig-poppige des Zweiten lässt meinen inneren ihr-wisst-schon im Neonlicht erstrahlen.

Platz 07
Pagan Altar | Never Quite Dead
Dieses Album habe ich natürlich bei Erscheinen auch gehört, fand das durchaus ansprechend, aber das letzte Quäntchen, das wirklich zwingend für mich werden zu lassen, hat gefehlt. Beim Hören deiner Beispiele löst es aber wieder den gleichen Effekt aus: Ich habe Lust, das nochmal zu hören. Manchmal sind die Ohren im falschen Zeitpunkt einfach belegt oder anderweitig beschäftigt …

Platz 06
Jinjer | Duél
Ja, cool, einfach mal wieder ein Album quasi auf Verdacht kaufen. Manchmal muss man sich zum eigenen Glück zwingen! :D Ich habe beim PMDECS gemerkt, dass mir die alten JINJER einfach gut gefallen, das neue Material mich nicht mehr abholte. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht bin ich auch einfach „nur“ ein Fan des Gesangschocks? Vielleicht hat es mir aber auch besser gefallen, als die Band sich mehr als Gesamtkunstwerk verstanden hat und nicht so sehr auf ein instrumentales Fundament mit Bühnencharakter für Tatianas Solo konzentrierte. Leider tritt auch mit deinen Beispielen kein anderer Höreffekt ein.

Platz 05:
Sacrifice | Volume Six
Apropos Ausrufezeichen am Anfang des Jahres: JA! Wie cool ist das, wenn man sich sofort daran erinnert, dass das Album, das man vor fast 12 Monaten kennengelernt hat, in die Liste MUSS! Mir ging es mit BERGTHRON so. Nun zum Sound: Der Death-Metal-Anteil tönt cool aus den Boxen, der Thrash-Faktor nicht so sehr. Insgesamt klingt das eher nach einer Kombination alter Helden/Stärken. Ich kann aber verstehen, dass genau die Mischung Spaß macht, wenn man die Vorgänger ausreichend gehört hat und auf eine neue Mischung Lust hat. Ehrlich gesagt, funktioniert der ANGSTKVLT ja ganz ähnlich …

Platz 04:
Avatarium | Between You, God, The Devil And The Dead
Ha, eine Überschneidung! Ist meine 11. Sehr schönes Album. Deine Beschreibung ist interessant, das werde ich mal mit meiner Frau besprechen, die, ganz genau, auch in dem beschriebenen Feld tätig ist.

Platz 03
Coroner | Dissonance Theory
Hier haben wir fast eine Überschneidung, denn dieses Album wäre in einem Jahr, in dem ich nicht nur auf physische Veröffentlichungen gegangen wäre, sicher in der Top … 30? 40? gelandet? Ich werde das Album aber nachkaufen, da bin ich mir sehr sicher. Das ist schon ein megacooles Comeback, und ja, welchen Hunger kann man bitte nach Jahrzehnten haben, nochmal anzugreifen?

Platz 02:
Sweeping Death | Devotion To The Absurd Night
Sehr interessant, ich hätte nie gedacht, diese Band in einer Liste wiederzusehen. Ich kenne die Jungs über Konzerte in München und verfolge sie seit dem ersten Album. Und dann ist mir durchgerutscht, dass die 2025 ein Album veröffentlicht haben! :D Naja, das heißt für mich: erst mal Nachhören. Insgesamt muss ich sagen, dass mir bei der Band gefällt, dass sie es schafft, ein Gesamtkunstwerk aus durchdachten Artworks, tollem Songwriting und einer sehr unmittelbaren Bühnenperformance zu kreieren. Kudos also für diesen zweiten Platz!

Platz 01:
Berlin 2.0 | Kaltental
Wow, was für eine überraschende 1. Noch nie gehört und daher komplett unbekannt für mich. Spontan ist das ein schöner Querschnitt durch deutsche Rockmusik von Kraut über Nischenpop bis Spätpunk, freilich mit Fokus auf Punk. Stimme, Texte, Instrumentierung sind perfekt aufeinander abgestimmt, das knallt, ohne knallen zu müssen. Ich habe das Album noch nicht durchgehört, bin aber gespannt, was da vor allem textlich noch auf mich wartet. Und ja, das Coverartwork ist natürlich mega. So eine Jeanne D’arc, mit Molotowcocktail statt Schwert?

Tolle Liste, lieber Pille! Da ist einiges dabei, was noch tiefere Hörmomente nach sich ziehen wird. Und immerhin eine echte und eine fast echte Überschneidung, sowie eine, von der ich nicht wusste, dass sie stattfinden könnte ;)
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Re: Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Beitragvon Pillamyd » Freitag 16. Januar 2026, 18:34

Ich verstehe den Punkt von Rüdiger, wenn die Bewertung der Kassette vor allem technisch gemeint ist. Spulen, Bandsalat, begrenzte Haltbarkeit, kleinere Cover, oft reduzierte Informationen – das sind alles reale Nachteile, die man nicht wegdiskutieren muss. In dieser rein funktionalen Betrachtung war und ist die MC anderen Formaten klar unterlegen, da bin ich völlig bei euch.

Was mich an der bisherigen Diskussion dennoch irritiert, ist, dass meine ursprüngliche Argumentation genau an dieser Stelle kaum aufgegriffen wurde. Mir ging es nie darum zu behaupten, die Kassette sei objektiv überlegen oder technisch „cooler“ gewesen. Sondern darum, was eigentlich bewertet wird, wenn man pauschal sagt: „MCs waren noch nie cool.“

Denn selbst wenn man Technik und Handhabung als Maßstab nimmt, bleibt die Frage offen, für wen und in welchem Kontext. Auto-Reverse etwa macht das ständige Umdrehen faktisch irrelevant, und auch das Spulen ist weniger eine absolute Hürde als eine Frage der Gewöhnung – ähnlich wie man heute akzeptiert, dass Streaming andere Einschränkungen und Eigenheiten mit sich bringt. Darauf wollte ich hinaus, nicht auf eine Verklärung von Defiziten.

Mindestens genauso wichtig war mir aber der zweite Aspekt, der bisher kaum thematisiert wurde: das Hörverhalten. Die Kassette begünstigt ein anderes Verhältnis zur Musik – weniger Skippen, mehr Albumdenken. Ob man das mag oder nicht, ist Geschmackssache. Aber es ist ein kultureller Unterschied, kein rein technischer.

Genau an diesem Punkt sehe ich auch eine Parallele zu anderen, sehr bekannten Diskussionen in der Metalszene. Nehmen wir Iron Maiden als Beispiel: Wie oft liest man, dass „nur die ersten beiden Alben die wahren sind“, während spätere Veröffentlichungen – gerade jene, zu denen jüngere Fans oft den stärksten Bezug haben – belehrend abgewertet werden. Auch dort geht es selten um objektive Qualität, sondern um Perspektive, Prägung und Zeitpunkt des Erstkontakts.

Wenn man jungen Hörern vorwirft, sie wollten Älteren erklären, was „damals cool war“, sollte man sich vielleicht fragen, ob nicht auch umgekehrt regelmäßig festgelegt wird, was später nicht mehr gelten darf. Eine persönliche Bewertung aus der eigenen Erfahrung ist noch keine Belehrung – egal aus welcher Generation sie kommt.

Vielleicht liegt der eigentliche Knackpunkt genau dort: nicht darin, ob Kassetten technisch gut oder schlecht waren, sondern darin, wem man zugesteht, aus der eigenen Perspektive heraus Bedeutung zu formulieren. Und an der Stelle hätte ich mir tatsächlich mehr Auseinandersetzung mit den angesprochenen Punkten gewünscht – weniger, um jemanden zu überzeugen, sondern um die unterschiedlichen Blickwinkel wirklich nebeneinander stehen zu lassen.
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Re: Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Beitragvon Holger Andrae » Freitag 16. Januar 2026, 18:44

Spannender Gedanke, Pille, der natürlich nicht falsch ist.
Da ich eh fast immer komplette Alben höre, egal über welches Medium, ist mir der Gedanke erstmal nicht gekommen. Aber es stimmt natürlich, dass man aus dieser Sicht applaudieren kann, wenn es junge Menschen gibt, die das heute auch so machen und nicht über Playlisten und ähnliches ihre Musik konsumieren.
Du gehst an solche Themen immer sehr tiefsinnig heran, was ich schätze. So tiefsinnig waren meine Kommentare aber gar nicht gemeint. Es ging mir eher um meine Erfahrungen mit jungen True-Metallern, die teils arg verbohrt unterwegs sind. Ich mag ja den verscheuklappten Ansatz, jeglichen Lego-Metal abzulehnen, aber das geht dann oft schon noch eine Spur weiter. In diesem Kontext kommen eben auch immer wieder MCs als das "coolste" Medium ever zum Vorschein, was in meiner Erfahrung einfach hahnebüchener Unsinn einer verklärten Betrachtungsweise ist. Während ich den Vorteil am "umständlichen" Briefe schreiben sofort verstehe, waren Kassetten von der Handhabung eher mal umständlich.
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Re: Mein musikalisches Jahr im Rückblick

Beitragvon Eike » Freitag 16. Januar 2026, 19:33

Pillamyd hat geschrieben:Was mich an der bisherigen Diskussion dennoch irritiert, ist, dass meine ursprüngliche Argumentation genau an dieser Stelle kaum aufgegriffen wurde. Mir ging es nie darum zu behaupten, die Kassette sei objektiv überlegen oder technisch „cooler“ gewesen. Sondern darum, was eigentlich bewertet wird, wenn man pauschal sagt: „MCs waren noch nie cool.“

Denn selbst wenn man Technik und Handhabung als Maßstab nimmt, bleibt die Frage offen, für wen und in welchem Kontext. Auto-Reverse etwa macht das ständige Umdrehen faktisch irrelevant, und auch das Spulen ist weniger eine absolute Hürde als eine Frage der Gewöhnung – ähnlich wie man heute akzeptiert, dass Streaming andere Einschränkungen und Eigenheiten mit sich bringt. Darauf wollte ich hinaus, nicht auf eine Verklärung von Defiziten.

Mindestens genauso wichtig war mir aber der zweite Aspekt, der bisher kaum thematisiert wurde: das Hörverhalten. Die Kassette begünstigt ein anderes Verhältnis zur Musik – weniger Skippen, mehr Albumdenken. Ob man das mag oder nicht, ist Geschmackssache. Aber es ist ein kultureller Unterschied, kein rein technischer.
Darin bin ich zu 100% bei dir.
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