The Pretty Reckless

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Beitragvon Rüdiger Stehle » Montag 5. August 2024, 21:47

Zu dieser Band bin ich ja gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde.

Weder habe ich jemals Gossip Girl gesehen, noch wusste ich, wer Taylor Momsen ist. Den Grinch habe ich gesehen, aber seither hat sich die Dame doch ein wenig verändert. Außerdem kenne ich Theodor Mommsen und das Mommsen-Gymnasium.

Von der Band habe ich selbstredend auch nie nur ein Wort gehört, bis zum Mittwoch, dem 17.07.2024, als ich im Zug nach Stuttgart geschaut habe, ob AC/DC denn eine Vorband dabei hat oder nicht. Die Erkenntnis war, dass ja.

Ich war gespannt. Und ich war danach überzeugt. Und AC/DC dankbar dafür, dass die Australier mir diese Truppe vorgestellt haben. Da ich bisher ja nahezu keine post-2000 gegründete Band zu meinen Lieblingsbands zähle, dieses Quartett aber durchaus das Zeug dazu zu haben scheint, hierhin aufzuschließen, ist das tatsächlich ein ziemliches Aha-Erlebnis gewesen.

Die ziemlich bestechende Laut-Leise-Dynamik sowohl live als auch auf Platte, und die stimmliche Bandbreite und Intensität von Taylor Momsen haben mich schwer beeindruckt, so dass der Rest des Tages wie folgt verlief:

Konzertende: 22:10 Uhr
Heimkehr: 3:03 Uhr
Bestellung der vier Studioalben von THE PRETTY RECKLESS: 3:35 Uhr
Schlafengehen: 3:45 Uhr

Inzwischen sind alle vier Alben da. Das vierte gefällt mir bisher am besten und ist ein echtes Wunderwerk wie ich finde. Nahezu jeder Song ein Volltreffer, meines Erachtens. Wundervolle stilistische Bandbreite von Grunge über Doom/Stoner Rock bis hin zu Singer/Songwriter mit Country- und Americana-Touch; immer charismatisch.

Witches Burn - https://www.youtube.com/watch?v=hvnYpt_ZLqw
Standing At The Wall - https://www.youtube.com/watch?v=1C8-zcIX4K4
25 - https://www.youtube.com/watch?v=As03tlODkdw
Only Love Can Save Me Now - https://www.youtube.com/watch?v=hRAdR9ryTbk

Außerdem extrem cool, wenn jemand eine Film/TV-Karriere für eine Rockband zurück stellt. Respekt!
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Re: The Pretty Reckless

Beitragvon Eike » Dienstag 6. August 2024, 11:33

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Die ziemlich bestechende Laut-Leise-Dynamik sowohl live als auch auf Platte, und die stimmliche Bandbreite und Intensität von Taylor Momsen haben mich schwer beeindruckt
[...]
Inzwischen sind alle vier Alben da. Das vierte gefällt mir bisher am besten und ist ein echtes Wunderwerk wie ich finde. Nahezu jeder Song ein Volltreffer, meines Erachtens. Wundervolle stilistische Bandbreite von Grunge über Doom/Stoner Rock bis hin zu Singer/Songwriter mit Country- und Americana-Touch; immer charismatisch.

Witches Burn - https://www.youtube.com/watch?v=hvnYpt_ZLqw
Standing At The Wall - https://www.youtube.com/watch?v=1C8-zcIX4K4
25 - https://www.youtube.com/watch?v=As03tlODkdw
Only Love Can Save Me Now - https://www.youtube.com/watch?v=hRAdR9ryTbk

Außerdem extrem cool, wenn jemand eine Film/TV-Karriere für eine Rockband zurück stellt. Respekt!
Mir sagten nur die Namen AC/DC und Th. M. etwas. Deine vier Anspieltipps hinterlassen den Eindruck, dass diese Kapelle ziemlich ordentlichen, gut gemachten, authentisch klingenden Retro-1990er-Jahre-Rock spielt.
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Re: The Pretty Reckless

Beitragvon Rüdiger Stehle » Montag 16. September 2024, 20:51

Dann will ich das nochmal aufgreifen, weil auch knapp zwei Monate danach doch recht deutlich feststeht, dass THE PRETTY RECKLESS meine Entdeckung des Jahres 2024 sein und bleiben dürfte. Inzwischen hatten alle Scheiben ihre diversen Durchläufe, und ich muss sagen, dass sich dadurch auch eine sehr schöne inner Entwicklung der Band abzeichnet, über die vier Alben und knapp anderthalb Jahrzehnte, die seit Bandgründung ins Land gegangen sind.

Das Debütalbum "Light Me Up" ist unprätentiös, schnörkellos, rockt gediegen auf die Zwölf, in einem herrlich transparenten, differenzierten, dynamischen Sound, für den Kato Khandwala verantwortlich zeichnet. Mit kurzen, knackigen Songs zwischen 2:42 und 4:12 Spielzeit, dabei mit Vibes garniert, die sich im Schnittbereich zwischen L7 zu "Bricks Are Heavy"-Zeiten, nur etwas cleaner, frühen Werken von AVRIL LAVIGNE, nur etwas erwachsener, aber auch bei JOAN JETT, nur etwas moderner, oder auch mal lasziv-androgyn wie Shirley Manson mit GARBAGE, aber etwas weniger elektronisch und loopig. Was schon auf dem Debüt ganz besonders auffällt, ist das Songwriting, das sich Sängerin Taylor Momsen, Gitarrist Ben Phillips und Produzent/Bassist Kato Khandwala teilen, und das einfach mal so im Vorbeigehen jeden einzelnen Song zum Hit macht. Nicht im Sinne von Welthit, aber im Sinne eines Songs, der hängen bleibt, der großartige Hooks hat, und den man einerseits schnell mitsingen kann, der sich aber andererseits trotzdem nicht abnutzt, weil er Seele und Widerhaken hat, instrumentale Finessen, die in einem vergleichbar kommerziellen Metier doch eher selten in der Weise herausstechen. Coole Basslicks, kleine, scheinbar unscheinbare, aber effektive Frickeleien, abgedrehte Drumpatterns und Grooves, auch mal hier und da ein elektronisches Loop, das wieder GARBAGE grüßen lässt. Bei 'Goin' Down' gibt's dann auch noch S.O.A.D.-Anflüge hier und da, speziell in manchen Gesangsparts; und zum Schluss mit 'You' eine sehr zarte Akustikballade mit Gitarre, Violine und Cello; die auch bei 'Make Me Wanna Die' ran dürfen. Auch die Lyrics und ihr Flow sind auf ganzer Linie geschmeidig und kommen echt rüber. Das ist irgendwie das Frappierende: Man erwartet aufgrund der Rahmendaten und dadurch induzierten Vorurteile (junger Serienstar will Rockerin werden), mehr ein kommerzielles Produkt, ein All-Star-Projekt, das am Reißbrett um das "Hollywoodsternchen auf Abwegen" am Mikro herum designt ist, und auch dementsprechend wenig Seele hat. Aber genau das sind THE PRETTY RECKLESS und dieses Debütalbum in meinen Ohren eben nicht, sondern das Ding klingt von A-Z nach Herzblut, speziell von Seiten der Sängerin, die ihre Lyrics wirklich großartig und irre gefühlvoll herüber bringt, es klingt nach künstlerischem Anspruch, nach dem Willen, es mit genau dieser Band zu schaffen. Weiß nicht, wer erwartet hätte, dass die Band knapp 15 Jahre und 4 Alben später immer noch da ist, nahezu unverändert im Line-up (ein fester Bassist kam noch dazu), und nochmal irrsinnig gewachsen.

Dass man zu quasi jedem Song einen Videoclip gedreht hat, kommt aufgrund Taylors damaligem "Dayjob" nicht gänzlich überraschend.

Eines der coolsten Debüts des dritten Jahrtausends, das den Weg in meine Sammlung gefunden hat.

Bild

Hörproben:

My Medicine - https://www.youtube.com/watch?v=VnpL-QqaPdo
Make Me Wanna Die - https://www.youtube.com/watch?v=dYeGw-bo430
Miss Nothing - https://www.youtube.com/watch?v=hFlHsKExcYg
You - https://www.youtube.com/watch?v=eUMwFaXTM3s


Zu den anderen Alben, dann später mal mehr.
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Re: The Pretty Reckless

Beitragvon Rüdiger Stehle » Montag 16. September 2024, 21:59

Das zweite Album, davor wurde die "Hit Me Like A Man"-EP (2012) - habe ich noch nicht, ist aber unterwegs - dazwischen geschoben, ist dann 2014 erschienen und trägt den Titel "Going To Hell". Dementsprechend überrascht es nicht, dass die Scheibe einen guten Tick heavier und düsterer ist, auch ein wenig reifer und in Sachen Stilfindung weiter gediehen. Trotzdem ist man kompositorisch vielseitig unterwegs, wenn auch der rote Faden stärker strahlt. Die Riffs sind heavier, doomiger, schleppender, metallischer, doch trotzdem behält die Band eine auffällige Dynamik, die auch leisere, groovende, relaxte Töne kennt. So scheint der Opener 'Follow Me Down' ein gewisses Cajun-Feeling aus den Sümpfen Louisianas zu atmen, während sich das folgende Titelstück auch mal in richtig fetzigem Tempo und Riffing ins alternativ-metallische Metier vorwagt, bis ein schönes, atmosphärisches Klavier-Break auch hier wieder dynamische Akzente setzt. Insgesamt erinnert die Band mich hier ein wenig an das IOMMI-Soloalbum, oder auch ein wenig an SOUNDGARDEN. Stampfrhythmus Stadionrock und Kinderchor-Backings rücken das Intro zu 'Way Down Below' in die Gegend einer düsteren Antwort auf 'We Will Rock You', 'I Wanna Hear It Load' und 'I Love Rock'n'Roll', wobei die Verse schon deutlich düsterer, psychedelischer und alternativer gestaltet sind, was auch dieses Stück kreativ und reizvoll erscheinen lässt.

Richtig creepy wird's dann mit Herzschlag, Sphärenklängen und einem geisterhaften Zupfgitarrensolo in Moll, wenn Taylor ihre Stimme clean und doch rauchig zum wundervollen 'House On A Hill' erhebt, das zunächst ein perfektes Singer-Songwriter-Monster zu sein scheint, das sich dann aber doch in eine breitwandige, orchestrale Rockballade auswächst, die mit tollen gefühlvollen Orchestrierungen und brennenden Riffs und Soli aufwartet. Megahit!!!

'Sweet Things' zieht das Tempo dann wieder mächtig an und bewegt sich in harten Grunge-Gefilden, kommt aber auch nicht ohne einen progressiven Alice-im-Wunderland, und zum letzten Drittel hin eine fette Metalwalze mit heavy Riffs und irrwitzigen Soli, sowie einem psychedelischen Finale auskommt. 'Absolution' hat einen leicht schwelgerischen, gleichwohl kitschfreien Gothic-Touch und ein Led-Zep-lastiges 70er-Riffing; 'Blame Me' kombiniert Americana-Lässigkeit mit einem dezent loopigen Elektrotouch à la GARBAGE, der bei 'Fucked Up World' noch ein bisschen mehr durchschlägt, wo wir aber auch sehr feiner, abgedrehter Perkussion begegnen. Das Americana/Country-Faible darf dann im abschließenden Stück 'Waiting For A Friend' nochmal durchschlagen, nur mit Mundharmonika, Westerngitarre und Taylors Stimme.

Unterm Strich atmosphärisch dichter, kompositorisch noch vielseitiger und ausgereifter, nicht ganz so eingängig, aber dafür noch eindringlicher als das tolle Debüt, setzt "Going To Hell" jenem noch eins drauf. Schade, dass die kritische Rezeption die Band immer mal wieder auf das "verruchte Lolita-Image" reduziert wird, mit dem Taylor Momsen fraglos ausgiebig spielt. Nichtsdestotrotz wird das eben der Sache nicht gerecht, denn a) die Gute singt halt wirklich ausgezeichnet, b) die Songs sind toll komponiert und produziert, c) die Band kommt - zumindest bei mir - durch und durch echt und überzeugend an.

'Follow Me Down' - https://www.youtube.com/watch?v=GKLc25K7Yxw
'Down To Hell' - https://www.youtube.com/watch?v=FjxgW6WIMYk
'Heaven Knows' - https://www.youtube.com/watch?v=kJODAv3VTNk
'House On A Hill' - https://www.youtube.com/watch?v=dzuSVxuGW64
'Fucked Up World' - https://www.youtube.com/watch?v=kz3tpA3EpAI
'Waiting For A Friend' - https://www.youtube.com/watch?v=2C2cCaDXNk4

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Re: The Pretty Reckless

Beitragvon Eike » Dienstag 17. September 2024, 04:10

Ich freue mich mit dir und für dich, dass du so begeistert davon bist. Auch wenn sich diese Begeisterung auf mich nicht so recht übertragen mochte, hat sie mich doch dazu gebracht, mal reinzuhören. Gut geschrieben sind deine Vorstellungen allemal. Mir ist der Sound dann wohl doch etwas zu basisch. Im klassischen Rock/Hardrock-Segment bin ich vielleicht auch einfach nicht mehr so begeisterungsfähig wie früher mal.
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Re: The Pretty Reckless

Beitragvon Jhonny » Dienstag 17. September 2024, 08:02

Sehr cool, dieser Rückblick!

'Way Down Below' lief damals im Radio ja rauf und runter, so konnte man der Band nicht entkommen.
Dass da Taylor Momsen singt war mir erst nach einigen Wochen klar. Die kannte ich halt aus "Gossip Girl".
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Re: The Pretty Reckless

Beitragvon Rüdiger Stehle » Dienstag 17. September 2024, 09:20

@ Eike:
Gerade das Basische ist vermutlich das, woran ich im Moment so viel Freude habe.

@ Jhonny:
Du meinst 'Heaven Knows'. Keine Klugscheißerei, nur damit die anderen wissen, wo sie klicken müssen, wenn sie den Song suchen, den du meinst. Wie eingangs gesagt, ist mit das mit dem "Entkommen" gelungen, weil ich ja Mainstream-Medien doch ausgiebig gemieden habe, diverse Jahrzehnte lang (nicht aus Schwurblergründen); so habe ich von alledem (Band, Sängerin, Gossip Girl) erst im Nachgang des AC/DC-Gigs im Juli erfahren.
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Re: The Pretty Reckless

Beitragvon Jhonny » Dienstag 17. September 2024, 10:00

Ja, genau den Song meine ich.
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Re: The Pretty Reckless

Beitragvon lenbert » Freitag 20. September 2024, 19:56

Ich kannte weder die Band noch die Sängerin, aber deine Beschreibungen und deine Euphorie sind so toll, Rüdiger, dass beide Alben diese Woche im Auto liefen. Hier daher ein paar schnelle erste Eindrücke. Das Debüt hatte einen recht unspektakulären Beginn, wurde in der zweiten Hälfte aber deutlich besser. Ich bilde mir ein, dort rauere Songs mit mehr Widerhaken gehört zu haben. "Going To Hell" hat diese Entwicklung dann fortgesetzt. Der Gesang gefällt mir. Ich bleibe dran.
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Re: The Pretty Reckless

Beitragvon Rüdiger Stehle » Samstag 21. September 2024, 00:24

Danke fürs Feedback. Freut mich, dass dir der Gesang gefällt und die Mucke zu wachsen scheint.

Wenn unser Festival vorbei ist, werde ich die beiden späteren Alben vorstellen.
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