Mein Senf zur Gruppe 15:
1. Fields Of The Nephilim - For Her Light
https://youtu.be/6OrsxYevlgw Seit bald dreißig Jahren einer meiner absoluten Lieblingssongs. Da hatte ich aber von Anfang an so ein Gefühl, als ob etwas in mir diese Musik schon ewig kennen würde. Als hätte sie nur darauf gewartet, entdeckt und wiedererkannt zu werden. Sie hat sofort ein Gefühl der Ewigkeit und Verbundenheit und tiefen Sehnsucht ausgelöst. Romantisch und überzeitlich und unbeschreiblich transzendent, über alle Verletzlichkeit, Einsamkeit aber auch über alle Geborgenheit hinweg, das große Nichts wartet irgendwo und ist überall um uns herum. Auflösung. Das ist ein Stück, das bleibt. Für immer. Danke fürs Nominieren! Ich hatte das wahrscheinlich nicht auf dem Schirm weil es für mich nicht typisch 1990er ist. Sondern vorbiblisch.
2. Fear Of God - Drift
https://www.youtube.com/watch?v=8NFzSqvNPig Es gibt Stimmen, die würden vermutlich auch in komplett anderem Kontext für mich funktionieren, haben dann aber noch das Glück, die perfekte Tonumgebung gefunden zu haben, um so richtig zur Blüte zu kommen. Dawn Crosby bei FEAR OF GOD ist so ein Beispiel. Dazu dieser herrliche Gitarrenexzess. Dazu die atmosphärischen Rhythmen und Effekt-Schraffuren, das greift alles perfekt ineinander. Trip-Metal durch Unterwelten. Auch die Einflüsse schweben herrlich in der Balance, thrashige, punkige, gotische, doomige, aber alles immer schön heavy gehalten, dampfdruckgekocht, keine Katharsis, kein Verpuffen der Energie, ein Perpetuum mobile musikalischer Hochspannung. Geht eigentlich auch immer, fast so transzendent in seiner existenziellen Urschreihaftigkeit wie die Fields, aber kangästhetisch eben doch ganz klar in der Moderne des Atomzeitalters verortet.
3. Soundgarden - Black Hole Sun
https://www.youtube.com/watch?v=k9dZJJaDuG4 Wäre es '
Fresh Tendrils' vom gleichen Album gewesen, es wäre mir womöglich noch schwerer gefallen, einen "Superunknown"-Song
nur auf Platz 3 zu verweisen. Aber auch mit 'Black Hole Sun' hat SOUNDGARDEN ein Stück veröffentlicht, das meinen Musikgeschmack in den Neunzigern stark mitgeprägt hat. Rhythmisch etwas schlichter gehalten als manch anderer Song der Band, im Riffing nicht ganz so catchy, aber grandios im Gitarrensolo und im Gesang. Hier wird das Pathos etwas dicker aufgetragen als sonst, jeglicher Punkungestüm bleibt in der Tasche, der Refrain hat gar Popqualitäten. Weniger breitbeiniger Hardrock als frühere Songs, weniger artrockige Verspieltheit als spätere, aber sitzt dazwischen sehr gut im Sattel.
4. Head Like A Hole - Crying Shame
https://youtu.be/8SEWHZvQ0fU Das abgehalfterte Trompetenriff rockt. Der punkig-grungige Groove auch. Beides zusammen ist mehr als die Summe seiner Teile. Dazu dann der latent funkige Sprechgesang, zwischen nölig und angepisst, alles tanzbar, als Spurenelement noch ein bisschen Rockabillytradition im Beat, wenn Bass- und Bläser-Spur sich überlagern kommt gar ein Hauch Ska-Punk-Energie auf. Basische aber eigensinnige Mischung. Gefällt. Sowas kommt live bestimmt granatenstark.
5. Backyard Babies - Bombed (Out Of My Mind)
https://www.youtube.com/watch?v=2k0nEjYAESk Schweine/Sleaze/Speed-Rock ist oft so ein Love-it-or-hate-it-Ding. Jedenfall asozial und breitbeinig, hemmungslos und hochenergetisch. Sonst funktioniert der Stil einfach nicht. Er hat dadurch halt auch immer so einen gewissen kaputt, ziellos, übertrieben berufsjugendlich, im schlimmsten Fall peinlich hängengeblieben wirkenden Effekt. Kann aber Spaß machen. Wichtig ist, dass das punkig rotzig und zugleich verdammt tight aufeinander eingespielt ist, dass alles hart am Anschlag agiert, schweißtreibend wirkt und niemals die klassische Rock'n'Roll-Tadition schmäht. Mir reicht dafür das '98er Album von GLUECIFER mit dem schönen Titel "Soaring With Eagles At Night To Rise With The Pigs In The Morning". Das hier ist immerhin brauchbarer Ersatzstoff. Aber vermutlich bleibt da eh jede*r bei der Band, die zum richtigen Zeitpunkt ins Leben trat. Denn sind wir mal ehrlich, dann gibt es davon in jedem Land Dutzende. Und ein durchweg gutes Album dieses Stils im Vorrat zu halten reicht völlig aus. Das Rad neu erfinden wird mit hoher Wahrscheinlichkeit keine dieser Bands...
6. Savatage - Turns To Me
https://www.youtube.com/watch?v=ZhYaYU16GNA Epischer Heavy Metal, sehr groove- und rifflastig. Die US-Powermetal-Schiene eben. Hier finde 8ch das etwas genetisch, Malen nach Zahlen von den Zutaten her, das ganz Besondere fehlt mir, das solch ein Stück von vergleichbaren abhebt. Handwerklich ist das toll geschrieben und ausgeführt. Es funktioniert für mich, aber hat halt auch etwas ausgelutschtes, zu oft gehörtes an sich. Auf Albumlänge? Puhh...
7. Anathema - Deep
https://www.youtube.com/watch?v=omSzNAACjpw Das hat diese verwaschenen Shoegazegitarren, die eine Art akustische Leinwand tünchen, auf die dann der Gesang die Stimmung vorgibt, alles andere ordnet sich dem weitgehend unter, verstärkt und untermalt bloß. Die Rhythmusfraktion hält alles in der Balance, damit der stromgitarreske, dem Gesang emotionalen Echoraum bietende Unterfluff nicht in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Sehr romantischer, gesangszentrierter Kram also, der stark mit Projektionsflächen und Gefühlsduselei rund um die Sangeskünste und deren stimmliche Erzeugung von Leidenschaft spielt. Der Grat zwischen Kitsch und Kunst ist schmal, und subjektiv liegt es bloß daran, ob einen die Stimme und Stimmung momentan gerade emotional abholen kann oder eben nicht, jedenfalls bei einem Stück, das so gleichmäßig und gleichförmig vor sich hertreibt wie dieses her. Seichte Wasser, aber mit Wellenlinienmustern wie ein Rorschachtest. Ich finde es ganz hübsch, empfinde es als sehnsüchtig verträumt, harmoniesuchend, aber auch etwas wischiwaschi.
8. Lethal - Obscure The Sky
https://www.youtube.com/watch?v=kWj_h7XY27g Klassischer Heavy Metal, wirklich solide, könnte auch interessant werden, aber jegliche Spannung, welche die Instrumentalfraktion erzeugt, wird leider überlagert und zugekleistert durch einen Gesang, dessen stimmliche Allüren mir in ihrer weit aufgedrehten Leidenschaftlichkeit zu drüber sind. Mir fehlt da der Zwischenraum zum Atmen, der Song wirkt überladen und erstickt vom Gesang, welcher bei mir in seiner Übermächtigkeit einfach den falschen Nerv trifft.
9. Morbid Angel - Demon Seed
https://www.youtube.com/watch?v=5LHQAqX7LeU Geht gut nach vorne im hartnäckigen, wadenbeißenden Groove, der schmirgelt sich auch gut durch die melodisch schlierigen Gitarrenläufe, was an und für sich schon einen hübschen Kontrast erzeugt, doch bremst sich das Stück auch selbst aus durch den monotonen, stumpfen Gesang, der seinerseits kaum Dynamik aufweist. Trotz seiner Kürze wirkt mir das somit etwas zu langwierig und wenig knackig.
10. Malevolent Creation - Way Of All Flesh
https://www.youtube.com/watch?v=jNm4vtTB7cUDynamisch "passiert hier mehr" als im Song zuvor, dafür finde ich allerdings den Gesang hier nicht bloß ästhetisch eher abstoßend sondern auch von seiner Art her nicht sehr passend zum Insektenschwarmsound der Instrumentalfraktion. Spätestens im letzten Drittel geht dem Song dann auch die Puste aus, alles wirkt bereits vollumfänglich ausgedrückt aber zieht sich halt noch hin. IRON MAIDEN-Syndrom, "The Wolf of Wall Street"-Syndrom, Schlager-Syndrom, wie immer man es auch bezeichnen mag.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)