L7

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Beitragvon Rüdiger Stehle » Donnerstag 4. April 2024, 20:45

Nun, wer meine Posts der letzten zwei Wochen ein bisschen verfolgt hat, wir nicht überrascht sein, dass dieser Thread jetzt und hier kommt, einfach, weil mich diese räudige Truppe aus Los Angeles, California, die letzten Tage über maximal begeistert hat und nicht mehr aus dem Player will.

Ein wenig bizarr ist es, dass es genau jetzt passiert, und ich will ganz offen sein: Der Fehler, dass es erst jetzt passiert liegt allein bei mir, beziehungsweise bei dem doch recht engen Mindset meines früheren Ichs. So sehr habe ich mich an sich nicht verändert. Im Zweifel weniger als manch andere, aber irgendwie habe ich früher doch ein bescheuklappteres Selbst demonstriert, als es nötig gewesen wäre.

Bild

Denn wenn ich fundamental ehrlich zu mir selbst bin, hatte ich L7 schon ganz zu Beginn meines Metallerdaseins irgendwo auf dem Schirm, und die Band auch immer irgendwo cool gefunden. Jedenfalls seit 1990 war die Band im Bewusstsein, denn ich kann mich gut an die bei MTV laufenden Clips zu 'Shove', 'Fast & Frightening' und später natürlich 'Pretend We're Dead' erinnern, die ich immer stark gefunden habe. Dass es doch nie etwas wurde, mit L7 und mir, lag vielleicht daran, dass ich mehr - im Bandsinne - "square" war, als ich mir eingestehen wollte. Ein konservativer Metalhead im manowarschen erzachtziger Sinne mit Special Interest für Conan, Drachen und Satan, interessierte sich natürlich nicht für eine sozialkritische, feministische, alternative Riot Girl Punkband, die zudem auch noch mit der bösen, bösen, bösen, metaltötenden Grunge-Szene assoziiert wurde. Selbst dann nicht, wenn die ziemlich cool war. Eigentlich. Aus ähnlichen Gründen fanden hier auch Prong, Suicidal Tendencies, Green River, Alice In Chains und viele mehr kaum statt. Die sind nun nicht feministisch, aber die anderen Attribute passen auch dort.

Inzwischen sind die meisten Hürden gefallen. Ein konservativer Metalhead bin ich an sich immer noch, aber in Zeiten, in denen sich zahllose selbsternannte Metalbands selbst freiwillig in Triggern, Elektronika und Keyboards ersäufen, die Gitarre nicht mehr als melodieführendes Instrument begreifen wollen sondern nur noch Alibi-Heaviness kredenzen lassen, sich für ihre Hooks im Schlagerbusiness inspirieren lassen, und auch sonst jede Ecke, Kante, Rebellion, Schmutzigkeit und Räudigkeit abgeschliffen haben, bevor der Lack aufgetragen und auf Hochglanz poliert wird, tut es immer öfters immer besser, sich von ein bisschen dreckigerer Mucke wieder des Rock'n'Rolls erinnern zu lassen. Und da leisteten und leisten diverse Punk-, Hardcore- und Alternative-Bands seit Jahrzehnten ganze Arbeit, wenn der Hardrock und Heavy Metal Gefahr lief, zu pittoresk und glamourös zu werden.

Die Erkenntnis kommt spät, aber dafür umso heftiger, und ja, seit dem Judas-Priest-Gig vergangene Woche feiere ich halt L7 ohne Ende, und deshalb habe ich unmittelbar nach der ersten Verkostung des damals frisch aufgeschlagenen Zweitwerks "Smell The Magic" (1990) auch direkt die anderen drei klassischen Alben der Band geordert, auch alle schon mehrfach angehört, und an allen vieren sehr viel Freude. Am besten gefallen mir die im Zweifel auch erfolgreichsten Scheiben - eben "Smell The Magic" und zudem dessen Nachfolger "Bricks Are Heavy" (1992) - von denen auch die oben bereits erwähnten Singlehits stammen. Hier triffen die Ladies einfach die perfekte Mischung aus schnörkelloser, bratender und bratzender Gitarrenpower, ungehobeltem Sound und einem doch ordentlichen Gespür für eingängige Hooks. Die sind beim noch wilderen und reduzierteren Debüt "L7" (1988) zwar auch schon vorhanden, aber unscheinbarer und nicht ganz so prägnant, und der Viertling "Hungry For Stink" (1994) ist ein wenig verschrobener und entrückter, nimmer ganz so punkig. Der braucht noch ein bisschen, um vollends zu zünden, hat aber auch tolle Songs wie etwa den Opener 'Andres'.

Stark ist stets und immer Donita Sparks herrlicher Leadgesang, der von abgefuckt-angepisst bis verdrogt-lakonisch eine stets sehr emotionale Bandbreite abdeckt, aber trotzdem gute Hooks aufweist, und von den Co-Sängerinnen Suzi Gardner und Jennifer Finch, toll zur von Eike so genannten Riot-Grrl-Gang ergänzt wird. Was sie bei 'Fast & Frightening' an Johnny-Rotten-Impersonation abliefert ist grandios. Die Rollen können auch mal wechseln. Gang-Shouts sind im punkigen Rock und Metal halt immer ein Selling Point. Aber auch an der Gitarrenfront ist etwas geboten, denn es ist eben nicht nur Punk, was L7 hier abliefert, sondern es gibt auch doomige, schleppende Riffs und dissonantes Wabern in der besten Black-Sabbath-Tradition (man höre hierzu den Einstieg zu 'Shove'), so dass sich zum Punk-Fundament auch alternative, stonerrockige, doomige Noten gesellen; die eben auch den Einfluss der Band auf die Seattle-Grunge-Szene erklären.

Jo. Viele Worte eines Gar-nicht-mal--Experten für eine Band. Dennoch bereits in diesem Stadium eine Liebeserklärung. Wenn nagelneue Alben von Dickinson, Priest und Sentry daliegen, und dieser Rabenvogel hier doch vornehmlich alte L7-Schoten in den Player fahren lässt, dann hat die Band was ausgelöst.

Hörproben:

L7 (1988)
-> Bite The Wax Tadpole: https://www.youtube.com/watch?v=ECEK8xv2xUk
-> Metal Stampede: https://www.youtube.com/watch?v=wE7GC2uIEPM

Smell The Magic (1990)
-> Fast And Frightening: https://www.youtube.com/watch?v=e3PJkciaQAU
-> Shove: https://www.youtube.com/watch?v=vSYHZbSBP7Q
-> Deathwish: https://www.youtube.com/watch?v=cPLOls-71xw

Bricks Are Heavy (1992)
-> Pretend We're Dead: https://www.youtube.com/watch?v=NAdlZ2F-fs8
-> Wargasm (Live feat. Courtney Love and Kurt Cobain): https://www.youtube.com/watch?v=D20S86c7g3s
-> Everglade: https://www.youtube.com/watch?v=eNOivC5Ak10
-> Shitlist: https://www.youtube.com/watch?v=7b00jXAscEI

Hungry For Stink (1994)
-> Andres: https://www.youtube.com/watch?v=5COHP3KZuq4
-> Questioning My Sanity: https://www.youtube.com/watch?v=SGVb9KgLllA




Wenn ich die restlichen drei Alben habe, dann gibt es ggf. auch mal einen Artikel zu L7. Jedenfalls weitere Beiträge hier.
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Re: L7

Beitragvon Pillamyd » Donnerstag 4. April 2024, 22:55

Definitiv cooler Thread.

Eigentlich war mein Plan für diesen Abend ein etwas anderer (Star Trek wartet auf mich). Aber den Thread schiebe ich noch einmal dazwischen. Das hat auch seinen Grund. Denn aus welcher Intention du dich jetzt mit dieser Band beschäftigt hast, ist superspannend, wie ich finde.
Mir persönlich geht es seit ein paar Jahren so, dass ich immer wieder den Drang verspüre nach Farbtupfer zu suchen ohne das genau definieren zu können. Das hat mit "New Model Army" tatsächlich angefangen. Zwar schleichend und nicht durchgehend, dafür aber immer öfters so. Auch jetzt wieder nach dem Konzert ist der Drang da, tiefer eintauchen zu wollen. Aber das ist ein anderes Thema...

Zur Band:
Ich hab ziemlich wenig Berührungspunkte zu der Band. Kenne sie aber vom Namen her. Ich glaube das erste Mal von "L7" gelesen habe ich in einem Beitrag von Eike, wenn ich mich nicht ganz täusche. Damals nichts für mich.
In den letzten Jahren definitiv im Fokus. Ich habe hier aber leider noch keine Zeit gefunden für die Beschäftigung. Deswegen bin ich ziemlich froh über diesen Thread. Denn was ich höre, gefällt mir ziemlich gut. Ich kann das gar nicht anders beschreiben, als die eben erwähnten Farbtupfer. Die ersten zwei Songs sind genau das, wonach ich suche. In den Rest werde ich nochmal konzentrierter reinhören und dann auch berichten.
Werde ich sicherlich weiterverfolgen und mit Spannung warten, was da von dir noch kommen mag.
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Re: L7

Beitragvon Rüdiger Stehle » Donnerstag 4. April 2024, 23:14

Alles klar. Schön, dass es dir eine Inspiration zum Eintauchen liefert, und ich bin sehr gespannt auf weitere Berichte.
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Re: L7

Beitragvon Eike » Freitag 5. April 2024, 02:00

8-) :dafuer:
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Re: L7

Beitragvon Rüdiger Stehle » Dienstag 18. Februar 2025, 03:21

Hab mir vorgestern zwei der drei letzten mir noch fehlenden Studioscheiben "The Beauty Process: Triple Platinum 2" (1997) und "Scatter the Rats" (2019) bestellt, für halbwegs erschwingliche Preise. Damit fehlt mir dann nur noch die "Slap Happy" (1999), die aber gerade sauteuer ist. War wohl eine Eigenpressung, wenn man so will, nachdem Reprise die Band gekickt hatte. Jedenfalls die einzige Platte auf dem Label "Wax Tadpole". Mal schauen. Irgendwann klappt vielleicht auch das.

Werde über die beiden Einkäufe berichten, sobald sie da sind.
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Re: L7

Beitragvon kingdiamond » Dienstag 18. Februar 2025, 08:13

Hab grad gestern gelesen, dass MANTAR bei ihrem Coveralbum „Grundgetown Hooligans“ (2020) mehrere L7-Songs gecovert haben. Weiß jetzt nicht wie du MANTAR findest, aber vielleicht treffen die Interpretationen ja deinen Nerv. Ich kenne glaube keinen Song davon und hab die 24 Minuten auch noch nicht gehört.

Trackliste:

1. THE BOMB (L7-COVER)
2. PUSS (THE JESUS LIZZARD-COVER)
3. 100% (SONIC YOUTH-COVER)
4. GHOST HIGHWAY (MAZZY STAR-COVER)
5. CAN I RUN (L7-COVER)
6. BRUISE VIOLET (BABES IN TOYLAND-COVER)
7. WHO YOU DRIVIN' NOW (MUDHONEY-COVER)
8. KNOT (7 YEAR BITCH-COVER)
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Re: L7

Beitragvon Eike » Dienstag 18. Februar 2025, 11:23

'Bruise Violet' kenne ich natürlich.
'100%' kenne ich theoretisch, habe ich aber nicht im Ohr, da ich "Dirty" leider noch kaum gehört habe.
Die übrigen Songs kenne ich alle nicht.
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