Okidoki. Finally it goes weiter mit dieser Liste. Wir sind beim "C" angekommen. Hier habe ich erstmal fünf Kandidaten stehen. Etwas Thrash, etwas Doom, Pioniere und Pioniere und dann die Band, mit der ich euch jetzt beglücken möchte. Diese Band ist eine Herzensangelegenheit für mich, da auch die dahinter stehende Person eine außergewöhnliche Person ist. Aber der Reihe nach. Zu Beginn der 90er bekam ich eine Demo CD einer Band zum Besprechen für das Underground Empire. Ein Quartett aus Los Angeles mit dem Namen CIVIL DEFIANCE. Der Name der EP "Abstract Reality'. Die vier Songs auf diesem Silberling hatten mich sofort komplett am Haken. Die im Booklet genannten Einflüsse gingen von Pink Floyd über Metal Church bis Carcass und all' das hört man in diesen vier wunderbar abwechslungsreichen, nicht kategorisierbaren Songs. Während der eröffnende Titelsong ein sensationell aufgebauter Thrasher ist, der auch vor akustischen Entgleisungen nicht zurück schreckt, verzaubert das ruhige 'Under The Volcano' mit spanischen Momenten. 'God, Death & Audiotape' ist dann komplett spacig und in 'Swarm' hört man den Carcass-Einfluss. Neben der innovativen und aus tiefstem Herzen erzeugten Musik, ist es aber vor allem der Gesang von Gitarrist Gerry Nestler, der mich fesselt. Dieser Mann hat seine Gefühle auf seiner Zunge liegen und zählt bis heute zu meinen absoluten Lieblingssängern. Aber zurück zur Musik. Zwei Jahre später erscheint auf Dream Circle Records der erste Longplayer namens "The Fishers For Souls" und was während der acht Songs geboten wird, muss man eigentlich unter der Rubrik Prog Metal ablegen. Aber damit würde man der Band nicht gerecht werden, denn so richtig Heavy Metal ist das eigentlich nur sehr selten. Schon das instrumental eröffnende 'Whirring Jar' entführt den Hörer in eine musikalische Welt, die er als Heavy-Metal-Hörer so nicht erwartet. Wie ein Schwarm flirrender Insekten erzeugen etliche Saiteninstrumente hier einen fröhlichen Strudel, dessen lautmalerische Wirkung manchmal an einen Dudelsack erinnert. Unverständlich? Selbst anhören! 'Days Of Rain' ist dann der erste wirkliche Song und dieser zeigt auch gleich die weiteren Marschrichtungen. Ruppiges Drumming, sägende Thrashgitarre auf der einen Seite, fiepsende Gitarren auf der anderen. Das Klangbild ist ungewohnt aufgeräumt, luftig und irgendwie rockig. Soll heißen: Kein Soundoverkill wie man ihn bei Thrash-Tsunamis kennt. In den Versen gibt es sehr viel Freiraum für Gerrys wunderbar emotionalen Gesang. Über hypnotischen Beats zirpen die Saiten manchmal nur leise Melodie-Ideen, um im nächsten Augenblick brachial mit Riffs um sich zu schlagen. Das Ganze gespickt mit ohrwurmenden Widerhaken, sodass man unwillkürlich mitsummen muss.
Völlig andere Töne schlägt dann der kratzbürstige Verschachtelungs-Kracher 'Death To The Clown' an. Wähnt man sich zu Beginn aufgrund des behutsamen Anfanges noch im Schlummerland, so packen die Herrschaften plötzlich die ganz grobe Kelle aus und schenken uns Riff-Attacken, die im Nacken schmerzen. Die wird mit 'Man On Fire' dann programmatisch weiter geführt. Hier flippt das Quartett dann musikalisch komplett aus und dreht sowohl rhythmisch wie auch melodieführend völlig frei. Diese extrem hektische Ohrengrätsche ist natürlich ein Highlight für mich, weil es so wunderbar meine Vorliebe für spielwitzigen Prog(Thrash) definiert. Ein Genre Meisterwerk in meinen Ohren. In 'Dry White Season' wandert man dann auf bar-jazzigen Pfaden und verwirrt den Zuhörer mit Piano-Klängen. Das Wunderbare: Die Stimme von Gerry passt auch hier ganz ausgezeichnet. Er versteht es einfach sich allen emotionalen Schattierungen der Musik anzupassen und seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Eine ganz große Gabe!
'Faith' ist dann wieder so eine flirrende Gitarren-Hypnose, die sofort ins Ohr geht. Die spanischen Elemente, die Violine – übrigens von der auch solitisch sehr empfehlenswerten Lili Haydn gespielt – und der pulsierende Rhythmus erzeugen ein Kopfkino von mexikanischem Wüstenstaub. Narcos goes Heavy Metal. Mein zweiter Favorit auf dem Album ist das noch mexikanischer eingeleitete 'Dreams Die Fast'. Oberflächlich beschrieben haben wir es hier mit einer Halb-Ballade zu tun, die aber zwischendurch so rabiat wird, dass jeder Kuschelrocker verschreckt weiter skippen wird, es wird der Double-Bass-Hammer ausgepackt, Flamenco-Gitarren schmücken die Löcher aus, die von offenen Akkorden nach vorne getrieben werden und Gerry singt sich die Seele aus dem Leib. Muss man einmal gehört haben.
Den Abschluss bildet mit 'Man On The Moon' eine Piano-Ballade. Diese Nummer ist so melancholisch und in seiner spartanischen Instrumentierung erst einmal ungewohnt, dass auch ich mich da erst heran tasten musste. Man merkt, dass die Einflüsse von Gerry aus allen Ecken und Stilistiken kommen, denn so etwas schreibt man nicht, wenn man mit Black Sabbath und Iron Maiden allein groß geworden ist. Cello und Piano dienen als Untermalung für seine Stimme. Wenn man seinen späteren Weg kennt, weiß man, dass er sich noch viel tiefer in diese Sphären gewagt hat. Ein wahrer Freidenker und Künstler durch und durch, der Musik in erster Linie für sich geschrieben hat.
Ich hatte das große Vergnügen die Band zwei Mal als Vorprogramm von Psychotic Waltz sehen zu können und weiß zu sagen, dass Gerry auch als Person einer der nettesten und intelligentesten Musikanten ist, mit denen ich zu haben durfte. Er ist für mich ein Ohrenöffner gewesen, wobei meine Wurzeln wohl zu sehr im Rock verwurzelt sind, um sehr tief in den Jazz oder gar in Klassik versinken zu können. Mit Civil Defiance ist der dreibeinige Spagat in diese Gefilde aber schon ziemlich gelungen.

'Dreams Die Fast'
https://www.youtube.com/watch?v=4QZQENmMyf8'Man On Fire'
https://www.youtube.com/watch?v=pxbPxGk8gwc`Man In The Moon'
https://www.youtube.com/watch?v=X3BaiVoyg6Y
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.