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Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.
von Rüdiger Stehle » Samstag 7. Oktober 2023, 23:34
Auf besonderen Wunsch der Thread dazu, welche Rolle die Lyrik für uns in Sachen musikalische Präferenzen spielt. Mögen wir Bands wegen ihrer Lyrik besonders gern oder auch mal weniger als mit anderer lyrischer Ausrichtung. Welche Art von Lyrik bevorzugen wir (Fiction, Fantasy, Sozialkritik, Persönliches, Fun, Rock'n'Roll...). Alles was uns im Hinblick auf die Songtexte so bewegt, gehört hier herein. Nachfolgend einige Zitate aus einem anderen Thread, der diesen Thread anstieß: Rüdiger Stehle hat geschrieben:Pillamyd hat geschrieben:Rüdiger Stehle hat geschrieben:In meinen TOP 100 steht ja die "Still Not Black Enough", was stets eine eher ungewöhnliche Wahl war, aber mich halt ganz tief auf sehr persönlicher Ebene anspricht. Das Debüt steht für mich an zweiter Stelle, aber die ersten sechs Alben sich eh ausnahmslos Meisterwerke besonderer Güte. Mehr muss ich nicht sagen. Hit um Hit. Spricht für sich. Und nein, ich verstehe tatsächlich nicht, was man daran etwa nicht mögen können sollte.
Ja, die Meinung ist mir bekannt. Und das kann man ruhig auch so sehen, ich verstehe das jedenfalls. Ich finde das Album ebenfalls sehr ansprechend. Wenngleich, ich das Album noch nicht so verinnerlicht habe. Stelle das richtig, wenn ich mich täusche. Aber das Album scheint auch sehr weit von dem Eskapismus weg zu sein, den du in der Musik ja sonst suchst. Ist das eine der wenigen Ausnahmen, wie bei "Lillian Axe" oder interessiert dich das schlicht und einfach in dem Falle nicht?
Ich glaube, dass das eine der schwierigsten Fragen ist, die mir in der Kunstdiskussion je gestellt wurde, und ich bin mir auch nicht sicher, wie ich sie beantworten soll. Ja, es gibt meine Selbstbeobachtung, über die ich auch gerne reflektiere, dass mir der Sinn in Sachen Musik, Film und Litaratur in der Regel eher nach eskapistischen, transzendentalen, mythologischen Themen steht, als nach ausgeprägt realistischen, sozialkritischen oder gar politischen Themen. Auf der anderen Seite ist ja auch eskapistische Kunst in aller Regel nicht frei von den realen Emotionen der realen Menschen, die sie erschaffen, sondern das Fantasy-Setting dient in aller Regel eben nicht nur dem kommerziellen Entertainment und dem Storytelling zu Unterhaltungszwecken, sondern es dient dem Künstler als Projektionsfläche seiner eigenen Sehnsüchte, Emotionen, Wünsche, Utopien, und dadurch ist es auch wieder persönlich und echtweltlich. Da liegt Blackie Lawless speziell mit diesem Album, aber eben auch mit "The Crimson Idol" gar nicht so weit weg davon, denn auch wenn beide Alben deutliche autobiographische Züge haben, und damit auch einen massiven Realitätsbezug, und gleichwohl arbeitet er ausgiebig mit Legenden, einer archetypischen Ikonographie, wirkmächtigen Bildern, mythologischen Triggern (Raben, Schwarz, Blut, religiösen Bezügen). Es ist eben trotzdem nicht frei von Legende, Inszenierung, großen Gesten. Auf der anderen Seite ist meine Selbstanalyse mit "Eskapismus > Realismus" halt auch sehr verschlagwortet und verkürzt. Sonst könnte ich ja weder Outlaw-Country-Fan sein, noch Singer/Songwriter-Stoff mögen oder von gar sehr sozialkritischem und basischem Hardcore wie Capra oder Amygdala begeistert sein. In all diesen Bereichen ist konkrete, auf eigenen Erfahrungen basierende Lyrik ja wesentliches Merkmal.
Pillamyd hat geschrieben:Oh, wow! Ich hoffe das war nicht eine Frage die zu persönlich wurde. Ich finde deine Antwort mehr als souverän und absolut nachvollziehbar. Danke dafür! Ich sehe mich in deinen Text auch deutlich. Wahrscheinlich mit einer etwas anderen Gewichtung, aber doch auch schwankend. Je nach Stimmungslage. Ich muss darüber noch weiter hirnen. Aber das hat mich jetzt dann doch schwer beeindruckt. Die Worte hätte ich so nicht gefunden. Dankeschön 
Rüdiger Stehle hat geschrieben:Nö, die Frage war super, da ich es liebe, über solche Kausalitäten und Interdependenzen zu grübeln, und auch nicht zu persönlich, weil ich ja gerne über meine Beziehung zu Musik reflektiere. Aber die Selbstanalyse ist eine Herausforderung, weil man manchmal seine Gedanken verzweizeilert und dann merkt, dass diese Extraktion eines Schlagwortes wie "Eskapismus > Real Life", die ja von mir selbst stammt, doch naturgemäß an ihre Grenzen stößt. Vielleicht wird eher ein Schuh draus, wenn ich sage, dass ich es sehr mag, wenn der Künstler versucht, seiner Emotionskundgabe einen größeren Rahmen zu geben, der von einem gewissen Image, über eine besondere Art der Sprache und eine Legende bis hin zum komplexen World- und Character-Building gehen kann. Am Ende ist Fantasy als Selbstzweck, Hauptsache man hat einen Drachen auf dem Cover und singt von Schwertern, mich genauso wenig anmacht, wie allzu versachlichte Sozialkritik in der Kunst, oder tausendfach gehörte "party hard til Sunday morning"- und "rock out with your cock out"-Lyrik. Es ist am Ende schon immer die Frage, ob die Kunst auf emotionaler Ebene zu mir funkt, und das ist weder im Eskapismus gesetzt noch im Realismus undenkbar. Die mich erreichende Schnittmenge finden beide großen Strömungen der lyrischen und konzeptionellen Thematik dann eben doch immer wieder da, wo es sich so anfühlt, als messe der Künstler dem, was er da von sich gibt, eine große Bedeutung bei und investiere entsprechend viel Herzblut, und das macht eben eine Crow Lotus, das macht sicherlich auch ein Blackie Lawless, das machte aber auch Mark Shelton, und man kann es bei ihren Werken spüren, wie ich finde. Vielleicht finde ich das Fiction-Element auch deswegen so bereichernd, weil es herausfordernd für den Künstler und den Hörer sein kann, die intendierte Message - so vorhanden - erst in eine fiktive Realität zu übersetzen, anstatt einfach direkt in your face zu sagen, was Sache ist. Du kannst ja beispielsweise Trauer um einen verlorenen Menschen sehr direkt ansprechen und ausdrücklich über DEINEN verlorenen Freund schreiben, der der Drogensucht anheim fiel, oder du kannst eine Story von zwei Hobbits schreiben, von denen einer in den Bann des einen Rings gerät und ganz von ihm ergriffen wird. Die erste Variante ist ähnlich schwierig wie die zweite. Da sind deine Gefühle zwar echt und unmittelbar, aber du musst ggf. allerlei innere Hemmnisse überwinden, dieses Thema öffentlich in deiner Kunst anzugehen. Und dort musst du es schaffen, fiktiven Personen glaubhaft und überzeugend echte Gefühlswelten anzudichten. Nun, ich schwelge mal wieder ein bisschen in derlei Fragen... beschäftigt mich sehr, das Thema. Also das Thema der echten Gefühlswelten, die in Werke der Fiktion ausstrahlen. Aus Gründen...  Schön, dass dir der Austausch dazu neue Eindrücke gibt. Ich profitiere von solchem Austausch auch immer sehr. Sowohl was die Reflexion der eigenen Präferenzen angeht, als auch, was die eigene Schreiberei angeht, und die Sicht auf Fiktion und Kunst.
Holger Andrae hat geschrieben:Das Thema "Lyrics" finde ich auch sehr spannend. Vielleicht sollten wir dazu mal einen gesonderten Thread eröffnen und die bereits getätigten Aussagen vom Raben dorthin transferieren?
Das Duplizieren der Beiträge war mir leider nicht möglich, und ich wollte nicht, dass sie im Ausgangsthread fehlen, was die Folge vom Abtrennen des Themas gewesen wäre. Ich hoffe, das passt so.
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von Holger Andrae » Samstag 7. Oktober 2023, 23:55
Vielen Dank!
Ich habe da heute eine Weile drüber nachgedacht und bin zu dem vorerstigen Ergebnis gekommen, dass ich natürlich auch Fantasy-Texte mag, aber mich dann doch realitätsbezogene Sachen tiefer berühren. Sicherlich ist unser immenser Musikkonsum immer auch von Eskapismus getrieben und man kann es als gefährlich betrachten, wenn diese "echten" Texte die persönliche Schutzmauer einreißen.
Ich merke, dass es leider zumeist melancholische Texte sind, die mich so richtig am Haken haben. So kann ich Rob Lamothes' 'Strongest Man In The World' oder Jethro Tulls' 'At Last, Forever' heute wieder gut hören. Ohne Wasser im Gesicht geht das zwar zumeist noch immer nicht, aber das sind Songs, die mir inhaltlich schon immer sehr nah waren und die denen ich innerhalb der letzten Monate eine weitere Bedeutung zugewiesen habe. Das sind einfach herzzerreißend schöne Songs, die mich manchmal - trotz des arg realen Bezuges . beinahe gerettet haben. Manche Emotionen müssen einfach auch raus.
Diese beiden Songs jetzt nur als exemplarische Beispiele. Ich mag auch Fiktion, aber die emotionale Bindung geht dann meist nicht so tief wie in Songs mit Realitätsbezug. Früher war es der Outcast-Bezug, die Rebellion, heute ist es mal politisch, mal persönlich. Mein Lieblingssänger Alan Tecchio kommt auch manchmal mit Zeilen um die Ecke, die mich sofort haben. "Believe in your heart or you're doomed to fail' ist so eine. Wenn der Song kommt, muss ich das mehrfach hören und LAUT mitsingen. Coheed & Cambria hat es mit 'A Favor House Atlantic' und der Textzeile "with the loss of friends you didnt have" geschafft in meine ewige Lieblings-Zitat-Liste zu wandern. Aber auch Texte der Spermibirds -'Try Again' und 'Only A Phase' -, Pogues, Einstürzende Neubauten, BST, Warning (UK), Watchtower, Excel, Thin Lizzy oder Styx regen mich an.
Während ich bei "Awaken The Guardian" eher auf Melodie und Musik achte und wegtreiben kann, sind diese anderen Songs, die ich einfach nicht nebenher hören KANN. Da wird automatisch ein Trigger aktiviert und ich vergesse alles andere um mich herum (um es jetzt mal zu übertreiben).
Spannendes Thema.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
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von Jens Wilkens » Sonntag 8. Oktober 2023, 10:18
Ein sehr spannendes Thema! Da Holger schon "Awaken The Guardian" erwähnt, muss ich sagen, dass ich nur bei wenigen anderen Alben die Texte so intensiv mitgelesen habe wie hier. Da ist natürlich jede Menge Fantasy-Stoff drin, aber oft so ätherisch verpackt, dass vieles - zumindest für mich - rätselhaft bleibt. Aber das gerade finde ich faszinierend. Auch die Texte von Jim Matheos sind oft großartig. Ich mag sowohl die allegorischen Lyrics wie bei 'The Ivory Gate Of Dreams' als auch die philosophischen und persönlichen Texte.
Auch das Melancholische ist sehr attraktiv (gilt ja auch für FATES WARNING), weshalb gerade im Doom Metal oft bewegende Texte zu finden sind ('Solitude'). Aber der Text von CANDLEMASS, der mich immer noch am meisten begeistert, ist 'Samarithan'.
Es darf auch gerne in die okkulte oder rituelle Richtung gehen (dasselbe gilt auch für Literatur).
Die Perspektive eines Wahnsinnigen kann aber auch interessant sein - wie bei 'Human Insecticide' von ANNIHILATOR.
Bei unserem letzten Spiel im Forum habe ich 'Mistress Of Deception' von CORONER auch wegen des außerordentlich gelungenen Textes nominiert. Da sind schon einige sehr starke Zeilen dabei!
Das souveräne Spiel mit der Sprache hat mir immer bei GENESIS in der frühen Phase immer sehr gut gefallen. DIe Texte werden nie langweilig.
Hellsichtige Texte wie 'Meltdown' von WATCHTOWER sind auch nach vielen Jahren noch faszinierend.
Konzeptalben ohne hervorragende Texte funktionieren meist nicht. "Operation Mindcrime" habe ich damals auch sehr oft mit dem Booklet zusammen genossen und geradezu vergöttert. Auch "Abigail", "Them" und "Conspiracy" vom King mag ich auch wegen der Story nach wie vor sehr.
Da ich auch gerne AOR höre, muss ich da etwas toleranter bei den Lyrics sein, denn die sind oft ziemlich klischeemäßig. Rock'n'Roll, Party usw. vertrage ich im Allgemeinen meist nicht so gut. 'Swords And Tequila' von RIOT ist natürlich trotzdem großartig.
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von Rüdiger Stehle » Sonntag 8. Oktober 2023, 10:41
Zwei Beispiele die für mich in diese Kategorie passen, weil deren Texte mich komplett umhauen, haben wir bei der letzten konspirativen Sitzung gehört, und beide waren von derselben Band. Sie sind außerdem beide ideale Beispiele dafür, was ich weiter oben gemeint habe, als ich schrieb, dass Autoren ja oft ihre eigenen Emotionen in eine fiktive Welt projizieren, wodurch sie aber nicht zwingend weniger echte und eigene Gefühle werden.
Ich rede von den beiden BATHORY-Stücken "Song To Hall Up High" und "One Rode To Asa Bay". Mit beiden Texten reflektiert Quorthon zu 101% meine Gefühle im Bezug aufs eigene Sterben, was insbesondere im Zusammenhang mit Quorthons viel zu frühem Tod für mich immer ein absoluter Klos-im-Hals-Moment ist, wenn ich den ersteren Song höre, gleich ob in der Originalversion oder auch ganz besonders in der Version von Quorthons Schwester Jennie Tebler, die nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Aber ebenso meine Gefühle im Bezug auf die heidnisch-germanische Religion und Kultur, und deren Verlust, wenn ich den zweiteren Song höre. Das ist für mich beides so unheimlich nah am Herzen, dass es fast unwirklich ist. Quorthon hatte das komplett heraus, genau das zu schreiben, was mich zum dahinschmelzen bringt, und ich müsste lügen, gäbe ich nicht zu, dass er ein riesiger Einfluss auf mich war und ist, musikalisch und auch lyrisch und in Sachen Geschichtenerzählen.
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von Pillamyd » Sonntag 8. Oktober 2023, 12:17
Das großartige ist daran, dass ich jeden einzelnen Satz von euch nachvollziehen kann. Die Schnittmenge ist hier relativ groß. Ich muss da immer noch meine eigenen Gedanken sortieren und versuchen zu erklären, wie das in meinem Falle ist.
Ich habe da viel drüber nachgedacht. Aber da die Gedanken in der Menge einfach riesengroß sind, schaffe ich es gerade nicht das strukturiert niederzuschreiben. Das wird noch etwas Zeit benötigen. Ich tue mich gerade schwer damit. Vielleicht ein Fehler, nicht gleich alles aufgeschrieben zu haben und vorerst so unfassbar viel drüber nachgedacht zu haben. Aber ich bin halt doch schon auch ein Kopfmensch. Ich brauch wohl noch ein bisschen Zeit...
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von Rüdiger Stehle » Sonntag 8. Oktober 2023, 12:29
Wir haben ja keine Eile und der Thread ist ja längerfristig da. 
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von Jens Wilkens » Sonntag 8. Oktober 2023, 16:39
Ich mag es sehr, wenn Texte - zumindest für mich - für eine lange Zeit eine Wahrheit oder Erkenntnis ausdrücken. Vielleicht liege ich mit meiner Interpretation ja komplett daneben, aber ich habe beispielsweise 'Another Candle' von HEIR APPARENT immer als sehr gelungenes lyrisches Bild für das Artensterben verstanden. Noch heute erscheint mir der Text als sehr prägnant und fesselnd.
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von Pillamyd » Dienstag 10. Oktober 2023, 13:45
Bin ich bereit hier etwas zu schreiben? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Denn, auch wenn ich gedanklich einen Schritt weiter bin, weiß ich nicht ob es Aussagekräftig genug ist, dass es hier rein passt. Ich schreibe das zwar schon in emotionaler Art, weiß aber nicht ob das so rüberkommen mag, weil irgendwie auch eine kleine innere Blockade vorhanden ist. Das ist dann schon wieder spannend. Aber eben mit vielen Zweifeln verbunden. Hätte ich bei der im Eingang gestellten Frage, nicht gedacht. Mit der Zeit erinnerte ich mich an Threads wie "10 Alben, die mich geprägt haben" oder "8 Songs wie eure Leben". Im letzteren Thread traue ich mich immer noch nicht, etwas beizutragen. Man merkt es vielleicht. Trotzdem möchte ich meinen Senf dazugeben. Nicht, weil ich mich dazu gezwungen fühle. Sondern weil ich das Thema wahnsinnig spannend finde. Was bewegt? Was nicht? Was sind die Gründe dafür? Wieso? Weshalb? Warum?
Also lege einfach mal los, auch auf die Gefahr hin, einige Aspekte zu vernachlässigen, oder etwas auszusparen, was ich noch nicht bedacht habe...
Ich kann eure Meinungen dazu völlig nachempfinden. Es kommt, so schätze ich, auf viele verschiedene Faktoren an, wie ich Musik wahrnehme. Ich war gewillt, dass auf Themen und Lyrics runterzubrechen. Aber natürlich hat auch die musikalische Komponente einen ordentlichen Beitrag, wenig überraschend. Ich nehme mal ganz aktuell, eine Band als Beispiel, welche hier stark präsent ist. Die ersten 3 „Fates Warning“-Alben sind für meinen Geschmack viel eskapistischer als alles, was ich danach von der Band kenne. Das hat verschiedene Gründe:
Zum einen finde ich die Musik mit Arch viel verspielter, dafür aber die Musik mit Alder viel erwachsener, teilweise auch technisch einfach brillant. Es wirkt seriöser. Aufgeräumter. Das liegt, und damit komme ich zum nächsten Punkt, auch an der Produktion. Ab „No Exit“ klingt die Band viel transparenter, viel „denkender“. Die Ausdrucksweise ist für mein Empfinden viel reduzierter. Lebensnaher. Schiele ich auf die Phase, dann meine ich mit verspielter, tatsächlich genau das. Ich denke an kindliche Artworks, einen unfassbar emotionalen Sänger. Musik, die noch erahnen lassen, wer hier Vorbild gestanden hat. Es ist immer eine kleine Portion Blauäugigkeit dabei. Auch das klingt jetzt wieder sehr negativ. Aber das meine ich gar nicht so. Das ist einfach das Gefühl, welches ich mitnehme. Wohlig. In beiden Fällen. Das ist das großartige. Weil die Band diese Option eben bietet. Das gibt mir beides, dann gesanglich sehr viel. Arch, deshalb weil er mit der Musik unglaublich gut umgegangen ist. Alder könnte auch ein Album voller „Uuhs“ aufnehmen, ich würde es wahrscheinlich kaufen, weil die Klangfarbe mich einfach mitnimmt. Das aus einem tief sprechenden Menschen solche Töne kommen kann finde ich sensationell.
Ein Sänger muss für mich aber auch kein technisch grandioser Sänger sein, um mich mitzureißen. Wenn er Gefühl rüberbringen kann und ich damit was anfangen kann, dann darf das auch einmal einen Ton daneben liegen, oder gepresst klingen. Wenn ich ein deutsches Beispiel bringen kann, dann würde ich Udo Lindenberg nennen. Alles anderer als ein begnadeter Sänger. Aber vom 70er Straßenrocker mit Attitüde, hat er sich über die Jahrzehnte zu einem Mann entwickelt, mit sehr viel Erfahrung. Ohne diese altbackene Art verloren zu haben. Ich kann mich sowohl von „Daniel’s Zeitmaschine“ (ich überlege gerade, ob das nicht vielleicht der erste Sci-Fi Text auf Deutsch war) unterhalten fühlen, als auch viele melancholisch Songs des Mannes. Ersteres ist Unterhaltsam. Letzteres hat für mich etwas Tröstendes, Aufbauendes, Schulterklopfendes. "Lass den Kopf nicht hängen"-mäßiges. Auf Udo Art. Aber ich mag das halt. Da bekomme ich dann einen Kloß im Hals, weil es so simpel ist und doch so effektiv. Natürlich mit dem Gewissen Bezug dazu. Leider lässt er sich immer öfters bei den Texten helfen, was mir dann nicht zusagt. Weil man das dann doch auch leider raushört. Gerade im deutschen fällt mir immer öfter auf, dass es die ruhigen Songs sind, die den Gesang und den Text hervorheben und die Musik einen etwas minimalistischeren, aber trotzdem wirksamen, sehr unterstützenden Part einnimmt. Das mag dann textlich auch sehr einfach sein und für den ein oder anderen simpel, wenn nicht gar Plump. Da hat dann auch wohl der Part Einfluss auf mich, mit welcher Musik ich angefangen habe, Musik zu hören. Das ist ja leider immer noch nicht als ernstzunehmende Musik angekommen. Das schert mich aber tatsächlich in der persönlichen Entwicklung gar nicht. Viel mehr, halte ich es für einen Mehrwert. Weil ich so das Gefühl habe, von mehreren Ecken einiges besser nachvollziehen zu können, als das zu verlachen. Schweife ich ab? Vielleicht...
Trotzdem schätze ich auch den Eskapismus sehr und es bleibt ja immer auch noch Interpretationssache wie man etwas auslegt. Ein vermeintlicher Fantasy Text kann auch Bezug zum wahren Leben herstellen. Oder einfach nur zum abrocken da sein. Beides kann berühren. Mit anderem Effekt. Aber berührt davon zu sein bleibt halt. In emotionaler Differenzierung.
Viele Sänger finde ich von ihrer Stimmgewalt her ziemlich geil. Ein Bruce Dickinson zum Beispiel, finde ich wahrscheinlich gar nicht mal so auf emotionaler Ebene berührend. Aber ich merke immer wieder, was für ein heftiges Gespür er dafür hat, den Song die richtige Ausstrahlung zu verpassen. Eine Ballade wie „Wasting Love“ finde ich deswegen gut. Und nicht, weil er mich da textlich emotional einnimmt, oder ich einen großen Bezug dazu habe. Bei Rob Halford gibt es einen kleinen, feinen Unterschied und schlägt doch auch in die gleiche Kerbe. Ein wahnsinnige Stimmgewalt, die den Songs den zusätzlichen Bonus-Schub unterjubelt und mich unter Strom setzt, zu dem ich den Kopf abschalten kann und zum Beispiel angestauten Frust und Ärger rauslassen kann. Emotional auf eine Art des Abgehens. Mit dem Unterschied zu Dickinson, dass er mich mit einer Ballade auch massiv am Kragen packt. „Prisoner Of Your Eyes“ ist so ein Song. Unheimlich kitschig, aber wie er diesen Text interpretiert, bringt mich dann auch schon meine Grenzen. Und es hat eben die gleichen simplen Attribute, wie weiter oben beschrieben.
Keine Ahnung, ob ich mit diesen Beispielen, verdeutlichen konnte, was mich da kickt. Aber ich schätze, dass hält sich bei mir mit Sicherheit die Waage. Der Ursprung dürfte aber klar sein, dass es nicht immer kompliziert sein muss.
Ich rutschte gedanklich, während ich über das Thema nachgedacht habe, immer in eine von mir gefühlte Sackgasse. Denn der musikalische Aspekt spielt ja definitiv auch eine Rolle. Aber irgendwie habe ich dabei das innere empfinden, dass ich hier dann das Thema verfehlen würde. Denn ganz Allgemein gedacht, ist das ja der Ursprung warum wir Musik hören. Warum wir überhaupt dieses Genre unser bevorzugtes ist. Irgendwie ein schmaler Grat, oder nicht?
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von Holger Andrae » Sonntag 29. Oktober 2023, 11:17
Als ich diese Woche wieder die erst kürzlich zur Sammlung gestoßene FISH-Scheibe "Weltschmerz" im Player hatte, ist mir dieser Thread wieder in den Sinn gekommen. Das Album lief noch nicht oft, aber ich habe mit dem Totelsong und 'Gardem Of Remembrance' gleich wieder zwei Nummern, deren Texte mich sofort am Haken haben. Während mich beim ersten Song schon die Melodieführung komplett aus den Socken haut und ich da beim Hören das Textbuch zu Hand nehmen musste, ist bei "Weltschmerz" der Songtitel selbst, der mich dazu gebracht hat, sehr aufmerksam die Lyrics zu lesen. Es ist die Wortwahl in Kombination mit der gewählten Thematik, die hier wunderbar in Einklang steht. Wir alle wissen, was für ein wunderbares Vokabular Fish seit 40 Jahren benutzt, ein beinahe eigenwilliges Stilmittel, welches zusätzlich durch seine Art des Gesanges doppelt gut zur Geltung kommt. Herrlich.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
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von Pillamyd » Sonntag 29. Oktober 2023, 11:30
Uff...schwere Kost für einen Sonntag Morgen. Du hast recht, die Wortwahl und die Art ist einfach unvergleichlich Fish. Das Video dazu. Das ist nicht einfach zu ertragen. Wunderschön, aber unfassbar traurig. Puuh...
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