Death

Death

Beitragvon Eike » Mittwoch 8. Februar 2023, 14:41

Ich habe gerade diese wunderschöne Dokumentation
"(Before there was Punk, there was) A Band Called DEATH"
geschaut. (Bitte den Link anklicken!)

Worum geht es?

Nun, um eine Band namens DEATH, die bereits in den frühen Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts in Detroit (Motor City, Motown, MC5, Detroit Rock City, Alice Cooper, Detroit Techno) gegründet wurde und dort auch schon Masterbänder für ein vollständiges Album produziert hatte.

Die Musiker, drei Brüder, waren bereits zuvor unter dem Namen ROCK FIRE FUNK EXPRESS, beeinflusst von THE BEATLES, JIMI HENDRIX, Funk, THE WHO, ALICE COOPER, musikalisch aktiv; schon bald entwickelte sich ihr weit darüber hinausgehender, äußerst kreativer Sound - nun unter dem Namen DEATH - in eine Richtung, deren Stilemente sich heutzutage so unterschiedlichen Genres wie Proto-Punk, Punk-Rock, Hardcore Punk, Heavy Rock, Funk-Punk / Funk-Rock und sogar Post-Punk beiordnen lassen. Auf den Markt kam seinerzeit jedoch nur eine Single ('Politicians in My Eyes' / 'Keep on Knockin’') in kleiner Auflage...

... bis dann - erst im Jahre 2009 - unter Einfluss von Raritätensammlern aus der crate digger-Szene, Internetmusiktauschbörsen, live-Coverversionen anderer Bands (u. a. ROUGH FRANCIS) sowie der Punkszene insgesamt endlich das bereits seit den Siebzigern ausproduzierte Album "...For the Whole World to See" erschien.

Von einem frühzeitigeren Platten-Vertrag abgehalten hatten die Band, neben dem damaligen Avantgarde-Charakter und der Eigenwilligkeit der rohen und doch rhythmisch wie melodisch hochversierten Musik in einer eher vom angesagten Motown-Sound und kommerzieller orientierten Rockbands wie KISS geprägten Region und Musikszene, vor allem das beharrliche Festhalten am Gesamtkonzept (inklusive des tabubehafteten Bandnamens!), die nach langen, entbehrungsreichen Jahren erfolgte Auflösung und schließlich der Tod des Bandleaders.

(Diese berührende Musikdokumentation / filmische Bandbiografie + Musikerdokumentation [inklusive Familienhintergrund, Nachfolge-Projekte und Szene-O-Töne] sei hiermit ausdrücklich empfohlen!)


Bedenkt man nun,

a) dass mit dem Garage Rock der MC5 und THE STOOGES erst früheste, basischere und weitaus stärker am elektrisch verzerrten Blues- und klassischen Hardrock der damaligen Ära orientierte, zarte Proto-Punk-Wurzeln in puncto Eigenständigkeit eher zaghaft heransprossen,

b) dass sich die RAMONES erst drei Jahre später gründeten als die von ROCK FIRE FUNK EXPRESS in DEATH umbenannte Band und - unter weitaus privilegierteren Umständen - auch erst ein Jahr später, in einem noch deutlich stärker von ihrer Elterngeneration beeinflussten Sound, erste Tonträger veröffentlichte, die sich gegenüber dem DEATH-Album als deutlich poppiger und auch unterkomplexer erweisen, sowie

c) dass das ähnlich früh gegründete, ähnlich innovative, jedoch erst 1977 ein erstes Album im - zunächst sogar den Untergrund verstörenden, später stilprägenden - Sound von Proto- / Post- Punk / No Wave veröffentlichende Duo SUICIDE sogar in der weitgehend liberal geprägten Kunstszene von New York City wegen ihres Band-Schriftzugs auf einer Lederjacke aggressiv angegangen wurde,

dann wird um so deutlicher, wieso ein Trio nicht-"Weißer" Musiker aus einer konservativ religiös geprägten Gemeinde aus Michigan es um so schwerer hatte, mit einem als "weiß" wahrgenommenen Stil harter Rockmusik aus einer derzeit auch stark "weiß" geprägten Szene inmitten einer von "Schwarzen" mit dem weitaus softeren Motown-Sound geprägten Musiklandschaft überhaupt ernst genommen zu werden, geschweige denn dort Fuß zu fassen oder gar noch dazu mit diesem Bandnamen Aussicht auf einen Plattenvertrag oder auch nur andere Formen professioneller Förderung zu haben.


Dies ist mehr als bloß eine Randnotiz in der musikhistorischen Betrachtung und Chronologie der Punkbewegung wert; denn auch heute noch klingen die über vierzig Jahre ALTEN, für die damalige Zeit schier unglaublich innovativen Aufnahmen von DEATH immer noch bestechend frisch, eigensinnig, originell und mitreißend, noch dazu auch sehr abwechslungsreich, musikalisch versiert und für ein Debütalbum fast schon unheimlich selbstbewusst und stilsicher.

Wie die im obigen Dokumentationsfilm gezeigten Aufnahmen belegen, kann das aus der Originalbesetzung verbliebene Brüderpaar Bobby (Bass & mittlerweile Gesang) und Dannis (Schlagzeug & Percussion) Hackney gemeinsam mit ihrem langjährigen Musikgefährten Bobbie Duncan (LAMB'S BREATH) an der Gitarre das Vermächtnis des Mitbegründer und guiding spirit David Hackney auch live auf der Bühnen ebenso mitreißend wie würdevoll fortsetzen.

Wer auf innovativen, rhythmisch wie melodisch versierten, Protopunk, Punkrock und/oder Hardcorepunk steht, sollte DEATH zumindest kennen. Doch auch offenherzige Postpunk- & Alternative Rock-Hörer*innen sollten dieser Band eine Chance geben, sie zu begeistern!
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Re: Death

Beitragvon Martin van der Laan » Mittwoch 8. Februar 2023, 15:34

Toller Thread, sehr schöner Text von Eike. Leider noch keine Zeit und Muße gehabt den Film zu gucken. Aber der Song im Turnier hat mich total angefixt, und das Album finde ich inzwischen auch großartig. Obwohl ich gar nicht wirklich zu den Zielgruppen gehöre, die Eike definiert hat. Aber diese Band hat so ein gewisses Etwas, etwas Besonderes, Unwiderstehliches. Vielleicht weil die Jungs komplett eigenständig agiert haben. Ich würde sagen: Jeder neugierige Musikliebhaber ohne Scheuklappen und mit einem Sinn für Musiksgeschichte sollte sich unbedingt mit diesen DEATH beschäftigen.
668 - Neighbor of the Beast
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Re: Death

Beitragvon Eike » Donnerstag 9. Februar 2023, 04:17

Ja. Für mich ist der Sound auch irgendwie "heavy" in einem spirituellen Sinn. Da steckt ganz viel Kraft und Gefühl und Direktheit drin. So empfinde ich das. Der damalige Gitarrist meinte, ein vollkommener Gitarrist sei, wer die Stärken von Jimi Hendrix und Pete Townshend in sich vereinigen könne. Wenn das nicht "heavy" im weitesten Sinne ist, weiß ich auch nicht... Die gesamte Familie war völlig offen für Musik, dazu ein spiritueller Background, das ist schon ein guter Humus für eine Band of Brothers...
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