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von Eike » Donnerstag 25. November 2021, 04:17
Tja, woher das kommt, diese Spaltung, oder eher gesagt, das Blankliegen der Nerven, der emotionale Überschuss, die Kurzschlussreaktionen, die ideologische Verhärtung, der Griff nach dem Irrationalen...
...interessante Frage; dazu könnte man historisch auf alle möglichen Zeiten rekursieren, in denen rapide gesellschaftliche und philosophische, kulturelle und technologische (Wissens/Glaubens-) Transformationen einerseits vorlagen, deren zuvor nicht dagewesene Dynamik die Menschheit in ihrem zentralen, verbindlichen Allgemein-"Wissen"/Glauben überfordert hat; oder auch auf Zeiten, in denen nicht nur Sinn-, sondern auch besondere physische Existenzkrisen sich häuften:
Umbrüche im Weltbild und neuartige materielle Bedrohungen führen immer wieder dazu, dass Paniken und Spaltungen ausbrechen, sich verstärken, Fraktionen gegeneinander in Stellung bringen.
Die im vorwissenschaftlichen Zeitalter unerklärliche kleine Eiszeit führte unter dem Eindruck ausbleibender Ernten und Hungerkrisen zu Hexenverfolgungen ("Wetterhexen").
Das Zeitalter der Aufklärung (18. Jh.) wurde gleichzeitig von einem Faible für Spiritismus und philosophischen wie politischen Extremismus begleitet (Geheimlogen, Gesinnungsterror). Der zentrale Glaube an eine "göttliche Ordnung" war erschüttert, was einerseits Freiheit und andererseits Verunsicherung bedeutete, neue Dogmen wurden als Halt gesucht und gegeneinander in Stellung gebracht.
Davor das Zeitalter der Reformation (16. Jh.), in dem plötzlich gegenseitige Anschuldigungen des "Antichristen" die Diskurse bestimmten, obwohl es ja eigentlich um Fragen der "Gottgefälligkeit" ging, die beide sich radikalisierenden Seiten umtrieb und bis dato in ihrem Grundinteresse und Verständnis als Christenheit geeint hatte. Danach waren politische Allianzen selbst innerhalb der Christenheit nicht mehr "nur" Konflikte miteinander verwandter Adelsfamilien, sondern daneben auch noch ethisch-moralisch aufgeladene "heilige" Kriege - was (im 17. Jh.) zu dreißig Jahren Verheerung in Europa führte.
Das beginnende Computerzeitalter und der Primat des "messbar" Quantifizierbaren über ganzheitlich-philosophische Modelle "wesenhafter" Qualität führte zu einem "Culture Shock", wie ihn ein Soziologe anfangs der Siebziger Jahre beschrieb. Das war die Zeit, in der die Kulturen der Effizienz-Yuppies und der Aussteiger-Hippies teils gewaltsam aufeinanderprallten.
Heute, in der quantitativen Verlängerung und qualitativen Wende dieses ersten "digitalen" Kulturschocks, stecken wir mittendrin in einer weiteren gewaltigen Umwälzung: Nach der ersten kulturellen und wirtschaftlichen Großrevolution der Jungsteinzeit (sesshafter Ackerbau und Viehzucht vs. nomadisches Sammeln und Jagen), der zweiten, "industriellen" Großrevolution dieser Art im 19. Jahrhundert (städtische Ballungsräume und maschinenbezogene Menschenarbeit vs. ländliche Zersiedelung und pflanzen/tier-bezogene Menschenarbeit), sowie eben der dritten des zwanzigsten Jahrhunderts "Digitalisierung" (computerisierte Zentralplanung, Pendlergesellschaft und aktenbasierte Aufsichtsrat-Großkonzerne vs. kommunale Kleinhierarchien, Orts/Regionsgebundenheit und patriarchalische Firmendynastien) haben wir nun die nächste Stufe erreicht: "Onlinekultur" (zweckgebundene statische Großrechner in geschlossenen Netzwerken mit begrenzt verfügbarer Rechnerzeit, davon autarke analoge "langsame" 1:1-Kommunikationsnetzwerke, Arbeitsteilung und Spezialisierung in professionellen Communities mit klar definiertem Methoden- und Gemeinwissen, Leitmedien als Filter- und Vermittlungsinstanzen, klar gegliederte Lebensabschnitte mit fest umrissenen gesellschaftlichen & kulturellen Rollen vs. allpräsente mobile Multifunktionsrechner im ständigen globalen Kurzschluss mit multipel vernetzten Kommunikationskanälen, Verwischen der Raumzeit/Rollenteilung zwischen Arbeit/Bildung/Freizeit, vermeintliche "Selfmade Allround"-Bildung/Sinnstiftung ohne mediale oder professionelle Leitinstanzen).
All diese Umbrüche hatten mit Befreiung und Entwurzelung zu tun, physisch, psychisch, metaphysisch. Dieses "Freidrehen" der vermeintlich sicheren Ordnungssysteme führt immer zu Krisen und Konflikten.
Wir haben neben dieser "schleichenden" gesamtmenschlichen Großrevolution in den letzten Jahrzehnten & Jahren aber auch noch die Finanzkrise, die Europakrise, die Pandemie, - und: worüber (noch) kaum jemand spricht - die Transformation auf dem Arbeitsmarkt: Nämlich, dass an die Stelle der maschinenzentrierten Menschenarbeit immer mehr menschenlosgelöste Maschinenarbeit (künstliche Intelligenzen, Robotersysteme, Big Data, Computersimulation statt menschlicher Forschung) tritt. All das stellt bisherige Ausbildungs- und Bildungs- Konzepte, Lebenslauf-"Planungen" und Einkunftsquellen, Sinnfragen im Post-Work-Ethic-Zeitalter etc. infrage, an die Stelle des "Tuns" tritt das "Denken", die Ideologie- und Identitäts-Fragen drängen immer heftiger in den Vordergrund und werden immer hitziger konfrontiert, da es keine allgemeinverbindlichen Rollen und Rollensicherheiten mehr gibt - aber zu jedem x-beliebigen Thema eine selbstverstärkende Echo-Kammer, und all diese Echo-Kammern in permanenten Echtzeit-Netzwerkkontakten 24/7/365 miteinander konkurrieren.
Music is the only religion that delivers the goods. (Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
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von Eike » Donnerstag 25. November 2021, 05:01
Mit "Bernemann" (Ex-SODOM, heute BONDED) gibt es übrigens auch ein Inti auf laut.de.
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von Oliver Passgang » Mittwoch 2. Februar 2022, 10:15
Ich habe erst jetzt SODOMs "Genesis XIX" für mich entdeckt und muss festhalten: So geerdet habe ich die Band lange nicht gehört. Das mag vor allem auch am Sound liegen, der nicht mehr so bollert, sondern total klar und transparent die Mitten hervorhebt. Ich finde es total angenehm, dass SODOM hier von dem Kurs weg ist, es einfach noch "lauter" haben zu wollen - steht der Band und der Platte gut zu Gesicht. Hat auch mit den Songs zu tun, wobei ich da jetzt noch nicht so tief drinstecke, um hier ganz differenziert eine Meinung präsentieren zu können.
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von Pillamyd » Mittwoch 2. Februar 2022, 11:13
Alles richtig! Mein Album des Jahres 2020
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von Pillamyd » Montag 6. Juni 2022, 10:27
Wie ich gestern im Nachhinein lesen konnte, gab es einen kleinen Überraschungsauftritt beim RockHard Festival, vor dem Auftritt von "Accept". Das Besondere: Tom ist mit aktuellem Schlagzeuger und Andy Brings auf die Bühne um die 30 Jahre "Tapping The Vain" zu feiern. Gespielt wurden 3 Songs: Body Parts One Step Over The Line Wachturm Der Andy hat sichtlich spaß. Und auch der Tom wirkt unfassbar stark. Wer die Viertelstunde nachschauen möchte, bitte sehr: https://www.youtube.com/watch?v=lQLBch_S5gw
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von Pillamyd » Dienstag 2. August 2022, 15:38
Anscheinend steht ja ein neues Best Of zum 40 jährigen an. Wobei das 40 jährige schon rum ist Im Zuge dessen, bin ich gespannt ob eine Tour angekündigt wird. Zeit wäre es, vor allem weil Tom ja so drauf erpicht war, endlich wieder spielen zu dürfen.
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von Pillamyd » Freitag 5. August 2022, 21:40
Ha! Da fange ich vor 3 Tagen an zu babbeln. Da sickern auch schon die ersten Infos durch. Das Best Of Album "40 Years At War - The Greatest Hell Of Sodom" erscheint am 28.10.2022. Vier Dinge die echt schön sind: - Man hat nicht nur Songs ausgesucht und draufgeklatscht. Nein, man hat Songs berücksichtigt die weniger Beachtung fanden bzw. auch kaum live gespielt wurden und dann auch noch Neu eingespielt. Ja, jetzt werden einige wieder motzen. Aber hier finde ich das recht spannend. - Das Artwork stammt von Kantor, wenn ich das richtig gelesen habe. - Es steht wohl tatsächlich eine Tour an (leider finde ich besagten Text nicht mehr. Steamhammer hatte gerade noch die Box drin. Jetzt finde ich es leider nicht mehr.) -Es gibt bald einen neuen Song namens "1982". Noch 6 Tage warten. Song ist auf der Bonus EP in der Box drauf. Das Teil wird als Vinyl, CD und in der Box angeboten. Inhalt kann man hier lesen und dabei noch das Coverartwork begutachten. https://www.emp.de/p/40-years-at-war---the-greatest-hell-of-sodom/539782.html
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von Rüdiger Stehle » Sonntag 14. August 2022, 16:08
Hier dann mal "1982" (the song), und ich finde ihn toll: https://www.youtube.com/watch?v=36yH1ZmY9yADen neuen Song indes nur im Boxset zu haben ist schofel... hochgradig.
alias Hugin der Rabe. Ravnen fra steinfjellet. Háv. 38
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von Pillamyd » Sonntag 14. August 2022, 17:57
Da sind wir in allen belangen einer Meinung 
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von Kenneth Thiessen » Mittwoch 7. September 2022, 19:38
Zwei Alben der Sodomiten durften mich heute beschallen: Einmal die "In War And Pieces". Die fand ich echt gut. Könnte überzeugen. Zum einen tolle Riffs, manchmal groovig, manchmal schnell und gejagt. Und dazu kommen noch tolle Soli und melodische Leads, die sich meist gegen Ende des jeweiligen Songs noch in die Mischung bringen. Solche Elemente reißen mich dann eigentlich fast immer mit und so war es ein Genuss, diese Scheibe zu hören. Highlights für mich "Knarrenheinz", "Through Toxic Veins", "God Bless You" und "Nothing Counts More Than Blood".
Das andere Album ist die "Get What You Deserve", die ja 16 Jahre vor der gerade genannten auf den Markt kam. Meiner Meinung nach, ist das eine starke Orientierung an frühere Tage, die aber alle Schnörkel, die auch schon auf der "Obsessed" verbaut waren, weglässt. Dazu kommt noch ein verstärktes Punk-Kolorit und so wird bei manchen Songs ein bisschen das Tempo rausgenommen. Aber abgesehen davon ist das eigentlich eine Dreiviertelstunde Geballer. Leider hört man in der Spotify-Version die Gitarren (kann auch an meinen Kopfhörern liegen) die Gitarren sehr schlecht, aber dafür das Schlagzeug umso mehr. Meine Glanzpunkte waren "Jesus Screamer", "Unbury The Hatched", "Angel Dust", "Sodomized" und "Silence Is Consent".
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