Der Kurzreview-Thread

Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.

Re: Der Kurzreview-Thread

Beitragvon Eike » Montag 23. Januar 2017, 16:45

KATATONIA - "The Fall Of Hearts"

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Wie ich in der Gruppentherapie schon andeutete, fand ich KATATONIA auf Albumlänge häufig etwas monoton und eingefahren, sodass bislang kaum ein Werk der Band bei mir richtig gezündet hat. Dennoch habe ich das Album unter den Neuerscheinungen aus 2016 auf Platz 2 und die Redaktion hat es auf Platz 20 gehievt. Nun, "The Fall Of Hearts" degradiert sich trotz altbekannten Markenzeichensounds nicht zur Hintergrundmusik, lässt mich öfters einmal aufhorchen, lässt viele Songs eben nicht im Einerlei verschwinden. Klar, die Musik ist auch hier nach wie vor mono-riff- und -lick-lastig, doch schälen sich auch Melodien hervor, die es in sich haben, oder ganz allgemein Songs, die irgendwie besonders sind; als da wären: Das ergreifende 'Old Heart Falls'; das ungewohnt balladeske 'Decima' mit seinen dezenten Folk- & ANATHEMA-Einflüssen; das verwaschene 'Residual'; der unerbittliche 'Last Song Before The Fade' mit seiner leicht schrägen Rhythmik; insbesondere das melancholische 'Shifts'. Dann sind da kleine, zwischendurch eingestreute Elemente, die mich beim wiederholten aufmerksamen Hören fesseln: Der perseverative Groove, die Klaviereinsprengsel, die hintergründigen Streicher und der arabeske Sangesschlenker in 'The Night Subscriber'; das zarte Feingefühl im Gesang bei 'Pale Flag'; die zwischen zart und harsch pendelnde, dynamische Drastik von 'Passer'. Wer KATATONIA bislang nicht mochte, wird auch mit dem hier gebotenen Material nicht viel anfangen können. Wer einzelne Songs mag, bislang aber noch kein Album im Schrank stehen hat, sollte jedoch unbedingt einmal reinlauschen.
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Beitragvon Eike » Montag 23. Januar 2017, 17:49

DAVID BOWIE - "Blackstar"

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Wieso DAVID BOWIE vielen als schwierig gilt, habe ich in meiner Einleitung zur Rezension hier auf POWERMETAL.de zu ergründen versucht. Dabei konnte aber doch kaum jemand wie er Eingängigkeit und Progressivität miteinander in Einklang bringen und sich dabei doch stets seine liebenswerten Eckchen und Käntchen und spielerisch verschrobenen Spleens bewahren: Das Ohr nah am Puls des Zeitgeistes, den Kopf voll trockenem Humor, und den künstlerischen Ausdruck stets ganz bei sich selbst. "★" ist für mich das Album, das ich aus 2016 als große positive Überraschung mitnehme. Darauf hat sich der Gute nochmal von seiner besten Seite gezeigt und eine Wundertüte an ganz unglaublichen Songs hervorgezaubert. Da ist der auf fast zehn Minuten überaus kurzweilige Titelsong, der wirklich bezaubernd zwischen mystisch sakraler Stimmung und weltlicher Selbstbehauptung vermittelnd die Themen Leben und Tod verhandelt. Da sind tolle Saxophonlinien, die sich wie ein hintergründiger Faden durch das gesamte Album ziehen, stets perfekt eingebettet ins jeweilige Werk. Und die einzelnen Werke unterscheiden sich deutlich. Liebe zum Detail verbindet sie. ''Tis A Pity She Was A Whore' kommt tanzbar, jazzig und drum-and-bass-lastig daher. 'Lazarus' ist ein weitschweifiger, anspruchsvoller Popsong, der das gesamte Genre adelt und anderen Künstlern beispielhaft aufzeigt, was an Niveau möglich wäre, ohne für eine breite Hörerschaft unhörbar zu werden. Artpop hier; Artrock dort: 'Sue (Or In A Season Of Crime)' hat Hummeln im Popo. Liebhaber von ARCHIVE sollten da mal reinhören. Die von PORTISHEAD auch. Oder von dEUS. Und von PRIMUS. Das experimentelle, sperrig verholperte 'Girl Loves Me' ist da deutlich spröder, hat andererseits aber auch einen schleichenden Ohrwurmgroove, und dazu noch den seltsamen A-Clockwork-Orange-Slang. Wem das zu weit draußen ist, der wird vom melodiösen, balladesken 'Dollar Days' wieder ins Boot bzw. ins cinematische Traumschiff geholt. Breitbandsound dort. 'I Can't Give Everything Away' spart sich scheinbar gar nicht so viel auf. Es hat zwar diese offene, luftige, ruhig atmende Stimmung, die auch schon "Heathen" auszeichnete, aber minimalistisch trifft es ganz sicher nicht. Das ist der späte Bowie, der sich nichts mehr beweisen muss, sondern einfach nur zeitlos goldene Songs von schlichter Eleganz schreibt, die aus sich heraus strahlen, mit filigranen Schnörkeln im Wesen, aber ohne außen aufgesetzten Strass. Unbedingte Kaufempfehlung an alle, die Bowie mochten! Egal in welcher Phase. Hier gibt es wieder was zu entdecken.
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Beitragvon Eike » Dienstag 24. Januar 2017, 00:25

OCTOBER TIDE - "Winged Waltz"

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Haris schrieb: ""Winged Waltz" bietet alles, was man von anspruchsvollem, melodischen Doom/Death Metal heutzutage erwarten kann." Ich meine: Das groovet und growlt und melodeit recht hübsch melodisch, abwechslungsreicher als alte KATATONIA, etwas gleichförmiger und glatter als alte PARADISE LOST, aber immer noch frisch genug, um auf Albumlänge nicht zu langweilen. Das Rad neu erfunden hat OCTOBER TIDE mit "Winged Waltz" ganz sicher nicht, aber die Kompositionen laufen echt gut rein, anfängliche Garstigkeiten hören sich schnell rund, die massive Wall of Sound erschlägt einen schon bald nicht mehr, der herbstliche Strom wird bald gefällig, auch wenn sich nur wenig dauerhaft festsetzen mag. Ein Album ohne große Hits, dafür aber durch und durch solide. Anfangs nur selten aufgelegt, dann nach und nach immer öfter. Und schätzen gelernt. Wem MY DYING BRIDE manchmal etwas zu pathetisch daherkommt oder frühe OPETH schon zu progressiv, könnte hierin eine bodenständigere Alternative finden. Denn trotz genretypischem Agieren findet man hier keinen Kitsch. Für ein oft totgesagtes Genre klingt das überraschend frisch! Und bleibt das dann auch.
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Beitragvon Eike » Mittwoch 25. Januar 2017, 19:11

PARADISE LOST - "The Plague Inside"

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Das dürfte wohl das vergangenes Jahr am oftesten gehörte meiner Alben sein. Die Könige des Death Doom und Gothic Metal melden sich zurück. Bei mir mit kurzer Verspätung. Aber was macht das schon? Wenn eine Band Melancholie und Aggression derart rund verbindet, dann fesselt mich das. Da muss weder das Rad neu erfunden, noch super progressiv aufgespielt werden. Da genügt es, wenn Sehnsuchtsgitarren, tiefe Growls, knochentrockene Rhythmik, Hallgesang, sämige Basslinien aufeinandertreffen und sich zu einem Heavy Metal verbinden, der einen Schritt weiter geht als das Bluesrockderivat der ersten Stunde und Jahre. Das muss kein extremer Extremmetal sein, sofern bloß das Gefühl und die Songaufbauten stimmen. Das tun sie hier. Und zwar mit einem Abwechslungsreichtum, der das Album perfekt durchhörbar macht. Bisweilen auch gleich zweimal hintereinander weg. Was will man mehr?
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Beitragvon Jhonny » Mittwoch 25. Januar 2017, 19:48

Das gefällt mir von den letzten PARADISE LOST Alben wohl auch am besten. Ich meine, richtig schlecht finde ich nichts, was ich von der Band kenne (wobei ich die ganz kontroversen Sachen wie "Host" noch nicht kenne), aber bei diesem Album hab ich auch wieder etwas Begeisterung verspürt. Das liegt auch am gehobenen Death-Metal-Anteil.
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Re: Der Kurzreview-Thread

Beitragvon Eike » Mittwoch 25. Januar 2017, 22:40

"Host" finde ich auf seine Weise gut. Aber das bricht einfach hart mit den Fan-Erwartungen. Ich vermute, es wäre der Band nicht so übel genommen worden, wenn es als Nebenprojekt unter anderem Namen verlegt worden wäre. Andrerseits verstehe ich die Band, dass sie sich, was in dieser Formation eingespielt wurde, und was ihr selbst schlüssig erscheinen musste, nicht als "Fremdkörper" "wegnehmen" lassen wollte.
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Re: Der Kurzreview-Thread

Beitragvon Eike » Donnerstag 26. Januar 2017, 00:30

DAVID BOWIE - "Hours"

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Das wohl abgeklärteste, gelassenste, melodischste, eingängigste, rundeste, pop-affinste, geradlinigst vor sich hin rockelndste Album von Bowie dürfte "Hours" sein. Böse Zungen könnten sagen, seicht; und tatsächlich ist es das Album, an dem ich mich am ehesten übersättigen kann, wenn ich es in kurzen Abständen öfter höre, und das, welches am ehesten im Hintergrund unterzugehen droht. Andererseits: Selbst schuld, wer es im Hintergrund hört, denn dafür ist es dann eben doch nicht gemacht. Bloß, weil etwas glatt klingt, ist es noch lange nicht billig zusammengeschustert. Außerdem: Die Texte; da hat Bowie die später noch radikaler ausgelebte Wendung begonnen, sich mit endgültigen Themen wie Vergänglichkeit, Zeit, Alter, Tod, Glaube, Nichtglaube auseinanderzusetzen. Zudem heißt ein milder Bowie auch aus dem Grund noch lange nicht ein banaler Bowie, weil hier musikalisch schon sehr viel Abwechslung herrscht, auch wenn die glatte und vom Grundton her einheitlich wirkende Produktion das für unaufmerksame Ohren etwas überspielt. Es ist eben eine Albumproduktion eher als eine Songproduktion. Ich würde behaupten, dass das Album für Bowie-Einsteiger, die ein wenig Furcht vor dem vermeintlich zu abgedrehten, proggig-experimentellen Zausel haben, sehr gut geeignet ist. Es sei denn, sie wünschen ein durchweg rockig klingendes, dann sollten sie zuerst zu "The Man Who Sold The World" greifen. Das man zusammen mit "...Ziggy Stardust..." sich eh holen sollte. Und auch mit "Heathen", der Weiterführung der "Hours"-schen Thematik in noch weniger rocktypischer Form.
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Re: Der Kurzreview-Thread

Beitragvon Eike » Donnerstag 26. Januar 2017, 18:15

BILLY BRAGG & JOE HENRY - "Shine A Light. Field Recordings From The Great American Railroad"

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Ein klassisches Motiv zahlreicher Songs all der Blueser, Countrymusiker, Folksänger, Jazzer, Rockpoeten und Songschreiber seit jeher sind einsame Pfade, Wanderwege, Straßen und - Eisenbahnen. Womit wir beim Thema sind. Selbiges bietet sich an, nicht nur da die Reise als solche Sinnbild für den Lebensweg sein kann, sondern auch, weil die Eisenbahn eng mit der Geschichte und Kultur der Arbeiterschaft verbunden ist, aus der sich das frühe Musikantentum und erste Stammpublikum der vorgenannten Genres rekrutierte. Eisenbahner, das waren in der großen Masse Lohnarbeiter, welche Schienen verlegten, und der Verlauf der Bahn folgte dem ihrer Arbeit; wo dann die Arbeit knapp wurde, folgten die Arbeiter wiederum den Bahnstrecken, in der Hoffnung auf neuen Broterwerb. Zudem ist die Geschichte der Eisenbahn auch eine Geschichte von Arbeitskämpfen. Noch weit bis ins zwanzigste Jahrhundert war Schwarzfahren manchmal die einzige Überlebenschance, und noch im zwanzigsten Jahrhundert wurden unliebsame Gewerkschafter von der Polizei mal eben kilometerweit in die nächste Wüstenei verfrachtet und dort einfach ausgesetzt ihrem Schicksal überlassen. Heutzutage jedoch wird im Eisenbahn-Pionierland USA fast nur noch Frachtgut auf Schiene transportiert. Romantiker mögen das bedauern und geschönte Lieder über vermeintliche Freiheiten singen, die damit verloren gegangen seien. Doch ist es weitaus weniger ein Nostalgieprojekt oder eine reine Chronik von Eisenbahnsongs, was BILLY BRAGG und JOE HENRY im Jahre 2016 mit "Shine A Light" vorgelegt haben, sondern vielmehr der Versuch, die Schiene zu neuem Leben zu erwecken, bzw. die Lebendigkeit der durch Schienen verbundenen Orte (Bahnhöfe nämlich) mit ihrer jeweiligen Atmosphäre zu dokumentieren: Klassisches Songmaterial, unterwegs vor Ort neu eingespielt, mit Liveatmosphäre und Raumklang. Aufgenommen in vier Tagen entlang 2.728 Meilen Bahnstrecke von Chicago bis Los Angeles. Produziert hat das Album der Amerikaner JOE HENRY, begleitet wurde er vom Briten BILLY BRAGG, der bereits mit der Alternative-Rock-Band WILCO Songs eines Reisenden in Sachen Musik (WOODY GUTHRIE nämlich) vertont und sich somit auch als "Neigschmeckter" für dieses Projekt qualifiziert hat. Entstanden ist damit ein äußerst authentisches Roots-Musik-Album allererster Güte. Von aufbruchgestimmt bis reisemüde changieren diese Songs voller Sehnsucht und Poesie, von knochentrocken geschottert bis pechgetränkt holzig. Wer mit Rhythm & Blues auch nur das geringste anzufangen weiß, sollte sich dieses Album unbedingt besorgen!
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Re: Der Kurzreview-Thread

Beitragvon Eike » Freitag 27. Januar 2017, 09:43

DARKHER - "Realms"

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Würde man die von DARKHER musikalisch beschriebenen "Realms" betreten wollen? Fraglich... Durchweg düstere Musik wird hier geboten. Die besungenen Reiche klingen ähnlich wie die, über welche ROSE KEMPs "Unholy Majesty" herrscht. Das changiert zwischen Ambient, Doom, Folk, Gothic und Heavy Metal, wenn neben Akustikgitarre auch mal die verstärkten Riffs ausgepackt und auf den berstenden Tisch gewuchtet werden. Aber immer die dräuende Atmosphäre verstärkend. Düstere Klangmagie wird hier zelebriert. BLACK SABBATH mit den Mitteln des Neofolks vermählt, COVEN mit den Extremen des Dooms angereichert, alles durch mehrere Schichten wallenden Nebels gefiltert. Siehst du die Irrlichter am Horizont über dem Moor, oder sind selbst die bloß Einbildung in dieser allumfassenden Düsternis? Ein schaurig schöner Soundtrack zum Gruselfilm im Kopfkino.
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Re: Der Kurzreview-Thread

Beitragvon Eike » Freitag 27. Januar 2017, 13:59

IGGY POP - "Post Pop Depression"

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Da hat sich Iggy (THE STOOGES) sein neues Album von Joshua Homme (KYUSS) produzieren lassen. Die beiden musizieren mit Matt Helders (ARCTIC MONKEYS) am Schlagzeug sowie mit Dean Fertita (QUEENS OF THE STONE AGE), der sich mit Homme die Arbeit an Gitarre und Bass teilt. Man ruft geradezu nach dem Sticker der Supergroup. Noch dazu schwingt neben QUOTSA-Groove auch noch der Geist von "The Idiot" (seinerzeit vom befreundeten DAVID BOWIE produziert) mit. Das riecht gewaltig nach einem neuen Klassiker in der Diskographie. Ist es auch! Nach dem anzüglichen Eröffnungsstück folgt mit 'Gardenia' dann auch gleich ein wahrer Groover vor dem Herrn: Rhythmisch, bluesig, post-punkig, zwingend. Ein Hit! Diese laszive, klassische Mischung aus Punkdreck, elektrisch verstärktem Garagen-Blues, gediegenem Artrock und charismatischem Gesang, wie sie kaum wer außer Iggy derart elegant verrotzt hinbekommt, zieht sich einmal mehr durchs gesamte Album, diesmal allerdings gepaart mit der hintergründigen Melodieseligkeit und lässigen Eingängigkeit der jüngeren Homme-Werke. Die absolute Garstigkeit ist vorbei, aber zahm oder gar zahnlos tönt Iggy deswegen noch lange nicht. Vielmehr düster. 'American Valhalla' etwa klingt einmal mehr nach sprödem Abgesang, 'In The Lobby' nach Sex und Tod, 'Sunday' nach einer sinistren Version von Bowie. Iggy sprechsingt, nuschelt, knurrt, juchzt, jault, und bisweilen singt er auch richtig schön, mit seiner knorrigen Alte-Männer-Stimme. "Post Pop Depression" hat den Funk, allerdings weniger im Genre-Sinn. Doch es hibbelt und groovet, es juckt und kratzt allerorten. Bei wiederholtem Hören eröffnen sich erst: Feine Details, grob gekörnt. Da dreht er seine Kreise, der 'Vulture', die Luft steht still, und es riecht nach Angstschweiß und Wagenzieherochsenkot auf heißestem Sand. Da werden dekadente 'German Days' besungen, und es klingt fast schon wieder etwas nach Cabaret, old chum. Da gibt es eine lässige Halt-es-durch-Halbballade einerseits, und andererseits einen Traum vom Macht-doch-euern-Scheiß-alleine-Stiftengehen unter Palmen. So long, fuckers! Giften kann er schon noch, wenn er nur will. Aber welches Tier sollte ihm das wert sein? Das Alphatier ist doch eh Iggy selbst, nach wie vor. Souverän zurück gemeldet!
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