Postrock

Pop, Jazz, Elektronika, Rap, Volksmusik...

Postrock

Beitragvon Eike » Samstag 9. Juli 2016, 00:14

Nebenan war es etwas offtopic; ich meine, hier ist es besser aufgehoben. Vielleicht hätte ich es auch unter (musikalische) Frage des Tages posten können, aber da versandet man erfahrungsgemäß noch eher als im Ursprungsposting. Daher hier:


Ich finde es interessant, zunehmend geäußerte Abneigungen gegen Postrock zu lesen. Das steigt aus meiner Sicht seit geraumer Zeit etwa in dem Maße, in dem immer mehr Bands auf einen Zug aufspringe; nämlich alles, was irgendwie riffbasiert und mit möglichst wenig melodischer Entwicklung stoisch und weitgehend instrumental vor sich hin läuft und texturell breit/verwaschen produziert wurde, mit diesem Label zu versehen. Vermutlich Bands, die irgendwann mal GSY!BE oberflächlich gehört haben, das Soundbild mochten, aber einfach keine hinter der Produktionsoberfläche vergleichbar guten/ausgefeilten Nummern schreiben konnten oder wollten, und dachten, Postrock wäre bloß an dieser Soundschraffur festzumachen und gar über diese definiert. Dabei war das mal ein Sammelbegriff für alle möglichen unterschiedlichen Soundschmieden, die vom rocktypischen Aufbau sich entfernt hatten, um abwechslungsreicher, freier, experimenteller statt monotoner, klanggebundener, formulaischer zu klingen. Also das genaue Gegenteil. Aber genau dieser Sound wird jetzt als postrocktypisch kritisiert. So eine extrem gegenläufige Umdefinierung ist mir noch bei keiner anderen Musikrichtung untergekommen. Bei Postpunk denkt doch auch niemand, da müssen jetzt das Schlagzeug immer genau wie bei Joy Division klingen. Warum wird dann Postrock aber auf einmal von so vielen nahezu ausschließlich auf einen bestimmten Gitarrensound reduziert, außer dem dem angeblich noch dazu möglichst wenig passieren solle ?
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Postrock

Beitragvon Eike » Montag 8. August 2016, 01:34

Ich empfehle hier nochmal PAATOS.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Postrock

Beitragvon Permafrost » Sonntag 14. August 2016, 21:29

Ihre Stimme gefällt mir ausgezeichnet gut!

Als ich heute mal meinen Bandcamp-Bookmarkordner ausgemistet habe, habe ich die hier noch gefunden:
https://oceandistricts.bandcamp.com/ (Tip: Discovery) Nicht total herausragend, wie IF THESE TREES COULD TALK, aber finde die noch gut.
https://yurigagarinswe.bandcamp.com/ Eher Space Rock, aber kann man sicher auch in Post reinpacken. Post-Space-Rock? ;) Die Coverarts sind sehr hübsch!
Benutzeravatar
Permafrost
Hobbymetaller
 
Beiträge: 1449
Registriert: Dienstag 1. Januar 2013, 17:56
Wohnort: Zürich

Re: Postrock

Beitragvon salisbury » Donnerstag 18. August 2016, 01:07

Oh, Eike, sehr interessanter Beitrag, den ich jetzt erst gesehen habe. Ich kann nicht für andere Redakteure hier sprechen, aber mit Hinblick auf Dein Posting benutze ich "Post-Rock" möglicherweise auch falsch. Zumindest falsch im Sinne der ursprünglichen Definition. Mir ist klar, dass es Post Rock auch schon vor den 2000ern gab (TORTOISE z.B) , aber mit steigender Popularität hat sich zumindest bei mir die Vorstellung eingebürgert, Post Rock sei alles zwischen GSY!BE, MOGWAI, MONO, EXPLOSIONS IN THE SKY, GOD IS AN ASTRONAUT und alle stilistischen Ausfranselungen. Repetition und extreme Laut/Leise-Dynamik sehe ich hier als Hauptmerkmale.

Auch wenn es formal (oder historisch) falsch ist, halte ich mich bei den Genre-Beschreibungen gerne an das aristotelische Prinzip: Richtig ist was die Mehrheit als richig ansieht und deshalb so verwendet, auch wenn es in einem steten Wandel ist, was "richtig" ist.

Dabei war das mal ein Sammelbegriff für alle möglichen unterschiedlichen Soundschmieden, die vom rocktypischen Aufbau sich entfernt hatten, um abwechslungsreicher, freier, experimenteller statt monotoner, klanggebundener, formulaischer zu klingen


Hierzu sagt man ja auch gerne "Avantgarde", oder? Man könnte auch "progressiv" sagen aber wieder dieser doofe Begriff "progressiv im Wortsinn" auf. Ich muss bei deiner obigen Beschreibung an BENT KNEE denken und die werden stilistisch fast überall hin sortiert, nur nicht in die "Post-Rock"-Ecke.

Vielleicht magst Du ja mal ein paar Beispiele für "Ur-Post-Rock"-Bands geben, um diesen Begriffswandel auch ohrentechnisch begreifen zu können ;-)
Realer Name: Thomas Becker
Benutzeravatar
salisbury
Musikredaktion
 
Beiträge: 22800
Registriert: Samstag 10. April 2010, 15:52
Wohnort: München

Re: Postrock

Beitragvon Eike » Donnerstag 18. August 2016, 04:07

AEREOGRAMME
- zwischen Melancholie & Noise, bzw. sich in Noise ertränkende bzw. darin wegschwimmende Traurigkeit...
- Klangbeispiele: 'Post-Tour, Pre-Judgement', 'Indiscretion #243', 'No Really, Everything Is Fine', 'The Unravelling', 'Conscious Life For Coma Boy'
- Irgendwie glaube ich, dass diese Band am ehesten blautierlich sein könnte...
- Es gab auch mal eine Kollabo mit ISIS (aus der "In The Fishtank"-Serie); Beispiel: 'Low Tide'.

A SILVER MT. ZION
- sehr wandelbar; anfangs fast klassisch und eher melancholisch, dann teilweise folkig, schließlich fast noisig...
- Klangbeispiele: 'Stumble Then Rise On Some Awkward Morning', 'Movie (Never Made)', 'For Wanda', 'Horses In The Sky', 'Austerity Blues'

BARK PSYCHOSIS
- eine der ersten Bands, deren Werk als Post-Rock bezeichnet wurde; eher THE CURE als KYUSS im Rockanteil...
- Klangbeispiele: 'The Loom', 'Pendulum Man', 'The Black Meat', 'Burning The City', 'Shapeshifting'

DISCO INFERNO
- widersprüchliche Gefühlswelten in Lo-Fi, fröhlich bis kaputt, fragil bis zermalmend, elegisch bis zerstörerisch...
- Klangbeispiele: 'Starbound: All Burnt Out & Nowhere To Go', 'Even The Sea Sides Against Us', 'A Whole Wide World Ahead', 'I'm Still In Love', 'It's A Kid's World', 'When The Story Breaks'

MOGWAI
- ebnete neben GY!BE Weg in Mainstreamwahrnehmung, klingt dabei kaum nach "modernem" Repetitivriffrock...
- Klangbeispiele: 'Cody', 'Hunted By A Freak', 'Death Rays'

THE NOTWIST
- elektronisch bis schrammelig, kribbelig bis elegisch, einfache Singalongmelodien, trippige Rhythmen...
- Klangbeispiele: 'Chemicals', 'Consequence', 'Sleep', '7 Hour-Drive'

SLINT
- indiemäßig genreverwurstend, noisig bis niedlich, von post-coreig bis post-thrashig bis post-jazzig ist alles dabei...
- Klangbeispiele: 'Charlotte', 'Nosferatu Man', 'Washer', 'Glenn'

STEREOLAB
- psychedelisch, verspielt, poppig, verspult, stets im Umbruch, einfach leichtfüßig bis schwermütig zugleich, ...
- Klangbeispiele: 'Wow And Flutter', 'The Black Arts', 'Silver Sands'

TORTOISE
- flirrend, perlend, jazzig, rhythmisch hibbelig, melodisch seicht, ...meistens; aber 'Monument Six One Thousand' ist beatlastig noisig, und 'Rock On' ist post-bluesig-düster, was sich von den übrigen Beispielen abhebt...
- Klangbeispiele: 'Magnet Pulls Through', 'Night Air', 'TNT', 'Ten-Day Interval', 'Penumbra', 'Monument Six One Thousand', 'Rock On', 'Tesseract'

Ich hätte noch GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR nennen können, oder SIGUR RÓS, aber die sind hier ja eh bekannt.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Postrock

Beitragvon Schaf » Donnerstag 18. August 2016, 07:21

Beinahe vergessenes Urgestein des Post-Rock: LABRADFORD

- sehr in sich gekehrt, ambient, mal knarzig-dronend, mal sanft säuselnd, tausendmal besser als GY!BE es je sein werden
- Klangbeispiele: 'C. of People', 'Star City, Russia', 'Disremembering', 'Twenty' (← für letzteres braucht ihr evtl. Proxtube o.ä.)
Benutzeravatar
Schaf
Metalhead
 
Beiträge: 3250
Registriert: Samstag 4. Oktober 2014, 18:45
Wohnort: Das Herz Preußens

Re: Postrock

Beitragvon Permafrost » Donnerstag 18. August 2016, 18:30

Schafilein, hier gibst du mir aber gleich eine ganze Herde an Bands, mit denen ich mich jetzt bemähen, eeh befassen darf.
Benutzeravatar
Permafrost
Hobbymetaller
 
Beiträge: 1449
Registriert: Dienstag 1. Januar 2013, 17:56
Wohnort: Zürich

Re: Postrock

Beitragvon Eike » Donnerstag 18. August 2016, 20:21

salisbury hat geschrieben:Repetition und extreme Laut/Leise-Dynamik sehe ich hier als Hauptmerkmale.
Das kannst du auch im Metalcore haben...


salisbury hat geschrieben:
Dabei war das mal ein Sammelbegriff für alle möglichen unterschiedlichen Soundschmieden, die vom rocktypischen Aufbau sich entfernt hatten, um abwechslungsreicher, freier, experimenteller statt monotoner, klanggebundener, formulaischer zu klingen


Hierzu sagt man ja auch gerne "Avantgarde", oder? Man könnte auch "progressiv" sagen aber wieder dieser doofe Begriff "progressiv im Wortsinn" auf.
Naja, progressiv schon, aber die historischen Postrock-Vorreiter haben halt deutlich weniger gerockt (und noch weniger gerollt), als dass man das noch mit ProgROCK dergestalt erfasst hätte, dass damals nicht jeder gleich an solobasierte Musik (bzw. Musik mit hohem Stellenwert des virtuosen Solos) gedacht hätte.

Der Avantgardebegriff ist problematisch, weil er a) Vorreiterbewusstsein/Elitismus und b) Militanz suggeriert; so streng klingen die frühen Postrockbands aber aus meinem Hörwinkel ganz und gar nicht.

Wenn du heute definitiv mit laut/leise-dynamischer Riffrepetition daher kommst, dann hat das im Falle des LONG DISTANCE CALLING-Debüts zwar durchaus klangliche Schnittmengen mit GY!BE, aber LDC tut nun mal deutlich heftiger ROCKen als viele 4/4-Takt-Schlager, die sich heute so als Heavy Metal oder Heavy Rock ausgeben. DA ist die Frage aus meiner Sicht berechtigter, warum man das nicht einfach Progrock oder noch einfacher Instrumentalrock oder (instrumentalen, atmosphärischen Riff-) Rock nennt.

Wie empfindest du denn die obigen Klangbeispiele, und was ist aus deiner Sicht näher am (klassischen Prog-) Rock - der alte oder der neue Postrock?

Aus meiner Sicht ergibt das "Post-" in der Begrifflichkeit nach neuerem Standard oft kaum noch einen Sinn.
Zuletzt geändert von Eike am Donnerstag 18. August 2016, 20:25, insgesamt 1-mal geändert.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Postrock

Beitragvon Eike » Donnerstag 18. August 2016, 20:24

...
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Postrock

Beitragvon salisbury » Donnerstag 18. August 2016, 21:55

Eike hat geschrieben:
Wie empfindest du denn die obigen Klangbeispiele, und was ist aus deiner Sicht näher am (klassischen Prog-) Rock - der alte oder der neue Postrock?



Ich gebe hier Bescheid wenn ich die Zeit (und Lust) zum Hören hatte. Einige der gelisteten kenne ich aber schon. MOGWAI z.B. ist auch stilistisch extrem offen, schon auf "Mr. Beast" klingen die Lieder ziemlich unterschiedlich. Von AEREOGRAMME habe ich auch eine CD, die ich eher weniger in die "Post"-Schublade sortieren würde.

Ich gebe zu, anständige oder verständliche Definitionen für diesen "Post"-Prefix habe ich nie gefunden. Das war eher learning by doing. Ich habe diese Instrumental-Musik über das ECLIPSED entdeckt und dort habe ich für eine Band wie RED SPAROWES eigentlich alles gefunden. Art Rock/ New Art Rock / Post-Rock.

Ja, du hast recht mit der Feststellung, dass der "Post"-Sticker für Bands eher lästig wird (vor fünf-zehn Jahren wollte ihne jeder haben, der "Innovation" für sich beanspruchte). Gerade habe ich zwei CDs von Bands aus der Schweiz vorliegen, die das "Post-Rock-Etikett" gerne ablegen würden, weil sie mit ihrer Musik "neue Perspektiven" erschaffen wollen.

Ich habe ehrlich gesagt nichts gegen den Überbegriff "Instrumental Rock". Das ist neutral und deskriptiv und kann auch instrumentaler Post Rock sein. Mehr erfährt man dann beim Hören/Review lesen.
Realer Name: Thomas Becker
Benutzeravatar
salisbury
Musikredaktion
 
Beiträge: 22800
Registriert: Samstag 10. April 2010, 15:52
Wohnort: München

Nächste

Zurück zu Everything but Rock'n'Roll

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 17 Gäste