Europe

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Beitragvon Rüdiger Stehle » Montag 22. Februar 2016, 22:23

Möglicherweise hat mich die Suchfunktion mal wieder gelinkt, aber egal, notfalls haben wir halt zwei Threads, die wir dann wieder verbinden dürfen. Nachdem mich Pillamyds Jahrescharts dazu animiert haben, nun endlich ernst zu machen mit meiner Vergangenheitsbewältigung in Sachen Europe, möchte ich euch nun auch an meiner Entdeckungsreise teilhaben lassen. Die läuft natürlich chronologisch, und dieses ist der erste Streich.

Gekannt habe ich die Band und einige ihrer Hits natürlich schon immer, sie ein oder zweimal auf einem Festival live gesehen, bei Singstar zum letzten Hinunterzählen Alles gegeben, aber irgendwie habe ich dann doch nie die Kurve gekriegt, tiefer einzusteigen. Wie gesagt: Jetzt war der Auslöser endlich da, und daher "arbeite" ich mich nun chronologisch vorwärts durch die Diskographie. "Arbeiten" in Anführungszeichen, weil es doch deutlich mehr Vergnügen denn Arbeit zu werden scheint.

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Aktuell ist das 1983er-Debüt an der Reihe, und das ist ein weiteres recht eindrucksvolles Beispiel in einer langen Reihe von legendären Debütalbum großer Bands, bei denen man doch ziemlich staunen muss, was für junge Burschen damals solche Werke unter die Leute gebracht haben. Der Tempest war ja damals gerade mal zwanzig Jahre jung und die Bandphotos sprechen an sich Bände...

Auf jeden Fall finde ich schon mal das Einstiegstriple mit 'In The Future To Come', 'Farewell' und 'Seven Doors Hotel' sensationell gut, ebenso das Instrumental und 'Children of This Time'; und auch 'Memories' hat trotz der "Wohoho!"-Chöre was für sich. 'The King Will Return' hat einen etwas seltsamen Flow und wirkt auf mich etwas hölzern, und 'Words Of Wisdom' und 'Paradize Bay' sind mir nach den ersten paar Durchläufen ein bisschen zu flach, auch wenn die erstere eigentlich eine ganz hübsche naive Ballade mit leichtem HEEP-Touch ist. Aber die genannten Highlights sorgen auf jeden Fall schon mal für einen ganz dicken Daumen nach oben und ich freue mich schon auf "Wings Of Tomorrow".
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Re: Europe

Beitragvon Rüdiger Stehle » Montag 22. Februar 2016, 23:32

So, und hier ist der zweite Akt - Livereview des Zweitlings:

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Bevor ich die Scheibe einlege, muss ich natürlich erst einmal das wirklich tolle Artwork loben. Falke, Mars, Stahl, Weltall... herrlich!

Der Opener 'Stormwind' ist schon mal eine Melodic-Rock-Hymne vor dem Herrn, die auch meine ewigen Genrehelden von Praying Mantis nicht besser machen hätten können. 'Scream Of Anger' kommt dann tatsächlich überraschend brachial und heavy aus den Boxen, Tempest screamt auch metallischer als üblich. Das dürfte der bis dahin härteste Song der Band sein und auch direkt ein Stück, das das Zeug zu einem Lieblingssong hat. Ein echter Überhammer!

Mit 'Open Your Heart' wird's dann natürlich erst einmal schmalzig. Doch die Akustikgitarren, und die Basseinsätze sind auch hier der Hammer. So müssen 80er-Power-Balladen klingen. 'Treated Bad Again' weiß dann mit einem tollen Groove, pumpendem Bass und flammenden, bluesigen Soli zu begeistern, und mit einem tollen "epischen Zwischenstück". :grins:

Der Titelsong fällt mit dem ausgiebigen Gitarrenfeuerwerk auf, und mit den Falsett-Parts, ansonsten ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber ich bin mir sicher, dass der noch deutlich wachsen wird. 'Wasted Time' ist dann wieder richtig stark, dynamisch, treibend, dramatisch, flüssig, tolle Bassparts, viel Neoklassik bei der Leadgitarre. 'Lyin' Eyes' setzt dem vom Drive her noch mal eins drauf, richtig schön speedig geraten, das Teil.

So, dann kommen wir langsam zum Ende: Zunächst die epische Pianoballade "Dreamer", die mich ein bisschen an Sachen wie "Temple of the King" von RAINBOW erinnert. Ganz großes Breitwand-Balladenkino! Und nun das Finale: 'Dance The Night Away' - ein richtig fetziger Rock'n'Roller, der das Album knackig abschließt.

Diese Scheibe wird definitiv noch oft bei mir laufen!



Einzige winzige Schwäche, die mir bei meinen bisherigen Europe-Streifzügen auffällt, ist die Tendenz, hin und wieder mal richtig tolle Songs ein wenig zu einfallslos ausfaden zu lassen. Das kann ich gut verschmerzen, aber hier und da ist es etwas schade.
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Re: Europe

Beitragvon Siebi » Dienstag 23. Februar 2016, 10:58

Rüdiger, was für eine wunderbare Geschichte, die Alben zu kaufen und nun zu reviewen, ich lese fleißig mit. Die Band ist ein echter Melodic-Hit, ein Garant für gute Laune und gute Musik. Früh- wie Neuwerk, tolle Band, die ohne viele Fremdschreiber Songwriting und Arrangieren beherrscht.
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Re: Europe

Beitragvon Peter Kubaschk » Dienstag 23. Februar 2016, 11:23

Ja, die "Wings Of Tomorrow" ist wirklich bockstark. Sollte ich auch mal wieder auflegen.
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Re: Europe

Beitragvon Pillamyd » Mittwoch 24. Februar 2016, 20:21

Sehr schön Rüdiger!
Finde ich toll, dass du dafür so einen ausführlichen Thread aufgemacht hast. Könnte ruhig öfters passieren sowas :dafuer:

Ich höre auch auf die Empfehlungen und höre mir die alten Alben auch an. Allerdings nur über spotify. Und dann werde ich dazu auch etwas schreiben :)
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Re: Europe

Beitragvon Rüdiger Stehle » Donnerstag 25. Februar 2016, 01:53

So, und weil wir von vorne nach hinten durchzählen kommt jetzt natürlich die unvermeidliche dritte Scheibe:

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Auch wenn es vorgestern das erste Mal war, dass ich mich bewusst hingesetzt habe, um dieses Megaseller-Album am Stück durchzuhören, kommt es wenig überraschend, dass ich natürlich doch jeden Song bereits kannte. Das Titelstück, 'Carrie' und 'Cherokee' hatte ich auch stets als Europe-Klassiker auf dem Schirm, doch auch die anderen Songs sind letztlich so bekannt, dass ich mich ihnen offenbar nicht entziehen konnte, auch wenn ich nicht präsent hatte, wohin ich die tun muss.

Was ist zu "The Final Countdown" nun zu sagen? Nun, ich gehöre ja grundsätzlich nicht zu den Leuten, die sich über die kommerziell erfolgreichen Pop-Alben von Rocklegenden aufregen. Zumindest nicht, wenn sie gut sind, denn Underground sein ist ja kein Selbstzweck.

Beim eingangs genannten Chartbreaker-Triple kann ich natürlich gut nachvollziehen, dass sich der eine oder andere an den Songs abgehört hat, wie es vielen halt auch mit "Smoke on the Water", "Fear of the Dark" und "Nothing Else Matters" geht. Aber auf der anderen Seite: So funktioniert das eben mit Welthits. Die sind in ihrer zwingenden Eingängigkeit halt manchmal ein bisschen penetrant. Doch, was soll's? Im Endeffekt wird man sich den "Letzten Hinunterzähl" aus der modernen Pop-, Sport-, Eventkultur niemals mehr wegdenken können, weil er eben epischen Stadionrock-Bombast zelebriert wie kaum ein anderes Lied. 'Carrie' ist ein schnulziger Schmachtfetzen, der so sehr "Achtziger!" schreit, wie es nur geht. Wer da keine 80er-Haarspray-Braut aus einem Hollywood-Film aus jener Zeit vor Augen hat, der ist definitiv zu jung, oder viel zu alt, oder komisch. Und "Cherokee", jo, der kann von den drei Megahits eigentlich am meisten. Indianderromantik und Sozialkritik in einem nachdenklichen, dunklen Bombast-Stampfer, der trotzdem eingängig ist und kommerziellen Erfolg erzielen konnte.

Die übrigen Songs sind aber nicht unbedingt schlechter als die Hits. 'Rock The Night' ist ein schöner, intensiver Rocker mit toller Bridge, dessen Refrain mich nicht ganz kickt, aber auch cool ist. 'Danger On The Track' erinnert mich ein bisschen an Chicago und 'Ninja' bietet richtig starken, keyboardschwangeren, pianolastigen, pompösen AOR/Melodic Rock. 'Time Has Come' fängt extrem schnulzig an, wird dann aber heavier mit dominanten Backing Chören und großartigen Leadvocals von Joey Tempest, während die Band zum Ende hin mit dem bärenstarken 'Heart of Stone', dem verhältnismäßig heavy bratenden Rock'n'Roller 'On The Loose', der in Sachen Keyboards etwas zurückhaltender ist. Der Nausschmeißer 'Love Chaser' wetzt diese "Scharte" dann aber wieder aus und bringt mit starkem Tasten- und Chor-Einsatz nochmals amtlich melodisch die Anhänger der gepflegten AOR-Schule zum Rocken.

Ja, alles in allem hat "The Final Countdown" mir fast ein bisschen zu viel Bombast und Keyboard, was Gitarrist John Norum wohl auch so sah und danach seinen Hut nahm, doch dessen ungeachtet ist es halt ein Hitfeuerwerk der allerersten Ordnung und als solches völlig zur Recht das "Make it"-Album der Band. Im hardrockig metallischen Untergrund mag es mancher als "Break it"-Album werten, wie halt auch wahlweise Metallicas Schwarze, "Keeper of the Seven Keys" oder "Countdown to Extinction", aber Leute, mal ehrlich, ohne diese Hits die jeder kennt, und ohne die Megaseller-Alben wäre die Szene doch auch viel ärmer.

Meine Favoriten auf der Scheibe sind tatsächlich die letzten drei Songs und 'Cherokee', aber wie gesagt: Ich mag auch die vermeintlich totgenudelten Welthits. Vielleicht, weil sie bei mir eben in den Achtzigern nicht ganz so oft gelaufen sind wie bei anderen Leuten, weil ich da immer nur Manowar hören musste.
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Re: Europe

Beitragvon Rüdiger Stehle » Donnerstag 25. Februar 2016, 03:05

Und als Betthupferl noch die Nummer 4, die heute und gestern drei bis viermal bei mir gelaufen ist:

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Die Reise geht für mein Empfinden noch ein kleines Stückchen mehr in Richtung AOR und keyboardschwangeren Melodic Rock als auf "The Final Countdown" eh schon. Stört mich kein bisschen, denn was bei Europe allzeit vorhanden ist, das ist ein untrügliches Gespür für eingängige und ohrwürmelnde Melodien, das sich einmal mehr durch alle Stück zieht.

Beim Opener 'Superstitious' muss ich einmal mehr an Chicago denken, aber auch an Rainbow zu Graham-Bonnet-Zeiten. Dass es bei 'Let The Good Times Rock' ein gutes Stück weit groovender und rock'n'rolliger zugeht, verrät ja bereits der Titel, auch Joeys Gesang hat hier etwas mehr Blues abbekommen. Die Leadgitarren sind hier wunderbar geraten. An dritter Stelle steht einmal mehr eine Power-Halbballade mit akustischem Intro, starkem Keyboard-Einsatz, einem sehr hübschen Storyteller-Gesang und starken Bass-Einsätzen - 'Open Your Heart' besticht allerdings auch mit seinen Stimmungswechseln in etwas dramatischere Gefilde.

Mein erstes richtiges Highlight des Albums ist 'More Than Meets The Eye', das mich irgendwie ein bisschen an meine langjährigen Faves von DEMON um etwa die selbe Zeit herum erinnert ("Breakout"). Allgemein habe ich die Assoziation auf dieser EUROPE-Scheibe immer mal wieder, obwohl ich nicht glaube, dass da größere Inspirationsströme zwischen den beiden Bands hin- und/oder hergeflossen sind. Hammond-Sounds leiten das gefühlvolle 'Coast To Coast' ein, das sich als doch etwas arg schnulzige Popnummer mit Fanfaren und Chor-Overkill präsentiert.

Danach zieht die Scheibe dann zum Glück wieder an und zieht mit 'Ready Or Not' ihr zweites Ass, denn der Song hat einen feinen Drive, Joey Tempest phrasiert vor allem die Bridge richtig stark, der Chorus rockt und die hinterhältige Gitarren-Hookline drückt echt mächtig. Das ebenfalls gelungene 'Sign Of The Times' und 'Just The Beginning' wirken auf mich ein wenig wie Fortsetzungen zu 'The Final Countdown', atmen sie doch den selben Hochglanz-Bombast mit leicht spaciger Note. Einen Tick besser gefällt mir dann wieder 'Never Say Die', das sehr lässig 70er-Bluesrock und 80er-Glam verknüpft und dabei einen guten Schuss Uriah Heep mit verbrät. Letzteres tut dann auch das tolle 'Lights And Shadows', das so ähnlich auch wunderbar auf eine aktuelle Heep-Scheibe passen würde. Joey Tempest klingt hier auch Bernie Shaw gar nicht so unähnlich.

Und so kommen wir mit dem rhythmischen, außergewöhlich arrangierten 'Tower's Calling' und dem finalen, stark orchestrierten Piano-Schmalz-Ballade 'Tomorrow' langsam zum Ende, die auch ein Elton John nicht kitschiger hinbekommen hätte.

Als Fazit dieser Scheibe, der ersten ohne Gitarrist John Norum und mit Ersatz Kee Marcello, bleibt für mich, dass sich die Band für meinen Geschmack teilweise doch ein bisschen zu weit mit Keyboard-Zuckerguss in stadionrockende Pomp-Dimensionen und Balladensäuseleien vorwagt, und mir damit bei einigen Songs ein kleines bisschen zu dick aufträgt. Dementsprechend sind meine Highlights der Scheibe auch die Songs, die ein bisschen erdiger oder dunkler und hintergründiger sind. Dennoch kann ich mir auch diese Scheibe wunderbar am Stück anhören. Nur nicht ganz so oft wie "Wings of Tomorrow"...
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Re: Europe

Beitragvon Peter Kubaschk » Donnerstag 25. Februar 2016, 11:30

Bisher kann ich jede Zusammenfassung so unterschreiben. Bin gespannt, wie du die neuen Sachen im Vergleich zu den 80ern siehst.
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Re: Europe

Beitragvon mike » Donnerstag 25. Februar 2016, 13:58

Rüdiger Stehle hat geschrieben: Rainbow zu Gary-Barden-Zeiten.


Gary Barden war doch nie bei Rainbow, oder? :?
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Re: Europe

Beitragvon Peter Kubaschk » Donnerstag 25. Februar 2016, 14:56

Er meint wahrscheinlich Graham Bonnet.
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