GORGUTS

Re: GORGUTS

Beitragvon Jesus » Sonntag 18. August 2013, 19:12

Mal rauskopieren:

Ich hat geschrieben:Bild
GORGUTS "Colored Sands"
→ Hasst ihr es nicht auch, wenn die Amis einfach nicht colour richtig schreiben können? Beeindruckendes Comeback. Mitreißend dissonantes Geprügel, schweres Geschlurfe, immer wieder durch atmosphärische Parts unterbrochen. Zeitweise schon in den Post-Rock abdriftend! Seinerzeit wurden DEATHSPELL OMEGA von GORGUTS beeinflusst, heutzutage trägt Luc Lemay ein DSO-Shirt und lässt den Einfluss wieder durchscheinen. Aufgrund der erhöhten Melodien leichter verdaulich als "Obscura" und generell nicht so hart wie die Vorgänger, wenn auch manchmal abstrakter. Der weiche Mix ist vielleicht gewöhnungsbedürftig, kratzt dafür nicht so harsch in den Trommelfellen wie "Obscura".


Soll heißen, der Ersteindruck nach 3 Umrundungen war sehr positiv. Das Instrumental ist auch hübsch gelungen, die schlurfigen Songs à la 'Clouded' gehen gut ins Ohr, die Riffs sind allesamt vom Feinsten, Luc klingt fies und kräftig und auch das dissonante Chaos ist eingängig. Im Gegensatz zu Havoc vergebe ich für gewöhnlich nicht vorschnell irgendwelche Notentendenzen, aber das dürfte schon wenigstens eine 7,5 bis 8 werden.

Spoiler-Alarm: Die Scheibe kackt im Soundcheck sowas von ab :grins:
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Re: GORGUTS

Beitragvon Nils Macher » Montag 19. August 2013, 10:46

Jesus hat geschrieben:
Spoiler-Alarm: Die Scheibe kackt im Soundcheck sowas von ab :grins:


Nö. Höchstens in Relation zu den anderen Scheiben, aber mit über 7 Punkten im Schnitt kann man das wirklich nicht so nennen.
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Re: GORGUTS

Beitragvon Jesus » Montag 19. August 2013, 10:56

Irgendjemand hatte seine tiefe Note im Vergleich zur letzten Woche noch schnell revidiert. Über 7 Punkte für ein DM-Album ist natürlich hier schon eine Auszeichnung.
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Re: GORGUTS

Beitragvon Drumtier » Dienstag 27. August 2013, 16:37

Ihr habt euch bestimmt schon gewundert wo denn meine Aufarbeitung der ersten vier Alben bleibt die ich euch versprochen habe? Keine Angst, hier ist sie ja schon:

Considered Dead

Wir schreiben das Jahr 1991 und der Death Metal ist inzwischen als neues Kind der großen Metal-Familie längst etabliert. Es sprießen immer noch neue Pflänzchen dieser Gattung aus dem zu dieser Zeit sehr fruchtbaren Boden und eines dieser Pflänzchen nennt sich GORGUTS aus dem frankokanadischen Boden, der sich ab diesem Zeitpunkt als besonders reichhaltig erweisen sollte. Damals hat man das aber wohl noch nicht unbedingt erkennen können. Was auf Considered Dead geboten wird ist erfrischend neuer aber keineswegs revolutionärer Death Metal wie er damals üblich war. Die Einflüsse vor allem von den Großmeistern von DEATH sind augenscheinlich aber auch OBITUARY und ein wenig CANNIBAL CORPSE hört man raus. Und siehe da, ein Gastsolo gibts von James Murphy (DEATH + OBITUARY) und Hintergrundgesang gibts von Chris Barnes.

Aber zur Musik. Ohne das abwertend zu meinen ist das noch nicht sonderlich originell und ohne Weiterentwicklung wäre auch GORGUTS einer der vielen Namen gewesen die in den späten 80ern/frühen 90ern aufgetaucht und dann wieder verschwunden sind. Was sie in dieser Zeit des Überflusses über Wasser gehalten hat sind zweifelsfrei so manche Merkmale die sie schon damals auszeichneten. Ein Händchen für Melodien das höchstens Chuck auf den frühen Alben schon hatte, wenn auch in ganz anderer Form und ein Händchen für richtig starke Riffs. Oft noch recht thrashig treiben sie die Musik vor sich her und bei aller Ernsthaftigkeit richtig cool und vor allem schön groovig. Ideales Headbang-Material! Auch im Songwriting zeigen sie sich von DEATH beeinflusst, das übliche Strophe/Refrain-Schema wird als Grundgerüst ausgebaut und verfeinert, aber niemals völlig aufgelassen. Die akustischen Intros tragen ebenfalls dazu bei, dass das Album aufgelockert wird und sehr schön hör- und genießbar ist. Für Liebhaber von Old School Death Metal ohne Zögern zu empfehlen aber die dürftens eh schon haben. Auch wer eher die schwedische Schule bevorzugt kann hier bedenkenlos zugreifen und wer eher auf die moderne, technische oder progressive Spielart steht sollte hier ebenfalls alleine schon aus historischen Gründen zugreifen. Wenn ich mir das also so überlege sollte Considered Dead eh jeder haben. Ich schwanke zwischen 8,5 und 9 Punkten, halte mich aber zurück und bleibe bei 8,5 um noch Luft nach oben zu lassen.
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Re: GORGUTS

Beitragvon Drumtier » Mittwoch 28. August 2013, 18:56

The Erosion Of Sanity

Zwei Jahre nach dem Debüt legen GORGUTS also ihr zweites Werk vor. Während dieser zwei Jahre hat sich nicht nur der Death Metal generell verändert, auch die Band hat diese Veränderung mitgetragen. Eine Entwicklung für die DEATH sechs Jahre und 5 Alben gebraucht haben um von der rohen Brutalität der Scream Bloody Gore hin zur technischen Lehrstunde Individual Thought Patterns zu kommen, erledigen GORGUTS aber so ganz nebenbei in eben diesen zwei erwähnten Jahren. Wobei der Vergleich hier nur mehr so zu sehen ist, dass sich beide Bands in Richtung einer ähnlichen Herangehensweise entwickelt haben, die klanglichen Ähnlichkeiten sind hier um ein Vielfaches weniger ausgeprägt als bei ihren jeweiligen Debüts.

Generell fällt es mir schwer The Erosion Of Sanity mit irgendeiner anderen Band zu vergleichen. CANNIBAL CORPSE oder SUFFOCATION könnten einem in den Sinn kommen, aber da ist GORGUTS weniger oder sagen wir "anders" brutal. Es gibt zwar wie auch bei DEATH keine Blasts aber das Ergebnis ist dennoch dreckiger und brutaler als bei den Mannen um Chuck. Großen Anteil haben wieder einmal die Vocals die noch eigenständiger als auf dem Debüt sind und mit einer Inbrunst und Gewalt hinausgepresst werden, dass es eine Freude ist. Dennoch bleiben sie auch ohne Text problemlos verständlich! Weiteren Anteil am einzigartigen Cocktail von The Erosion Of Sanity haben ebenfalls wie schon am Debüt die Riffwände die einem kontinuierlich entgegengeschleudert werden. Diese zeigen sich hier großteils sehr vertrackt, abgehackt und auf eine wunderbar eingängige Weise technisch. Im Gegensatz zu vielen heutigen Technical Death Metal Bands verstanden es GORGUTS aber schon damals zusätzlich zu diesen musikalischen Gustostückerln auch noch diese fies thrashigen Riffs nach vorne peitschen zu lassen oder einfach einmal hemmungslos dahin zu grooven. Paradebeispiel dafür wie man all diese Zutaten flüssig und in einem Song schlüssig vereinen kann ist für mich A Path Beyond Premonition, SO schreibt man Songs und nicht anders. Tempowechsel und Taktartenwechsel zusammen mit der Gabe Teile eines Songs so hintereinander zu packen, zu wiederholen und zu verändern, dass es in jeder Sekunde logisch wirkt, machen eben dieses Album aus.

Ein Wort sei auch noch an die hervorragende Produktion gerichtet. Während sich zu dieser Zeit in Norwegen die Bands gegenseitig übertrumpften wer seine Musik schlechter aufnehmen kann um nur ja keine Ähnlichkeit zum bösen, kommerzialisierten Death Metal aufkommen zu lassen, zeigten diese Burschen, dass man auch völlig unaufgeregt und ohne große Namen ein Album aufnehmen kann, das jedes Instrument perfekt zur Geltung kommen lässt dabei aber nie glattgespült, steril oder anbiedernd wirkt. Die Instrumente die bis jetzt noch gar nicht besprochen wurden aber eben so großartig in Szene gesetzt wurden, sind zuerst einmal der Bass der zwar von keinem Steve DiGiorgio bedient wird aber eine hervorragende Ergänzung und Vervollständigung zu den Gitarren darstellt und nicht einfach nur lästiges Beiwerk ist. Des Weiteren hört man auch zu jeder Zeit ohne Probleme was am Schlagzeug gerade passiert und das ist jede Menge! Auch hier die "Einschränkung", nein, auch hier sitzt kein Gene Hoglan oder Sean Reinert hinter den Pedalen aber die großen Namen waren auf diesem Album sowieso nicht nötig. Wie schon erwähnt gibts an den Drums keine Blastbeats zu hören aber das tut der Intensität der ganzen Angelegenheit keinen Abbruch. Hier wird munter ohne Kompromisse vor sich hin geholzt mit allem was man auf einer Referenzscheibe des Technical Death Metal halt so erwarten würde. Richtig fett, sag ich euch! Aber wozu sag ich euch das? Habt ihr doch eh schon alle! Davon geh ich halt aus, wenn nicht solltet ihr das schleunigst ändern! Das Zielpublikum war zwar bei Considered Dead sicher musikalisch bedingt noch ein Größeres aber da ihr das hier lest, geh ich einfach ganz frech davon aus, dass ihr euch zum potentiellen Zielpublikum zählt und somit diese Scheibe dringend besitzen solltet! 10 Punkte für JEDE andere Band, auf einer auf GORGUTS genormten Skala (die mathematische Umrechnung erspar ich euch) ergibt das herzzerreißende 9 Punkte.
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Re: GORGUTS

Beitragvon Nils Macher » Mittwoch 28. August 2013, 19:31

Schöne Zusammenfassung, Drumtier! Da mir das neue Album ja ziemlich gut reinlief, werde ich da demnächst auf jeden Fall mal das ältere Zeug anhören.
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Re: GORGUTS

Beitragvon Drumtier » Mittwoch 28. August 2013, 21:14

Hui, Publikum?!

Ich freu mich über Gesellschaft und jedes neue Wort, um rechtzeitig zum europäischen Erscheinungstermin (zu dem meine Bestellung aber wohl noch nicht da sein wird... :( ) fertig zu werden, mach ich gleich mit dem nächsten Album weiter.

Obscura

1998, also nach einer fünfjährigen Pause inlusive Austausch von 3/4 der Mitglieder (die letzte Parallele zu DEATH) ging es also weiter mit Obscura, dem legendären dritten Album dieser ebenso legendären Band. Das Überangebot an Death Metal in den frühen 90ern und die explodierende Popularität des Grunge veranlassten u.A. Roadrunner Records viele Death Metal Bands zu entlassen und auch sonst ging es mit vielen Bands zuende. Dennoch schaffte es Luc Lemay wie erwähnt drei neue Mitstreiter aufzutreiben und mit ihnen dieses Experiment zu wagen. In den Rereleases der ersten beiden Alben findet sich in den Liner-Notes eine kurze Zusammenfassung des Schaffens der Band und ich zitiere kurz was darin gesagt wird über "Obscura, an album that made The Erosion Of Sanity look about as complex as two plus two." Und dem ist nichts mehr hinzuzufügen! Da das dann aber eine relativ kurze Besprechung wäre, versuch ichs trotzdem:

Von der ersten Sekunde an ist klar, dass nichts mehr so ist wie man es kannte. Wie man die Band oder Death Metal generell kannte. Denn obwohl sich bis dahin schon einiges getan hatte, gab es so etwas noch nicht. Klar, das Triumvirat aus DEATH, CYNIC und ATHEIST hat die Grenzen des Death Metal schon recht weit ausgelotet und ausgeweitet und auch die noch jungen Landsmänner von CRYPTOPSY haben neue Facetten der Brutalität hinzugefügt, aber nichts kommt an Obscura ran. Irrwitzige Geräuschabfolgen von denen man nur hoffen kann, dass sie mit legalen Mitteln einer Gitarre entlockt wurden deuten schon im Opener und Titeltrack an, was einen erwarten würde. Erwähnenswert auch "Nostalgia" das in anbetungswürdiger Art und Weise zeigt wie man ebenjene Gefühle der Nostalige und Melancholie brilliant mit hochtechnischem und -intesivem Death Metal verbinden kann. Geht mehr unter die Haut als manche Doom Bands sich das je wünschen könnten.

Das technische Potential konnte man auf dem Vorgänger immerhin schon erahnen, wenn auch nicht in dieser Dimension. Was man jedoch nicht erahnen konnte war die Veränderung im Gesang. Standen die ersten beiden Alben ganz in der Tradition der frühen Death Metal Sänger die noch nicht den Weg in gurgelnde Untiefen von SUFFOCATION oder CANNIBAL CORPSE genommen haben, so ist hier der Gesang noch etwas höher aber vor allem viel stimmhafter und weniger verzerrt. Durch die Herangehensweise mit mehr Stimme wirkt das Ergebnis oft in einem sehr guten Sinn hohl und leer aber vor allem extrem real, verzweifelt und tief gequält. Man muss davon ausgehen, dass sich Luc Lemay in den 5 Jahren Pause hauptsächlich von grob zerriebenen Glasscherben ernährt hat. Anders ist diese Qual in der Stimme nicht zu erklären. Anders ist auch diese Qual in der Musik nicht zu erklären, also ja, ich bin eigentlich sogar relativ überzeugt von der Glashypothese. Ein Songtitel wie "La Vie Est Prélude..." klingt in diesem Zusammenhang dann auch ganz und gar nicht nach einer segensreichen Versprechung eines Lebens nach dem Tod nach religiöser Tradition, sondern nach einer bösen und sehr gefährlichen Drohung.
War auf The Erosion Of Sanity das Schlagzeug noch eher Unterstützer des technischen Gemetzels so steht es hier an vorderster Front. Was hier an Taktarten, Rhythmen und Tempi gewechselt wird und mit irren Double Bass und Blast Attacken verfeinert wird, würde für jede normale Band zur Lobpreisung genügen, hier stellt es einfach eine weitere Facette dieses angstbringenden Monsterwerks dar.

Kommen wir zu einem weiteren herausragenden Merkmal dieser Scheibe. Den Soli. Ich bin ein Gitarrensolo-Fetischist, dazu stehe ich und auch wenn ich vor allem auf moderne, neoklassische Sweep- und Tapping-Orgien stehe, so kann es eigentlich nicht besser werden als diese kranke und dissonante Art von Melodie in den hier gebotenen Soli. Hört euch nur die Soli in "Faceless Ones" an. Vor allem das Zweite. Ich könnt jemals weinen wenn ich die Gitarre da so leidend und anmutig schön weinen höre. Hört euch generell "Faceless Ones" an. So eine kurze Nummer, die so viel enthält. Wildeste Raserei, trauriges Geschlurfe, technisches Gefrickel und dieses Übermaß an Emotion. Ich könnt jemals weinen wenn ich Luc Lemay da so leidend und anmutig schön weinen höre. Hat man Qual und Pein und Schmerz und Dunkelheit jemals besser vetont?

Bei einem Album wie diesem bin ich ja eigentlich kein besonderer Fan von analytischem Getue um das instrumentale Können, da es hier nicht im Mittelpunkt steht sondern einfach nur Baumaterial für die Emotionen der Musik ist. Auch Durchbesprechen einzelner Songs mag ich da eigentlich gar nicht, da Obscura (trotz aller Schmerzhaftigkeit dieses Unterfangens) sowieso im Ganzen gehört werden sollte, aber ganz dick unterstrichen werden muss auch noch der sechste Song "Clouded". Könnte man auch als Außenstehender kennen, da das wohl so etwas wie ihr "Hit" ist. Oder zumindest einer ihrer berüchtigsten Brocken. Über 9 Minuten eines zähflüssigen Gemischs aus Hoffnungslosigkeit, Wut, Depression und Verzweiflung über den Grundzutaten Death und Doom Metal. Sprachen wir vorher noch davon, dass die häufigen Wechsel der Taktarten das Hören zu einer Herausforderung machen, so könnte man hier zynisch betrachtet eine gute Nachricht verlautbaren und sagen, dass es darin keinen einzigen Taktwechsel gibt sondern überhaupt nur einen einzigen 600/4 Takt. Zu dieser Erkenntnis könnte man zumindest kommen wenn man dieses endlose Stakkato an Vierteln (oder halt Schlägen) niederprasseln hört, das einem kaum einmal Betonungen, erkennbare Themen oder Wiederholungen anbietet. Von so banalen Begriffen wie "Riffs" hat sich diese Band auf diesem Album sowieso schon längst mit einem verächtlichen Schnauben verabschiedet. Konzentration und oftmaliges Hören erlaubt einem aber irgendwann eine teilweise Entschlüsselung dieses Monolithen und man freut sich über jeden Übergang und jede Passage die man richtig antizipiert. Völlig ohne Worte, absoluter, gemeingefährlicher Wahnsinn.

Es ist mittlerweile dunkel geworden. Ich habe Angst. Ich habe diese unergründliche Dunkelheit samt dieser unterdrückten, gerade noch nicht hervorquellenden Traurigkeit in mir. Aber das gehört so. Weltliche Begriffe wie Kaufempfehlung haben längst jede Bedeutung verloren, selbst so vermeintlich nüchterne Dinge wie Punktesysteme werden nicht einmal mit einem müden Lächeln gewürdigt. Obscura bewertet man nicht. Obscura bewertet dich. Obscura entscheidet ob du würdig bist. Ein Alptraum. Ein Traum. Eine Reise. Eine Legende. Obscura.
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Re: GORGUTS

Beitragvon Drumtier » Donnerstag 29. August 2013, 17:20

Und bevor morgen die Wirtschaftskraft der Welt in die Knie geht weil in den ersten Ländern das neue Album erscheint und sämtliche ansonsten brav arbeitenden Bürger dem Genuss dieser Scheibe anhängen, werd ich noch schnell ein paar Worte zu ihrem letzten Alben loswerden, von dem meistens angenommen wurde, es würde das Letzte überhaupt sein:

From Wisdom To Hate

Das Jahr 2001 war das Jahr in dem tragischerweise Chuck Schuldiner von uns ging. Es war aber auch das Jahr in dem die beiden anderen verbliebenen Einzelgenies des Death Metal, namentlich Luc Lemay und Daniel Mongrain sich auf einem Album zusammenfanden. Die Erwartungshaltung muss nicht nur deswegen sondern vor allem wegen des übermächtigen Vorgängers unermesslich groß gewesen sein. Nicht bei allen wurde sie erfüllt, bei mir aber vollkommen, so viel sei schon vorab verraten. Aber ganz ehrlich, Lemay und Mongrain gemeinsam, was soll denn da schief gehen?

Schon der Opener macht deutlich, dass GORGUTS nicht zurückstecken werden und nicht vom Ereignis Obscura abgestumpft oder verweichlicht wurden. Schnelle Blasts legen das Tempo vor und obwohl die Gitarren hier öfter einmal geradezu "normale" Riffs spielen, wird das Klangspektrum immer noch bis zum Erträglichen ausgereizt. Es geht zwar sehr schnell und brutal zur Sache aber vor allem auch sehr eingängig, also doch ein großer Unterschied zu dem was man kennenlernen durfte und vielleicht auch erwartete. Das geniale Behave Through Mythos folgt und ich kann einfach nicht genug kriegen von diesem fantastischen Refrain mit diesen einzelnen peitschenden Schlägen auf der Snare Drum. Man weiß ja wann sie kommen und geht mit ihnen mit, aber sie ziehen einem trotzdem den letzten Nerv, vor allem zusammen mit Luc Lemay der diese drei Worte voller Leidenschaft und Leid in die Welt growlt.

Dieser erste Absatz wirft nun schon einige Fragen auf: Refrains? Ja, tatsächlich. Hier geht es in Ansätzen wieder zurück zum traditionell gefärbten Songwriting von The Erosion Of Sanity. Es wiederholen sich Passagen, es sind Riffs eindeutig voneinander abzugrenzen und zu erkennen, es können Bezeichnungen wie Refrains und auch Strophen vergeben werden.
Die nächste Frage betrifft vielleicht den Gesang. Ja, keine Angst, der einzigartig gequälte und quälende Gesang wie man ihn auf dem Vorgänger hörte, findet sich auch hier. Man kann auch angesichts der Musik davon ausgehen, dass die Glasdiät nicht gerade reduziert wurde. Was sich notgedrungen verändert hat ist die Intonation und Geschwindigkeit da auf diesem Album das Gaspedal großteils noch stärker durchgetreten wird. Aber bevor das jetzt die ersten Sorgenfalten auf eure schönen Gesichter treibt, hier schon die Entwarnung. Abwechslung wird immer noch groß geschrieben und es gibt genug Gelegenheiten zu langsamen Doom-Passagen in deren Bedrohlichkeit und Finsternis man sich förmlich suhlen kann. Was ich nur sagen wollte ist, dass relativ gesprochen der High Speed-Anteil erhöht wurde und sich das halt auch auf den Gesang auswirkt. "The Quest For Equilibrium" sollte aber sämtliche Sorgen verjagen, in feinster Lava-Manier tropft der Song zerstörerisch langsam auf den Boden, zersetzt von Stopps und Taktwechseln bevor es manchmal doch wieder etwas flüssiger weitergeht.

Noch ein Wort zur Geschwindigkeit, damit ich hier nicht missverstanden werde, sagen wir so, der High Speed-Anteil ist hier kontrollierter und deshalb leichter als solcher fassbar. Die Riffs werden als Gerüst der Musik eingesetzt und sind gleichberechtigter Partner zum Kratzen, Kreischen, Krachen und Knarren von Mensch und Gitarre. Auf ObsKura (sorry für diesen miesen Witz^^) wurde man ja von diesen noch förmlich erschlagen. Ich habe in meinen Anfangstagen einmal ein Review der Konkurrenz zu diesem Album gelesen und da war davon die Rede, dass Obscura aus tausend verschiedenen Richtungen auf einen schießt, während FWTH mit einem einzigen Lichtstrahl genau zwischen die Augen trifft. Dieses Bild eines einzigen, gebündelten, unfassbar kraftvollen Lasers hab ich bis heute nicht vergessen weil es einfach so gut passt.

Die Soli wurden ja von mir auf dem Vorgänger noch speziell herausgehoben, deshalb mach ich das hier auch. Schenkt man dem Booklet Glauben so war Dan Mongrain allein für die Lead Gitarre zuständig und wer mit dem Schaffen seiner Band MARTYR vertraut ist, könnte in den Soli auch die eine oder andere Parallele erkennen. Ob rasend schnell oder dissonant melodisch trifft er einfach immer die Seele des Songs und bereichert damit die Musik ungemein. Auch im Songwriting war er beteiligt was sicher auch großen Anteil daran hatte, die chaotische Übermacht der Obscura hier in einigermaßen gezielte Bahnen zu lenken und trotzdem allerfeinsten Technical Death Metal zu erreichen, deren Musikalität die meisten heutigen jungen Arpeggio-Bands resignierend zurück in Mamis Arme fallen lassen sollte.

Ich weiß nicht ob es daran liegt, dass es jetzt gerade noch heller Nachmittag ist, aber im Gegensatz zum Vorgänger wirkt From Wisdom To Hate schon heller, zugänglicher und hörbarer, aber es hat trotzdem nichts seiner bedrohlich, düsteren Faszination eingebüßt. Da heutzutage jeder dahergelaufene Marktschreier seine jeweilige Kurzzeitliebschaft als "Muss" deklariert, mache ich das hier nicht. Ich für meinen Teil würde jedenfalls einen empfindlichen Teil meines akustischen Genusserlebens vermissen, hätte ich dieses Album nicht in meiner Sammlung stehen. Indiskutable 10 Punkte.


PS: In ebenjenem erwähnten Review steht ganz zum Schluss auch die Warnung dieses Album nicht anzuhören während man die Simpsons-Folge sieht, in der Homer die guatemaltekische Chili isst und den Weltraumkojoten trifft. Ich kann mich dieser Warnung nur vollinhaltlich anschließen.
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Re: GORGUTS

Beitragvon Christian Schwarzer » Donnerstag 29. August 2013, 17:31

Sehr schöne Zusammenfassung und sehr geile Band, die sich sehr sicher einen besonderen Platz in meiner Sammlung an musischen Verfechtern des auralen Kaos erobern wird. Das ist wirklich der Hammer, was da immer wieder abgeht. Der Luc Lemay macht auch einen recht sympathischen und "bedachten" Eindruck auf mich.
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Re: GORGUTS

Beitragvon Eike » Donnerstag 29. August 2013, 21:36

Drumtier hat geschrieben:Hui, Publikum?!
Das hast Du hier natürlich, auch wenn sich längst nicht jeder Leser gleich zu Wort meldet. Allerdings wäre es noch größer, würdest Du die Texte auch als Leserrezensionen auf unsere Hauptseite stellen. Dessen würdig sind sie allemal; und das war die Untertreibung des Tages. Großartig geschrieben!
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
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