Watain

Re: Watain

Beitragvon Christian Schwarzer » Samstag 20. Juli 2013, 07:41

Rüdiger hat geschrieben:So, während die Scheibe hier nun zum dritten Mal läuft, überlege ich mir dann auch mal, ob das denn nun Black Metal ist, was hier von WATAIN zelebriert wird, oder ob es vielleicht einfach nur satanischer Heavy Metal ist. Antwort: WATAIN ist selbstverständlich purer Black Metal in Reinkultur, und WATAIN hat selbstverständlich jede Menge Einflüsse aus dem klassischen Heavy Metal der Achtziger. Das ist kein Widerspruch, sondern das ist die größte Selbstverständlichkeit überhaupt.

Heavy Metal und Black Metal sind keine Antipoden, sondern sie gehören zusammen wie Pech und Schwefel. Für mich ist die zweite Black-Metal-Welle der klassische Metal der 90er. In keiner Weise ein Gegenentwurf zu Accept, Judas Priest und Saxon, sondern die einzig logische Konsequenz daraus. In der Zeit, als sich vieles vom Metal wegbewegte, alte Bands wie junge Bands, als der klassische Metal vor allem medial aufs Abstellgleis geriet, hat sich die zweite Black-Metal-Welle mehr als alles andere auf die Welt des Metals bezogen und ihre Essenz aus dem destilliert, was für sie der Stahl der Achtziger war. Sie hat nicht nur den Sound genommen und die Einflüsse aus dem Heavy Metal verbraten, sondern sie hat das komplette Paket übernommen. Und sie hat das getan, indem sie die Formensprache verdichtet und extremer ausgerichtet, aber nicht verfremdet oder verwässert hat. Der Black Metal der Neunziger hat den Heavy Metal neu erfunden, ohne die Wurzeln abzutrennen und ohne in größerem Maße metalfremde Elemente einzubauen. Die Zweite Welle hat nicht durch Inkorporation anderer Stilistika versucht, sich neue Zielgruppen zu erschließen, wie es Grunge, Prog, Alternative, Crossover und später Folk Metal, Nu Metal und Mittelalterrock taten, sondern die Zweite Welle hat den Metal destilliert und die Zielgruppe bewusst eingegrenzt, um etwas Neues und Reines zu erschaffen. Dass diese Welle dann explodiert ist und doch neue Zielgruppen erfasste, war - so denke ich - mehr ein Unfall als ein Plan, und es ist drei Eigenschaften der damaligen Musiker geschuldet: Absolute Hingabe an den Heavy Metal bis zum Aufgehen im eigenen Rollenspiel, eine musikalische Vision, die aus zunächst limitierten Fertigkeiten wahnhafte Genialität gebar, und der unbezähmbare Wille, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Der Black Metal der Zweiten Welle ist pure Magie, nicht mehr, nicht weniger!

Man kann sich über den Gegenentwurf-Aspekt streiten und auch über den Einsatz Metal-fremder Elemente. Nichtsdestotrotz: Danke, Rüdiger, du sprichst mir aus der Seele! :)
Benutzeravatar
Christian Schwarzer
Musikredaktion
 
Beiträge: 2373
Registriert: Mittwoch 14. November 2012, 18:00

Re: Watain

Beitragvon Rüdiger Stehle » Samstag 20. Juli 2013, 11:23

Eike hat geschrieben:Das Meiste kann ich ja mehr oder weniger nachvollziehen, aber Grunge soll andere Stilistika mitverbaut haben als die (eben bloß weitergetriebene) im weitesten Sinne Rocktradition (also incl. Punk & Metal) bis dato bereithielt? Diese Fremdeinflüsse würde ich dann gerne mal genannt haben, für den Fall dass ich sie einfach übersehen habe oder noch nie von ihnen gehört...

Grunge ist - rein musikalisch gesehen - insoweit ein Grenzfall, ja. Dies, weil der Punkeinfluss im Metal ja schon damals längst nicht mehr neu war und auch zur Geburt der NWoBHM, des Thrashs und des Black Metals der ersten Welle beigetragen hat. Habe mir auch lange überlegt, ob ich den Grunge in die Liste aufnehmen soll, habe es aber doch getan, weil die gesamte Ästhetik schon darauf angelegt war, sich vom Metal der 80er deutlich abzugrenzen und m.E. eben auch Leute anzusprechen, die keine "Metaller" sind. Sowohl klanglich als auch optisch und thematisch. Wobei ich bei den Ur-Grungern den Zielgruppenaspekt definitiv nicht im Vordergrund sehe.

Die Zweite Welle dagegen hat in erster Linie auf die einschlägigen Vorlagen der 80er aufgebaut, denn die Grundzutaten gab es in jedem Teilbereich der Kunst schon vorher. Das Ganze wurde konsequenter, extremer und zuletzt auch generischer, aber der Black Metal war für mich kein Ausdehnen der Grenzen des Metaluniversums, sondern eine Revolution und Konzentration innerhalb dieser Grenzen. Sprich, man reduziert erst einmal das Metaluniversum auf die satanisch-schwarze, nietenbewehrte und grimmige Seite im Schnittbereich von Venom, Bathory, Possessed, Slayer und Mercyful Fate, und verdichtet dann das Ganze nochmal.



Christian Schwarzer hat geschrieben:Man kann sich über den Gegenentwurf-Aspekt streiten und auch über den Einsatz Metal-fremder Elemente. Nichtsdestotrotz: Danke, Rüdiger, du sprichst mir aus der Seele! :)

Ein Gegenentwurf zu gewissen Entwicklungen der Szene ist die Zweite Welle sicherlich, denn genau das hat Euronymous ja in seiner Kriegserklärung von 1991 postuliert. Aber kein Gegenentwurf zum Heavy Metal an sich, keine Distanzierung vom Heavy Metal insgesamt, sondern ein Gegenentwurf zu dem, was den Heavy Metal aus Sicht der damaligen Protagonisten gesellschaftsfähig, zivilisiert und zum Teil der Pop-Kultur gemacht hat.

Was die metalfremden Elemente angeht, finde ich diese in der Anfangszeit der zweiten Welle kaum. Der einzige frühe Protagonist der Zweiten Welle, der schon von Anfang an transmetallisch agierte, war Varg Vikernes mit seinen Ambient-Ansätzen, die ganz am Anfang aber auch noch eher zaghaft waren. So nach meiner Erinnerung ging das mit dem Aufbrechen der stilistischen Grenzen und dem langsam Ausbrechen des Black Metals aus dem "reinen" metallischen Stil, erst so ca. 1996/1997 los. Ich will jetzt nicht ausschließen, dass es das auch vereinzelt schon früher gab, aber so richtig augenfällig wurde es erst, als diverse norwegische Vorreiter den Avantgarde-Trip einschlugen.
alias Hugin der Rabe.
Ravnen fra steinfjellet.
Háv. 38
Benutzeravatar
Rüdiger Stehle
Musikredaktion
 
Beiträge: 35285
Registriert: Samstag 6. Februar 2010, 22:52
Wohnort: Schwabenland

Re: Watain

Beitragvon Christian Schwarzer » Samstag 20. Juli 2013, 15:39

Rüdiger hat geschrieben:Ein Gegenentwurf zu gewissen Entwicklungen der Szene ist die Zweite Welle sicherlich, denn genau das hat Euronymous ja in seiner Kriegserklärung von 1991 postuliert. Aber kein Gegenentwurf zum Heavy Metal an sich, keine Distanzierung vom Heavy Metal insgesamt, sondern ein Gegenentwurf zu dem, was den Heavy Metal aus Sicht der damaligen Protagonisten gesellschaftsfähig, zivilisiert und zum Teil der Pop-Kultur gemacht hat.

Was die metalfremden Elemente angeht, finde ich diese in der Anfangszeit der zweiten Welle kaum. Der einzige frühe Protagonist der Zweiten Welle, der schon von Anfang an transmetallisch agierte, war Varg Vikernes mit seinen Ambient-Ansätzen, die ganz am Anfang aber auch noch eher zaghaft waren. So nach meiner Erinnerung ging das mit dem Aufbrechen der stilistischen Grenzen und dem langsam Ausbrechen des Black Metals aus dem "reinen" metallischen Stil, erst so ca. 1996/1997 los. Ich will jetzt nicht ausschließen, dass es das auch vereinzelt schon früher gab, aber so richtig augenfällig wurde es erst, als diverse norwegische Vorreiter den Avantgarde-Trip einschlugen.

Ich würde auf jeden Fall noch ENSLAVED nennen und ULVER, aber gut, Kveldssanger ´96, ich seh`s schon. ;-) Bin da aber insgesamt sowieso bei dir. Und, um mal den guten Eric von WATAIN zu zitieren, von wegen "Gegenentwurf vs. Konsequenz": "Rock`n`roll is the devils music." So schließt sich der Kreis.
Benutzeravatar
Christian Schwarzer
Musikredaktion
 
Beiträge: 2373
Registriert: Mittwoch 14. November 2012, 18:00

Re: Watain

Beitragvon Eike » Sonntag 21. Juli 2013, 01:57

Ja, das ist ein uraltes Thema mit "the devil's music", das liegt tief in den frühesten Wurzeln des Rock'n'roll begraben, geht mindestens zurück bis auf den Blues anno Robert Johnson, kursiert vielleicht sogar schon seit sich das herrschende Christentum an den potentiell subversiven heidnischen Traditionen in ihm unverständlichen Gesängen auf den ersten Zuckerrohr- und Baumwollplantagen der Neuen Welt rieb.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Watain

Beitragvon Christian Schwarzer » Sonntag 21. Juli 2013, 07:28

Sicher. Ich meinte damit vor allem: Gerade WATAIN bzw. Eric wird Rüdigers Darlegung bezüglich "Black Metal erfindet nicht etwas neues, sondern kristallisiert die Essenz heraus" zustimmen. Außerdem war es ein Brückenschlag zum Ursprungsthema - besonders der Band wird es letztendlich ziemlich egal sein, ob man ihre Musik Black Metal nennt, oder nicht.
Benutzeravatar
Christian Schwarzer
Musikredaktion
 
Beiträge: 2373
Registriert: Mittwoch 14. November 2012, 18:00

Re: Watain

Beitragvon Jesus » Montag 22. Juli 2013, 12:51

Watain hat geschrieben:'The Child Must Die' is a song of sorrow and liberation, of the sacrifices that the path of adversity requires. Musically it shows yet another side of "The Wild Hunt", being more Heavy Metal-rooted perhaps than 'All That May Bleed'.


Hihi. Danke, Erik, Du hast das Vertrauen in meine, Kubis und seekers Ohren wieder hergestellt :D
Benutzeravatar
Jesus
Super-Duper-Mega-Ober Metaller
 
Beiträge: 10890
Registriert: Dienstag 9. Februar 2010, 13:20
Wohnort: Das Herz Preußens

Re: Watain

Beitragvon Dr. Best » Montag 22. Juli 2013, 13:40

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Die Zweite Welle dagegen hat in erster Linie auf die einschlägigen Vorlagen der 80er aufgebaut, denn die Grundzutaten gab es in jedem Teilbereich der Kunst schon vorher. Das Ganze wurde konsequenter, extremer und zuletzt auch generischer, aber der Black Metal war für mich kein Ausdehnen der Grenzen des Metaluniversums, sondern eine Revolution und Konzentration innerhalb dieser Grenzen.

Ich ignoriere mal die Sache mit dem Grunge gekonnt, das schont meine Nerven. Aber: Black Metal hat deutlich die Grenzen des Metals aufgeweitet, auch 1990 schon:

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Sprich, man reduziert erst einmal das Metaluniversum auf die satanisch-schwarze, nietenbewehrte und grimmige Seite im Schnittbereich von Venom, Bathory, Possessed, Slayer und Mercyful Fate, und verdichtet dann das Ganze nochmal.

Ausgehend davon, dass das Metal-Universum bis 1983 nahezu frei von Kreischen, Brüllen, Röcheln; von Tremologitarren, Schrubelgitarren und Blasts war würde ich anhand von Bands wie Mantas/Death, Possessed und Venom schon sagen, dass spätestens hier eine deutliche Aufweitung der bestehenden Grenzen geschah. Man könnte auch sagen: Extrem-Metal an sich ist schon eine Deutliche Aufweitung.
Weit mehr jedenfalls, um deine Liste der Vorseite aufzugreifen, als Prog, denn der war schon seit Anbeginn von den Wegbereitern inkorporiert, sei es Black Sabbath, Blue Cheer, Iron Butterfly oder, oder, oder, alle hatten Krautig-Proggig-Psychedelische Schlagseite, oder? Insofern würde ich Grunge und Alternative auch nur als Modernisierung sehen, wie es Eike ja schon schrieb.
Verbitterter Unruhestifter
Benutzeravatar
Dr. Best
Kurzhaarmetaller
 
Beiträge: 1866
Registriert: Mittwoch 14. März 2012, 00:39

Re: Watain

Beitragvon Eike » Montag 22. Juli 2013, 14:31

Modernisierung könnte man da vielleicht sagen, mindestens ebensosehr gleichzeitig aber auch Entkleidung, ähnlich wie Rüdiger es beim BM sieht: Von Soundgarden mal abgesehen, wurde da erstmal alles weggeschält, was an durch Melodie ausgedrücktem Pathos, an der Klassik entlehnten Strukturen, an breitbeiniger Machoattitüde, an Glam- und an Stadionrock etc. so alles an barockem Schnörkeltum in die Rockmusik Einzug gehalten hatte. Eben kein QUEEN-Style und kein W.A.S.P.-Style mehr, kein POISON-Style, kein BRUCE SPRINGSTEEN-Style. Verdichtung? Jein, denn man ließ das eben in keine kompakte Riegelform mehr pressen. Aber Reduzierung; alles wegkochen, was nicht unbedingt rein muss, beim Nachpfeffern dann aber alles zulassen, keine reinen Zutaten auf dem Plattenteller fein säuberlich getrennt, sondern Eintopf.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Watain

Beitragvon Jesus » Montag 22. Juli 2013, 14:41

Man könnte es auch Punkifizierung nennen. Destillation auf die pure Essenz der harten Riffmusik.
Benutzeravatar
Jesus
Super-Duper-Mega-Ober Metaller
 
Beiträge: 10890
Registriert: Dienstag 9. Februar 2010, 13:20
Wohnort: Das Herz Preußens

Re: Watain

Beitragvon Eike » Montag 22. Juli 2013, 14:48

Das passt im weitesten Sinne jetzt sowohl auf BM als auf Grunge; auf Alt.-Rock eher nicht, s. R.E.M..
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

VorherigeNächste

Zurück zu Thrash / Death / Black Metal

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste