|
|
Pop, Jazz, Elektronika, Rap, Volksmusik...
von Eike » Montag 12. April 2010, 19:53
 Let me fall out of the window with confetti in my hair... Tango, bis sie wund sind - das scheint das Lebensmotto von Tom Waits zu sein, der seine Songs immer schön elegant, zumeist etwas schummrig, und oft genug aufgeschürft zum Besten gibt. Von der schlichten, traurigen Ballade, über abgerissenen Straßenblues bis hin zu wild knurrenden Klangexperimenten reicht seine Bandbreite, und meist besingt er schräge Vögel, an der Gesellschaft gescheiterte oder um Aufmerksamkeit ringende Charaktere, wenn er nicht gleich in der Volksmythenkiste kramen geht oder beides miteinander vermischt. Nur eines ist seine Musik dabei nie: Einfach einzuordnen. Selbst an Theaterproduktionen mit Musikuntermalung hat er sich schon beteiligt. Und neben, nein noch vor dem Dramatiker Robert Wilson mit seiner Frau Kathleen Brennan zusammen gearbeitet, mit der er einige seiner Songs gemeinsam schreibt. Von den noch am ehesten als klassiche Songwriteralben durchgehenden frühen, von Folk-Rock ("Closing Time"), Jazz (" The Heart Of Saturday Night") oder Bar-Blues ("Small Change", "Nighthawks At The Diner") beeinflussten Songwriteralben, über eine Phase theatralisch angehauchter Bühneninszenierungen hinweg bis zum Klassiker " Swordfishtrombones" ragt die (rückblickend) Selbstfindungsphase eines Künstlers schon aus dem Normalen heraus. 1992 dann kündigt sich langsam (mit dem Soundtrack zu Jim Jarmuschs Film " Night On Earth" noch zaghaft, mit dem zwischen herzergreifenden Balladen schon düsteren, mitunter arg schrägen und auch stampfigen "Bone Machine" bereits deutlich lauter) eine neue Phase im Werk des Tom Waits an, die in "The Black Rider" (1993) schließlich ihre womöglich extremste Ausbildung findet:  Hervorgegangen aus einer Inszenierung des Freischütz-Themas zusammen mit dem bereits erwähnten Robert Wilson und dem Querdenker und Beatnik(anti)heiligen William S. Burroughs ist dieser auf Platte gebannte Soundtrack einer Höllenfahrt in menschliche Abgründe zwar nicht die Blaupause, wohl aber die Initialzündung etwa für die überwiegend düstere Stimmung der Woyczek-Platte "Blood Money" oder auch für ähnlich progressive Exkursionen in Richtung urtümlich wirkende Krachmusik auf dem 2004 erschienenen Album "Real Gone" (auf "The Black Rider": ' Oily Night'; auf "Real Gone": ' Metropolitan Glide'). Ende letzten Jahres wurde Tom Waits sechzig Jahre alt, gefühlt war er es, gemessen am Klang seiner Musik und den Themen seiner Texte, für viele seiner Hörer wohl schon lange vorher. Trotz unverkennbarer persönlicher Note ist dieser Ausnahmekünstler immer wandelbar geblieben, der sich offenbar immer wieder die Frage stellt: Who are you this time? Dazu, wie auch in Bezug auf das bisherige Werk insgesamt, kann man ihm nur gratulieren: Herzlichen Glückwunsch, Tom Waits! 
Music is the only religion that delivers the goods. (Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
-

Eike
- Metaller mit zu viel Zeit
-
- Beiträge: 24502
- Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30
von 123_7 » Montag 12. April 2010, 20:02
Je öfter ich seine Stimme höre, umso besser gefällt sie mir und reißt mich in seinen Bann. Ajke hat geschrieben:Folk-Rock ("Closing Time")
*wie wild darauf klickt* *merkt, dass das kein Link ist* *selber sucht* *hin und weg ist* Aber ich glaube ich steige mit "The Black Rider" ein. Oder alles auf einmal. Möglichst bald. Du hast mich, Eike! Und vielen Dank für diesen wunderbaren Einstieg.
-

123_7
- Metalhead
-
- Beiträge: 3401
- Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 11:26
von Eike » Montag 12. April 2010, 20:16
123_7 hat geschrieben:Und vielen Dank für diesen wunderbaren Einstieg.
Gerne doch! "The Black Rider" ist anstrengend. Bis auf 'November', das traurigschön ist. Musique suicidale. Das ist auf jeden Fall eine Platte für Fortgeschrittene, oder für jene, die immer das Extreme suchen. Nicht so "Closing Time". Das ist jung-romantisch, konventionell(?), sehnsüchtig, im Klang wohl sein untypischstes Album, für die Nicht- und Noch-nicht-Fans, vielleicht sogar für die Ablehner, gerade deswegen möglicherweise geeignet. Ansonsten bietet "Rain Dogs" sicherlich einen guten Einstieg, oder (etwas abseitiger:) "Franks Wild Years". Auf letzteres verweist bereits ein Titel auf "Swordfishtrombones", das ja (wie oben erwähnt) vielen als Klassiker und Meilenstein im musikalischen Wandel des Herrn gilt. Viel Vergnügen beim Stöbern!
Music is the only religion that delivers the goods. (Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
-

Eike
- Metaller mit zu viel Zeit
-
- Beiträge: 24502
- Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30
von Jesus » Montag 12. April 2010, 20:44
Wenn ich Mr. Waits lausche, möchte ich mich am liebsten betrinken (also... äh... mehr als sonst, meine ich), dann die Stadtstreicher an einem Bahnhof knapp außerhalb der Stadt besuchen, ein Mülltonnenfeuerchen entzünden und mit ihnen rhythmisch in Trance wild auf Metallschrott einschlagen.
-

Jesus
- Super-Duper-Mega-Ober Metaller
-
- Beiträge: 10890
- Registriert: Dienstag 9. Februar 2010, 13:20
- Wohnort: Das Herz Preußens
von Eike » Montag 12. April 2010, 22:40
Verständlich. Für die Uraufführung von The Black Rider in Hamburg hatte man tatsächlich Musiker vom Bahnhof aufgegabelt. Die Aufnahmen für die LP wurden dann allerdings teilweise mit einem anderen Orchester in Kalifornien gemacht. Im CD-Booklet heißt es dazu: I had chosen Greg Cohen to collaborate with me on arrangements and shaping the music, selecting an orchestra, collecting sounds and recording crude tapes the night before. Greg is a multi-instrumentalist who I've had the pleasure of working with on the road and in the studio for fifteen years or more. [...] Greg Cohen was a fearless collaborator, and helped me grow musically and had an endless supply of ideas with (long hours, cold coffee, hard rolls and no place to lie down). Gerd and Greg and I were the core of the music department in the early stages and we fashioned together tapes in this crude fashion, never imagining they would be released, which gave us all an innocence and a freedom to abandon conventional recording techniques and work under the gun to have something finished to bring to Wilson's carnival each morning. Although included in this collection are other recordings of the material done in California four years later, the spirit of recording in this fashion with Greg Cohen and Gerd Bessler in Hamburg was the cornerstone of the feeling of the songs. Having Wilson's theatre images to be inspired by for writing and arranging was invaluable to the process and a songwriter's dream. The Black Rider Orchestra (The Devil's Rhubato Band) were Hans-Jörg Brandenburg, Volker Hemken, Henning Stoll, Christoph Moinian, Dieter Fischer, Jo Bauer, Frank Wullf and Stefan Schäfer. They were all from different backgrounds; some came from a strict classical world, others were discovered playing in the train station and my crude way of working took some getting used to for them and I had to learn a language to communicate with them and still keep the spontaneity alive. They are heard on a few of the songs in this collection. But recording more with them proved to be difficult with time and distance. They were all heroic in their commitment and contribution and became the pit band I've always dreamed of. In California, perhaps four years later, I formed another orchestra built on the same principles as The Devil's Rhubato Band, same instrumentation to replant the seeds from Hamburg.
Music is the only religion that delivers the goods. (Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
-

Eike
- Metaller mit zu viel Zeit
-
- Beiträge: 24502
- Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30
von Thomas Schmahl » Montag 12. April 2010, 23:34
...die Closing Time ist wunderschön !!!!!!
-
Thomas Schmahl
- Rhythmusmitwipper
-
- Beiträge: 292
- Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 15:49
von Eike » Dienstag 13. April 2010, 02:32
 Es freut mich immer sehr, wenn der gute Tom ankommt.
Music is the only religion that delivers the goods. (Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
-

Eike
- Metaller mit zu viel Zeit
-
- Beiträge: 24502
- Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30
von Eike » Samstag 17. April 2010, 13:39
Jesus hat geschrieben:Waits, Tom - Bone Machine
Habe ich mich bei Eike eigentlich schon einmal für den Tipp bedankt? Weil das Album rockt.
Waits, Tom - Franks Wild Years
Das hier ist ein Stück schwieriger zugänglich. Eben der Soundtrack zu einem mir unbekannten Musical und von daher irgendwie ohne Kontext. Was mich bei "Blood Money" wiederum überhaupt nicht stört. Zähe Kost halt.
Mit der Knochenmaschine kann ja auch niemand etwas falsch machen, der mehr als nur ein oberflächliches Gespür für Ol' Tom hat. Die bewerbe ich immer wieder gerne, weil sie genauso abwechslungsreich wie "Mule Variations" (<--- ein guter Einstieg für alle, die es gemächlicher angehen wollen) ist, dabei aber noch mehr die Extreme ausleuchtet. Außerdem passt sie irgendwie toll als Ergänzung und Erweiterung in das Spektrum, das Jesus da oben mit seinen Alben der Woche angerissen hat. Und Frankie mag storyorientierter sein, lohnt sich aber alleine schon für das Akkordionspiel von David Hidalgo (LOS LOBOS) bei den letzten beiden Stücken 'Cold Cold Ground' und 'Train Song', und von Marc Ribot, Greg Cohen, Ralph Carney usw. in der Stammband oder Larry Taylor bei 'Yesterday Is Here' fange ich hier erst gar nicht an. Ich finde, dass man die Platte auch sehr gut ohne Musicalerfahrung hören kann. Bei "Black Rider" wird's schwieriger... Ach ja, einen habe ich noch zu Frankie: Frank's Wild Years (For Frankie Z.)
Well Frank settled down in the Valley and he hung his wild years on a nail that he drove through his wife's forehead he sold used office furniture out there on San Fernando Road and assumed a 30,000 loan at 15 1/4 % and put a down payment on a little two bedroom place his wife was a spent piece of used jet trash made good bloody marys kept her mouth shut most of the time had a little Chihuahua named Carlos that had some kind of skin disease and was totally blind. They had a thoroughly modern kitchen self-cleaning oven (the whole bit) Frank drove a little sedan they were so happy
One night Frank was on his way home from work, stopped at the liquor store, picked up a couple Mickey's Big Mouths drank 'em in the car on his way to the Shell station, he got a gallon of gas in a can, drove home, doused everything in the house, torched it, parked across the street, laughing, watching it burn, all Halloween orange and chimney red then Frank put on a top forty station got on the Hollywood Freeway headed north
Never could stand that dog
Music is the only religion that delivers the goods. (Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
-

Eike
- Metaller mit zu viel Zeit
-
- Beiträge: 24502
- Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30
von Rüdiger Stehle » Donnerstag 29. April 2010, 11:25
Nachdem mir nun auch die Möglichkeit gegeben wurde, mich mal bei Herrn Waits einzuhören, werde ich das ausgiebig tun. Allerdings im Detail erst, wenn die Noten für den aktuellen Soundcheck abgegeben sind. Einstweilen läuft er im Auto nebenher und die ersten Eindrücke sind vielversprechend.
alias Hugin der Rabe. Ravnen fra steinfjellet. Háv. 38
-

Rüdiger Stehle
- Musikredaktion
-
- Beiträge: 35285
- Registriert: Samstag 6. Februar 2010, 22:52
- Wohnort: Schwabenland
-
von Julian Rohrer » Freitag 30. April 2010, 14:31
Ja! Sehr gut. Tom Waits bekommt doch jeden in seinen Bann gezogen 
-

Julian Rohrer
- Musikredaktion
-
- Beiträge: 3570
- Registriert: Samstag 6. Februar 2010, 21:22
- Wohnort: München
Zurück zu Everything but Rock'n'Roll
Wer ist online?
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast
Powered by phpBB © 2000, 2002, 2005, 2007 phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.deTime : 0.096s | 10 Queries | GZIP : Off
|
|