SOULFLY: Interview mit Max Cavalera

01.01.1970 | 01:00

Einer der charismatischsten Sänger der Metalszene, Max Cavalera, hat mit seiner Band SOULFLY ein neues Meisterwerk aus dem Boden gestampft. Mit sonorer Stimme äußert sich das brasilianische Multitalent über "Prophecy", den Besetzungswechsel bei SOULFY, seinen Glauben und das "With Full Force" vergangenen Sommer mit SEPULTURA. Und nachdem ich meine Diplomklausuren hinter mich gebracht habe, schaffe ich es auch endlich mit etwas Verspätung, euch das Interview online zu stellen.

Carsten:
Hi, wie geht's dir?

Max:
Ich bin okay, danke dir.

Carsten:
Und was hast du die letzten Tage gemacht?

Max:
Gestern kamen wir in Deutschland mit dem Flugzeug aus Holland an.

Carsten:
Oh, was habt ihr in Holland gemacht?

Max:
Interviews und so.

Carsten:
Bevor wir zum neuen Album kommen – es gab einige Musikerwechsel bei SOULFLY. Was verbirgt sich dahinter?

Max:
Mikey, den Gitarrenspieler, habe ich ja schon ausgetauscht, als wir auf Tour waren, weil ich eine andere Idee des Gitarrenspielens hatte, weißt du. Und Rob hatte wirklich einen anderen Sound und eine andere Einstellung zur Musik. Und dann wurde ja die ganze Band ausgetauscht. Ich denke nicht, dass es eine so große Sache ist. Ich meine, bei jedem SOULFY-Album gab es Wechsel. Bands und Leute wie FOO FIGHTERS und Dave Grohl tauschen ihre ganze Band aus. Ich denke, es war das Beste, was er tat, und ich denke, es war das Beste, was ich tat. (lacht)

Carsten:
Es gab also keinen Ärger in der Band oder so?

Max:
Nein, nicht wirklich. Es war rein musikalisch. Ich wollte verschiedene Musik mit verschiedenen Leuten machen, weist du? Von Anfang an sollte SOULFY keine typische Band sein, mit immer den gleichen Typen ohne Wechsel. Es war also ganz natürlich, es gab keinen Ärger oder so etwas.

Carsten:
Und wie kamst du auf die Idee, mit Bobby (Ex-ILL NINO) und David (Ex-MEGADETH) gleich zwei Bassisten zu engagieren?

Max:
Weißt du, das war eine Art Unfall, etwas, das einfach passierte. Bobby spielte die meisten Songs und hatte auch schon einige Konzerte mit uns gemacht. Aber auch David war in der Gegend und ich lud ihn ein, weil ich ein Freund von ihm bin. Und ich bin ebenso ein Fan seines Stils, Bass zu spielen. Also schlug ich ihm vor, ein paar Songs zu machen und schließlich spielte er vier Songs. Und ich denke, es ist ziemlich cool. Zwei verschiedene Sounds auf dem Album, zwei verschiedene Bass-Sounds, weißt du.

Carsten:
War eines deiner neuen Bandmitglieder denn auch am Songwriting beteiligt?

Max:
(zögert etwas) Nun, die Art wie wir arbeiten, ist – ich schreibe einen Song, und wir machen ihn anschließend besser. Bei einem Song wie 'Mars' beispielsweise habe ich den Chorus und einen Großteil des Songs geschrieben. Aber dann gingen wir hin und machten ein Outro mit den Flamenco-Gitarren oder Reggae und so. Jeder ist also beteiligt, auch wenn ich die Songs schreibe, aber jeder partizipiert.

Carsten:
Und wie ist es für dich, auch der Produzent zu sein?

Max:
Dies ist die zweite Platte, die ich produziert habe. Ich produzierte ja auch schon die letzte SOULFLY. Es ist nicht wirklich schwer. Ich sehe mich selbst nicht als Produzent, es ist eine andere Art. Ich führte die anderen nur in die Richtung, in die ein Song und das Album meiner Meinung nach gehen sollte. Wir arbeiten alle zusammen, jeder hat Ideen.

Carsten:
Reden wir über das neue Album. Würdest du mir zustimmen, dass es das extremste SOULFLY-Album ist? Denn auf der einen Seite gibt es auf "Prophecy" Thrashsongs, die an "Chaos A.D." erinnern, und auf der anderen Seite gibt es mehr Akustiknummer denn je.

Max:
Nun, ich denke, das sind die beiden Dinge, die schon auf jedem SOULFLY-Album waren. Aber vielleicht habe ich sie diesmal auf ein neues, extremeres Level gehoben, und ich denke, das ist cool. Wenn es heavy ist, ist es noch härter, wenn es melodisch ist, ist es melodischer.

Carsten:
Du hast auch wieder mit ein paar anderen Musikern zusammengearbeitet, beispielsweise Danny Marianino. Nebenbei: Wer ist er eigentlich?

Max:
Er ist von einer wirklich coolen New-York-Hardcore-Band. Und bei diesem Song ('Defeat U') ist auch Marc Bringo von einer schottischen Death-Metal-Band mit dabei. Sie sind wirklich underground, aber richtig coole Bands. Ich denke, es ist cool, wenn du immer in Verbindung mit jungen, neuen Bands bist.

Carsten:
Und Asha Rabouin singt ja auch wieder, so wie sie es auf den letzten SOULFLY-Alben auch schon getan hat.

Max:
Sie hat 'Wings' gesungen und ich denke, das ist schon cool, es hat was Besonderes. Es unterscheidet sich völlig vom Rest des Albums. Es ist melodischer und ruhiger als das, was man von einer Metalplatte erwartet. Aber sie ist sehr natürlich, ich mag ihre Stimme wirklich. Weißt du, es ist wieder dieser Kontrast, der schon extrem ist. Dieser Song ist völlig verschieden von etwas wie 'Execution Style', einem Hardcore-Song.

Carsten:
Und wer spielte die Blasmusik am Ende des Albums?

Max:
Das war ein Musikprofessor aus Belgrad (Stanislav Binicki), und wir haben zusammengearbeitet. Ich verbrachte eine Woche in Belgrad, um verschiedenes Zeug mit verschiedenen Leuten zu machen. Und einer von ihnen war dieser Musikprofessor. Er spielt einige ungewöhnliche Instrumente wie einen Dudelsack aus Schafshaut und einige aus dem Mittelalter oder dem nahen Osten. Die sind sehr interessant.

Carsten:
Angesichts dieser ganzen Instrumente – willst du aus SOULFY eine Art World-Music-Band machen?

Max:
Ich würde nicht World-Music-Band sagen, aber wir haben Elemente von World Music. Ich denke, das ist wirklich interessant, weil im Metal heute niemand diese Sachen hat. Jeder will doch Mainstream sein, weißt du, radio-orientiert. Und SOULFY ist völlig anders. Wir waren schon immer Metal, aber wir haben auch einen DEAD CAN DANCE-Vibe oder sowas. (lacht)

Carsten:
Ein weiterer, sehr experimenteller Song ist 'Moses', den du mit der serbischen Band EYESBURN aufgenommen hast. Wie kam es dazu?

Max:
Was ich an einem Song wie 'Moses' mag, ist der Mix zwischen Metal und Dub Music, die ich ja auch höre. Ich höre beides oft, ich liebe beide Stile. Es ist also wieder eine andere Art Idee, vielleicht werden in der Zukunft ja mehr Bands sowas machen, ich weiß es nicht. Wir versuchen einfach, etwas anderes zu tun, so dass ein Album nicht immer das Gleiche ist. Und ich finde 'Moses' wirklich cool.

Carsten:
Und wie hast du EYESBURN getroffen?

Max:
Als wir letztes Jahr in Belgrad spielten, waren sie Vorband.

Carsten:
'Moses' hat ja wie 'I Believe' einen sehr religiösen Text. Was steckt dahinter?

Max:
Die Texte sind, genau wie die Musik, sehr konträr. Du hast sehr harte Texte, wie die von 'Execution Style', 'Living Sacrifice' und 'Born Again Anarchist', die mehr Hardcore sind. Und dann hast du mehr spirituelle Songs wie 'Moses' oder 'I Believe'. Ich würde nicht sagen, dass sie religiös sind, sie sind spirituell. Eher positive Texte.

Carsten:
Hast du eigentlich jemals einen Widerspruch darin gesehen, deinen Glauben mit Metal zu kombinieren, der ja auch oft mit antichristlichen Symbolen provoziert?

Max:
Darüber denke ich nicht viel nach, das ist einfach der SOULFLY-Weg, die Dinge anzupacken. Weißt du, vor zehn Jahren war das vielleicht schwieriger, aber nicht heute. Ich denke, heutzutage sind meine Fans an verschiedenen Dingen interessiert, nicht nur an einer Sache. Ich glaube, sie können etwas mit den Texten in Verbindung bringen aufgrund ihres eigenen Lebensstils.

Carsten:
Ich frage deshalb, weil SEPULTURA in den späten Achtzigern als Death-Metal-Band anfing. Ich wunderte mich immer, wie du mit einer Death-Metal-Band beginnen konntest, da du ja immer ein sehr gläubiger Mensch warst.

Max:
Nun, ich denke, dass das zwei verschiedene Dinge sind. SEPULTURA, wir waren sehr jung, aber wir waren eigentlich mehr gegen die Kirche. Und auch heute mag ich keine organisierte Religion. Ich glaube an Gott, aber das heißt nicht, dass man nicht seinen ganz eigenen Glauben haben kann. Und so denke ich, dass der Vatikan und solche Dinge wie organisierte Kirche, organisierte Religionen, sehr heuchlerisch sind. Ich glaube, es ist besser, sich selbst zu finden, seinen eigenen spirituellen Glauben, und nicht einer Art Religion zu folgen.

Carsten:
Nebenbei: Wer spricht denn in der Mitte von 'I Believe'?

Max:
Das bin ich. (lacht)

Carsten:
Ach, das bist du? Ich kannte bisher nur deine aggressive Stimme.

Max:
Ja, ja, das ist ein Art Sprechen, um einen anderen Sound zu erzielen. (lacht)

Carsten:
In einem Song, 'Porrada', singst du ja auf Portugiesisch. Wovon handelt der Text?

Max:
'Porrada' wurde von dem Film "City Of God" inspiriert, der letztes Jahr lief. Es ist ein brasilianischer Film, ich weiß nicht, ob er in Deutschland gezeigt wurde. Ich schrieb den Text, nachdem ich den Film gesehen hatte. Es ist ein wirklich harcoremäßiger, brasilianischer Film.

Carsten:
Schon mal von gehört. (Soweit ich weiß ein sehr kritischer Film, der von Kriminalität und brasilianischer Jugend in der Armut handelt. – Anm. d. Verf.) Wie sieht es denn mit den anderen Texten aus? Und was denkst du, ist der wichtigste Song?

Max:
Ich denke, jeder Song ist anders und folgt einer anderen Idee. Ich persönlich mag 'Living Sacrifice', den zweiten Song. Ich mag den Text, ich mag die Idee, dass es im Leben mehr um die Reise und weniger um ein Bestimmungsziel geht. Und ich denke, das ist es, worauf der Text basiert. Aber jeder hat andere Lieblingstexte auf dem Album, und gerade das ist das Gute an diesem Album, die Verschiedenheit.

Carsten:
Und was für eine Idee steckt hinter dem Albumtitel "Prophecy"?

Max:
Ich würde sagen, ein bisschen, was heutzutage auf der ganzen Welt vor sich geht. Aber es ist auch eine Art mystischer Name, der nicht sehr erklärend sein muss, sondern eher offen ist. Ich denke, es ist einfach ein starker Name, wirklich. Ich liebte ihn, seit ich ihn das erste Mal hörte und entschied, das Album "Prophecy" zu nennen. Ein guter Songtitel.

Carsten:
Wie kam es zu der Idee, HELMET's 'In The Meantime' zu covern?

Max:
Ich mag HELMET und ich mag wirklich diesen Song. Es ist ein echt cooler Song mit interessanten Gitarrenriffs, die nicht wirklich wechseln, sondern immer wiederkehren. Das mag ich sehr. Es machte wirklich Spaß, das zu spielen. Ich denke, es ist einfach ein wirklich cooler Song. Er ist cool live zu spielen und einfach gut zu covern.

Carsten:
Gehen wir mal weg vom neuen Album und kommen zu dir persönlich. Hast du immer noch dein Haus in Arizona?

Max:
Yeah.

Carsten:
Wie lebt es sich dort denn so?

Max:
Genau so, wie es schon immer war. (lacht) Es hat sich nicht viel verändert. Wenn ich dort bin, arbeite ich vielleicht inzwischen ein bisschen mehr an der Musik, spiele Reggae und solche Sachen.

Carsten:
Ist es manchmal schwierig, das Familienleben und die Musik unter einen Hut zu bringen?

Max:
Manchmal, aber das ist nun mal das Leben. Wenn du eine Familie hast, muss du bei so einem Lebensstil lernen, deine Familie und deine Karriere zu verbinden. Und das gilt für jeden, für einen Footballspieler, für einen Rocker, für einen Musiker. Das ist eine normale Sache im Leben.

Carsten:
Wirst du eines Tages nach Brasilien zurückkehren?

Max:
Nun, wir starten eine große Tour im März in Südafrika. Dann geht's nach Europa und nach Südamerika und Brasilien. Es gibt mit dem neuen Album wirklich viele Orte, an denen wir spielen werden.

Carsten:
Ich meinte eigentlich, ob du eines Tages wieder nach Brasilien ziehen willst, um dein Leben dort zu verbringen?

Max:
Darüber habe ich noch nicht wirklich nachgedacht. Ich bin ganz mit der Musik und der Band beschäftigt und habe eine Familie in Phoenix. Vielleicht in der Zukunft, ich weiß es nicht.

Carsten:
In einer gewissen Weise hast du ja immer eine Verbindung zu deiner Heimat. Auf jedem SOULFLY-Album findet man brasilianische Musikelemente, vielleicht eine Art von dir gegen das Heimweh?

Max:
Ich mag das einfach. Vielleicht kannst du es Heimweh nennen, aber ist einfach mehr eine Art Musikidee. Ich denke, brasilianische Musik ist sehr interessant und ungewöhnlich, und ich mag sie sehr. Ich mag es, sie mit meiner Musik zu mixen, so dass es eine Art gemeinsame Kampfeinheit wird. Denn in der Vergangenheit hätte man sich nie vorstellen können, brasilianische Musik mit Metal oder Rock zu mischen. Heute ist das möglich, und ich denke, es ist ein guter, interessanter Mix.

Carsten:
So, dann hätte ich noch eine letzte Frage. Vergangen Sommer habt ihr beim With-Full-Force-Festival in Deutschland gespielt, genauso wie SEPULTURA. Hast du sie getroffen?

Max:
Nein. Wir haben gespielt und mussten gleich wieder weg. Es war wie immer bei dieser Art Veranstaltung. Du spielst eine Show und fährst gleich nach der Show. Aber mir hat das Festival wirklich gefallen, es war eine wirklich gute Show und eine großartige Menge. Das deutsche Publikum in dieser Nacht war wirklich unglaublich und wirklich großartig. (lacht)

Carsten:
(Ja, ich kann mich an eine wirklich unglaubliche Situation im moshenden Publikum erinnern, als mein Kumpel von einem 2-mal-2-mal-2-Meter-Typ zehn Meter durch die Luft gerammt wurde – inklusive einer Handvoll anderer Zuschauer! Oder war das doch beim SEPULTURA-Gig? – Anm. d. Verf.) Aber hättest du deinen Bruder und die anderen Jungs von SEPULTURA doch gern mal wieder getroffen oder würdest du sagen: Macht nichts?

Max:
Ich würde sagen, macht nichts, weißt du. Die Medien und viele Leute haben natürlich wegen der Trennung darauf spekuliert. Aber das ist jetzt schon so viele Jahre her. Ich denke, das wäre wirklich kein so großes Thema gewesen.

Carsten:
Okay, gibt es noch etwas, das du deinen Fans sagen möchtest?

Max:
Nun, ich bin wirklich aufgeregt, mit einem neuen Album zurückzukehren. Es gibt viele SOULFLY-Fans in Deutschland. Ich hoffe wirklich, dass sie "Prophecy", den Sound und die Ideen mögen und ich hoffe sie bald live zu sehen, wenn wir im Sommer wiederkommen.

Carsten:
Dann danke ich dir für deine Zeit und wünsch dir alles Gute für die Tour.

Max:
Danke dir. Bye.

Redakteur:
Carsten Praeg

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