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RAGE: Interview mit Peavy Wagner

20.03.2006 | 18:58

Auf dem neuen Album "Speak Of The Dead" lassen die deutschen "Metal meets Klassik"-Pioniere endlich wieder die Geigen erklingen. Und nicht nur das: Zusammen mit dem weißrussischen Symphonie-Orchester haben RAGE das Herzstück der Scheibe, die 25minütige 'Suite Lingua Mortis', eingespielt. Dass die restlichen sechs Nicht-Orchester-Songs umso mehr krachen, versteht sich fast von selbst.

Allerdings muss die anstehende Europatour mit FREEDOM CALL (präsentiert von POWERMETAL.de) sowie die bereits bestätigte Show auf dem Eeartshaker Festival (weitere Open Airs sind in Planung) ohne klassische Begleitung auskommen - Konzerte mit Orchester-Unterstützung sind im wahrsten Sinne des Wortes Zukunftsmusik.

Dafür kommen die Film-Freaks unter den RAGE-Fans (nach "Der Schuh des Manitu" und "Traumschiff Surprise") mal wieder voll auf ihre Kosten, denn 'No Fear' wird auch auf dem Soundtrack des Independent Psycho-Krimis Ludgers Fall erscheinen. Neben dem RAGE-Track sind dort u. a. auch Songs von CREMATORY und FIDDLERS GREEN vertreten - sozusagen ein Pflichttipp für alle Fans härterer Klänge.

Warum ich diese Details schon im Vorfeld erwähne? Nun, die Tücken der Technik sind daran schuld ... Just als es zu den nicht-albumbezogenen Fragen kam, verabschiedete sich heimlich, still und leise mein Diktiergerät und verschluckte den Rest. Konzentrieren wir uns also voll und ganz auf "Speak Of The Dead", zu dem RAGE-Urgestein Peter "Peavy" Wagner aber auch einiges zu erzählen hatte.

Elke:
Manch einer mag schon gar nicht mehr daran geglaubt haben, dass ihr jemals wieder ein "Metal meets Klassik"-Album aufnehmen würdet. Wie kam es dazu?

Peavy:
Wir sind in den letzten Jahren des öfteren danach gefragt worden, ob wir nicht mal wieder etwas mit Orchester machen wollen. Unser Gitarrist Victor Smolski ist ja eigentlich prädestiniert dafür, also die Verbindung von Klassik mit Metal, weil er aus beiden Welten kommt. Er ist mit Klassik groß geworden. Sein Vater ist russischer Komponist und Professor an der Musikuniversität in Minsk, Weißrussland, und Victor selbst hat dort auch jahrelang studiert. Nach "Soundchaser" lag es einfach auf der Hand, mal wieder etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Zumal, wenn man solche Möglichkeiten innerhalb einer Band hat und sie nicht nutzen würde, das wäre ja Verschwendung von Talent. Und wenn man Victors Solo-Alben kennt, auf denen wir als Band bereits mitgearbeitet haben, die sind auch mit Orchester eingespielt worden und da bekam man bereits eine Idee, wie es klingen würde, wenn wir wieder so etwas machen.
Zunächst haben wir überlegt, das ganze Album zu orchestrieren, sind aber dann doch wieder davon abgekommen, weil es vielleicht so rübergekommen wäre, als wollten wir wieder einen kompletten Stilwechsel vornehmen. Vor allem aber sind die letzten Alben ebenfalls sehr gut angekommen und wir wussten, dass es unsere Fans auch mögen, wenn wir heavy spielen. Daraus entstand dann die Idee, eine lange Orchester-Suite, also Musik, in der wir uns richtig austoben können, zu machen und den Rest des Albums in gewohnter Manier aufzunehmen.

Elke:
Die klassischen Arrangements hat Victor also alleine gemacht?

Peavy:
Ja, die ganze 'Suite Lingua Mortis' hat er selbst komponiert, und ich habe die Texte geschrieben.

Elke:
Wie war das damals beim "Lingua Mortis"-Album?

Peavy:
Damals haben wir die normalen Bandnummern geschrieben, das waren meist Sachen von mir. Christian Wolff, ein Arrangeur von außerhalb, hat sie dann orchestriert. Bei "Speak Of The Dead" hat Victor aber von Anfang an alles so komponiert, dass es zusammengehört.

Elke:
Die klassischen Elemente wurden vom Symphonie-Orchester in Minsk geliefert. Hat Victor den Kontakt hergestellt?

Peavy:
Ja, hat er. Das Orchester ist sozusagen "sein" Orchester. Er kommt ja aus Minsk und hat mit den Musikern schon häufiger zusammengearbeitet. Gemeinsam mit einem Freund betreibt er ein Studio in Minsk, wo er speziell für Radio, TV und Film Soundtracks mit Orchester macht. Er hat in den letzten Jahren auch bereits für andere Bands dort aufgenommen, beispielsweise für das kommende Album von BLIND GUARDIAN, oder auch für LACRIMOSA. Da war natürlich klar, dass wir mit den selben Leuten zusammen arbeiten würden.

Elke:
Wie haben sich die Aufnahmen gestaltet?

Peavy:
Wir haben letzten August eine Vorproduktion mit unseren Tracks gemacht. Die hat Victor dann mit nach Weißrussland genommen und als Grundlage für die Orchesterspuren genommen. Das sind Musiker, die sich darauf spezialisiert haben, auf den Punkt zu spielen, und nicht wie andere Orchestermusiker, die am liebsten um die eins herum spielen. Wir haben dann nachher unsere Tracks darüber gelegt.

Elke:
Warum habt ihr die 'Suite Lingua Mortis', die ja doch eine Einheit bildet, in Einzeltracks aufgeteilt?

Peavy:
Man hätte es natürlich als einen Song konzipieren können, wie es ursprünglich gedacht war, aber dann kann man sich zwischendurch halt nicht reinklinken. Daher haben wir entschieden, an bestimmten Zwischenpunkten IDs zu setzen und einzelne Untertitel daraus zu machen. Dann findet man sich vielleicht auch besser in dem Werk zurecht.

Elke:
Die Pressestimmen nach der Listening Session in Hamburg, die ihr auf eurer Homepage veröffentlicht habt, bezogen sich vor allem auf die 'Suite Lingua Mortis'. Ist es nicht riskant, quasi den Höhepunkt des Albums an den Anfang zu setzen?

Peavy:
Wir dachten uns, dass die Suite am Anfang besser aufgehoben wäre, denn wann man die harten Tracks vorneweg genommen hätte, die brettern dich so zu, dass du danach nicht mehr so aufnahmefähig bist, um die Feinheiten dieser Suite zu hören. Man kann es natürlich auch andersrum sehen, aber wir haben entschieden, sie an den Anfang zu setzen. Es gab auch längere Diskussionen mit der Plattenfirma, die es komplett falsch fanden und lieber umgekehrt gehabt hätten. Dann gab es zwischendurch die Idee, das Ganze als Doppel-CD herauszubringen, was aber auch wieder verworfen wurde. Und am Ende blieb es so, wie wir es ursprünglich vorhatten.

Elke:
Die Idee, beide Elemente von RAGE auf einem Album zu vereinen, finde ich an sich nicht schlecht. Aber "Speak Of The Dead" wirkt dadurch auch etwas zerrissen. Zunächst kommt das symphonische Element, und dann brettert ihr ordentlich drauflos.

Peavy:
Das kann man so sehen. Man kann nicht alles haben - dann hätten man es vielleicht wirklich als Doppel-CD veröffentlichen müssen. Aber ich finde das schon okay so - wir kündigen es ja auch so an, dass es ein zweigeteiltes Album ist.

Elke:
Die Nicht-Orchester-Songs sind jedenfalls für eure Verhältnisse ziemlich hart ausgefallen.

Peavy:
Das stimmt. Wir haben die ganzen Experimente, die ganzen dynamischen Geschichten alle in der Suite verwirklicht und uns in den harten Elementen dann voll auf's Ballern konzentrieren können.

Elke:
Einen der härtern Songs, 'Full Moon', hast du in fünf verschiedenen Sprachen eingesungen. Welche von den Sprachen, die du nicht selbst sprichst, fiel dir am schwersten?

Peavy:
Am schwersten war die russische Version. In der russischen Sprache gibt es Wörter ohne Vokale, und da kannst du dir vorstellen, wie schwierig das ist, sie auszusprechen oder gar zu singen. Aber Victor hat mich gecoached, das war dann kein Problem. Außerdem gibt es eine japanische Version, eine spanische, die englische reguläre und eine deutsche. Die spanische und die deutsche Fassung werden auf der Digipack-Version veröffentlicht, die gibt es also für alle zu kaufen. Die japanische und die russische Ausgabe sind exklusiv für diese Länder gedacht. Da haben wir ganz spezielle Plattenfirmen, mit denen wir Sub-Label-Verträge haben und die jeweils einen Bonus-Track verlangen. Da fanden wir es eine gute Idee, dass wir keine anderweitigen Songs von uns dafür verwenden, worüber sich die anderen Fans dann beklagen würden, sondern einen Track zu nehmen, der regulär auf dem Album ist, und ihn in speziellen Versionen und Sprachen aufzunehmen.

Elke:
Das heißt aber trotzdem, dass die Fans, die die russische Version von 'Full Moon' hören möchten, sich das entsprechende Album aus Russland importieren müssen.

Peavy:
Das stimmt, aber sie müssten es auch genauso machen, wenn sie den russischen Bonus-Track hören wollten. So wissen sie wenigstens, welcher Song es ist - er ist halt nur in einer anderen Sprache. Das ist immer das Problem mit den vertraglich vereinbarten Bonus-Tracks, dass man sie exklusiv abliefern muss. Man kann es den Fans immer schwer erklären, warum das so ist: In diesen Ländern würden sonst über internationale Ketten die importierten Versionen aus Europa verkauft werden, die meist etwas günstiger sind, als die einheimische Version, und die Fans würden dann nur diese Version kaufen und nicht die der entsprechenden Plattenfirma dieses Landes. Damit gingen den einheimischen Labels viele Verkäufe durch die Lappen. Deshalb sichern sie sich vorher immer ab und schreiben vertraglich fest, dass sie einen exklusiven Bonustrack haben möchten.

Elke:
War es denn ungewohnt für dich, den Song auch auf Deutsch einzusingen?

Peavy:
Ja, war es. Das war übrigens die erste nicht-englische Version, aus der sich die ganze Idee entwickelt hat. Eigentlich hatte ich rein aus Blödsinn eine Herbert Grönemeyer-Variante davon gemacht und wir haben uns vor Lachen fast am Boden gekugelt. Daraus ist dann die Idee für die anderen Sprachen entstanden. Es hat in erster Linie sehr viel Spaß gemacht, und im Nachhinein fand die Plattenfirma das klasse, weil sie die Tracks ja alle veröffentlichen kann.

Elke:
Aber du hast jetzt nicht den Deutschrock für dich entdeckt?

Peavy:
Wie Deutschrock klingt es nun nicht. Ich habe mich eher an SUBWAY TO SALLY, einer meiner Lieblingsbands orientiert. Ich finde es toll, wie sie ihre Texte machen, die ja auch nicht wie Schlagertexte klingen.

Redakteur:
Elke Huber

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