Oasen der Nostalgie 01/1986: HEIR APPARENT - "Graceful Inheritance"
06.01.2026 | 22:48Das Beste, was der Metal zu bieten hat oder nur Wischiwaschi-Metal auf hohem Niveau?
Liebe Freunde der Gruppentherapien: Euch zunächst einmal ein Frohes Neues Jahr 2026. Für dieses haben wir uns hinsichtlich dieser Artikelserie etwas Besonderes einfallen lassen. Begeistert von der Geburtstags-Therapie zu WATCHTOWERs "Energetic Disassembly" wollen viele Therapeuten etwas Vergleichbares häufiger verfassen, und neben aktuellen Highlights und Kontroversen aus den Soundchecks nun auch regelmäßig in die Vergangenheit blicken. Ein Fokus soll hier sein, ähnlich zu "Energetic Disassembly", Metal-Oldies aus der Kiste zu ziehen, die nicht unbedingt allseits bekannt sind und bei denen es sich auch nicht um Jedermanns Lieblinge handelt, die aber für einen Teil der Redaktion als Oasen der Nostalgie zählen.
Wir beginnen mit einem Album, das seit seinem Erscheinen ein Liebling vieler Kritiker war, jahrelang Bestenlisten anführte, aber für den Ottonormal-Fan gar nicht so leicht zugänglich war: HEIR APPARENTs "Graceful Inheritance" (zum Review von Peter Kubaschk). Alte Fans blicken zurück und schwelgen in Erinnerungen, doch für manchen Therapeuten ist dies auch eine Gelegenheit gewesen, das Album zum erstem Mal zu hören. Wie der Teaser schon andeutet, führt dies zu einer bunten Mischung an Reaktionen.

Es gibt so Alben, die kann man eigentlich immer anhören. Für mich gehört "Graceful Inheritance" in diese Kategorie. Das Debütalbum von HEIR APPARENT ist eines der Wunderwerke des progressiv angehauchten US Metals.
Die Band selbst hat ja eine unangenehme Begabung, sich durch permanente Line-up-Wechsel ständig zu zerlegen. Das nervt! Das heißt: Das Line-up von "Graceful Inheritance" (ein altes Bandfoto aus der Zeit seht ihr rechts) gibt es eigentlich nicht mehr zu hören. Paul Davidson ist 2025 mal für eine Nummer beim "Keep It True"-Festival auf der Bühne erschienen, aber realistisch klappt das live auch mit anderen Sängern. Auf dieser Scheibe gibt es aber schon eine bestimmte atmosphärische Magie zu hören, die dem obskureren US Metal der Achtziger und frühen Neunziger zu eigen ist. Klar, Bands wie MYSTIC FORCE oder QUEENSRŸCHE, CRIMSON GLORY, DREAM THEATER (nur auf dem Debüt) oder die Italiener ADRAMELCH haben phasenweise ein ähnliches Klangbild wie HEIR APPARENT. Trotzdem ist "Graceful Inheritance" in diesem Kontext eines der stärksten Alben überhaupt. Davidsons Gesangslinien, inklusive der mehrstimmigen Refrains, sind vielleicht nicht die technisch besten des US Metals, aber gehen unter die Haut. Gleiches kann über die Gitarrenmelodien gesagt werden, die einerseits durch die fantastische Produktion ein Gefühl von Wärme entfachen, andererseits aber auch ein fast schon steril-kühles Feeling hervorrufen, das hervorragend passt.
Dass sich hier Hit an Hit reiht, dass es haufenweise verschiedene Artworks gibt, dass "One Small Voice" leider danach abfällt, alles unbestritten. Ein Album für die imaginäre Hall Of Fame des echten Heavy Metals. Ein Meisterwerk.
Note: 10/10
[Jonathan Walzer]
Wahrscheinlich werde ich mich jetzt auf ewig dem Spott meiner Kollegen ausgesetzt sehen, wenn ich gestehe, dass ich dieses Album bis jetzt noch nicht kannte. HEIR APPARENT ist für mich bisher eine dieser Bands gewesen, die ich mir immer anhören wollte, es aber aus irgendwelchen Gründen nicht getan habe. Da kommt so eine Besprechung gerade richtig, um diese Bildungslücke zu schließen. Wird "Graceful Inheritance" ohne die nostalgische Verklärung heute noch seinem kultischen Status gerecht? Oder ist es so schlecht gealtert, dass dem Album heutzutage nur noch wenig Relevanz beizumessen ist?
Um meine erste Frage zu beantworten: Ja, das Album wird seinem Status zu jeder Sekunde gerecht. Jedem Song wurde der nötige Raum gegeben, um sich zu entwickeln. Die Instrumentalfraktion liefert wunderbare Melodien, ohne sich aber gleichzeitig in überflüssigen musikalischen Spielereien zu verlieren. Der Gesang von Paul Davidson ist sehr abwechslungsreich und weiß ebenfalls zu gefallen.
Die warme Produktion lässt jedem Instrument die nötige Luft, um zur Geltung zu kommen. Die Hitdichte ist enorm hoch und kein Lied wirkt im Gesamtkontext des Albums überflüssig oder gar deplatziert. Ein wahres Meisterwerk des klassischen, wahren Power Metals.
Die Frage nach der heutigen Relevanz lässt sich ebenfalls leicht beantworten, denn oftmals klingt "Graceful Inheritance" geradezu nach der Blaupause für die Veröffentlichungen mancher NWoTHM-Bands.
Jeder Freund von traditionellem Heavy und Power Metal kann "Graceful Inheritance" bedenkenlos seiner Sammlung hinzufügen. Und wenn man dies schon getan hat, könnte man diesem Werk auch wieder einmal die verdiente Aufmerksamkeit zukommen lassen.
Mir bleibt am Ende nur übrig die Höchstnote zu vergeben, denn dieses Album von HEIR APPARENT hat bei mir voll ins Schwarze getroffen.
Note: 10/10
[René Juffernholz]
Wieder einmal fischen wir in den Frühzeiten des US-Metals, schön. In der zweiten Hälfte der Achtziger mauserte sich das kleine Label Black Dragon Records zu einer Topadresse für besagte Region harter Töne. 1986 erschien mit "Graceful Inheritance" ein weiteres Beispiel dafür, wie kraftvoller, in diesem Fall auch durchaus progressiver Metal zu klingen hatte, nämlich originell und mit einem starken Sänger. Das war noch zu einer Zeit, in der es eben nicht reichte, jemanden ins Mikro gurgeln zu lassen und zu behaupten, das wäre Gesang.
Ja, nur fürs Protokoll: Jede Musik wird besser, wenn man Keifer und Röchler gegen echte, gute Sänger ersetzt. Der für die damaligen Zeiten normale Gesang - man hatte durchaus einen Hang zu höheren Tonlagen - ist auch heute noch angenehm hörbar, das Album ist wirklich gut gealtert und die meisten der Lieder sind ebenso starke Hymnen wir früher, sei es der Opener 'Another Candle', das mächtige 'Tear Down The Walls', das epische 'Keeper Of The Reign', das wilde 'Nightmare' oder die finale Großtat 'AND...Dogro Lived On'. Ausfälle gibt es keine, "Graceful Inheritance" sollte man unbedingt kennen. Übrigens gab es zu diesem Album eine kleine, feine Tour durch Europa, in Deutschland zusammen mit SAVAGE GRACE (Originalticket siehe oben). Schön war's.
Note: 9,5/10
[Frank Jaeger]
Es tut mir aufrichtig leid, hier wieder die traute Einigkeit zumindest ein klein wenig zu zerstören, aber für mich ist "Graceful Inheritance" nicht dieses Allzeitwunderwerk, als das es wohl schon seit seinem Erscheinen gepriesen wird. Hier meine Geschichte mit diesem Album.
Anfang der 90er war ich begeisterter "Rock Hard"-Leser und habe über dieses Magazin sowie die legendäre "HR3 Hard 'n' Heavy"-Radiosendung unendlich viel tolle Musik kennengelernt. Im "Rock Hard" gab es auch immer so eine Liste mit den Alben mit dem höchsten Soundcheck-Durchschnittsnoten. Ich weiß nicht mehr genau, was da sonst alles genau draufstand, aber eine Nennung war "When Dream And Day Unite" von DREAM THEATER, ein Album, das mich dann auch umgehauen hat, als ich es endlich hatte.
Ich meine mich zu erinnern, dass "Graceful Inheritance" ganz oben auf dieser Liste stand, aber das Album war einfach nicht in die Hände zu bekommen. Irgendwann mal später habe ich aber bei einem Abverkauf "One Small Voice", den Nachfolger, abgreifen können. Mit höchsten Erwartungen habe ich das Album in Anwesenheit meiner Band-Kumpels angehört und diesen Moment werde ich nie vergessen. Sie haben sich alle kringelig gelacht. Das klang alles so dünn und schwächlich und dann war da noch diese Coverversion von 'Sound Of Silence'. Da zieht es mir bis heute noch die Schuhe aus. Mann, war das eine Enttäuschung! Und alle haben sich auch über mich lustig gemacht. Mal wieder Schrott gekauft.
Danach ist mein Verlangen nach "Graceful Inheritance" auf quasi Null gesunken. Trotzdem habe ich die Schallplatte irgendwann dann doch noch ergattert, denn das Cover hat mich schon immer begeistert. Und die Musik - allen voran der Gesang - ist Gott sei Dank auch deutlich besser als auf "One Small Voice", was allerdings keine große Kunst ist.
Natürlich ist das guter Heavy Metal, keine Frage. 'Tear Down The Walls' darf man gerne als zumindest kleine Metal-Hymne bezeichnen, da sträube ich mich nicht. 'Another Candle' atmet denselben Geist wie CRIMSON GLORY, und ja, HEIR APPARENT war zuerst da. Trotzdem kommt bei mir hier dieses Hochgefühl niemals auf, das vergleichbare Alben von QUEENSRŸCHE ("The Warning"), CRIMSON GLORY ("Transcendence") oder LETHAL ("Programmed") verursachen können. Ich kann es nicht beschreiben, aber ich höre das Besondere nicht, das Magische das mich zu höchsten Noten greifen und schwärmerischste Worte wählen lässt, wie es ansonsten nicht nur in unseren Hallen der Fall ist.
'Running From The Thunder', 'The Cloak' oder 'Nightmare'? Unser neue Kollege Juffernholz spricht von Blaupausen und ja, viele andere Bands könnten genau diese Songs auch genauso gut genauso generisch reproduzieren. Das klingt jetzt härter als es meine Intention ist, denn mir gefallen auch diese Songs gut, aber meine Vor- und sicher auch Nachredner preisen dieses Album als mit das Beste, was der Heavy Metal zu bieten hätte. Versteht dies also als leise Widerrede zu diesen. Mich hat solche Lobpreisung damals in eine Falle getrieben.
Heute würde ich schon sagen, dass das Album meine Sammlung bereichert, ja, auch 'Hands Of Destiny' ist ein toller, charismatischer Song im hohen Achterbereich. Doch wenn es wirklich drauf ankommen würde, könnte meinereiner auch gut ohne Kenntnis von "Graceful Inheritance" überleben.
Note: 8,5/10
[Thomas Becker]
Wieder mal ein 40 Jahre altes Album, wieder mal eine Band, von der ich bewusst noch nie was gehört habe, wieder mal einen einsamen Punkt? Ganz so schlimm ist es diesmal nicht, da kann ich schon mal die Gemüter beruhigen.
Bei den ersten Tönen werde ich an QUEENSRŸCHE erinnert, später kommen auch noch Assoziationen zu vielen anderen, bekannteren und erfolgreicheren Bands auf - selbst an BLACK SABBATH oder JUDAS PRIEST werde ich teilweise erinnert. Nun müsste ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich aus dem Kopf heraus sagen könnte, wer wann genau seine Hochzeit hatte und wer sich entsprechend von wem hat inspirieren lassen. Das ist aber auch egal, denn wenn eine Band mich an viele Bands denken lässt, die ich mag, ist das per se erstmal kein schlechtes Zeichen.
Dem gegenüber steht allerdings wiederum die Tatsache, dass ich lieber all die anderen Platten hören würde als "Graceful Inheritance". Denn hier muss ich mich meinem Vorredner, Thomas, anschließen; HEIR APPARENT bietet mir einfach nichts Besonderes. Es ist Wischiwaschi-Heavy Metal auf hohem Niveau, aber ich habe nie das Gefühl, als hätte ich was verpasst, hätte ich das Album nie kennengelernt. Am besten kann man das wohl mit einem Büffet vergleichen, anhand dessen Zutaten sich die anderen Bands raffiniertere Gerichte zusammengestellt haben - oder man hat von den Gerichten anderer Bands Bestandteile genommen und sich daraus ein Büffet zusammengebastelt, je nachdem, wer denn schlussendlich zuerst da war.
"Graceful Inheritance" macht dabei nichts falsch und die meisten Songs würden sich nahtlos und ohne negativ aufzufallen in jede Heavy-Metal-Playlist einfügen. Positiv herausstechen tut aber nunmal auch nichts. Dies führt dann am Ende dazu, dass ich mir die Frage stelle, warum ich überhaupt HEIR APPARENT hören sollte, wenn ich doch gleichzeitig so viele Bands zur Auswahl habe, die genau diese Bestandteile auch liefern, nur eben mit mehr Zielstrebigkeit. Mag sein, dass "Graceful Inheritance" historisch gesehen eine gewisse Relevanz hat und wahrscheinlich war es auch Inspiration für viele andere Bands, so dass es nicht verkehrt ist, das Album nochmal ins Rampenlicht zu zerren. Aber abgesehen von Nostalgikern und Musikhistorikern wüsste ich nicht, wem ich dieses Album ans Herz legen würde. Alle anderen verpassen nichts, wenn man es nicht kennt.
Note: 5,5/10
[Chris Schantzen]
Selbstverständlich ist "Graceful Inheritance" ein unbestrittener Klassiker des US Metals. Es gibt aber doch einige Unterschiede zu anderen Größen des Genres. Die ganze Anmutung ist schon aufgrund der Produktion etwas kauziger und weniger auf Hochglanz poliert als bei anderen Bands, was die Qualität natürlich nicht im mindesten berührt. Auch stehen die Keyboards sehr stark im Fokus des klanglichen Geschehens, und das Schlagzeug klingt etwas blechern. Das macht das Album zu einem Kind seiner Zeit. 'Tomorrow Night' tendiert schon in Richtung Melodic Rock / AOR. Dafür darf man voller Andacht dem Bassspiel von Derek Peace (siehe Foto links) lauschen und die insgesamt großartigen Songs genießen. Ende der 1980er Jahre galt "Graceful Inheritance" bereits als unterbewerteter Genreklassiker, so dass ich das Album damals unbedingt in die Sammlung stellen wollte. Es war aber gar nicht so leicht aufzutreiben. Gebraucht lief mir die CD dann eines Tages über den Weg – allerdings ohne das Booklet. Bisher habe ich noch keinen Re-Release daneben gestellt, so dass mir über all die Jahre das charakteristische Artwork des 1996 verstorbenen Künstlers Eric Larnoy vorenthalten blieb. An meiner Wertschätzung des Albums änderte diese Tatsache natürlich nichts.
Die Songs haben nicht nur extrem viel Charme, sondern auch einen hohen Wiedererkennungswert. Bestimmte Stücke wie 'Tear Down The Walls', 'AND ... Dogro Lived On' mit seinem furiosen Gitarrenspiel und besonders 'Another Candle' ragen aber heraus. Natürlich kann man, wie Thomas schreibt, ganz gut ohne Kenntnis von "Graceful Inheritance" überleben, aber als Fan des gepflegten US Metals wäre das Leben ohne dieses Album ärmer, auch wenn ich selbst nicht zur Höchstnote greife.
Note: 9,0/10
[Jens Wilkens]
Das Beste sind die ersten richtig evil tönenden Takte von 'Entrance'. Der Opener 'Another Candle' ist auch ganz gut, aber da merkt man schon, hier ist das Niveau eher ATTACKER und CULPRIT, und nicht FATES WARNING, was nicht abwertend sein soll, eher erklärend, denn wirklich Champions League war HEIR APPARENT nicht, eher gutklassig mittig.
Mir hatte das Album seinerzeit einen zu samtenen Anschlag, es war mir zu weich, zu sehr das, was später Power Metal genannt werden sollte. Vergleiche man dies mal mit den zeitgleich agierenden Buben um GRIFFIN, die viel mehr Drive in ihren Tracks hatten, man denke nur an 'Tame The Lion', oder aber mit 'Blizzering Winds' von VICIOUS RUMORS...
Genug Namedropping. Der glockenhelle instrumentale Gitarrenklang war HEIR APPARENTs Spezialität. Schon damals erwiesen sich die Jungs eher als zahme Käuze inmitten von fiesen, hungrigen, fleischfressenden Raubvögeln. In der Mitte hängt das Album dann durch, die Songs werden ähnlicher. 'Dragon's Lair' ist dann ein Ausbrecher nach ganz oben, so gefiel mir das trefflich, Flitzefinger, Speed, Aggressivität. Auch der Dogro-Track mit den NWoBHM-Vibes erweist sich als gutes Finale einer typischen US-Metal-Scheibe mit limitierter Produktion, die Möglichkeiten andeutete, sie aber nicht restlos ausspielte.
Note: 7,0/10
[Matthias Ehlert]
Wir starten das neue Jahr mit einer weiteren, mir bislang unbekannten Scheibe aus den scheinbar unendlichen Weiten des US-Metals. Dabei frage ich mich unweigerlich, ob mich mein Weihnachtsurlaub milder gestimmt hat oder ob der ausgedehnte "Stranger Things"-Marathon deutliche Spuren hinterlassen hat. Denn zu meiner eigenen Überraschung habe ich richtig Spaß mit diesem Album.
Dass "Graceful Inheritance" zwar gute, aber nicht unbedingt bahnbrechende Songs bietet, haben meine Kollegen bereits mehrfach erläutert. Dennoch sollte man betonen, dass hier das Ganze deutlich mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Die Atmosphäre des Albums ist durchweg stimmig und passt (zumindest aus meiner Sicht) wie die Faust aufs Auge zur Welt von "Hawkins". Auch der ursprüngliche Release im Jahr 1986 fügt sich perfekt in dieses nostalgische Szenario ein.
Den oft beschworenen Prog-Anteil kann ich hingegen auch hier zu keiner Sekunde heraushören. Ebenso fehlt mir der Glaube, dass dieser bei der Erstveröffentlichung eine nennenswerte Rolle gespielt haben soll. Stattdessen handelt es sich vielmehr um klassischen US Power Metal alter Schule, der bei POWERMETAL.de häufig sehr positiv aufgenommen wird. Trotz klarer Genre-Verankerung bleibt das Album auch für Genrefremde gut zugänglich, überreizt seinen Kauzfaktor nicht und gewinnt durch die derzeit allgegenwärtige, tsunamiartige Nostalgiewelle sogar noch an Relevanz und Schlagkraft. Ehrlicherweise mehr, als es vor 20 Jahren der Fall gewesen wäre. In diesem Punkt hat Chris absolut recht: Man verpasst hier nichts Bahnbrechendes. Die knapp 50 Minuten machen aber definitiv Spaß, sodass sein Urteil "Wischiwaschi" dann doch etwas zu hart ausfällt und ich jedem, der aktuell und/oder weiterhin Bock auf 1980er Vintage-Sounds hat, das Album wärmstens empfehlen kann. Eddie Mundson hätte es auf jeden Fall gefallen.
Note: 8,0/10
[Stefan Rosenthal]
Ich finde es komplett großartig, wenn sich Kollegen erstmalig mit so einem Album beschäftigen, die teilweise gar nichts mit dem Genre zu tun haben. Das zeugt von wahrem Musik-Interesse und einer Leidenschaft zu schreiben. Dass die jungfräulichen Ohren dann zu gänzlich anderen Ergebnissen als die meinigen kommen, die bereits seit 40 Jahren "Graceful Inheritance" huldigen, steht auf einem anderen Blatt. Meine Ohren erinnern sich nämlich noch recht genau daran, wie sie wild wedelnd nach dem Lesen eines Demo-Reviews im damals noch sensationellen "Rock Hard"-Magazin in Euphorie gerieten.
Als dann einige Monate später endlich der Longplayer auf dem Plattenteller rotierte, war meine komplette Clique komplett begeistert von der gebotenen Musik. Die Musik setzt dort an, wo kurze Zeit vorher QUEENSRŸCHE mit "The Warning" begonnen hatte und war sogar noch verspielter, ohne dabei zu einer Sekunde frickelig zu klingen. Der heute als seltsam wahrgenommene Klang hat niemanden gestört und ich finde ihn heute noch genauso toll. Der banale Grund: Ich liebe es, wenn in einer Quartett-Besetzung mit festem Sänger dem Bass eine Lead-Rolle zugeordnet wird. Wie ich gerade feststelle, eine Parallele zu kürzlich abgefeierten "Energetic Disassembly" von WATCHTOWER.
Das Album hatte über Jahre hinweg den höchsten Notendurchschnitt im "Rock Hard"-Soundcheck. Ob der heute noch gehalten wird, entzieht sich meiner Kenntnis, und der Underground stand komplett Kopf. Ich war damals bereits schwer mit Briefe schreiben beschäftigt und so entstand dann auch der Kontakt mit Bandkopf und Gitarrist Terry Gorle (siehe Foto links), den ich auf den anschließenden Tour mit SAVAGE GRACE in der Markthalle zu Hamburg erstmalig persönlich traf. Die Tour war aufgrund der parallel laufenden Fußball-WM leider eher mäßig besucht, was beide Bands aber nicht davon abhalten konnte, vollends zu begeistern.
Wer jetzt nicht das Besondere in der Musik auf "Graceful Inheritance" hört, ist wahrscheinlich einfach anders sozialisiert worden. Allein schon die ähnlich einzigartigen CULPRIT hier als Negativ-Parallele zu benennen, bestätigt diese Vermutung. Mir fallen nicht viele Alben ein, die ähnlich wie das Debüt von HEIR APPARENT klingen. Sicherlich ist diese Ansicht auch ein Stück weit zeitgeschichtlich verklärt, aber dieser Tiefton-Einsatz ist allein schon ein Alleinstellungsmerkmal für mich, den ich im melodisch-verspielten US Metal so nicht häufig geboten bekomme. Von daher muss ich bei der Negierung der Einzigartigkeit schon ein bisschen verwundert mit den Schultern zucken.
Vielleicht sind nicht alle Nummern von der Großartigkeit der absoluten Highlights 'Keeper Of The Reign', 'Another Candle', 'Tear Down The Walls' oder 'A.N.D.Dogro Lived On', besser lesbar als "No Devil Or God DNA", beseelt, aber eine mittelmäßige oder gar schlechte Nummer höre ich auf dem Debüt von HEIR APPARENT nicht.
Note: 10/10
[Holger Andrae]
Fotocredits: Frank Jäger, vom Auftritt beim "Keep It True"-Festival 2016.
Das alte Konzert-Ticket stammt von Frank Jäger, das alte Bandfoto und die Scans aus den Booklet der Original-LP stammen von Holger Andrae.
- Redakteur:
- Thomas Becker





