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VEKTOR, ANGELUS APATRIDA, DISTILLATOR - Hamburg

04.01.2016 | 12:54

06.12.2015, Knust

First Contact Tour!

Sonntag ist ein blöder Tag für Konzerte. Ich gebe es zu, ich muss mich vor allem in den grauen Herbsttagen regelrecht dazu zwingen meinen faulen Hintern aus dem gemütlichen Sessel zu liften, um an einem Sonntagabend zu einem Konzert zu gehen.  Aber es hilft nichts: Die fantastische Band VEKTOR bittet zum Tanze und so bleibt mir nichts anderes übrig als mich aufzuraffen. Auch das Vorprogramm liest sich toll, denn sowohl DISTILLATOR und ANGELUS  APATRIDA finde ich auf Scheibe extrem kurzweilig. Leider bin ich so kurzsichtig, mich für das private Automobil als Transportmittel zu entscheiden, ohne zu bedenken, dass in Hamburg gerade DOM ist. Da das Knust genau gegenüber vom eben jener Kirmesveranstaltung liegt, suche ich endlos lange einen Parkplatz.

Als ich endlich in der Halle bin, habe ich DISTILLATOR komplett verpasst. Mieser Mist, denn die Anwesenden Augenzeugen berichten von einem gelungenen Auftritt. So wende ich mich zügig der spanischen Delegation namens ANGELUS APATRIDA zu, die einen mittelgroßen Fanclub mitgebracht haben. Dieser Eindruck entsteht auf jeden Fall, wenn man sich die T-Shirts der Anwesenden anschaut. Das Quartett ist von Beginn an heiß und man merkt den Akteuren ihre langjährige Bühnenerfahrung an. Das ist mitreißend, auch wenn man mit dem Songmaterial nicht durchgehend vertraut ist. Vor allem Frontmann Guillermo Izquierdo scheint mächtig Spaß zu haben. Das Publikum macht es der Band aber auch leicht, denn schnell bildet sich vor der Bühne ein fröhlicher Moshpit, der thrashende Turnübungen im Kreisverkehr vorführt. Musikalisch bedient die Band die komplette Bandbreite des Thrash. Das heißt zwischen Highspeed-Zäpfchen gibt es immer wieder melodische Momente, in denen die textfeste Hälfte im Zuschauerraum sofort begeistert mitsingt. Die Zeit vergeht wie im Flug und ich notiere auf meinem imaginären Merkzettel, dass ich mich etwas genauer mit dieser extrem sympathisch wirkenden Band beschäftigen sollte.

Schnell noch ein Bier verhaftet und schon legt VEKTOR mit dem unglaublichen Zehnminüter 'Cosmic Cortex' los. Sofort ist klar, die Jungs aus Philadelphia machen keine  Gefangenen, denn wer geglaubt hat, man würde sich vielleicht erstmal mit einem etwas kürzeren Song in Fahrt spielen, wird unwillkürlich eines Besseren belehrt. Das Publikum geht sofort steil... bis die Band abrupt aufhört und ein lautes Gelächter verfällt. Da hat Flitzefinger Erik Nelson doch tatsächlich seinen Solo-Einsatz verpasst. Sänger David DiSanto schlendert breit grinsend zum Mikro und meint:"This has never happened bevor. Never!" Ohne mit der Wimper zu zucken setzt die Band daraufhin genau dort mitten im Song wieder ein, wo man eben aufgehört hatte und...  versemmelt es unter breiten Grinsen aller Beteiligten noch einmal. Im dritten Anlauf gelingt es dann. Entsprechend gelockert ist die Stimmung auf und vor der Bühne, sodass man von nun an in ein wahnwitzigses High-Speed-Sci-Fi-Thrash-Universum gebeamt wird. Die heiseren Schreie auf dem Album bekommt David auch live eindrucksvoll hin. Super! Mir war im Vorfeld klar, dass mich in erster Linie das Gitarrenspiel komplett aus den Socken hauen würde, aber das, was Drummer Blake Anderson hier abzieht, ist mindestens genau so unglaublich! Das ist Ganzkörperdrumming der Extraklasse. Als wäre sein Körper aus elastischer Gummimasse zappelt der gute Mann die ganze Zeit lässig hinter seiner Schießbude herum und scheint dabei ohne irgendwelche Anstrengungen die verrücktesten Rhythmen aufs Parkett zur zimmern. Kraftaufwand scheint dies nicht zu benötigen, denn es sieht so aus als würde er immer nur aus dem Handgelenk agieren. Ich überlege, ihm einen Jazzbesen zu reichen, habe aber gerade keinen zur Hand. Neben bekannten Geschossen der beiden Alben serviert und die Band drei neue Nummern, die ebenfalls völlig grandios klingen. Das bereits als digitale Single vorab bekannte ''Ultimate Artificer' ist dabei noch die unscheinbarste der neuen Nummern. Vor allem das acht Minuten lange 'The Cygnus Terminal', dessen Intro mich an LONG DISTANCE CALLING erinnert, vermag mich komplett zu überzeugen. Als man dann auch noch das überdimensionale 'Accelerating Universe' auspackt, steht die Halle komplett Kopf. Dreizehn Minuten lang katapultieren uns die vier Wahnsinnigen ins Noten-Weltall, nur um uns mit dem Semihit 'Asteroids' den finalen Genickschlag zu verpassen.

Ich habe es jedenfalls nicht bereut, mich an diesem trüben Sonntag aufzuraffen, denn das, was VEKTOR hier und heute Abend abgeliefert hat, zählt zu den Thrash-Sternstunden meiner Liveerlebnisse. Ganz großes Kino! Jetzt heißt es: Freuen und warten auf Album Numero Drei, welches uns hoffentlich bald vorliegen wird. Die drei gespielten Nummern versprechen eine weitere Großtat!

Redakteur:
Holger Andrae

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