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Queensryche, Methodica, Archer - Hamburg

28.09.2016 | 20:51

30.08.2016, Grünspan

Der Seattle-Fünfer bittet zum Familienfest.

Es ist 32 Jahre her, dass ich QUEENSRYCHE das erste Mal live sehen durfte. Damals war die Band im Vorprogramm von DIO auf der "Last In Line"-Tour unterwegs und hatte gerade mit ihrer EP und dem Debütalbum "The Warning" einen Bilderbuchstart hingelegt. In dieses Bild passte auch der damalige Auftritt, sowie etliche Gigs in der Folgezeit. Ich glaube, es war auf der "Q2K"-Tour, als ich die Band an zwei aufeinander folgenden Tagen in Hamburg anschaute und völlig enttäuscht war, dass sich beide Auftritte inklusive Ansagen Wort für Wort gleichen. Danach habe ich  QUEENSRYCHE nicht mehr live gesehen und aufgrund wenig überzeugender Tonträger und einer gruseligen Seifenoper ist die einstige Lieblingsband sogar mit ihren alten Klassikern selten zu heimischen Verköstigungen gekommen. Seit der Hinzunahme von Sänger Todd LaTorre und relativ guten neuen Alben hat sich die Situation wieder zum Positiven gewandelt und so gehe ich mit einer vorsichtigen Vorfreude ins Grünspan, welches an einem Dienstagabend und einem recht saftigen Ticketpreis pickepacke voll ist. Die beiden mir vorher nicht bekannten Vorbands sehe ich aus unterschiedlichen Gründen (fast) nicht. Als der Fünfer aus Seattle mit 'Guardian' vom aktuellen Album "Condition Hüman" in ihren Set einsteigt, ist die Stimmung im Publikum schon gigantisch. Man sieht viele Gesichter, die man seit Jahren nicht auf Konzerten gesehen hat, und alles fühlt sich von Beginn an wie ein großes Familienfest. Da erstaunt es wenig, dass beim zweiten Song 'Operation:Mindcrime' die Halle quasi Kopf steht. Von meinem Platz in Reihe Fünf aus sehe ich ausschließlich Menschen, die jedes Wort lautstark mitsingen und dabei feiern, als gäbe es kein Morgen. Es ist aber auch eine Ohrenweide, Todd beim Singen der nicht ganz leichten Tonlagen zuzuhören. Weiter im Text geht es mit dem Opener des Hitalbums "Empire". Auch hier sieht man nur begeisterte Gesichter an allen Ecken. Diese Euphorie ist offenbar ansteckend, denn vor allem Neu-Gitarrist Parker Lundgren grinst über beide Backen. Wirkt der junge Mann auf den ersten Blick mit seiner zeitgemäß glitschigen Frisur und seinem Gothic-Look zuerst etwas befremdlich, so mausert er sich schnell zum agilen Aktivposten auf der Bühne. Völlige Begeisterung gibt es dann von meiner Seite beim überraschenden 'Damaged' des komplett unterbewerteten "The Promised Land"-Meisterwerkes. Hätte die Band doch damals bloß in dieser Richtung weiter komponiert… Genug geträumt? Nö, denn beim nächsten Song splittert dann der Adrenalinspiegel zum ersten Mal: 'The Killing Words'! Ich habe Angst um meine Stimme und meine Nachbarschaft ist offensichtlich leicht irritiert über meinen anhaltenden Faustreck-Mitsing-Enthusiasmus. Entschuldigung, aber das war leider geil. Es folgt eine weitere Zeitreise ins Jahr 1988; 'The Mission' erquickt unsere Seele und danach tut das beruhigende 'Silent Lucidity' doppelt gut. Erneut kann ich hier Todd ein ganz dickes Lob aussprechen: Er singt die Nummer mit sehr viel Gefühl und ist sichtlich gerührt, dass die ganze Halle versucht es ihm gleich zu tun. Entenparka.

Nach dieser angenehmen Abkühlung geht es gleich wieder in die Vollen: 'Empire' hat auch über 25 Jahre nach seinem Erscheinen nichts von seiner Qualität verloren. Da stört es auch weniger, dass die beiden alten Recken Michael Wilton und Eddie Jackson relativ bewegungsarm auf der Bühne agieren.V or allem Mister Jackson merkt man mit zunehmender Spielzeit an, wie sehr er sich über die extrem positive Resonanz freut. Einfach sympathisch, die Herrschaften. Dies gilt natürlich auch für den fünften Mann im Bunde: Scott Rockenfield sieht immer noch aus wie ein Tour-De-France-Teilnehmer, so drahtig und brillig klöppelt er hinter seiner (extrem abgespeckten) Trommelbude herum. Mit 'Eye9' gibt es dann eine weitere Nummer des letzten Albums, bevor die Bande mit dem finalen Euphorieständer herum wedelt.

Eingeleitet von einem der beiden Songs, die ich bereits vor 32 Jahren live hören durfte und bei der sich auch der gute Todd gesanglich ein bisschen schwer tut: 'Queen Of The Reich'! Besser geht Musik nicht. Punkt aus, Amen. Eine Nummer, die etliche Erinnerungen an die erste Jungfernfahrt dieser EP auf meinem Plattenspieler aufruft. Schwebezustand. Da kann 'Jet City Woman' nicht ganz mithalten, aber es gibt ja noch die alte Flamme, die man halten darf. 'Take Hold Of The Flame' erzeugt ein ähnliches Gefühl wie die Bandhymne kurz zuvor und ich kann es gar nicht glauben, dass die Band hiernach schon von der Bühne geht. Das darf doch noch nicht zu Ende sein. Ist es auch nicht! Und mit der ersten Zugabe überraschen uns die Rycher dann noch einmal: Niemals hätte ich damit gerechnet, jetzt noch 'Screaming In Digital' hören zu dürfen. Diesen Geheimtipp erst bei den Zugaben aus dem Köcher zu ziehen, ist schon beachtlich. Das tatsächliche Finale bestreitet dann eine weitere Nummer des besten Konzeptalbums, in diesem Falle 'Eyes Of A Stranger'.

Danach fällt der Vorhang endgültig und man sieht rings herum nur strahlende Gesichter mit leuchtenden Augen. Das war ein ganz besonderes Konzert! Müsste ich etwas bemängeln, wäre es das Fehlen von 'I Don't Believe In Love', 'Roads To Madness', 'Suite Sister Mary', Neue Regel' und 'NM 156', aber in der euphorischen Jubelstimmung, in der mich die Band, die ich einst so geliebt habe, zurück lässt, ist das unmöglich. Bitte, bitte, ganz schnell wieder kommen!

Setlist: Guardian;Operation: Mindcrime; Best I Can; Damaged; The Killing Words; The Mission; Silent Lucidity; Empire; Eye9; Queen of the Reich; Jet City Woman; Take Hold of the Flame; Screaming in Digital; Eyes of a Stranger

Redakteur:
Holger Andrae

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