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Nevermore / Arch Enemy - Hamburg

28.09.2003 | 08:56

24.09.2003, Markthalle

Der Seattle-Vierer NEVERMORE zählt spätestens (!) seit ihrem Chartprügler "Dead Heart In A Dead World" zu den angesagtesten Truppen des modernen Heavy Metals - in besonderer Umgehung des Begriffes Nu-Metal, denn damit haben die Jungs um Frontsirene Warrel Dane so gar nix an der Mütze – und so war ich dann doch etwas überrascht angesichts der recht kurzen Schlange beim Einlass in der Markthalle zu Hamburg. Nach kurzer Zeit wurde uns der Grund für eher gemäßigtes Interesse an der zu erwartenden Veranstaltung klar: ARCH ENEMY - seit kurzer Zeit auch in Deutschland Medien-Lieblinge -, die den Reigen hochqualifiziert eröffnen sollten, hatten aus Krankheitsgründen leider abgesagt. Dafür gab es an der Abendkasse 2 Euro Nachlass (auch rückwirkend), trotzdem dürfte es aber bei nicht wenigen für den Antritt der Heimreise gesorgt haben. So auch bei meinem Kollegen samt Anhang, der relativ genervt von dannen zog.
Nach kurzer Diskussion mit meiner besseren Hälfte, überzeugte ich sie von den uneingeschränkten Qualitäten der verbliebenen Truppe und wir eroberten die Markthalle, um uns die Wartezeit mit einem Bierchen zu verkürzen. Nach unendlich erscheinenden 90 Minuten, die netterweise mit PINK FLOYD versüßt wurden, verlöschte das Saallicht und vor zwei Travis Smith-Artworks, die das Drumset einrahmten, enterten Warrel, Jeff, Jim, Van und als Aushilfstourklampfer Steve Smith von TESTAMENT die Bretter. Und bereits das Opening-Trio offenbarte zweierlei: Es würde eine überraschende Playlist geben, die leider einem grottigen Sound zum Opfer fallen würde. Wir alle wissen, dass NEVERMORE häufiger unter mäßigem Live-Sound leiden und Besucher der Markthalle wissen Gleiches auch von vielen anderen Metal-Konzerten in dieser Location zu berichten. Logisch, dass beide Komponenten gemeinsam - zumindest anfänglich - nicht gerade für Transparenz, Ohrenfreundlichkeit oder gar Dynamik sorgten. Während ich zumindest beim fulminant abgefeierten Opener 'Inside Four Walls' und dem anschließenden "Enemies"-Song 'Never Purify' noch auf deutliche Besserung hoffte, war ich beim grandiosen 'Sea Of Possibilities' ziemlich angepisst und konnte entsprechend bauchlastig "Some will find the answers, some submit to aggression" intonieren. Spätestens hier war klar, dass Warrel Dane und seine Mannen nicht ausschließlich auf alltägliches Material zurückgreifen würden, denn gerade diese Nummer vom Debüt hätten wohl nur die Allerwenigsten erwartet. 'Lost' ging dann leider komplett im Soundbrei unter – progressiver Thrash zum progressiven Hören? Hätte ich diesen Song nicht zig Mal vorher gehört, hätte ich mich allen Ernstes gefragt, ob nicht mal jemand diesen Lärm abstellen könnte. Zur Besänftigung intonierte die Band das herrliche 'In Memory'. Spätestens ab dieser Nummer, die licht- wie auch soundtechnisch sehr gut rüberkam, wurde klar, dass neben Warrel vor allem Basser Jim Shepard erstklassige Entertainer-Qualitäten hat. In erster Linie durch seinen Publikumskontakt während des gesamten Gigs erntete er einige ganz dicke Sympathie-Punkte. Bei 'Narcosynthesis' stand dann die Halle erstmalig so richtig Kopf und Drummer Van Willams zerholzte sein Kit nach allen Regeln der Kunst. Geilofant!
NEVERMORE verstanden es immer wieder gezielt Stimmungsschwankungen zu erzeugen, denn das nachfolgende 'Dead Heart In A Dead World' anzuspielen, um es mit 'The Heart Collector' fortzusetzen, entpuppte sich als absoluter Bringer. Inzwischen waren die Soundverhältnisse selbst bei heftigeren Nummern erträglich – oder der Gewöhnungseffekt war eingetreten – und dem Konzertgenuss stand nichts mehr im Wege. Auf der Bühne eine handwerklich erstklassige Band, die obendrein noch kumpelhaft auftrat und einen Killersong nach dem anderen auf die Menge abfeuerte... Über Riffmeister Jeff Loomis großartig Worte zu verlieren, hieße, die berühmten Nachtvögel irgendwo nach Griechenland zu tragen, aber auch Steve Smith wirkte weit mehr wie ein vollwertiges Mitglied. Er sang beim Bangen jeden Song lauthals mit und schüttelte dabei auch noch mal so eben die kompliziertesten Akkorde aus dem Handgelenk. Top!
Hatte die Band bis dahin erstaunlich wenig Material des aktuellen Tonträgers gespielt, so folgten mit 'Ambivalent' und dem Titeltrack gleich zwei Nummern davon, bis man mit 'The River Dragon' zurück zum Hitalbum wanderte. Völlig aus den Socken war ich dann beim zerstörerischen 'Seven Tongues Of God'. Die nötige Abkühlung bot danach die momentane Schmusesingle 'Tomorrow Turned Into Yesterday', die dann auch das Ende einläutete.
Der Zugabepart wurde exzellent mit dem neuen 'Who Decides' eröffnet (sehr geil), um dann schlussendlich mit 'Engines Of Hate' und (natürlich) 'Sound Of Silence' dem Publikum den finalen Genickschuss zu verpassen. Wie gut, dass Simone & Kallifünkel diese Version nicht hören mussten.
Ich komme zum Ergebnis, hier zum wiederholten Male eine hervorragende Band erlebt zu haben, die leider an den widrigen Umständen etwas zu knabbern hatte, sich davon aber zu keiner Sekunde aus der Fassung bringen ließ. Natürlich hätte ich auch sehr gerne ARCH ENEMY gesehen, aber wer an diesem Abend NEVERMORE verpasst hat, darf sich gern ein bisschen ärgern.

Setlist:
Inside Four Walls
Never Purify
Sea Of Possibilities
Lost
In Memory
Narcosynthesis
Dead Heart In A Dead World / Heart Collector
Ambivalent
Enemies Of Reality
River Dragon Has Come
Seven Tongues Of God
Tomorrow Turned Into Yesterday

Who Decides
Engines Of Hate
Sound Of Silence

Redakteur:
Holger Andrae

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