Inferno-Festival - Oslo

06.05.2004 | 06:49

07.04.2004, Rockefeller/ John Dee

Norwegische Fans sind ja sowas von vorbildlich. Schon zur ersten Band dieses langen letzten Festivaltages ist das John Dee gefüllt mit ihnen. Norwegische Fans wissen aber auch, was gut ist, zumindest meistens. Die vergangenen Nächte samt Vor- und Nachspielen sieht man den nicht Geschminkten an, tiefe Schatten um den Augen lassen die Black-Metal-Fans gleich noch viel überzeugender böse aussehen. Andere, extravagante Typen versuchen den dunklen Ringen mit Pink beizukommen. Eine sehr schicke Frau lenkt derweilen mit dem kleinen Maulwurf als Oberarm-Tattoo von der schwarzen Realität ab. (Wie ist diese Kult-DDR-Comicfigur nur ins finstere Norwegen gekommen? - HK) Eine weitere gut bestückte Dame bringt ihre Rundungen im eng geschnürten Korsett und Petticoat (beides zartrosa schillernd) zur Geltung. So schaut es aus vor der Bühne, bevor die geilen Säue von URGEHAL erscheinen. Hier in der Heimat klingt ihr Black Metal gleich 666 Mal dreckiger! Songs wie 'The Sodomizer', 'Possessed' oder 'Mirror Satan' sind wie frisches Blut für einen austrocknenden Underground. Corpsepaint ist sowieso Pflicht. Wann sieht man heute schon noch ein umgedrehtes Kreuz auf der weißen Stirn eines Sängers prangen? Auch Enzifer an der elektrischen Gitarre macht eine gute Figur. Er verschwindet fast unter all den Spikes auf seinem Lederanzug. Und dann dieser abgründige fette Bass, der weiß, was er soll, in dieser satanischen Musik. Black Metal lebt! URGEHAL beweisen es.

Setlist URGEHAL:

The Sodomizer
Maatte Blodet Flomme
Through Thick Fog
Nyx
Possessed
Eternal Eclipse
Nocturnal Revelation
Mirror Satan

Zu den neuen Hoffnungen für die Rettung des norwegischen Black Metal zählen auch DISIPLIN. Entsprechend voll ist da erstmal das Rockefeller bei ihrem Auftritt. Ihr Sänger gehört mal wieder in die neue Gattung der kahlköpfigen Schreihälse. Modern klingt auch der maschinenhafte Black Metal, den DISIPLIN spielen. Mit KHOLD sind sie nun ein weiterer Moonfog-Bastard im nordischen Metal-Geschehen und tragen unverkennbar den Stempel ihres Labels in der Musik. Auch der Hybrid DISIPLIN klingt mit der Mischung aus Old School Black Metal und Industrial Death Metal auf weiten Strecken wie die neuen SATYRICON. Das Image und Auftreten mit Fahne gleicht dagegen mehr dem Bild, welches LAIBACH pflegen.
Auch thematisch finden sich Parallelen zu der Balkankrieger-Formation, drehen sich die Songs doch vordergründig um militaristische Regime, Maschinen und Krieg. Der Mensch wird nicht als Individuum betrachtet. Entsprechend kalt und seelenlos hört sich der Lärm an, den DISIPLIN fabrizieren. Etwas enttäuscht wenden sich einige Zuhörer ab und verlassen den Saal im Rockefeller. Die zahlreichen Merchandising-Artikel in der Lounge wollen schließlich auch mal betrachtet werden. Solche DISSECTION-Patches wie sie da in Kuttengröße hängen, sieht man schließlich nicht alle Tage. Kaufen oder doch noch zwei Bier mehr saufen? Das ist hier die existenzielle Frage. Bei anhaltenden Entscheidungsproblemen sorgt am Nebenstand der Trailer für den bald in den hiesigen Kinos laufenden "Van Helsing" für Ablenkung. Den Vorgeschmack kann man sich, wenn's ganz hart kommt immer wieder angucken, denn die Spezialeffekte stellen fast noch die von "Herr Der Ringe" in den Schatten. Vampire, Monster, Werwölfe und und und... Auch DISIPLIN sind inzwischen vergessen.

(Wiebke Rost)

Setlist DISIPLIN:

Strategy Formulation
Liberation
The Death Song
Knife Regime
Ultimatum
Hate Engine
The One Who Makes You Crawl

Genial! MINDGRINDER erweisen sich als ein weiterer Muntermacher des letzten Tages. "Cosmocrator" schreit ein Typ im Publikum begeistert. Doch der angerufene Sänger zuckt noch nicht einmal und spielt weiter. Die Jungs zocken beinahe ihr komplettes "MindTech"-Debüt herunter, die Songs klingen sogar noch ein bisschen druckvoller als auf dieser Teufelsscheibe. Hier paart sich kalte Industrial-Energie wie bei ZYKLON mit dunklem Death Metal und einer Spur Black Metal. Diese Mischung klingt auch live dermaßen mächtig, dass einem vor lauter Kopfbanging fast die Wirbelsäule aus dem Rücken springt und vorn auf der Bühne weiter tanzt. Genau solche Gedanken kommen dem Schreiberling nämlich, der inzwischen auch schon ganz schön viele Superlative verschossen hat. Aber MINDGRINDER sollen trotzdem noch ein tolles Kompliment bekommen: Innovative Härte im schwärzesten Black-Metal-Gewand, eingehüllt in eine Death-Metal-Robe aus blutiger Seide. Täterätäh!

Setlist MIND GRINDER:

War Solution
Sadistic Images
Surviving God
Deception
Fire Of Equanimity

Die trinkfreudigen Polen von DECAPITATED blasten sich aggressiv und ohne nennenswerte Kompromisse durch ihre Show. Die Death-Metal-Jungspunde präsentieren sich als technisch außerordentlich versiert, VADER haben hier ernsthafte Konkurrenz aus dem eigenen Land erhalten. Ansonsten erleben die Jungs ein sehr abwechslungsreiches Inferno - tags zuvor darf Sänger Sauron wegen akuter Trunkenheit nicht wieder zurück in den Club - deswegen machen DECAPITATED im Hotel weiter. Freilich merkt man ihrer Show den Blutgehalt im Alkohol nicht an, der Sound gleicht einer massiven Wand. Für Erheiterung sorgt Bassist Martin - sein oben abgesägtes Instrument wirkt in seiner Hand wie ein Spielzeug. Drummer Vitek gibt die rasende Geschwindigkeit vor - und entpuppt sich später als absolut sympathischer Zeitgenosse. Bei einem Bier vor dem Club kommt ihm und dem powermetal.de-Chronisten ein besoffener Metal-Opa entgegen. Der lallt nur noch etwas von "Rock'n'Roll" - Vitek hat Verständnis und gibt ihm einen großen Schluck Bier.
Die menschliche Geste wird vom Metal-Gott nicht belohnt: Auch später haben DECAPITATED wieder Probleme, in den Club zu kommen. Trotzdem sind sie betrunken genug ihre Zeit und ihren Auftritt in Norwegen als "genial" zu beschreiben. Soviel Enthusiasmus verdient nur ein Fazit: Mit DECAPITATED wächst eine unheimlich heiße Band heran, die Jungs könnten die Erben von VADER werden.
Es folgen ABORYM mit Ex-MAYHEM-Stime Atilla (genau der Typ, der damals die "De Mysteriis Dom Sathanas" eingesungen hat...). Doch ach du Schreck: Die Show gleicht eher einer lauten elektronischen Baustelle für gestörte Existenzen denn einem Metal-Konzert. Da rettet selbst das MOTÖRHEADsche 'Ace Of Spades'-Cover am Ende nichts mehr, weil auch das verwurstet klingt. Ich übergebe in den Fotograben...

(Henri Kramer)

Dort geht es mal wieder ganz schön eng zu und für Zuspätkommer ist Warten angesagt. Als ob sie das geahnt hätten, betreten ABORYM in optisch sehr reizvollen Kostümen die Bühne. Sänger Atilla sieht aus wie ein Aborigine, der Rest der Bande gleicht wild gewordenen Cyber Punks. Der eine mit Tarnmaske und roten Rastas, der nächste mit Iro und umgedrehtem Blinkekreuz und noch einer mit Traktorreifen an den Füßen. Dazwischen tobt Atilla, in seinem gekalkten Gesicht eine neonrote Kriegsbemalung. Mit ABORYM zeigt sich nicht nur eine neue Generation des Corpse-Paint, sondern auch eine völlig neue Art Metal zu spielen. Eigentlich kann davon hier schon gar nicht mehr die Rede sein. Eine Beschreibung wie satanischer Techno trifft wohl noch am meisten zu. Im Prinzip spielen ABORYM ziemlich harten EBM mit Gitarren versetzt. Während der ersten drei Songs klingt diese Mixtur auch richtig gut. Die verschiedenen Klangschichten scheinen über und nebeneinander perfekt zu kommunizieren, der Sound ist wirklich galaktisch! Beim vierten Lied allerdings scheint die gesamte Konstruktion zusammenzubrechen, die einzelnen Instrumente und unzähligen Keyboardspuren verlieren ihre Identität und am Ende kommt nur noch Brei raus.
Ab da hält eigentlich nur noch Atilla die Show am Laufen, denn er scheint als einziger noch durchzusehen in dem Lärmchaos. Seine Arme hält er ausgestreckt in Richtung der Instrumente und fängt förmlich deren Frequenzen auf. Fehlen eigentlich nur noch die Lichtblitze hin zu seinen Fingerspitzen, so elektrisiert ist dieser Mann. Besessen von dem Krach bewegt er sich wie ein Übermensch zwischen den Laser-Lichtkegeln und kosmischen Nebelwolken hin und her. Der Priester, Medizinmann und Dämon wechselt dabei gekonnt zwischen Mönchs-Choral und Unterweltgekeife.
Vom Black Metal ist allerdings nicht mehr viel übrig geblieben, die Riffs verkommen zu Soundschnipseln in einer gewaltigen technoiden Maschinerie. Da wundert es nicht, wenn extra aus Deutschland angereiste Fans enttäuscht sagen, dass hier der Black Metal seine Seele verloren hat. Das Rockefeller bleibt trotzdem voll mit den Fans einer neuen Ära.

(Wiebke Rost)

DEFILED erweisen sich als Ohren-Durchpuster allererster Güte. Wer genau vor den Boxen steht, bekommt eine völlig neue Frisur verpasst. Die Double-Bass-Attacken schießen nämlich so wuchtig und präzise aus den Lautsprechern, dass die Kinnlade automatisch absackt und der Rest des Körpers chancenlos vor sich hin zuckt, die Haupthaare richten sich vor Begeisterung auf und tanzen mit. Das norwegische Publikum hält dieser Energie-Attacke nicht lange stand, bald werden die Japaner gnadenlos abgefeiert. Es sieht aber auch zu geil aus, einen Sänger wie Hideki Fujimoto völlig enthemmt auf einer Bühne schreien zu sehen. Der Typ gebärdet sich mehr wie ein Tier als ein Mensch und will mit seinen langen Haaren und dem mächtigen Body so überhaupt nicht dem Bild des schmächtigen Klischee-Japaners entsprechen. Bei aller Bewegung hat er sogar noch die Puste Berge von Flyern in die Menge zu feuern. Seine Band-Kollegen springen ähnlich motiviert auf der Bühne herum, ohne Gnade blasten DEFILED einen floridaesken Death-Metal-Knaller nach dem anderen in die völlig ausrastende Fan-Gemeinde. Wer dieses japanische Killer-Kommando aus den tiefsten Tiefen des Death-Metal-Undergrounds noch nicht kennt: Unbedingtes Anchecken empfiehlt sich, diese vier Typen haben nicht mehr alle Teller im vermoderten Küchenschrank stehen. Gut so!

(Henri Kramer)

Als nächstes wartet eine echte Premiere auf die Fans: HOLY MOSES spielen das erste Mal in Norwegen. In 24 Jahren Bandgeschichte hat es das Thrash-Metal-Urgestein noch kein einziges Mal hier hoch verschlagen. An mangelndem Feedback kann das nicht gelegen haben. Denn kaum eine Band wird beim Inferno so gefeiert wie HOLY MOSES. Auf den Podesten im Rockefeller findet sich gleich eine ganze Schar internationalen Pressevölkchens zusammen und mosht und jubelt bei Hits, die schon 16 Jahre auf dem Buckel haben. Im Zentrum der Begeisterung steht natürlich Sabina, damals wohl noch die erste Front-Grunzerin der Welt. Auf magische Weise scheint sie nicht zu altern, zieht sie das Programm wie damals in den Achtzigern durch. Heute trägt die blonde Röhre Ringelstrümpfe und zerfetzte T-Shirts. So scheint sich der Glaube, das Alkohol konserviert, mal wieder einwandfrei zu bestätigen. Dabei leidet Frau Classen hier im kalten Norden. Sie kann es kaum glauben, dass sie auf der Bühne Wasser trinken soll! "Beer is sooo expensive here!" Damit spricht sie wohl so manchem armen Schwein aus der Seele. Fieserweise gibt es hier im Rockefeller sogar einen Geldautomaten, dass der trunkene Fan unbedacht immer wieder nachzapfen kann, bis das Konto leer ist. (Abheben nur in 200-Kronen-Schritten möglich, also 25 Euro - HK) Sabina hat's da besser; eine Songgranate später bekommt sie ihr Bier. Diese Stimme muss schließlich geölt sein!
Es ist schon fast beängstigend, wie sich diese Frau auf der Bühne bewegt, besonders wenn sie sich vom äußersten Bühnenrand zum Publikum hinbeugt und hinter vorgehaltenem Mikro zwei riesengroße dämonisch funkelnde Augen hervorleuchten. Die meiste Zeit ist ihr teuflisches Antlitz jedoch verdeckt unter einer feuerroten Mähne, denn unermüdlich bangt sich Sabina fast das Gehirn aus der Kalotte. Die verrückten Old-School-Fans vor der Bühne machen's ihr nach. Bei den Klassikern vom 89-Album "The New Machine Of Liechtenstein..." geraten die Nordländer genauso ins Schwitzen wie bei neuen Songs vom Comeback-Debüt "Master Of Disaster". Das neue Line-Up hat sich mit den alten Stücken bestens arrangiert und liefert den fetten Sound für Sabinas mächtiges Gegrunze.
Mit der rauen Coverversion der EBM-Hymne 'Hate Is Just A Four-Letter-Word' geben HOLY MOSES ihrem Auftritt beim Inferno 2004 einen denkwürdigen Abschluss. Kalt und eisern klingt auf einmal Sabinas Stimme, eine beklemmend dunkle Atmosphäre von trauriger Schönheit breitet sich im Saal aus. Man ahnt, dass HOLY MOSES den noch nicht lang zurückliegenden Tod von Crew-Mitglied und langjähriger Freundin Jaqueline dabei im Hinterkopf haben. Tragisch und herzergreifend spielen sie dieses Stück und hinterlassen ein zutiefst bewegtes Publikum in dem Verlangen nach mehr. Das bekommt es auch. HOLY MOSES brechen mit der strikten Trennung zwischen Band und Publikum; wer will, kann zusammen mit Sabina und Co bangen, bis er von der Bühne kippt. Das hat hier sonst keine Band gemacht. Am Ende bleibt der Eindruck, dass HOLY MOSES einen der besten Auftritte während der drei verrückten Tage geliefert haben.

(Wiebke Rost)

MYRKSKOG sind ganz schön beliebt, das hätte wohl selbst die Band nicht gedacht. Bei ihrem Gig ist nämlich erst einmal kein Reinkommen, da heißt es Schlangestehen an der Treppe zum John Dee... Doch wer sich endlich in die Massen vor der kleinen Bühne gequetscht hat, wird mit einem tollen Gig der Marke "viel schneller als nur möglichst schnell" belohnt. Was diese kryptische Satzfolge bedeuten soll? MYRKSKOG sind mit einem der flinkesten Drummer des Festivals gesegnet, Secthdamon leistet übermenschliche Arbeit. Zwei der MYRKSKOG-Musiker zocken auch bei ZYKLON, gibt es eigentlich schon eine allgemein gültige Verquickungstabelle für alle norwegischen Bands? Die Fans im Saal scheinen die musikalische Inzucht längst zu kennen, die Nordländer kommen mit ihrem technischen Death Metal amerikanischer Prägung prima an. Viel Spielfreude, viel Feeling - eine tolle Band.
Viel besser als MAYHEM... Die Jungs demontieren sich zwar schon seit Jahren selbst und haben wie weiland in Wacken oder 1999 bei den Morbiden Festspielen auch schon schlechter gespielt. Aber wenigstens für Norwegen darf der Alt-Fan aber doch noch eine geile Show erwarten?! Pustekuchen, nix mit infernalischem Black Metal! Das Konzert ist bieder und langweilig, aufgesetzte Evilness paart sich mit künstlerischer Einfalt... Schnüff, ich brauch' ein Trostbier! Sollen MAYHEM doch ohne mich spielen!

(Henri Kramer)

Das Böse soll also das letzte Wort haben. Und ein zum Bersten volles Rockefeller wartet gespannt, was sich hinter dem Wort verbirgt. MAYHEM sollen also den krönenden Abschluss liefern für das schwärzeste Festival Europas. Viel gerätselt wurde ja schon im Vorfeld, was sich Psycho Maniac diesmal einfallen lässt um wieder selbst eingeschworene Black-Metal-Fans zu schockieren. So hieß es, er würde heute etwas liefern, was er noch nie gemacht hätte. Unruhig und voller Erwartung steht sich ein jeder, der für diesen Abend noch eine Karte ergattern konnte, eng an eng die Beine in den Bauch. Vorn am Fotograben wird weiterspekuliert, was MAYHEM wohl verzapfen werden. Schnell wird noch der Hunger mit einem Schaschlikspieß getilgt, den der liebe Crew-Mensch neben der Bühne mit den Fotozwergen teilt. Da hätte wohl noch keiner daran gedacht, wo das frisch gebratene Fleisch eventuell herkommt. Plötzlich tauchen Bühnenarbeiter mit gehäuteten Schweinsköpfen auf. Lieblos werden die vier Schädel mit Fleischresten auf Stahlrohre gerammt und mit Benzin übergossen. Aus den Mäulern hängen Zündschnüre heraus. Eines steht schon mal fest: Hier wird es gleich sehr heiß. Die Schweine und opferwilligen Fans in der ersten Reihe schwitzen jetzt schon, wo es noch gar nicht angefangen hat. Norweger, Inder, Deutsche, Letten..., alle wollen MAYHEM sehen. Auch Kim, unser blonder Freund im MAYHEM-Shirt muss sich hier irgendwo herumtreiben, wenn er denn noch stehen kann. Zahlreiche Musiker, darunter viele, die bereits gestern hier gespielt haben, sind gekommen um die Urväter des norwegischen Black Metals zu beäugen. Sogar HOLY MOSES-Sabina steht an der Seite und lugt neugierig auf die Bühne.
Man ahnt schon fast nichts Böses mehr als es plötzlich knallt und die halbe Bühne in Flammen steht. Jetzt muss auch die letzte Sau dran glauben. Blasphemer, Maniac, Hellhammer und Necrobutcher betreten die Bühne und feuern los mit 'Whore'. Hasserfüllt und angewidert verbiegt sich Maniac über der Stahlkonstruktion an seinem Mikro, während er die neuen Zeilen keift. Angepinselt wie ein MARILYN MANSON-Verschnitt und ähnlich spastisch gestikulierend post er für die notgeilen Fotographen im Graben, reckt ihnen abwechselnd seine Zunge oder den Mittelfinger entgegen, bis er sich wieder lüstern den inzwischen verkohlten Schweinsköpfen zuwendet und manisch in ihren Augen herumbohrt. Dagegen sieht Necrobutcher richtig gut gelaunt aus, so schelmisch wie er sich über das faszinierte Publikum freut. Von der inneren Gespaltenheit gegenüber der heutigen MAYHEM-Besetzung und ihrer Echtheit lässt sich die Masse zumindest während des Konzertes nichts anmerken. Eisern wird durchgebangt. Schließlich ist der Name MAYHEM so etwas wie eine Glaubensinstitution. Entsprechend überzeugt von dem, was er da singt und tut, pfeffert Maniac bei dem eigentlich seeligen Klassiker 'Freezing Moon' dann auch mal wieder einen Schweinskopf ins tobende Publikum. Diesmal wird das pfundsschwere Geschoss sicher abgefangen, MAYHEM hinterlassen hier keine Verletzten. Der Fänger freut sich für den Rest des Abends über seinen neuen Kopf, der jetzt ebenfalls gebangt wird.
Bei dem fröhlichen Treiben vor der Bühne entgeht vielleicht sogar so manchem der Gast-Auftritt von ABORYM-Atilla, der mit 'Pagan Fears' alte Zeiten wieder lebendig werden lässt. Fehlt eigentlich nur noch, dass sich Count Grishnack jetzt einen Kurzurlaub gönnt und sich mit Friedensfahne hinzugesellt. Aber nein, der Junge sitzt gut hinter Verschluss und ist somit auch nicht für den Dreißig-Millionenraub im norwegischen Stavanger verantwortlich, der kurz vor dem Festival am 5. April norwegische Gemüter erschütterte. Wo soll es nur mit diesem Land hinführen? In Zeiten, wo das Bier sechs Euro kostet und das Erdöl knapp wird, Oslo zur Großstadt verkommt und der Black Metal dekadente Feste feiert? "A Time To Die" heißt Maniacs Antwort. Das Böse hat gesprochen?

(Wiebke Rost)

Gevatter Gaahl ist derweil schon gegangen, sein Gesicht als ausdruckslose Maske sagt nichts über den Grad seiner Zufriedenheit. Wenn doch nur Nattefrost von CARPATHIAN FOREST da wäre, möchte man bei dem Auftritt von MAYHEM denken. Der Typ würde diesem Maniac-Kunden dort vorne schon zeigen, wo das umgedrehte Kreuz hängt. Doch auch Nattefrost ist außer Gefecht, hat ihn doch letztens der Gleichgewichtssinn verlassen, der Sturz brach ihm das Schlüsselbein. Dafür singt auf dem nächsten Solo-Album ein selbst gefangener Hahn: Das ist noch Black Metal. MAYHEM dagegen...
Wenigstens haben sich inzwischen im Backstage-Raum scheinbar alle Groupies aus Norwegen zum gemeinsamen Kaffeekränzchen versammelt. Die pure Dekadenz. Saufen!

(Henri Kramer)

Elitäre Dekadenz, wohlgemerkt! Man sollte nicht vergessen, worauf diese Szene fußt: Mord, Brand und Totschlag. Jetzt läuft das halt etwas süffisanter auf zwischenmenschlicher Ebene ab und die Frauen müssen dran glauben. Wer weiß schon, was hier der eine oder andere satanische Musiker noch beabsichtigt beim Anblick all der straffen Schenkel und fleischigen Brüste... Erst vor Kurzem musste sich Gaahl wieder vor einem norwegischen Gericht rechtfertigen; er ist angeklagt in einem satanischen Ritual einen Menschen mehrere Stunden lang gequält zu haben (Er hat 18 Monate bekommen... HK). Wie wird er dann erst mit Frauen umgehen? Spekulationen beiseite, eines ist jedenfalls Fakt beim Inferno 2004: Ob nun Frau oder Schwein, nackig muss es sein! Und beim nächsten Inferno? Mein Traum wäre ein Auftritt von THORNS und 666 nackte in Blut und Öl gebadete Menschen auf der Bühne.

(Wiebke Rost)

Redakteur:
Henri Kramer

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