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Bang Your Head!!! - Open Air - Balingen

11.08.2012 | 15:06

02.07.2012, Messegelände

Die Metalgemeinde versammelt sich zum älljährlichen Abschädeln auf der schwäbischen Alb.

Mein Tag beginnt um 5 Uhr. Auch für einen ausgewiesenen Kaffee-Junkie wie mich schmeckt das erste schwarze Gebräu um diese Uhrzeit noch reichlich bitter. Erst irgendwo zwischen Heidelberg und Karlsruhe werde ich so langsam wach und stelle erfreut fest, dass es zwar ununterbrochen regnet, ich dafür vor dem obligatorischen Stau verschont bleibe. Kurz eingecheckt, Kumpels eingeladen und ab zum Festivalgelände.

Die kurzfristig aufs Billing gerutschten COLLAPSE verpasse ich trotzdem. Die britischen Thrasher befinden sich gerade mit ARMORED SAINT auf Tour und bekommen die Gelegenheit, das "Bang Your Head 2012" mit (oder kurz nach) Einlass zu eröffnen.

FORENSICK

Als wir das Messegelände in Balingen betreten, starten gerade FORENSIK und besorgen es den bereits Anwesenden kräftig. Die Schwaben haben sich im Vorfeld bei einem Online-Voting durchgesetzt und damit eine Position auf der Hauptbühne gewonnen. Die Chance haben sie auch genutzt, denn ihr traditioneller Sound nötigt dem Publikum, das zum größten Teil noch etwas unkoordiniert über den großen Platz stolpert, einiges an anerkennendem Nicken ab.

Wer jetzt noch nicht wach ist, der ist es spätestens nach VANDERBUYST. VANDENBUYSTDie Holländer liefern eine von ihnen gewohnt souveräne und energiegeladene Show ab. Das macht immer wieder Spaß und vertreibt tatsächlich die letzten müden Geister aus den Knochen. Auch die noch drohenden Regenwolken verziehen sich so langsam und lassen gar der Sonne ein wenig den Vortritt. Unfassbarerweise laufen schon die ersten Festivalbesucher mit knallrotem Kopf durch die Gegend. Sonnenbrand oder noch die Lampe an?

CRASHDIETDer erste Pflichttermin steht vor der Tür beziehungsweise auf der Bühne. Die Schweden CRASHDIET laden zu einer vollen Portion Sleaze Rock. Obwohl das Quartett aussieht als, wäre es 1985 bei einem Konzert von MÖTLEY CRÜE eingefroren und gerade erst wieder aufgetaut worden, posen sie angenehm wenig, rocken dafür lieber. Sänger Simon Cruz wirbelt über die Bühne, greift gelegentlich sogar auch mal selbst in die Saiten und hinterlässt zusammen mit seinen Kollegen einen amtlich geschminkten Eindruck. Trotzdem will der Funke insgesamt noch nicht wie erwartet überspringen, so dass der Auftritt für mich letztendlich zwar gut, aber noch nicht mehr ist. Den angrenzenden Diskussionen, ob dem einen oder anderen eine ähnliche Frisur steht, entziehe ich mich dann geflissentlich ganz schnell, bevor hier noch jemand auf dumme Gedanken kommt.

DIAMOND HEADIm Anschluss hallen bereits vor der Show von DIAMOND HEAD erste 'Am I Evil?'-Gesänge durchs weite Rund. Bis diese Frage mit einem mächtigen "Yes I Am" beantwortet werden kann, muss das Publikum noch knappe 45 Minuten warten. Die britische Band, die METALLICA mit ihrer Coverversion zu einer Legende machte, hat einen schweren Stand. Nur Eingefleischte sind mit ihrem Sound vertraut, der Rest harrt der Dinge, die da kommen mögen. Die Band ist sehr agil, Sänger Nick Tart liefert einen tadellosen Job ab und auch ansonsten ist alles irgendwie dufte. Trotzdem dauert es eben bis zum obligatorischen 'Am I Evil?' bis ein wenig Stimmung in die vorderen Reihen kommt. Netter Abschluss eines zahnlosen Auftrittes.

Seit Gitarrist Gus G. bei OZZY OSBOURNE klampft, muss seine FIREWINDStammband FIREWIND zwar die Aktivitäten etwas hinten anstellen, bekommt aber deutlich mehr Aufmerksamkeit. So verwundert es auch nicht, dass zum ersten Mal an diesem Tag die Reihen bis zum Mischpult gut gefüllt sind. Ich schaue mir das Geschehen aus sicherer Entfernung an und muss dabei neidlos anerkennen, dass die Power-Metal-Band ihre Sache wirklich sehr ordentlich macht, der Saitenhexer in ohrenbetäubender Lautstärke und wahnwitzigem Tempo die Noten aneinanderreiht und Sänger Apollo eine wirklich gute Performance abliefert. Das ist handwerklich nicht zu beanstanden, kann mich aber nach einer halben Stunde nicht mehr richtig fesseln, sodass ich einen kleinen Abstecher ins Zelt der Metalbörse unternehme.

Kaum einen Schritt hinein gesetzt werde ich schon in eine Diskussionsrunde mit dem Thema "Überlebenschancen der CD" gezogen. Natürlich gehen die Verkaufszahlen zurück und auch die Schlangen auf der Metalbörse vor den Schnäppchen- und Wühlkisten sind größer als vor den normalen Höhepunkten. Die "mp3"-Generation wächst auch in unserer geliebten Metalgemeinde von Tag zu Tag an. Die Frage ist doch, soll ich mir die neue RUNNING WILD für 18 Euro kaufen, oder mir dieses durchschnittliche Album rein aus Sammlergründen (ich eröffne an dieser Stelle eine Therapiestunde für manische Metaller wie meinesgleichen) oder zur Vervollständigung meines Bandkatalogs einfach mal ungehört und schnell aus dem Netz ziehen? Ebenfalls ein Streitthema ist das Überangebot an Metalshirts auf dem kompletten Gelände. Die Diskussion, ob ein Shirt original, nachgedruckt oder gar dreist gefälscht ist, erhitzt die Gemüter. Dass die Nebenkosten wie Strom, Reinigung, Standgebühren oder Zelt von Jahr zu Jahr steigen und sich antizyklisch zum Verkaufserlös entwickeln, muss da ebenfalls nur schulterzuckend hingenommen werden. Ich gehöre jedenfalls zu dieser Art von Kundschaft, die aus Prinzip auf jedem Festival in die Börse stürmt, in jedem Jahr seinen Einkaufszettel zu Hause hat liegen lassen und am Ende des Tages mit einer neuen Scheibe, die man überall zum regulären Kurs hätte finden können, oder aber mit einer CD nach Hause kommt, die man schon besitzt. Egal, das ist ein lieb gewonnenes Ritual, dessen ich mich nicht entledigen möchte.

ARMORED SAINTNach kurzer Verschnaufpause entfachen ARMORED SAINT ein kräftiges Metalfeuerwerk. John Bush sorgt zwar mit seiner knallroten Hose und dem weißen Shirt für ein fragwürdiges Kontrastprogramm zum Rest der Belegschaft, musikalisch sind die Amis aber eine Bank. Das Publikum ist dankbar und unterstützt das Quintett zu jeder Sekunde. Ganz langsam muss ich aber der Müdigkeit Tribut zollen, schmettere noch ein kraftvolles 'March Of The Saint' und schleiche mich dann klammheimlich zum Kaffeestand (mit großem Bogen um den Jackystand herum).

Jetzt wird es voll. Alle sind sie gekommen, um mit den Wölfen zu heulen. POWERWOLFDie Stimmung kocht. POWERWOLF steigen mit 'Sanctified With Dynamite' ein und Balingen steht wie eine Wand hinter beziehungsweise vor der Band. Sänger Attlia hat die Massen im Griff und als sie ihre offizielle Hymne 'We Drink Your Blood' anstimmen, gibt es kein Halten mehr. Zwar möchten die Schminke und das theatralische Element der Show nicht ganz zum grellen Tageslicht (die Sonne scheint!) passen, aber das Energie- und Spannungslevel können die Deutschen bis zum Schluss halten. Und es gibt im Anschluss nicht wenige, die meinen, man hätte gerade den inoffiziellen Headliner des Tages gesehen. So richtig widersprechen kann ich nicht.

Anmerkung des Fotografen Frank Hameister: POWERWOLF haben u.a. nicht nur mich sondern auch die Kollegen von DIAMOND HEAD überrascht, deren Frontmann Nick Tart anfänglich noch ungläubig dreinschauend neben mir stand, ehe er in den Backstagebereich zurückstapfte und wenig später mit zwei Dritteln der Band zurückkehrte, um inmitten des Publikums, dem Treiben vor und auf der Bühne zu verfolgen.

KAMELOTIch freue mich wie ein Schneekönig auf KAMELOT. Obwohl ich Roy Khan ganz dicke Krokodilstränen hinterherweine, habe ich die Amerikaner noch nie live gesehen und bin daher mehr als gespannt. Zunächst haben Gitarrist Thomas Youngblood und seine Kollegen mit erheblichen Soundproblemen zu kämpfen, was sich zwar im Laufe des Sets bessert, doch die Gitarren bleiben bis zum Ende in irgendeinem Kabel auf dem Weg vom Mischpult zur PA stecken. Sehr schade, denn dadurch stehen die zu fetten und tiefenlastigen Bassdrums im Vordergrund. Macht eh nichts, da die meisten Augen und Ohren eigentlich nur dem neuen Sänger Tommy Karevik gelten. Dieser macht seine Aufgabe sehr ordentlich, hat jedoch speziell zu Beginn einige Schwierigkeiten mit seinen Einsätzen (eventuell war aber auch der Sound auf der Bühne ebenfalls noch nicht richtig gut). Und doch scheint das Quintett musikalisch für viele Anwesende schon zu anspruchsvoll zu sein, da der Zuschauerzuspruch und die Stimmung gegenüber den Wölfen nachlassen. An den Songs kann es nicht gelegen haben, denn ob jetzt 'Rule The World', 'Ghost Opera', 'Center Of The Universe' oder 'The Great Pandemonium'; KAMELOT haben handwerklich alles fest im Griff. Am Ende bleibt aber ein fader Beigeschmack, da der (schwer vom Winde verwehte) Sound den Hörgenuss doch beträchtlich geschmälert hat.

Nachdem sich die Bedienung im Jacky-Stand über meinen ARCH ENEMY(leichten) Ärger gefreut haben dürfte, wartet mit ARCH ENEMY die musikalische Frustbewältigung. Auch hier ist es für mich erstaunlicherweise eine Live-Premiere. Trotzdem erwarte ich von meinem subjektiven Freitagsheadliner nichts anderes als die totale Zerstörung und die Übernahme des Festivals im Sturm. Doch auch hier das gleiche Bild: der Sound zu basslastig, die Klampfen überhaupt nicht auf dem Schirm und Mrs. Gossows liebreizendes Gekreisch ist nur in Ansätzen zu erraten. Dabei haben die Schweden mit unter anderem 'Yesterday Is Dead And Gone', 'My Apocalypse', 'Bloodstained Cross', 'In This Shallow Grave', 'Dead Eyes See No Future' oder das unvermeidliche 'We Will Rise' amtliche Kracher im Gepäck und erzeugen auch bei mir leichte Nackenschmerzen, doch die "totale Zerstörung" entpuppt sich als laues Lüftchen. Sehr schade. Witzig ist auch die Diskrepanz zwischen Angelas animalischem Gebrüll und ihren fast schon schüchternen Ansagen, in denen sie auch schon mal anmerkt, dass sie dem Publikum nach all dem eierlosen Gesang mal ein bisschen Death-Metal-Growls näher bringen möchte. Gegen Ende des Sets setzt dann so langsam der Dauerregen ein, der uns mit den letzten Tönen dann im Stechschritt (aye, aye, Sir!) zum Balinger Italiener treibt.

THIN LIZZYGerüchten zu Folge sollen THIN LIZZY gerockt haben. Ich kann es kaum glauben, muss aber wahr sein.

Anmerkung des Fotografen Frank Hameister: THIN LIZZY haben mehr als amtlich gerockt und die Show war keineswegs mit der langweiligen Performance der alten Besetzung vor ein paar Jahren hier in Balingen zu vergleichen. Insbesondere der charismatische Frontmann Ricky Warwick (ex-THE ALMIGHTY) konnte auf ganzer Linie punkten. Der Mann aus Belfast singt und lebt die Songs leibhaftig. Aber auch die Neuzugänge Marco Mendozza (ex-WHITESNAKE, ex-TED NUGENT) am Bass und Damon Johnson (ex-ALICE COOPER) an der Gitarre, sorgen für frisches Blut und verschaffen der "dünnen Lizzy" ein bisschen Hüftgold. Für mich eine der großen Überraschungen des Festivals.

VENOM dagegen rumpelten sich erwartungsgemäß ("das aber besser wie erwartet" O-Ton Bruder Cle) durch Songs wie beispielsweise 'Black Metal', 'Leave Me In Hell', 'The Seven Gates Of Hell' und 'Hammerhead', sollen dabei sehr laut gewesen sein und ansonsten nur eine handvoll Zuschauer interessiert haben. Weiteren Gerüchten zu Folge soll das auch nicht nur am Regen gelegen haben.

Anmerkung des Fotografen Frank Hameister: VENOM waren in den Achtzigern schon furchtbar und haben seither nichts dazugelernt, Kultstatus hin oder her... (Anmerkung des Lektors: Gleich gibt's Redaktionskeile! Banause! Und jetzt alle im Chor: "PM.de ... in league with Satan ...)

HALLENSHOWS

Es war hauptsächlich das musikalische Angebot und nur zu einem geringen Prozentsatz der Dauerregen (hätte uns in der Halle eh nicht interessiert), der uns dazu bewegte, am Freitag nicht eine einzige Band in der Halle anzuchecken. Weder WIZARD, noch MOONSORROW und schon gar nicht THE DEVIL'S BLOOD können uns aus dem gemütlichen Italiener noch einmal auf das Gelände locken. Da feiern wir lieber mit Rebecca, Steffi, Tanja und … na gut, auch mit Roberto im "Mio" bei drei Stunden METALLICA als Hintergrundmusik und genießen Bier, schwarzen Sambuca, Hefeweizen, Kaffee, Bailey's und Ramazotti in völligem Durcheinander.

Folgenden Tathergang bekommen wir daher auch nicht livehaftig mit, sondern am nächsten Tag aus verschiedenen Richtungen unabhängig voneinander erzählt: Während der Show von THE DEVIL'S BLOOD steht wohl ein Mensch (Fan würde ich hier nicht sagen) in der ersten Reihe und zeigt dem Gitarristen Selim Lemouchi beide ausgestreckte Mittelfinger. Dieser ist davon so angepisst, dass er während des Sets von der Bühne springt und ihn vermöbelt. Der Gast wird dabei schwer verletzt. Die komplette Band setzt darauf hin ohne Unterbrechung ihren Auftritt fort, während die herbeigeeilte Polizei bereits am Bühnenrand wartet und den jungen Musikanten direkt nach Beendigung des Vortrages in Gewahrsam nimmt. Es wird gemunkelt, dass dieser am nächsten Tag nach Zahlung eines (lächerlichen) Betrages wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.

Anmerkung des Verfassers: Natürlich ist es mir unbegreiflich, warum sich ein Fan, dem die Musik der auf der Bühne stehenden Band nicht gefällt, unbedingt das Konzert antun muss und sich dann auch noch zu einer solchen (anhaltenden) Geste hinreißen lässt (dieses Schauspiel sollte sich bei EDGUY wiederholen), aber die Musiker auf der Bühne müssen über diese Art der Kritik stehen und souverän damit umgehen. Jede Art von Gewalt ist völlig inakzeptabel.

Einzig ORDEN OGAN interessiert einen (kleinen) Teil meiner Begleitung, doch mit Blick auf die Anfangszeit der Show und des fortgeschrittenen Alkoholpegels entscheiden wir uns letztendlich dagegen. Es ist eindeutig Bubuzeit.

[Chris Staubach]

Redakteur:
Frank Hameister
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