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ANNIHILATOR - Hamburg

06.11.2013 | 20:28

31.10.2013, Knust

Annihilation over Hamburg!

Die kanadische Thrashlegende ANNIHILATOR spielt an einem Donnerstagabend im Hamburger Knust. Es ist ausverkauft. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Die Band um Gründungsgitarrist Jeff Waters scheint einen zweiten Frühling zu erleben. Herrlich. Ich gönne es der Band von ganzem Herzen. Der negative Nebenaspekt ist die Tatsache, dass das Knust erwartungsgemäß rappelvoll ist. Sich darüber zu mokieren, ist natürlich paradox. Also lasse ich das.

Die schwedische Vorband THE GENERALS kenne ich nicht und bin relativ erstaunt, wie das Quartett mit seinem Death 'n' Roll beim Publikum ankommt. Ich verfolge den Auftritt noch auf den Leinwänden im Vorraum und sehe eine Band mit einer guten Liveperformance, die mich aber nicht dazu bewegen kann, in die Halle zu gehen. Man wird halt auch nicht jünger. Fakt ist, dass Band im Nachhinein einiges an Merchandise verkaufen kann, was für den Auftritt spricht.

Pünktlich zu ANNIHILATOR erkämpfen wir uns einen Platz auf dem Balkon, von wo aus wir das Geschehen sehr gut verfolgen können. Die sympathische Truppe eröffnet gleich mit einem doppelten Paukenschlag: 'Alice In Hell' gefolgt von 'W.T.Y.D' fordern dem hungrigen Publikum gleicht alles ab. Die zuckende Masse unter uns frisst der Band vom ersten Ton an aus der Hand und singt jeden Ton mit. Begeisterung an allen Ecken. Jeff Waters grinst noch breiter als sonst und scheint sich wie ein kleines Kind zu freuen. Es zeugt von großem Selbstvertrauen, gleich mit so einem Klassiker den Set einzuleiten, und genau dieses Gefühl überträgt sich auf die Menge vor der Bühne. Weiter im Takt geht es mit 'Knight Jumps Queen' und dem rasanten 'Reduced To Ash'. Der ausgezeichnete Sound addiert sich zur Spielfreude der Musiker und so wird die Stimmung in der Halle immer besser. Selbst auf dem Balkon werden alle Luftgitarren gezückt und viele Fäuste geballt. Es ist aber auch eine Freude Jeff Waters zuzusehen. Der Gitarrist bleibt ein Meister der Gesichtsgitarre. Es gibt wohl nur wenige Musiker, die so viele Grimassen schneiden und die ihr Publikum so sehr in ihr Spiel einbeziehen. Aber auch sein Sidekick Dave Padden macht eine ausgezeichnete Figur. Der singende Gitarrist mit dem beinahe schelmischen Grinsen ist zu einem charismatischen Frontmann gewachsen und singt mit der nötigen Aggression die teils recht garstigen Texte. Es folgt eine Titelsong-Trilogie: 'Set The World On Fire', 'Refresh The Demon' und das höllisch heiße 'Never, Neverland' schrauben nicht wenigen Anwesenden die Köpfe ab. Gerade bei den kurzen Akustikpassagen ist es wunderbar mit anzuhören, wie lautstark das Publikum mitsingt. Unaufgefordert. Man merkt daran einfach, wie viele der Anwesenden offensichtlich die kompletten Texte mitsingen. Eine große Familie. Das zackige 'No Zone' folgt als Intermezzo zwischen den Neverländern, denn das anschließende 'The Fun Palace' beschreibt ganz ausgezeichnet die Situation in der Halle. Obendrein lässt die Euphorie erkennen, welchen Stellenwert gerade das zweite Album der Band innerhalb der Fangemeinde hat. Das auf (allen) anderen Alben auch sehr gutes Material zu finde ist, belegt man im Anschluss daran mit 'Fiasco', 'Bliss' und 'Second To None'. Full Speed ahead. Als Resümee gibt es mit 'I Am In Command' noch mal einen Abstecher ins Niemandsland. Göttlich.

Alle brauchen eine Verschnaufpause und die gibt es mit dem zehn Minuten langen Akustikmedley von 'Phoenix Rising', 'Feels Good To Me' und 'Snake In The Grass'. Gänsehautstimmung. Hier zeigen beide Sänger, dass sie auch mit sehr viel Gefühl singen können und WARMACHINE-Basser Alberto Campuzano darf ein paar coole Harmonie-Backing-Vocals einstreuen. Lovely. Wie auch das daran anschließende Drumsolo von Mike Harshaw. Ich bin kein großer Freund von solchen Soloeinlagen, die nach meinem Empfinden meist nur etwas für die Drummer im Publikum sind. Mike erweist sich hier aber auch als kurzweiliger Prügelknabe und die verlängerte Verschnaufpause wird im Publikum gern angenommen.

Erst jetzt ballert die Band uns Material des aktuellen Albums vor den Latz. Namentlich sind dies das von einem coolen Videoclip unterstütze Hitchen 'No Way Out' und 'Smear Campaign'. Wer nun denkt, die Stimmungskurve würde nach unten gehen, hat diese Songs wohl noch nicht getestet. Die Meute klinkt wieder komplett aus. Der kleine Circle Pit vor der Bühne wirkt von oben beinahe wie ein Tornado. Irrwitzig, mit welcher Energie die jungen Leute von heute da nach über einer Stunde Konzertlänge noch immer abgehen. Mit 'Time Bomb' und 'Ambush' bleibt das Aggressionspotential hoch und das von Jeff selbstkritisch als "unser Metallica Rip Off" angekündigte 'Deadlock' entlockt allen die letzten Reserven. Diese Nummer ist aber auch ein fetter Brecher, der leichte Anleihen an einen Song namens 'Damage Inc.' aufweist. Völlig zufrieden geht die Band nun von der Bühne, nur um kurz danach mit 'Ultra-Motion' und einer saftigen Version von 'King Of The Kill' noch einmal ein paar Briketts in den Adrenalinofen des Publikums zu schmeißen. Leider mussten wir aufgrund der Bahnverbindungen während der letzten Nummer die Örtlichkeiten verlassen.

Mit guten zwei Stunden Spielzeit und einer superben Setlist setzen sich die vier Kanadier als einer der Konzerthöhepunkte der Jahres in meinem Gedächtnis fest. Ich freue mich auf jeden Fall auf weitere Konzerte dieser Qualität und finde es schön, sehen zu können, dass auch vermeintlicher Altherren-Thrash so frisch dargeboten werden kann.

Setlist:Alison Hell;W.T.Y.D.; Knight Jumps Queen; Reduced To Ash; Set The World On Fire; Refresh The Demon; Never, Neverland; No Zone;The Fun Palace; Fiasco; Bliss; Second To None; I Am In Command; Phoenix Rising / Sounds Good To Me / Snake In The Grass; No Way Out; Smear Campaign; Time Bomb; Ambush; Deadlock; Ultra-Motion; King Of The Kill

Redakteur:
Holger Andrae
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