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In der Gruppentherapie: FOREST STREAM - "The Crown Of Winter"

25.08.2009 | 15:56

Die namentliche Überraschung des Monats August kommt aus Russland und hört auf den Namen FOREST STREAM, deren Album "The Crown Of Winter" einen guten dritten Platz in unserem Soundcheck ergattern konnten. Wir nahmen es genauer unter die Lupe.

"The Crown Of Winter" ist die vielleicht größte Überraschung für mich im Monat August. Das mag aber auch an der geringen Erwartungshaltung liegen, die man mit einem als Doom verkauften Album aus Russland verknüpft. Und Doom ist auch nur ein kleiner Teil dessen, was "The Crown Of Winter" ausmacht. Hier gibt es sechs elegische Kompositionen, die vor allem mit einer sehr fesselnden Atmosphäre überzeugen. Das Wechselspiel zwischen bösem Growlen und cleanen Vocals wirkt sehr harmonisch und schlüssig, die Songs sind spannend arrangiert und haben in den sieben bis knapp zwölf Minuten fast immer etwas zu bieten. Und dieses "fast" ist dann auch der Kritikpunkt für FOREST STREAM. Die ein oder andere Passage hätte man sich halt doch auch sparen können. Die letzten 90 Sekunden von 'Mired' mögen da als Beispiel dienen. Das ist unnötiges sphärisches Keyboardgeplänkel, das den Song nur aufbläst. Davon abgesehen ist "The Crown Of Winter" eine gelungene Scheibe, die gekonnt zwischen SYRACH und OPETH pendelt. Solltet ihr antesten.

Note: 7,5/10

[Peter Kubaschk]

Atmosphärisch und durchaus sehr ordentlich gemacht, habe ich dennoch meine Schwierigkeiten mit FOREST STREAM. Klar, ein grundsätzliches Problem mit dem Gesang besteht sowieso, aber in diesem Fall machen es mir die langen Stücke nicht einfach, einen Zugang zu finden. Die ruhigen Passagen, auch noch einige der schönen schwermetallischen Instrumentalteile sind sehr gut gemacht und transportieren die Emotionen adäquat, gelegentlich auch mal so, dass ich anerkennend die Augenbrauen hochziehe, aber am Ende des Albums bleibt auch nach intensiver Auseinandersetzung mit "The Crown Of Winter" wenig Mitreißendes. Die Songs ähneln sich dabei durch ihre Vielschichtigkeit und das Fehlen einprägsamer Melodielinien deutlich, so dass einfach nichts hängen bleiben will. Hier werden zu viele Ideen verarbeitet und oft in ein Black-Metal-Korsett gezwängt. Schade für mich, da ich glaube, dass in diesem Album mehr als ein Dutzend großartiger Songs schlummern, wenn sie denn als solche in einen mir genehmeren Stil umgearbeitet worden wären. Aber das werden sicher Black-Metal-Spezialisten anders sehen. Mir gefallen vor allem die atmosphärischen Teile und der klare, fragile Gesang einiger Stücke, aber insgesamt erreichen FOREST STREAM leider nicht ganz das rettende Ufer. Das dürfte aber zu einem nicht unerheblichen Teil an mir liegen und nicht an der Band.

Note: 6,5/10
[Frank Jaeger]

Dass eine fast völlig unbekannte Truppe aus Russland, die seit sechs Jahren ähnlich tief zu schlummern schien wie das im arktischen Eis verschollene Schiff auf dem wunderschönen Artwork ihrer Scheibe, unsere Redaktion derart für sich einnehmen kann, das ist wahrlich eine Überraschung. Auch zur Musik passt das Artwork hervorragend. FOREST STREAM sind melancholisch und elegisch, aber dabei nicht kitschig oder schwülstig. Keyboard und Gitarren zeichnen kalte Klanglandschaften, welche den Black Metal tangieren, aber auch eine starke Affinität zum Ambient aufweisen. Der Gesang ist mal zart und zerbrechlich, gefühlvoll und dann wieder verzweifelt und harsch, wobei über weite Strecken der entrückte Klargesang dominiert. In der richtigen Stimmung vermag die Band zu fesseln und in eine Traumwelt zu entführen; in der Hetze des Alltags kann sie aber auch einschläfern. So ist "The Crown Of Winter" ein wunderschönes Album, das ich aber nicht immer anhören kann. Hierfür muss ich in der entsprechend melancholischen Stimmung sein und Muße haben. Denn sonst ist das Werk etwas langatmig. Für passionierte Schwelger aber auf jeden Fall einen Versuch wert!

Note: 7,0/10
[Rüdiger Stehle]

Aufgrund des beinahe narkotisierenden 'Intro (Feral Magic)' schießen die Erwartungen an die übrigen Bröckchen von "The Crown Of Winter" nicht in die Höhe. In der Sicherung einer guten Ausgangsposition sind FOREST STREAM schon mal beschlagen, und mit dem weitläufigen Keyboard-frisst-Gitarren-Titeltrack präsentieren die Russen sogleich das Herzstück ihrer Platte, das auch erdrückender Beweis ist: Jeder kann einen Zwölfminüter schreiben; besondere Fähigkeiten oder Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Man gaukelt Dynamik vor, indem man Fragmente aufreiht, die zwar nicht unbedingt Qualität, aber die musikalischen Neigungen abbilden. Bei dem Sextett kann man darunter Gramgebeugtheit, Dreivierteltakt, alte ANATHEMA und OPETH, instabile Ich-wollte-eigentlich-nicht-singen-Clean-Vocals und Geknurre subsumieren. Nachdem die Hosen damit nach einer Viertelstunde bereits auf den Knien hängen, wird im Folgenden zumindest versucht, die Kräfte zu bündeln. Mehr als ein paar gute Teilstücke fallen jedoch nicht ab; Gehalt ist kaum präsent. Einem überzeugenden Song am nächsten kommt 'Beautiful Nature', dessen beste Momente ohne Untermischung eigener Ideen von den Cavanaghs gezogen wurden. Und dass in 'Outro (My Awakening Dreamland)' mit Dornröschen-Geklimper schließlich der Bogen zum Anfang gespannt wird, zeigt, dass noch einige Stadien zu durchlaufen sind, bevor FOREST STREAM oben mittrauern können.

Note: 6,0/10
[Oliver Schneider]

Doom aus Russland klingt an sich schon mal ziemlich exotisch und macht neugierig. Erst recht, wenn das Artwork dann auch noch so schön anzuschauen ist. Legt man den Rundling dann in den Player, kommt erneute Verwunderung hoch, denn Doom im herkömmlichen Sinne spielen die Herrschaften nicht gerade. Auch wenn das Material vorwiegend schleppend temperiert ist und die Grundstimmung sehr düster und melancholisch ausfällt, hat die Chose einen zu hohen Death-Metal-Anteil, um es für mich als Doomalbum durchgehen zu lassen. Aber dieses Schubladendenken ist eh etwas für Erbsenzähler. Betrachten wir also die Musik auf dem Silberling etwas genauer und stellen fest, dass FOREST STREAM einen Hang zu überlangen Kompositionen haben. Dabei lassen sie den Spannungsbogen zwar manchmal etwas durchhängen, erzeugen im Gesamtergebnis aber ein ziemlich ergreifendes Klangbild. Transparent produziert, von guten Klargesängen durchzogen, denkt man gern, man hätte es mit einer britischen Kapelle zu tun. Woher diese geographische Einstufung rührt? Der Einsatz der akustischen Gitarre, der durchgehende Nebelschwaden, der auf den frühmorgentlichen Tautönen liegt, all das lässt an England denken. Wenn FOREST STREAM in zukünftigen Alben ein bisschen fokussierter komponieren, können sie demnächst in der ersten Liga der britisch-russischen Melancholie-Bands mitspielen.

Note: 7,5/10

[Holger Andrae]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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