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In der Gruppentherapie: ED KOWALCZYK - "Alive"

22.07.2010 | 22:45

Die Stimme der wunderbaren und inzwischen aufgelösten Ami-Rockband LIVE auf Solopfaden. Die Meinungen zu "Alive" gehen zwar etwas auseinander, zum Soundcheck-Sieg im Monat Juli hat es dennoch mit einigem Abstand gereicht.

 

Ed Kowalczyk ist für mich vergleichbar mit Rob Lamothe (RIVERDOGS) oder Michael Dickes (GYPSY KYSS). Eine Stimme, die man unter Tausenden sofort heraus hören kann, da sie originell, emotional, facettenreich und doch typisch klingt. Dazu gelingt es dem Frontmann der leider aufgelösten Rockband LIVE, die für mich alten Kauzmetaller die beste Rockmusik der Neuzeit gebastelt hat, immer wieder das Herz des Hörers zu berühren. Eine Gabe, mit der nicht viele Sänger ausgestattet sind. Während die beiden oben genannten Kollegen auf ihren Soloscheiben weitaus besinnlicher musizieren, beschreitet Ed auf "Alive" beinahe den umgekehrten Weg. Wurde seine ehemalige Stammband auf ihren letzten Alben immer ruhiger, so wird auf "Alive" mächtig abgerockt. Eine richtige Ballade sucht man - trotz diverser ruhiger Momente - hingegen vergeblich. Vielmehr dreht der glatzköpfige Charismaversprüher in 'The Great Beyond' oder 'Drive' zu Beginn gleich mächtig auf. Sehr fein. Dass vor allem die gefühlvollen, teils zerbrechlichen Gesangspassagen von Mister Kowalczyk sämtlichen Nummern ihren ganz besonderen Stempel aufdrückt, war schon vor dem Anhören klar. Dass die musikalische Seite, aber derartig mitreißend sein würde, hatte ich zwar gehofft, aber nicht erwartet. Das macht den Verlust von LIVE etwas erträglicher. Eine bessere Rock(!)platte wird es wohl in diesem Jahr nicht mehr geben.

Note: 9,0/10
[Holger Andrae]


Die wesenslose Einmütigkeitsmusik von 'Grace', 'Stand' und 'In Your Light' kann nicht hinter der Samtstimme des ehemaligen LIVE-Antreibers Ed Kowalczyk verborgen werden. Ergänzungen zu Videos, in denen der Gesangsverantwortliche während des Refrains mit ausgebreiteten Armen in den Himmel schaut, lassen sich überall finden. Es zeichnet sich die dunkelrote 3 DOORS DOWN-Linie ab, hinter der die konservative Clique innerhalb der schwindenden US-Mittelschicht mit Gleichgültigkeit in Tönen gemästet wird. Doch Kowalczyk wendet den Konflikt ab. Die mit Weitblick und aufgrund der in den vielen Jahren im Geschäft erworbenen Erfahrung an den Anfang des ersten Alleinalbums gesetzten 'Drive' und 'The Great Beyond' sowie 'Soul Whispers' sind gute Songs, die schönsten auf "Alive", obwohl die künstlerische Aussage auch hier eng mit den Vocals verknüpft ist. Hört man zu, wenn die Sonne strahlt, fühlt man sich durch die unerschütterlich positiven Lord-above-Hippietexte außerdem zum enthemmten Blumenbeschnuppern aufgefordert. "I still have faith", liefert der Sänger selbst ein präzises Resümee seiner Haltung. Der sture Optimismus. Schon beruhigend. Und bewundernswert, weil er ihn sich über einen so langen Zeitraum hinweg hat bewahren können.

Note: 7,0/10
[Oliver Schneider]


Ich bin natürlich alles andere als objektiv. Denn sobald ich Eds Stimme höre, geht für mich die Sonne auf. Und dass, obwohl ich mit seinen spirituellen, religiösen Texten oft so gar nichts anfangen kann. Aber diese Stimme ... diese wunderschönen Melodien ... und dabei doch genug Wumms, um keine Songwriter-Schnulzette zu sein, sondern Rock, Rock, ROCK! "Alive" verkörpert musikalisch den Titel grandios und lässt die Füße zucken und nach dem zweiten, dritten Durchgang auch die Zunge tanzen. Ganz wie in besten LIVE-Zeiten, womit man das Album ob der Dominanz seiner Stimme und auch im Songwriting nicht nur vergleichen darf, sondern muss. Und da steht dann nur "Throwing Copper" über diesem Album und "Mental Jewelry" daneben. Alle anderen sehen alt aus, vor allem weil dem letzten Album und allen neueren Tracks wie auf "Radiant Sea" und "Live At Paradiso" irgendwie der rockige Drive abhanden gekommen war und ich die Band auf dem besten Weg in die Popöde vermutete. Egal, was nun vorgefallen ist in Sachen LIVE-Split, Ed Kowalczyk ist einfach ein phantastischer Musiker, und das ist in diesem Fall, was zählt, denn er hat die Kurve gekriegt und beweist, dass er in der Tat solo besser sein kann als zuletzt mit seinen Mitstreitern. Das hätte ich nicht erwartet.

Note: 9,5/10
[Frank Jaeger]

 

Je unbedarfter man manchmal an eine Sache ran geht desto größer, wie in vorliegendem Fall, die Überraschung. Eigentlich dachte ich bevor ich die Scheibe in mich aufsog, "Alive" wäre ein verkopftes Songwriter-Ding. Ist es vielleicht auch, zumindest in lyrischer Hinsicht. Aber hier rockt eine Band, die Feuer im Arsch hat, die die Ideen von Ed mit Energie und verdammt viel Biss umsetzt und deren Songstrukturen intelligent und fließend aufgebaut sind. Es gibt schöne Melodien, die jedoch stets mit der nötigen Portion Härte durch den Äther geblasen werden. Ich bin kein LIVE-Kenner, eher im Nebenbeilauschen. Ich glaub, ich muss das mal ändern. "Alive" ist ein knackiges Album, das zum Wohle meiner Ohren auf plüschige Momente verzichtet. Dazu kommt ein Sänger, der mit seinem außergewöhnlichen Organ die Band zu einem Wiedererkennungswert verhilft. Und oben drauf kommt eine brettharte Produktion, die kesselt und drückt.
Zwei Wehmutstropfen gibt's für mich dennoch: Der ganz große Ohrwurm fehlt trotz durchgehend hohem Niveau, und die Lyrics sind halt sehr speziell. Wen das nicht stört, der darf auf die Punktezahl noch was drauflegen...

Note: 8,5/10
[Alex Straka]


Es stimmt schon, besonders 'The Great Beyond', 'Grace' oder auch 'In Your Light' sind ausgezeichnet gelungen, bestechen durch eine unbeschwerte, beschwingte Lässigkeit und natürlich die großartige Stimme des ehemaligen LIVE-Trällerers. Insgesamt fehlt seiner Soloplatte aber das konstant hohe Niveau bei den Kompositionen, einige Stücke plätschern ohne große Momente durch. Gerockt wird für mein Empfinden zu selten (lediglich bei einer Handvoll Songs), dafür ist ein Großteil der Nummern doch recht seicht geraten. Wobei das ja grundsätzlich noch kein Manko darstellen muss, solange das Ganze gut gemacht ist.
Ich habe eine Weile überlegen müssen, aber dann fiel mir ein, was "Alive" noch zu einer richtig tollen Scheiblette fehlt - es sind die packenden und jederzeit mitreißenden Melodien des letzten AUDREY HORNE-Albums. Jeder Song ein Hit, jeder Refrain sofort im Ohr - das hat Ed Kowalczyk in dieser Qualität nicht hinbekommen. Letztlich ist "Alive" ein gutes Album geworden, das LIVE-Fans bestimmt ansprechen wird, sofern diese keine Großtat der Marke "Throwing Copper" von Mr. Ed erwarten. Aber das Ding steht ja eh über den Dingen.

Note: 7,5/10
[Stephan Voigtländer]

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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