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In der Gruppentherapie: ALICE IN CHAINS "Black Gives Way To Blue"

18.10.2009 | 19:10

Nach eineinhalb Jahrzehnten kehren die Grunge-Rocker triumphal zurück und siegen völlig unerwartet in unserem Soundcheck. Und das, obwohl wir ausgesprochene Grunge-Gegner in unseren Reihen haben! Natürlich bedeutet das, dass wir ein paar Worte mehr verlieren müssen über dieses großartige Werk.

Anfang der 90er habe ich ALICE IN CHAINS gehasst. Und das nicht nur, weil es Grunge und damit böse war. Nein, mich hat auch der Gitarrensound und der leidende Gesang von Layne Staley (R.I.P.) genervt. Und kaum ertönt der Opener 'All Secrets Known' des Comeback-Albums "Black Gives Way To Blue" kann ich das Album nicht leiden, denn es klingt exakt nach ALICE IN CHAINS anno 1992. Erst mal. Doch mit jedem Durchgang wächst das Werk, gewöhne ich mich an den Gesang, an den Gitarrensound. Und schon bald summe ich die Hitsingle 'Check My Brain' leise in der U-Bahn vor mich hin. Das klappt jedoch nicht mit jeder Nummer. Gerade die beiden längeren 'A Looking In View' und 'Acid Bubble' können mich nicht gänzlich gefangen nehmen. Beschwörend sind sie, ja. Einnehmend für mich eher nicht. Davon abgesehen, ist "Black Gives Way To Blue" ein starkes Comeback, das ich in dieser Form nicht erwartet habe.

Note: 8,0/10

[Peter Kubaschk]

 

Damals, als die böse Grunge Musik unseren heiligen Stahl verdrängen wollte, gab es eine schwache Phase in meinem Leben, in der ich tatsächlich NIRVANA, frühe PEARL JAM, MUDHONEY oder TAD ziemlich gut fand. Nicht aber ALICE IN CHAINS. Die gingen irgendwie gar nicht. Ergo hat es mich auch wenig bis gar nicht interessiert als bekannt wurde, die Band würde mit einem neuen Sänger ein Album aufnehmen. Als es dann plötzlich hieß, wir würden das in den Soundcheck nehmen, glaubte ich mein Lowlight des Monats schon ungehört zu erahnen und ging beinahe genervt ans erste Hören heran. Aber was ist das? Schon der erste Song fasziniert mich mit seiner warmen, leicht melancholischen Atmosphäre. Und für alte Fans wichtig: Der neue Sänger klingt wie der alte. Mit dem Unterschied, dass es mir extrem gut gefällt. 'Check Your Brain' ist dann ein erster richtiger Hit, der den Popo in Wallungen bringt, aber auch das mystisch-schwere 'A Looking View' versprüht beim ersten Hören Magie. Magie, Mystik und Melancholie fassen das Album dann auch sehr gut zusammen. Alles klingt warm, die teilweise mehrstimmigen Gesangspassagen lullen förmlich ein, man fühlt sich wohl. Allein das lange 'Acid Bubble' geht mit seinen endlos ineinander verwobenen Gitarrenharmonien derart unter die Haut, dass die Körperbehaarung des Hörers in Reih' und Glied steht. Und die beiden unkitschigen Balladen kratzen mit tiefen Seufzern ebenfalls am emotionalen Gebälk. Diese Songs bügeln mich platt. Wären 'Take Her Out, und das etwas banale 'Lesson Learned' vom gleichen Kaliber, wäre eine noch höhere Note möglich gewesen. Und das aus meinem Munde.

Note: 8,0/10

[Holger Andrae]


Ich schlage hier wohl etwas aus der Art, habe ich doch tatsächlich schon während der Grungezeit keine Probleme mit diesem Sound gehabt, und sogar ALICE IN CHAINS nicht verachtet. Allerdings waren sie auch bei mir nur eine Band, die man nicht immer hören konnte, denn für das nölige Gejammer braucht man schon die richtige Stimmung. Ähnliches würde auch für "Black Gives Way To Blue" gelten, denn stilistisch bleibt man sich treu und hat mit William DuVall einen adäquaten Nachfolger für den verstorbenen Frontmann gefunden. Trotzdem hat man sich dabei gleich neu erfunden, denn so viele starke Kompositionen und große Melodien, die sich erst langsam in den Ohren festsetzen, hatte bislang noch keines der Alben der Seattler. Ich gehe tatsächlich so weit, das neue Album als Höhepunkt ihres Schaffens zu bezeichnen, denn wo früher einzelne Songs deutlich herausragten und andere zu Füllmaterial degradierten, herrscht diesmal ein durchgehend hohes Niveau vor. "Black Gives Way To Blue" hat zwar keinen echten Hit, lässt dafür aber als ganzes Album den Backkatalog deutlich hinter sich. Und was legt man wohl häufiger in den Player, "Dirt" mit den drei herausragenden Songs, zwischen denen schon mal die Skiptaste verlockend funkelt, oder die neue mit den elf durchgehend guten Kompositionen? Ich denke Letzteres.

Note: 8,0/10

[Frank Jaeger]

 

Nein, die Redaktion hat keinen Werbevertrag mit einem Hersteller von Holzfällerhemden abgeschlossen. Wir sind auch nicht da, um in die weltweite Jubelarie um "Black Gives Way To Blue" einzustimmen, weil wir Angst hätten, dass wir sonst nicht in der ersten Reihe stehen könnten, wenn ein längst verblichener Trend seine Auferstehung feiert. Wir wollen euch noch nicht mal weiß machen, dass der Grunge seinerzeit den Metal doch nicht getötet habe. Wir geben einfach zu, dass Vorurteile dazu da sind, manchmal eben doch revidiert zu werden. So ging auch meine Erwartung gegen Null, als es hieß dass uns die neue ALICE IN CHAINS in den Soundcheck flattern würde. Was hab ich den Grunge-Trend zu Anfang der Neunziger gehasst, und jetzt kommen die Untoten nach fünfzehn Jahren aus dem Grab und lassen mir keine Ruhe? Oh Peter, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen! Missmutig das Scheibchen eingelegt und auf die nölende Marter eingestimmt - doch was ist das? Das Album reißt vom ersten Durchlauf an mit, und das obwohl die Band sich treu bleibt und keine stilistischen Umbrüche vornimmt. Der Gesang, die Riffs, die Stimmung, das ist ALICE IN CHAINS pur, das ist Grunge pur ... das ist alles, was man als anständiger Metaller hassen muss und zu hassen liebt! Doch es geht nicht. Ich kann es nicht hassen, weil sich ein Song nach dem anderen ganz tief in mein Hirn eingräbt, und weil nicht wenige Hooks, Melodien und Textstellen richtig unter die Haut gehen. Cantrells Songwriting überzeugt auf ganzer Linie und fördert sogar den einen oder anderen Volltreffer wie 'Check My Brain' oder 'When The Sun Rose Again' zu Tage, die Sänger William DuVall mit unheimlich viel Gefühl interpretiert, was ihm den Tritt in Layne Staleys in Szenekreisen als übergroß angesehene Fußstapfen deutlich erleichtern sollte. Was bleibt als Fazit? Ganz einfach: Die neue ALICE IN CHAINS ist ein tolles, emotionales Rockalbum, das ganz offensichtlich das Zeug dazu hat, auch einige der größten Skeptiker des Grunge für sich einzunehmen. Das ist viel. Sehr viel!

Note: 9,0/10

[Rüdiger Stehle]

 

Grunge war und ist nicht gerade meine erklärte musikalische Baustelle. Daran ändert auch das Comeback-Scheibchen von ALICE IN CHAINS wenig. Ich muss einfach mal anmerken, dass ich bis dato mir noch kein einziges Stück von ALICE IN CHAINS angehört habe. Also rein ins Getümmel! Leicht Drogen-geschwängerte, schräge Leads und eine beachtliche Coolness kommt bei Stücken wie 'Check My Brain' oder 'Lesson Learned' rüber. Selbst das auf das Radio abzielende 'Your Decision' gefällt mir recht gut, wohingegen die Ballade 'When The Sun Rose Again' für mein Gusto etwas pomadig ausgefallen ist. 'Last Of My Kind' rifft erstaunlich souverän und schwer, und endlich gibt es hier auch mal ein schönes Solo zu hören. Sauberer Track. Demgegenüber zieht sich 'A Looking In View' wie erkaltende Lava und offenbart doch einige Längen. Die übrigen Stücke klingen zwar selbst für mich als eher Genre-fremden Hörer zwar unterhaltsam und oft überdurchschnittlich, doch der großen Euphorie der Kollegenschaft kann ich mich zwar nur mit Abstrichen anschließen. Wie dem auch sei: hörenswert ist "Black Gives Way To Blue" allemal.

Note: 7,5/10

[Martin Loga]

 

ALICE IN CHAINS schicken mich in ein Wechselbad der Gefühle – oh ja, so ausgelutscht diese Formulierung auch sein mag, es ist wahr. Denn große Momente voller durchgerockter Epik stehen einer gewissen ermüdenden Grundattitüde gegenüber. Diese Attitüde stellt gleichsam die große Freude am Spiel mit dem Bremspedal dar, was mir einfach nicht so gut reinfließt. Und wenn Dramatik mit leidendem Rock kombiniert wird, hat das meist zur Folge, dass Langeweile und Erhebendes in Reih und Glied stehen. Wie zeitgemäß die Kompositionen dieses Album sind, bleibt mal dahin gestellt, die Produktion ist es allemal und, ja doch, irgendwie zu verkaufen wissen sich die Kameraden ja auch. Wenn es also irgendeinen Grund gibt, die Pilotensonnenbrille in diesem weihnachtlichen Herbst herauszuziehen, ist es wohl dieses Album. Und ein kleiner Nachtrag für all jene, die mit NIRVANA genauso wenig wie ich anfangen können: Der Einfluss dieser Garagenband ist erfreulich gering auf "Black Gives Way To Blue".

Note: 7,5/10

[Julian Rohrer]

Redakteur:
Frank Jaeger

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