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HOUSE OF LORDS: Interview mit Chuck Wright

01.01.1970 | 01:00

Diese Band wird vielen Lesern sicherlich nicht heftig genug sein. Fakt ist aber, dass HOUSE OF LORDS zumindest zu Beginn ihrer Laufbahn bahnbrechende AOR-Scheiben veröffentlicht hatten und somit Hardrock-Geschichte schrieben. Da im Line-up diverse bekannte Musiker vertreten waren und sind, kann man beinahe von einer Allstar-Band reden. Ich schnappte mir mit Chuck Wright den extrem gesprächigen Bassisten der Band, der uns im Verlauf des Gespräches auch das eine oder andere Anekdötchen zu erzählen wusste.

Holger:
Da viele unserer jüngeren Leser gar nicht wissen werden, mit wem sie es bei HOUSE OF LORDS zu tun haben, wäre es wohl ganz sinnvoll, die Bandgeschichte einmal möglichst detailliert aufzubröseln. Vielleicht erläuterst du in diesem Zusammenhang auch gleich, wie der Kontakt zu Gene Simmons zustande kam, der euch ja von Beginn an massiv unterstützt hat.

Chuck:
Zum Zeitpunkt der Bandformierung hatte ich gerade QUIET RIOT verlassen und arbeitete mit IMPELLITTERI zusammen. Gregg Giuffria (keys /ex-ANGELS) rief mich an und teilte mir mit, dass wir einen Deal mit Gene Simmons` neuem Label bekommen könnten, welches von RCA/BMG vertrieben wurde. Gene hatte wohl unser Demo gehört, welches wir eingespielt hatten, um bei Labels vorstellig zu werden. Lanny Cordola (gt.) stieg erst in die Band ein, als ich schon wieder bei den reformierten QUIET RIOT spielte. Ken Mary (dr.) lernten wir über sein Mitwirken bei ALICE COOPER kennen. Wir sahen ihn live spielen und wussten, dass er der Richtige war! Zuerst hatten wir dann David Glen Eisley als Sänger in der Band. Gene mochte ihn aber nicht so richtig, so dass James, den ich durch seine Arbeit mit der Band EYES kannte, ihn ersetzte. In dieser Besetzung nahmen wir noch ein Demo auf und bekamen auch prompt den avisierten Deal.

Holger:
Kannte Simmons Greg schon aus seiner Arbeit mit ANGEL?

Chuck:
Ja, denn KISS und ANGEL waren beide bei Casa Blanca unter Vertrag.

Holger:
Wie später auch die DAMN YANKEES, wurdet ihr sehr schnell als "Supergroup" bezeichnet. Wurde die Band schon mit diesem Hintergedanken gegründet?

Chuck:
Wir haben uns selber niemals als solche betrachtet. Klar, wir hatten vorher alle schon in bekannteren Bands gespielt und somit einen gewissen Status, aber der Begriff "Supergroup" wurde intern nie verwendet.

Holger:
Dann erschien euer Debüt, welches bis heute als Klassiker im AOR-Bereich angesehen wird. Wie fühlt sich so eine Ehrung an?

Chuck:
Es ist natürlich immer klasse, wenn die eigene Arbeit von anderen geschätzt wird. Unser erstes Album wurde mit Lanny Cordola geschrieben und eingespielt. Ein Umstand, der dem Nachfolger fehlt, welcher deshalb wohl etwas weniger homogen klingt. Eigentlich mag ich aber alle unsere Alben. Vor allem Doug Aldrich spielt einige tolle Sachen auf "Sahara".

Holger:
Habt ihr niemals Druck gespürt, den gewaltigen Erwartungen nach dem brillanten Erstling gerecht zu werden?

Chuck:
Nein, wir haben eigentlich immer versucht, uns mit jeder Veröffentlichung zu verändern. Besonders mit dem aktuellen Album ist uns das auch sehr gut gelungen. Wir sind alle mit der Zeit gewachsen und das kann man dem neuen Output auch sehr gut anhören.

Holger:
Keine Panik, dazu kommen wir schon noch. Bleiben wir aber in den glamourösen Zeiten. Darf ich annehmen, dass ihr eine sehr große Bühnenshow hattet?

Chuck:
Wir hatten das Glück mit CHEAP TRICK auf Tour gehen zu können, als wir einen Nummer-Eins-Hit hatten. Fast die gesamte Tour war ausverkauft und wir hatten einen Riesenspaß mit den Jungs. Danach waren wir auch in Europa unterwegs. Zuerst mit den SCORPIONS, später mit OZZY OSBOURNE und QUEENSRYCHE. Das waren die besten Konzerte überhaupt.

Holger:
Aha. Kommen wir mal zum bereits erwähnten Nachfolger "Sahara". Ein Album voller Probleme.

Chuck:
Das kannst du laut sagen! Wir hatten ernsthafte Schwierigkeiten mit unserem Management und dann verließ uns auch noch Lanny. Über ein Jahr lang taten wir so gut wie nichts, obwohl wir mit 'Can't Find My Way Home' einen der beliebtesten Radio-Rocksongs am Start hatten. RCA bekamen einen neuen Präsidenten, der nicht länger mit Gene Simmons' Label arbeiten wollte, so dass alle Bands gedropped wurde.

Holger:
Das übliche Spiel also. Hast du eine Vorstellung von den Verkaufszahlen der ersten drei Alben?

Chuck:
Absolut nicht! Es könnte eine Million sein, aber genauso gut auch zehn Millionen. Das wird nur das Label wissen.

Holger:
Da erübrigt sich jeder Kommentar, so dass ich lieber zu "Demons Down" kommen möchte. Auf diesem Album hören wird von der Originalbesetzung nur noch Greg und James. Was war genau passiert?

Chuck:
Nach unserem Split versuchten die Beiden einen Deal zu ergattern. Ich war allerdings etwas erstaunt über die Tatsache, dass sie den Namen beibehalten hatten.

Holger:
Mit der Zeit hattet ihr ja eine enorme Liste an großen Gastmusikern auf den Platten. Neben Paul Stanley fallen mir jetzt spontan noch Ricky Nielsen (CHEAP TRICK) sowie Mike Tramp(WHITE LION) ein. Diese Namen dürften nicht ganz billig gewesen sein?

Chuck:
Eigentlich hatten wir nur auf "Sahara" mehrere Gäste, die aber nicht sehr teuer waren.

Holger:
Erstaunlich, erstaunlich. Was habt ihr denn nun alle in der Zwischenzeit bis zum vorliegenden Album getrieben?

Chuck:
Lanny und Ken haben viel als Produzenten gearbeitet. James hat einen Laden in Florida eröffnet und hat am Album seiner Frau – Robin Beck – mitgewirkt. Ken besitzt ein supermodernes Studio in Phoenix und hat bereits vier Mal den "Dove Award" gewonnen. Das ist so etwas wie der Grammy in der christlichen Rockmusik. Lanny hat kürzlich noch mit dem Schauspieler Robert Downey Junior gespielt, war mit Nancy Sinatra auf Tour, hat eine Metalband namens COLD FUSION produziert und komponiert zusammen mit Billy Myers. Lanny, Ken, James und ich waren sehr produktiv während der 90er. Ich bin auf etwa 60 Scheiben zu hören. Zwischendurch war ich auf Welttournee mit ALICE COOPER, die fünf Monate dauerte und mich in 17 Länder brachte. Direkt im Anschluss daran habe ich Tim Bogert bei VANILLA FUDGE ersetzt und war mit ihnen auf Europa-Tournee. Die beiden letzten Werke von mir sind das Solo-Album von Matt Sorum (GUNS'N'ROSES, THE CULT, VELVET REVOLVER) namens "Hollywood Zen", welches über www.mattsorum.com zu beziehen ist, sowie die Scheiblette des Italieners Chris Catena, die gerade bei Frontiers veröffentlicht wurde. Auf dem Album spiele ich zusammen mit Eric Singer und Bruce Kulick. Kurz vor der VANILLA FUDGE-Tour habe ich noch den Bass für die französische Sängerin Audrey Forrest eingespielt. Außerdem mache ich auch noch Graphikdesign, wie zum Beispiel auch das von unserem eigenen Album. Wir – das Original- HOUSE Of LORDS-Line-up – haben ja mehrfach versucht, die Band wieder an den Start zu bekommen. Lanny, James und ich haben beispielsweise in London auf dem "Gods"-Festival gespielt und wollten danach eigentlich ins Studio gehen. Die Songs "The Rapture" und "Child Of Rage" stammen noch aus dieser Zeit.

Holger:
Man kann also nicht behaupten, ihr hättet auf der faule Haut gelegen. Gerade Ken hat in seiner Karriere in einer sehr genialen Band gespielt, die bislang noch gar nicht erwähnt wurde: FIFTH ANGEL. Gibt es da eventuell Pläne einer Reunion? War er irgendwie in die damalige Seattle-Szene involviert, die ja mit CULPRIT, MYTH, HEIR APPARENT und METAL CHURCH einige Granatenkapellen hervorgebracht hat?

Chuck:
Eine FIFTH ANGEL-Reunion würde ich mal ganz stark anzweifeln (seufz – der Verf.), da Ken mit seinem Studio in Phoenix völlig ausgelastet ist. Eines ist sicher: Ken ist einer der fantastischsten Drummer, mit denen ich zusammenarbeiten durfte.

Holger:
Das glaube ich gerne, auch wenn das meine Frage nur zur Hälfte beantwortet. Was hat es denn mit THE GOOD, THE BAD AND THE HEAVY auf sich?

Chuck:
Das ist eine Geschichte, die ich mit Lanny Cordola und Pat Torpey (MR.BIG) aufgenommen habe. Wir haben Songs wie 'Immigrant Song', 'Back In Black', 'Paranoid' und 'Hey Joe' eingespielt und auch ein paar eigene Nummern. Auf dem Rundling sind sogar einige Rapper von CYPRESS HILL zu hören. Das Teil wird in Kürze auf Cleopatra Records erscheinen.

Holger:
Bevor du mir jetzt noch mehr angst machst, frage ich einfach mal nach dem Zeitpunkt der ersten Gespräche zur aktuellen Reunion.

Chuck:
Wir wollten die Band ja bereits seit 1992 wieder zusammenbringen. Ich habe mich so sehr darauf gefreut, wieder mit James arbeiten zu können. Ken, Lanny und ich hatten in der Vergangenheit mehrfach das Vergnügen miteinander spielen zu können, so dass es zwischen uns immer diese Bandchemie gab. Frontiers Records kontaktierten James, da sie das original HOUSE OF LORDS-Line-up unter Vertrag nehmen wollten und er rief uns dann an. Wir wollten Grenzen überschreiten und ich denke, dass uns das auch sehr gut gelungen ist. Ich denke, dass das Album auch heutzutage in seinem Genre bestehen kann, da es von uns allen hervorragende Leistungen zu hören gibt.

Holger:
Es existiert eine differente Tracklist zum neuen Album im Netz, die sich wie folgt liest:
'Living In Silence', 'Bash', 'Child Of Rage', 'It Never Rains', 'Hero's Song',
'Killing Hemmingway', 'Back To Babylon'; 'After The Love Is Gone', 'If I Could
Touch You', 'Now', 'Hanging By A Thread', 'The Siege Of Epsilon', 'Beast In Me'.
Was ist aus diesen Aufnahmen geworden?

Chuck:
'Living In Silence' und 'Child Of Rage' stehen auf dem Album. 'Hero`s Song' sollte ursprünglich der Bonus-Song werden, aber das Label entschied dann doch dagegen. Die meisten der anderen Nummern wurden vom Label abgelehnt. Wir haben insgesamt über 30 Songs aufgenommen, inklusive einer Coverversion von BJÖRKs 'Army Of Me', welches natürlich auch nicht genommen wurde. Wir haben versucht so zu klingen als hätte es die Band immer gegeben. Wir hätten auch ein sehr modernes Album einspielen können, aber hätte es dann nach HOUSE OF LORDS geklungen? Wohl kaum. Wir sind bekannt für einen bestimmten Stil, hohe Musikalität und einen bestimmten Sound, der sich daraus ergibt. So gab es einen gewissen Rahmen, den wir bereits bei den ersten Proben erkannten. Wir haben ja sogar Nummern verwendet, die bereits Mitte der Neunziger geschrieben wurden. Es war uns egal, woher die Songs kamen oder wie alt sie waren. Die Hauptsache war die Qualität der Kompositionen. Wir wollten uns einfach mit unserem besten Material vorstellen.

Holger:
Verstehe. Und dann kam der Schock, dass Greg kurz vor der Veröffentlichung doch noch ausgestiegen ist. Warum nur?

Chuck:
Er war von Beginn an völlig der Außenseiter, der im Alleingang an den Songs arbeiten und erst ganz zum Schluss zu uns stoßen wollte. Damit war er auch einverstanden, entschied sich aber sechs Wochen vor den Aufnahmen doch noch dagegen. Während wir immer noch auf seine Ideen für die Songs warteten, hatte er einen Solo-Deal mit Frontiers abgeschlossen und hatte nun kein Interesse mehr an einem Bandprodukt. Wahrscheinlich hatte er von Beginn an kein wirkliches Verlangen danach, da von ihm absolut überhaupt kein Input kam. Und ich denke, dass zwei Jahre Vorbereitungszeit ausreichen sollten, um etwas zu den Songs beizusteuern. Nun wurden wir von unserem Label gedrängt, das Album so schnell und kostengünstig wie möglich einzuspielen. Wir waren also leider nicht in der Lage, alles hundertprozentig nach unseren Vorstellungen zu vollenden.

Holger:
Ich war sehr überrascht über seinen kurzfristigen Ausstieg, da doch auch er ursprünglich die Band wieder zusammenführen wollte.

Chuck:
Ich war auch sehr überrascht. Du müsstest ihn wohl selbst nach seinen Beweggründen fragen. Vielleicht weil er nichts zu den Songs beigetragen hatte und auch weil er seit über zehn Jahren gar nicht mehr gespielt hat. Wer weiß. Ich habe mit ihm seitdem nicht mehr gesprochen.

Holger:
Belassen wir es dabei. Songs wie 'The Rapture' oder 'Mind Trip' klingen ziemlich modern. Denkst du, ihr könnt damit ein jüngeres Publikum ansprechen?

Chuck:
Viele Dinge des aktuellen Albums klingen sehr frisch, so dass ich diese Frage mal mit einem "Ja" beantworte.

Holger:
Wer wird heutzutage ein HOUSE OF LORDS-Album kaufen?

Chuck:
Jeder, der musikalische Abenteuer mag, der auf provozierende Lyrics steht und jeder, der exzellente Musiker hören möchte.

Holger:
Okay, wird es eine Europatournee geben?

Chuck:
Ich würde es lieben, wieder mit der Band auf der Bühne zu stehen! Wenn es genügend Käufer gibt, werden wir einen Weg finden. Ich war ja gerade in Europa und genieße immer wieder die Menschen und die Kultur.

Holger:
Wen werden wir denn hinter den Keyboards sehen?

Chuck:
Da müssen wir sehen, wer dann zeitlich verfügbar sein wird.

Holger:
Konkrete Antwort. Vergleiche doch bitte mal das Business heute mit dem vor zehn Jahren.

Chuck:
Wie du sicherlich wissen wirst, verändert sich die Industrie sehr schnell und – wie ich finde – in die falsche Richtung. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: Der eine sind die Downloads, der andere sind die Labels, die kein Geld mehr in den Aufbau eines Newcomers investieren. Eine Band wie U2 würde heutzutage nach ihrem zweiten Album gedropped werden.

Holger:
Gibt es Zukunftspläne für HOUSE OF LORDS?

Chuck:
Wir unterhalten uns momentan über eine Live-DVD sowie eine Tour im Sommer.

Holger:
Nicht schlecht. Kommentiere doch abschließend bitte mal folgende Alben: JOURNEY - "Frontiers", BAD ENGLISH – dto, QUEENSRYCHE – "Operation: Mindcrime", DREAM THEATER – "Metropolis II", STYX – "Paradise Theater".

Chuck:
Ich war immer einer Riesenfan von JOURNEY! Ich habe sie gerade in L.A. mit diesem Steve- Perry-Clone gesehen. Es war fantastisch! Als ich in der Band GIUFFRIA war, nannte man uns JOURNEFFRIA, da wir ähnlich klangen.
Ich habe gerade mit John Waite (THE BABYS/BAD ENGLISH) gearbeitet und war auch immer ein Fan seiner Stimme. Ricky Phillips ist einer meiner besten Freunde.
QUEENSRYCHE sind ein ganz besonderer Fall: Musikalisch immer auf höchstem Niveau und sehr intelligente Texte. Sehr nette Jungs. Mit ihnen sind wir Ende der Achtziger auf Tour gewesen und auch die Show im letzten Jahr war großartig. "Operation: Mindcrime" ist ohne Frage ihr bestes Werk. Ken Mary stammt ja auch aus Seattle und ist gemeinsam mit ihnen aufgewachsen. Einmal ist Ken mit seiner damaligen Band in einem Band-Battle gegen sie angetreten ... und hat gewonnen. Aber das nur am Rande.
Zu DREAM THEATER: Ich stehe total auf Derek (nicht umsonst hören wir ihn auch auf dem aktuellen HOL-Album – der Verf.) und finde es schade, dass er nicht mehr dabei ist. Weniger gelungen ist der Gesangsstil, aber die Jungs beherrschen ihre Instrumente!
STYX habe ich zweimal live gesehen im letzten Jahr, da Ricky Phillips jetzt bei ihnen spielt. Eine echte Bereicherung für die Jungs. Ich besitze das genannte Album leider nicht, kann aber sagen, dass es eine exzellente Band ist, besonders gesanglich. Außerdem haben sie mit Todd einen der besten Drummer in ihren Reihen.

Holger:
Vielen Dank für diese detailierten Kommentare und für deine Zeit!

Chuck:
Cheers!

Redakteur:
Holger Andrae

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