top banner 156
side banner 157

HAMMERS OF MISFORTUNE: Interview mit John Cobbett

24.11.2006 | 17:36

Wer mein Review zum dritten HAMMERS OF MISFORTUNE–Album "The Locust Years" gelesen hat, wird es erkannt haben. Mit diesem grandiosen Werk hat John Cobbett und seine Mannschaft mein persönliches Jahres-Highlight erschaffen. Seit Erhalt vergeht kaum ein Tag, an dem ich meinen Player nicht mit diesem Kleinod füttere. Dieser Rundling wächst und wächst und wächst. Kein Funken Langeweile will sich ausbreiten und die anfängliche Euphorie wurde beim Entdecken immer weiterer Feinheiten nur noch potenziert. Wer auf kauzigen und gleichermaßen eingängigen Metal abfährt, muss in dieses Werk hinein hören. Suchtgefahr!
Völlig logische Schlussfolgerung: Ein Interview mit John Cobbett, den der eine oder andere bereits von anderen Kapellen her kennen wird. Aber lest selbst ...


Holger:
Wenn ich richtig informiert bin, hast du HAMMERS OF MISFORTUNE gegründet als du noch Mitglied bei SLOUGH FEG warst. Was war damals deine Motivation eine weitere Band zu gründen und gab es zum damaligen Zeitpunkt bereits Ambitionen mit HAMMERS auch Alben zu veröffentlichen?

John:
Wenn ich ehrlich sein soll, gab es HAMMERS bereits bevor ich Mike Scalzi (SLOUGH FEG-Mainman) das erste Mal traf. Ich fragte ihn, ob er nicht Lust hätte auf "The Bastard" (HOM-Debüt - der Verf.) ein paar Leadvocals zu übernehmen. Das war 1997. Ich kannte das Debütalbum von Mike und mir gefiel sein Gesang sehr. Bereits zum damaligen Zeitpunkt hatte ich das Konzept von "The Bastard" im Kopf. Logisch, dass dieses Projekt für mich schon erste Priorität besaß. Meine Motivation war es immer, ein guter Songwriter und Produzent zu sein. Meine Arbeit als Gitarrist ist da eher sekundär. Bei SLOUGH FEG war ich ja mehr ein gemieteter Musiker und ursprünglich sogar Bassist. Später wechselte ich dann zwar zur Gitarre und konnte auch ein paar Songideen beisteuern, aber mein Hauptaugenmerk lag immer auf HAMMERS OF MISFORTUNE und LUDICRA (meinem zweiten Projekt, bei dem ich schreibe und produziere).

Holger:
Oha, da bin ich wohl etwas mit den zeitlichen Abläufen durcheinander geraten. Gut, dass du das einmal richtig gestellt hast. Vielleicht sagst du auch noch ein bisschen was über AMBER ASYLUM und LUDICRA?

John:
LUDICRA machen düsteren, fast schon selbstmörderischen Metal. Wir sind die einzige Metal-Band bei Alternative Tentacle Records, die beinahe schon Black Metal spielt. Wir spielen sehr viele Konzerte entlang der Westküste und somit ist das wohl auch die populärste Band, in der ich spiele. Ganz anders sieht es da bei AMBER ASYLUM aus. Das ist die Band von Kris T.Force, einer Sängerin, Violinistin und Komponistin, die auch schon mit NEUROSIS und THE SWANS aufgenommen hat. Dort bin ich nur Teilzeit-Gitarrist.

Holger:
Okay, dann können wir uns nun ja endlich ausgiebig HAMMERS OF MISFORTUNE zuwenden. Das Debüt behandelt eine Konzeptstory. Hattest du diese Idee schon lange im Kopf und zur Umsetzung des Konzeptes später die Band erschaffen?

John:
Ich wollte einfach ein Album machen, das diese Story erzählt. Zeitgleich entstand die Band. Man kann also sagen, dass alles auf einmal passierte.

Holger:
Da du immer noch mit Mike Scalzi zusammen arbeitest, bist du dort wohl nicht im Streit ausgestiegen, oder?

John:
SLOUGH FEG wollten permanent auf Tour gehen, was ich zeitlich einfach nicht mit meinen anderen Bands unter einen Hut bringen konnte. Da gab es keinen Streit, es war einfach nicht machbar.

Holger:
Bevor ich es vergesse: Du warst ja sogar Mitglied bei GWAR. Erzähl' doch mal davon.

John:
Ich bin bei ihnen eingestiegen kurz bevor sie ihr erstes Album veröffentlichten. Ich habe niemals mit ihnen live gespielt und auch nie ein Kostüm getragen. Ich kannte "Oderus" lange bevor er GWAR erschuf. Keiner konnte ahnen, wie groß GWAR werden würden. Hm, vielleicht hat "Oderus" etwas geahnt. (lacht)

Holger:
Auf dem neuen Album hast du in Jamie und Sigrid endlich eine stabile Besetzung gefunden. Was waren deine Gedanken als Tamis vor einiger Zeit zu PINK wechselte?

John:
Ich dachte: "Großartig für sie! Herzlichen Glückwunsch!" Aber ich dachte auch: "Scheiße für uns, wir werden sie vermissen, da sie eine sehr talentierte Musikerin ist."

Holger:
Man könnte es fast schon als etwas komisch erachten, dass du immer Frauen in deiner Band haben möchtest ...

John:
Was soll daran komisch sein? Ich schreibe Musik für männliche und weibliche Stimmen! Hättest du es lieber, wenn ein Kerl die weiblichen Passagen übernehmen würde?

Holger:
Hahaha, natürlich nicht, obwohl das ja bei anderen Bands auch der Fall zu sein scheint, wenn man an die Höhenlagen der Gesänge denkt. Aber das ist ein anderes Thema. Bleiben wir beim "Bastard". Ist es dir bewusst, dass es sehr schwierig war, dieses Album in Deutschland zu bekommen? Gibt es eventuell Pläne für eine Wiederveröffentlichung auf Cruz Del Sur? Vielleicht gar mit schönen Bonus-Songs?

John:
Man kann das Album noch immer über unsere Website bestellen. Leider gibt es keine Bonustitel, da wir damals die komplette Session verwendet haben. Ich würde es allerdings sehr gerne als Vinyl in Händen halten.

Holger:
Wäre natürlich auch sehr fein. Da wir gerade schon von Cruz Del Sur geredet haben, erzähl doch mal wie der Kontakt zustande gekommen ist? Den Vorgänger "August Engine" hattet ihr ja noch in Eigenregie finanziert und ihn dann lediglich über sie vertreiben lassen, oder?

John:
Wir haben das "August Engine"-Album im Alleingang aufgenommen in der naiven Vorstellung ein Label würde es uns dann schon abkaufen. Das war natürlich viel zu optimistisch, da es leider keine Interessenten gab. Zum Glück meldeten sich ganz spät doch noch Cruz Del Sur. Etwas später haben wir dann noch das Vinyl nachgelegt, welches es ebenfalls über unsere Homepage gibt.

Holger:
Wenden wir uns nun dem grandiosen neuen Album zu. Alleine das Coverartwork fasziniert mich. Vielleicht möchtest du dazu etwas erzählen?

John:
Einer meiner Lieblingskünstler – Thomas Woodruff – war zum Glück bereit, ein Gemälde für unser Cover zu malen. Er arbeitete zu der Zeit an ähnlichen Ideen, so passte alles zeitlich ganz hervorragend zusammen. Ich gab ihm einen groben Überblick über den Kontext des Albums und er begann zu arbeiten, ohne mich noch einmal zu kontaktieren, was mich nach einiger Zeit etwas verwunderte. Als ich dann aber das Endresultat sah, war ich total weggeblasen. Das Teil sieht fantastisch aus!

Holger:
Kein Einspruch. Was mich schon beim ersten Durchlauf total fasziniert hat, sind die genialen Gesangs-Arrangements. Wie kommt man auf solche Ideen?

John:
Wenn ich mit dem Piano oder der Akustischen herum klimpere, entstehen simple Melodien. Daraus entwickeln sich die Arrangements und auch die Orchestrierung bzw. die Instrumentierung. Da gibt es kein Geheimnis.

Holger:
Mir kommt immer der Begriff eines Krautrock-Orchesters in den Sinn, wenn ich "The Locust Years" anhöre, da alle Instrumente so detailliert aufeinander eingespielt, aber gleichzeitig total spontan klingen.

John:
Mit dem Begriff Krautrock kann ich sehr gut leben! Es ist ein Orchester und wir arbeiten sehr hart an den Arrangements. Ich liebe zum Beispiel AMON DUUL II sehr.

Holger:
Bei der relativ schrägen Musik würde es mich interessieren, was für ein Publikum ihr denn anzieht? Sind das die gleichen Leute, die auch zu einem SLOUGH FEG-Konzert gehen?

John:
Da gibt es Überschneidungen, aber wir ziehen ein breiteres Publikum an. Es scheint, als gäbe es keinen typischen HAMMERS OF MISFORTUNE-Fan, was ich sehr angenehm finde.

Holger:
Kann ich mir vorstellen. Wie wichtig sind die Texte bei HAMMERS?

John:
Die Texte sind der schwierigste und gleichzeitig auch der wichtigste Teil bei uns. Die Musik geht mir leicht von der Hand. Die Aussage und wie ich sie rüberbringe ist das schwerste überhaupt. Außerdem bestimmen sie, wie das Layout aussehen wird.

Holger:
Dachte ich es mir doch. Dann wird es Zeit, dass wir mal ein bisschen tiefer gucken.

John:
Gut. Wo soll ich anfangen? Es ist eine Ansammlung von Reaktionen, die ich wahrnahm als Reaktionen auf den 11.09.2001. Außerdem ist es die Vision einer unsichtbaren Mauer gegen die die westlichen Kulturen krachen, ohne dass sie es merken, da diese Mauer gleichzeitig auch ein Spiegel ist. Obendrein ist es ein Protest-Album. Es könnte auch vom Ende einer Beziehung handeln. In Addition dazu geht es um die Definition des Wortes "heilig" in Bezug auf Geographie, was uns zurück zum Thema Krieg bringt ... und zu den vier apokalyptischen Reitern.

Holger:
Ebenso breit gefächert, wie die lyrischen Themen, ist die musikalische Bandbreite, mit der uns HAMMERS OF MISFORTUNE immer wieder überraschen. Lass uns doch bitte mal die drei bisherigen Alben vergleichen. Auf "The Bastard" gab es eine herrliche Balance zwischen obskurem Power Metal und Death Metal. Auf dem Nachfolger gab es eine gewaltige Schlagseite in Richtung NWoBHM, die aber trotzdem sehr erfrischend klang. "The Locust Years" bietet nun Krautrock-Einflüsse und überrascht auch sonst mit einem noch breiteren Spektrum. Man kann also sagen, dass du einen sehr breit gefächerten Geschmack hast. Wie siehst du dein bisheriges Schaffen?

John:
Um ehrlich zu sein, denke ich nicht in solchen Kategorien. Es gab niemals irgendeine Absicht so zu klingen, wie du beschrieben hast. Wenn überhaupt, gab es lediglich die Absicht mich immer von solchen Subgenres fern zu halten. Wir wollten mit den Alben immer nur den Sound der Band zum jeweiligen Zeitpunkt dokumentieren. Was meinen Geschmack angeht, so mag ich obskuren Black Metal aber auch klassischen Thrash. Außerdem etwas Death Metal und NWoBM, aber ich hasse fast alles, was unter "Power Metal" läuft. Ich stehe mehr auf THE BEATLES, DAVID BOWIE, JIMI HENDRIX etc. Außerdem müssen HAMMERS OF MISFORTUNE nicht zwingend meine persönlichen Vorbilder widerspiegeln. Falls dies doch der Fall sein sollte, dann werden diese Einflüsse so weit vom Metal entfernt sein, dass es keiner merken wird. Wir haben halt unseren eigenen Stil, da brauchen wir keine Einflüsse.

Holger:
Da darf man ja gespannt sein, wie das nächste Werk klingen wird. Vielleicht Ambient oder Doomfolk?

John:
Es wird auf jeden Fall in keine Schublade passen. Ich werde versuchen, mich so wenig wie möglich von äußeren Einflüssen beeinflussen lassen. Ich bin der festen Überzeugung, dass unser aktuelles Line-Up sehr viel besser improvisieren kann als das vorherige. Das werden wir auf dem nächsten Album sicher noch stärker einsetzen als auf dem vorliegenden.

Holger:
Aha. Darf ich fragen, welche Musik du in deiner Freizeit hörst?

John:
Ich entdecke immer noch neue Bands. Diese Woche habe ich THE JAMES GANG, VENETIAN SNARES, CORONER, BUDGIE und Schostakovich gehört. Ein bisschen schizophren vielleicht. (lacht)

Holger:
Dann bin ich auch schizophren. Ich werde jetzt mal ein paar Alben auflisten, die mir beim Anhören von "The Locust Years" in den Sinn gekommen sind. Vielleicht sagst du etwas dazu.
THIN LIZZY - "Black Rose", MANILLA ROAD - "Mystification", BROCAS HELM – "Defenders Of The Crown" , MIRROR OF DECEPTION – "Foregone", BLUE ÖYSTER CULT – "Career Of Evil", SATAN – "Court In The Act", SACRED BLADE – "Of The Sun And Moon" und JETHRO TULL – "Songs From The Wood".

John:
"Black Rose" ist eines meiner absoluten Lieblings-Alben. Phil Lynott ist ein begnadeter Songwriter und Texter. Mit MANILLA ROAD bin ich nicht besonders gut vertraut, aber BROCAS HELM sind klasse. Die kenne ich gut. Besonders auf der Bühne sind die Jungs immer toll. FOREGONE und SACRED BLADE habe ich noch nie gehört (richtig lesen hilft, John - der amüsierte Verf.) Bei MIRROR OF DECEPTION bin ich mir nicht sicher. Ich glaube, ich mochte sie. Die haben doch mal mit SLOUGH FEG gespielt, oder? (Stimmt - der Verf.) BOC und JETHRO TULL sind natürlich tolle Bands mit überdurchschnittlichen Texten. Vor allem Ian Anderson schreibt ganz tolle Lyrik. Mein Lieblings-TULL-Song ist 'Minstrel In The Gallery'.

Holger:
Ich habe geahnt, dass du einen guten Geschmack hast. Was wären denn deine fünf Scheiben, die du mit auf eine einsame Insel nehmen würdest?

John:
BEATLES - "White Album", HENDRIX - "Electric Ladyland", QUEEN - "II", ROXY MUSIC - "Country Life" und BOWIE - "Diamond Dogs".

Holger:
Interessante Wahl. Jetzt aber etwas ganz anderes: Was weißt du über die deutsche Heavy-Metal-Szene?

John:
Ich war ein paar Mal mit SLOUGH FEG bei euch und habe einige tolle Leute kennen gelernt. Ich hatte den Eindruck, dass die Szene in erster Linie auf den Festivals stattfindet. Zumindest stärker als lokale Szenen. Das ist in den USA genau anders herum. In jeder Stadt gibt es eine gut funktionierende lokale Underground-Szene. Du kannst dir also vorstellen, wie begeistert ich war als ich zum ersten Mal in Wacken war. Ich dachte, ich hätte das Metal-Valhalla gefunden.

Holger:
Es gab Zeiten, da konnte man das tatsächlich denken. Schwamm drüber. John, herzlichen Dank für deine Zeit.

John:
Immer wieder gerne.

Redakteur:
Holger Andrae

Login

Neu registrieren